Hemmungslos: Kriminalroman von Hugo Bettauer

WERBUNG: 174 Seiten – Verlag: Milena Verlag – Preis: 0,00 EURO (Kindle Edition)

Manchmal sollten wir als Leser verlorengegangene literarische Perlen einfach vom Meeresgrund des Vergessens aufspüren und heben. Eine solche wiederentdeckte Perle möchte ich heute vorstellen. Es ist ein politisch visionärer Gesellschaftsroman des inzwischen fast völlig vergessenen Autors Hugo Bettauer. Ein Werk, das im Gewand eines Kriminalromans daherkommt, ein gestochen scharfes Sittenbild der 1920er Jahre präsentiert und sich gleichzeitig mit brandaktuellen ethischen Fragen nach Schuld und Sühne in Krisenzeiten auseinandersetzt.

Mit Hemmungslos gelang es Hugo Bettauer in grellen Bildern und mitunter überzeichneten Klischees die massiven, gesellschaftlichen Umwälzungen nach Ende des Ersten Weltkriegs genauestens darzustellen. Mit dem Ende des Weltkrieges ging auch das Ende der Monarchie einher. Alle bisherigen Regeln, die alten Verbindungen, die früheren Verhältnisse und auch die Privilegien des Adels gab es plötzlich nicht mehr. Desillusioniert und völlig verarmt kehrt Koloman von Isbaregg aus dem verlorenen Weltkrieg nach Wien zurück und findet sich in der gesellschaftlichen Neuordnung nicht mehr zurecht: Weder seine adelige Herkunft noch seine militärischen Verdienste, die er für die untergegangene Monarchie Österreich-Ungarn erworben hatte, sind plötzlich keinen Heller mehr wert. Sein Stand ist verwirkt, sein Geldbeutel ist leer und er hungert. Isbareggs einziges Kapital sind seine gute Bildung und sein attraktives Äußeres, mithilfe derer er die vornehme Wiener Gesellschaft bald hemmungslos täuschen wird, um auf deren Kosten ein einigermaßen standesgemäßes Leben führen zu können.

Aus dem Ertrag seines ersten Taschendiebstahls leistet er sich nicht nur eine ausgiebige Mahlzeit sondern sichert sich auch für eine kurze Zeit wieder einen gehobenen Lebensstandard, genauso einen, von dem er überzeugt ist, ihn sich verdient zu haben – womit er den Diebstahl für sich selbst als notwendige und damit gerechte Tat rechtfertigen kann.

Betrug, Raub und sogar Mord gehören bald darauf zum Alltag des moralisch heruntergekommenen Freiherrn, der trotz aller Zwiespältigkeit und vorsätzlicher Rohheit dennoch immer wieder, wenn auch nur für kurze Momente, einen letzten Funken sozialen Gewissens besitzt und anderen in Not geratenen ehemaligen Kameraden hilft.

War aber der erste Diebstahl noch eine günstige Gelegenheit, die sich ihm zufällig darbot, so geht Kolo nun nach einem sorgfältig und detailliert ausgearbeiteten Plan vor. Er, der stattliche Mann von adeliger Herkunft, der ehemalige Offizier der k.u.k. Armee versteht es die Damen zu beeindrucken und wird zu einem umschwärmten Mittelpunkt der Gesellschaft. Er findet so sehr Gefallen an diesem quasi wiedergewonnenen Lebensstil, dass er schon bald darüber nachdenkt, womit er seine rasant schwindenden Geldmittel erneut wieder aufstocken kann. Sehr gelegen kommt ihm dabei der Umstand, dass ein Gast in der Pension, die er selbst bewohnt, ein bekannter Kriegsgewinnler ist, der viele Millionen aus zwiespältigen Spekulationsgeschäften zusammengerafft und aus kriminellen Steuerhinterziehungsvergehen gezogen hatte. Ein Millionär also, einer – und das ist zu Kolos eigener Rechtfertigung wichtig – der auf Kosten anderer ein gutes Leben führt. Einer, dem er ohne schlechtes Gewissen alles nehmen konnte: sein Vermögen und sein Leben.

Koloman Freiherr von  Isbaregg ist ein Beispiel für das Schicksal für jene, die nach dem Ende der alten Ordnung für sich keine Basis in dieser neuen Welt gefunden hatten. Er lebt in einer Umgebung, in der wir uns problemlos einen noch unbekannten Adolf Hitler als erfolglosen Postkartenmaler gut vorstellen können. In dieser Zeit werden zukünftige Ungeheuer geboren. Andere sind schwer vom Schicksal gebeutelt, so auch Kolo. Vor dem Krieg war er ein erfolgreicher Ingenieur, dann ein treuer Offizier des Kaisers und jetzt ohne Beschäftigung, ohne Einkommen, ohne Perspektive. Seine Welt der 1920er Jahre ist schwer gezeichnet vom Aufeinandertreffen unterschiedlicher Gesellschaftsentwürfe, von feministischem Aufbegehren versus erzkonservativer Rollenklischees und einem zutiefst wienerischen Antisemitismus. In seinen destruktiven Beziehungen zu Frauen spiegelt sich die ganze Zerrissenheit Isbareggs wider, Sieger über die Moral bleibt aber seine Gier nach Status und Reichtum. Verwirrende Verhältnisse und unsichere Zeiten. Ein wenig Klarheit über diese verwirrenden Zustände konnte da nur einer wie Hugo Bettauer schaffen. Bettauer betrachtete mit scharfem Blick die Menschen und das Leben seiner Zeit, und er schuf literarische und journalistische Werke, die uns über diese zerrissene Welt berichten. Wie eine Zeitkapsel, die uns heute ein Bild der Vergangenheit beschreibt, ist Hemmungslos gleichzeitig Roman und Zeitdokument.

Am Ende des Buches stellt sich dem Leser die Frage: Ist Koloman von Isbaregg ein gewöhnlicher Krimineller oder ist er selbst ein Opfer. Zum einen verkörpert er den damaligen Zeitgeist und die unsicheren Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg, zum anderen wird deutlich, wie sehr Ordnung und rechtschaffenes Verhalten abhängig sind von den jeweils herrschenden Verhältnissen, die die jeweiligen Sicht- und Handlungsweise eines Menschen stark beeinflussen können. In diesem Zusammenhang hat sich bis heute nicht viel geändert. Recht wird von denen gemacht, die die Macht dazu haben.

„Im Krieg ist vieles erlaubt, was uns hier und heute unvorstellbar erscheint: Das Zerstören fremden Eigentums. Die Tötung von Feinden. Die Opferung der eigenen Zivilbevölkerung, wenn es denn nicht anders geht. Die Tötung fremder Zivilbevölkerung, unter bestimmten Umständen. Im Krieg darf man entführte Flugzeuge abschießen, auch wenn unschuldige Geiseln darin sitzen. Man darf vorsätzlich Menschen töten, um größeren Schaden zu verhindern. Man darf die feindlichen Kombattanten von hinten erschießen, im Schlaf töten, in Hinterhalte locken. Man darf sich auch einmal irren. Man wird auch dann zum Brigadegeneral befördert, wenn man aus Versehenen – shit happens! – hundert afghanische Bauern in die Luft gesprengt hat, die Benzin klauen wollten, in der tragischen Annahme, es handle sich um hundert Feinde.“ (Thomas Fischer in DIE ZEIT/13.01.2015)

Die Werke Hugo Bettauers sind definitiv eine Wiederentdeckung – seine Bücher sind in einem Atemzug mit den Werken seiner bekannten Zeitgenossen Werfel, Roth oder Zweig zu nennen. Warum Bettauer heute nahezu vollständig in Vergessenheit geraten ist, ist nur schwer erklärbar.

Auf Grund seines „Entdeckungsjournalismus“ und seines Eintritts für sexuelle Aufklärung und Freizügigkeit geriet er als Autor und Journalist immer wieder in den Fokus von öffentlichen Diskussionen. Seine Gegner versuchten ihn als „Asphaltliteraten“ zu disqualifizieren. (Wikipedia) „Nach einer wochenlangen Medienkampagne gegen ihn schoss der Zahntechniker Otto Rothstock am 10. März 1925 Bettauer in seiner Redaktion in der Langen Gasse 5-7 in Wien nieder. Bettauer wurde dabei schwer verletzt und mit sechs Schüssen in Brust und Armen ins Krankenhaus eingeliefert. Am 26. März starb er im Alter von 52 Jahren an den Folgen des Attentats. Noch während er im Krankenhaus lag, kam es im Wiener Gemeinderat zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Über die Motive des Attentäters wurde lange gerätselt. Dieser behauptete, er habe ein Fanal gegen die angebliche Sittenlosigkeit eines Autors setzen wollen, der mit seinen sexuell freizügigen Schriften berühmt geworden sei. Fakt ist, dass Rothstock vor dem Anschlag Mitglied der NSDAP war, wieder austrat und nach der Tat von NS-nahen Anwälten und Freunden unterstützt wurde. Das Gericht veranlasste die Einweisung des Attentäters in eine psychiatrische Klinik, die er nach 18 Monaten Ende Mai 1927 als freier Mann verließ.“

Hugo Bettauer erwies sich in seinem Roman Hemmungslos auch als Prophet, der kommende Ereignisse beschrieb, von denen wir heute wissen, dass sie eintrafen, die aber damals, als dieses Buch entstand, noch in ferner Zukunft lagen. Ein sehr spannendes und ein sehr wichtiges Buch!

Die Erzählungen des Dr. John H. Watson: Short Mystery Stories von Sir Arthur Conan Doyle – 1. Band

WERBUNG: 175 Seiten – Verlag: ebuchedition words & music – Preis: 2,99 EURO

Um sein Medizinstudium zu finanzieren, begann Arthur Conan Doyle mit der Schriftstellerei. Seine erste Holmes/Watson-Geschichte »A Study in Scarlet« hatte er bereits im Jahr 1887 veröffentlicht. Dies war der Beginn der berühmten Freundschaft zwischen den beiden Protagonisten, und für Conan Doyle war es der Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn. Bereits zwei Jahre zuvor wurde ihm der Doktortitel verliehen und er eröffnete daraufhin eine eigene Praxis in Southsea/Portsmouth. Diese brachte ihm allerdings nicht genügend Patienten ein, und so stand ihm ausreichend Zeit zur Verfügung, um weiterhin seinen schriftstellerischen Neigungen nachzugehen. Selbstverständlich versuchte er an seinen ersten großen Erfolg mit dem Gespann Holmes/Watson anzuknüpfen. Es ist also relativ naheliegend, das Doyle als praktischer Arzt und Mediziner mit der fiktiven Figur des Doktor Watson sein Alter Ego erschuf. Aber als literarisches Vorbild für den Haupthelden Sherlock Holmes lag ebenso eine ganz reale Persönlichkeit aus dem direkten Umfeld des Autors zugrunde. Den ersten Sammelband »Die Abenteuer des Sherlock Holmes« widmete Doyle dem schon damals berühmten Mediziner Joseph Bell. Dieser Mann war ein schottischer Chirurg, Kinder- und Militärarzt. Er gilt heute als Pionier der Forensik. Dr. Bell soll seine Patienten damit erstaunt haben, dass er bereits erste Diagnosen erstellte, noch bevor seine Patienten ihm ihr Anliegen schilderten. Er betrachtete und beobachtete seine Mitmenschen so genau und zog daraus seine Schlüsse, wie wir es auch vom Meisterdetektiv Holmes her kennen. Im Mai 1892 schrieb Doyle an Bell: „Sherlock Holmes habe ich ganz eindeutig Ihnen zu verdanken.“

Sir Arthur Conan Doyle entführt uns ins atmosphärische London um 1900. Vom Regen glänzendes Kopfsteinpflaster im Dämmerlicht. Pferdegetrappel von vorüberfahrenden Kutschen hallt durch die Gassen. In der Nacht zwielichtige Beleuchtung durch die viktorianischen Straßenlaternen. Das London dieser Zeit verbreitet eine ganz besondere Stimmung, die eine nahezu perfekte Phantasiekulisse für spannende Kriminalgeschichten bildet. Doktor Watson ist stets der wichtige Freund und ständige Begleiter an der Seite des Detektives, aber zugleich auch sein Chronist und damit der eigentliche Geschichtenerzähler. Er schreibt alle Fälle auf, welche Sherlock Holmes mit einem unglaublichen Scharfsinn analysiert und schließlich löst. Die Kriminalgeschichten sind absolut kurzweilig und auch heute noch sehr lesenswert. Dass es so viele Kurzgeschichten gibt, liegt daran, dass sie ursprünglich in Zeitungen in Folgen veröffentlicht wurden.

Ich bin selbst ein sehr großer Fan von Sir Arthur Conan Doyle und besitze auch schon seit vielen Jahren eine Gesamtausgabe seiner Bücher, da ich jedoch die Kurzgeschichten auch sehr gern für unterwegs griffbereit haben wollte, kam mir diese E-Book-Ausgabe gerade wie gerufen. Auch für Neueinsteiger, die noch nicht genau wissen, ob sie Gefallen an den klassischen Kriminalgeschichten finden werden oder nicht, empfehle ich diese Ausgabe für einen sehr guten Leseeinstieg, denn es gibt noch einen zweiten ganz wesentlichen Punkt, der mich sehr positiv überrascht hat.

Die Neuübersetzung aus dem (inzwischen sehr angestaubten) Alt-Englischen der Originalausgabe ist tadellos gelungen.

Es flattern ja durch das Internet unzählige alte und ebenso verstaubte Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche, denen man dies in Wortwahl und Rechtschreibung deutlich anmerkt. Man kann dies vielleicht als Leser mit einem humoristischen Augenzwinkern zur Kenntnis nehmen, aber ein wirklicher Lesegenuss wird sich wahrscheinlich nicht einstellen. In dieser Neuübersetzung und liebevollen wie auch kenntnisreichen Bearbeitung ist jedoch nichts von dem verloren gegangen, welches auch dem Originaltext innewohnt. Vom Schreibstil her ist dieses Buch daher anspruchsvoller zu lesen, als etwa die deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1930 der Franckh’sche Verlagshandlung, die dieser Ausgabe inhaltlich zugrunde liegt.

Wenn man jedenfalls irgendwann anfängt Sherlock Holmes zu lesen, ist es für den optimalen Genuss wichtig, möglichst von vorn zu beginnen und anschließend die richtige Reihenfolge einzuhalten. Demnächst erscheint der 2. Band dieser Reihe mit weiteren Kriminalgeschichten, die dann auch auf die zuvor veröffentlichten Holmes/Watson-Abenteuer aufbauen.

Sir Arthur Conan Doyles Protagonisten Sherlock Holmes und Doktor Watson wurden durch seine Werke zu unsterblichen Figuren, die auch heute noch von vielen Krimilesern in aller Welt gelesen werden. Die Geschichten sind sehr unterhaltsam und begeistern schon seit Generationen. Etwas frischer Wind kann deshalb durchaus nützlich sein, das diese Lesetradition nicht abreist, sondern auch an nachwachsende Generationen weitergebenen wird.

Meine Empfehlung: Diese Lektüre ist ideal geeignet, in der dunklen Jahreszeit mit einer Tasse Earl Grey auf der Couch zu genießen.

Nordwest Bestial (Ein Fall für Kommissar Rieken / Band 2): Oldenburgkrimi von Lene Levi

WERBUNG: 387 Seiten – Verlag: ebuchedition words & music – Preis: 4,99 EURO

Südoldenburg ist flach, die Wiesen feucht und die Dörfer gepflegt. Aber hinter den unauffälligen Hausfassaden verbergen sich erst die eigentlichen Wahrzeichen der Region: langgezogene Stallbaracken mit winzigen Fensteröffnungen und Belüftungskaminen. Die Menschen hier gelten als bodenständig, katholisch und geschäftstüchtig. Durch Massentierhaltung haben es einige von ihnen zu beachtlichem Reichtum gebracht. Nirgendwo sonst sind die Fleischproduzenten so unumschränkte Herrscher über Wasser, Boden und Luft wie hier. Im Oldenburger Münsterland scheint die Welt noch in Ordnung, bis sich eines Tages herausstellt, das Geld doch stinkt!

An einem regnerischen Dezembertag kommt es zu einem Zwischenfall. Ein niederländisches Agrarunternehmerehepaar wird tot in einem mit Jauche gefüllten Whirlpool aufgefunden. Dies ruft den Oldenburger Kriminalhauptkommissar Robert Rieken auf den Plan. Die Ermittler stoßen am Tatort auf Indizien, die auf einen möglichen Rachemord hindeuten. Möglicherweise steckt hinter dieser grausamen Tat eine militante Tierbefreiungsorganisation. Dennoch trifft Kommissar Rieken bei seinen weiteren Ermittlungen in Südoldenburg auf eine Mauer des Schweigens. Selbst der Chef des Vechtaer Polizeikommissariats zeigt dem Kollegen aus der Diaspora zunächst die kalte Schulter, bis kurz darauf auch ein katholischer Offizialatsrat von mutmaßlichen Tierrechtsaktivisten bedroht wird. Nicht nur ein heftiger Wintersturm drängt die Polizisten zur Eile, sondern bald auch der nächste bestialisch ausgeführte Mord. Nordwest Bestial ist der zweite Fall des Oldenburger Kriminalisten-Teams um Robert Rieken, Jan Onken und der Rechtsmedizinerin Dr. Lin Quan. Der erste Band dieser Reihe Tödlicher Nordwestwind avancierte schnell nach seinem Erscheinen zum Bestseller und wurde von vielen LeserInnen mit positiven Rezensionen bewertet.

Nun habe ich mir die Fortsetzung dieser Reihe gegönnt. Der Kriminalroman fängt eher harmlos an, aber mit der Zeit entwickelt sich ein verwobenes Netz, in dem einerseits immer mehr Personen in den Fall involviert werden und dennoch überraschende Wendungen die Spannung von Seite zu Seite steigern.

Angesprochen hat mich besonders die Handlung vor einem politischen und auch gesellschaftlichen Hintergrund, der sehr real ist. Gewürzt mit einigen seltsamen Figuren, ohne die ein solcher mörderischer Krimi natürlich nicht auskommt. Gewalt in heftiger und sehr brutaler Form wird ausgeübt – einmal, zweimal, und noch ein drittes Mal wird es versucht und fast vollendet. Psychopathische und gleichzeitig hochintelligente Mörder sind da am Werk – die Motive bleiben natürlich zunächst im Dunkeln. Natürlich gibt es falsche Fährten, bevor Kommissar Robert Rieken und die Beobachtungsgabe des einen oder anderen Kollegen helfen, das Puzzle der Realität nach und nach zusammenzusetzen. Das ganze endet, wie man es bei einem handfesten Krimi erwarten sollte, in einem furiosen Finale und mit der überraschenden Erkenntnis, wer die wirklichen Täter sind. Und was sich da noch für Hintergründe bei dem einen oder anderen Opfer noch so auftun. Nicht alles ist so, wie es anfangs schien.

Lene Levi hat das Zeug, mit diesen Romanen zu einer „Marke“ zu werden, schrieb ein Rezensent. Ich jedenfalls werde auch an ihren Krimis dran bleiben. Dieses Buch wäre eigentlich auch mal eine spannende Filmgrundlage und durchaus für einen typischen Nordwestkrimi geeignet!

Gespräch mit der Autorin Lene Levi

Tränentod: Thriller von Catherine Shepherd

WERBUNG: – 338 Seiten – Verlag: Kafel Verlag – Preis: (Der Aktionspreis kann sich ändern) 0,99 Euro

Dieses Buch liest sich sehr anstrengend, obwohl der Schreibstil der Autorin absolut geschmeidig ist; aber leider mangelt es allgemein an Erfindungs- bzw. Einfallsreichtum, an unvorhersehbaren Wendungen, am verruchten Charme, den nun mal ein gut geschriebener Thriller auszeichnen sollte. Aber davon ist kaum etwas zu spüren. Die Handlung (und damit auch der Leser) schleppen sich von Kapitel zu Kapitel nur mühsam voran. Echte Spannung will nicht wirklich aufkommen. Das ist sehr bedauerlich, denn die Grundidee des Buches ist eigentlich eine spannende Sache.

Nach dem ich bisher drei erschienene Bände aus dieser Reihe gelesen habe, war ich bereits schon nach dem 6. Band reichlich ermüdet und daher enttäuscht. Immerhin habe ich mich durch den niedrigen Einstiegspreis nochmals hinreißen lassen, ein weiteres Buch aus der Reihe zu erwerben und zu lesen. Im 7. Band gibt es wieder eine Mordserie, welche auf einer gemeinsamen Geschichte aus dem Mittelalter und unserer Gegenwart beruht. Auch treffen wir wieder auf Bastian und Anna. Der Wechsel zwischen den Handlungssträngen – Vergangenheit und Gegenwart – sorgt dafür, dass die ohnehin schon sehr flauschige Spannung immer wieder ausgebremst wird. Der Autorin gelingt es nicht wirklich, sich in der altertümlichen Sprache adäquat zu bewegen, so wie sie vor 500 Jahren gesprochen wurde. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Protagonisten im tiefsten Mittelalter denken und benehmen sich so lächerlich wie verkleidete Provinzschauspieler, die eine altertümliche Szene nachstellen sollen, sich aber in dieser Materie überhaupt nicht auskennen. Beim Lesen kommt zwangsläufig die Erinnerung an eine missglückte Historienverfilmung auf, in deren Handlung eine weit zurückliegende Epoche dargestellt werden sollte, die aber  das damalige Zeitkolorit weit verfehlte, da die Dialoge und die Denkungsart der Figuren nicht stimmig waren. Auch in diesem Buch sieht alles nach Schema F aus: Das Mittelalter ist finster, die Männer sind triebhaft und trinken Met, die Frauen sind treu und ergeben, und alle sind sie abergläubig. Ich denke an die Bestsellerverfilmung von „Die Wanderhure“, in der kein Klischee ausgespart blieb. Natürlich darf in diesem Schmöker nicht die Gier nach Gold und der Alchemismus fehlen – ach Gottchen, daraus kann nur ungewollte Komik entstehen. Die Figuren wirken nicht echt, auch wenn ihnen altertümliche Namen gegeben wurden. Und ein junger Mann, der im Örtchen Zons vor 500 Jahren den Vorläufertyp eines heutigen Kriminalkommissars abgeben soll, ist eigentlich bereits schon eine wahrhaft komische Figur.

Auch in den Kapiteln, die in unserer Gegenwart handeln, ist mir aufgefallen, dass die Kenntnisse der Autorin über das derzeitige duale Ausbildungssystem im Allgemeinen und über die Berufsausbildung zum Chemikanten im Speziellen nur ungenügend vorhanden sind. Auszubildende Chemikanten benötigen höchstens einen Hauptschulabschluss oder die mittlere Reife. Im Buch werden diese Personen allerdings so dargestellt, als wären sie Teilnehmer eines hochkomplizierten und komplexen Spezialstudiengangs.

Als Leser gewinnt man zwangsläufig den Eindruck, dass dieses Buch unter großem Zeitdruck produziert wurde. Es ist eindeutig für Serienjunkies bestimmt; für eine Fan-Base, die dringend am Lesefuttertrog festgehalten werden soll, bevor sie sich in alle Winde zerstreut. Immerhin sieht man sich ja als Erfolgsautor/in in der permanenten Pflicht, regelmäßig für ausreichenden Nachschub zu sorgen. Für Freunde von Historienschinken mag das Buch ja geeignet sein, nicht aber für Liebhaber gepflegten Thrills. Und über das Thema Lobotomie mag ich mich hier gar nicht erst äußern. Als ich dann noch diese Sätze las: „Die Schlinge um ihren Hals zog sich qualvoll zusammen. Vor ihren Pupillen tanzten grelle Blitze. Unwillkürlich schnappte sie (gemeint ist Elfriede – der Rezensent) nach Luft. Vergeblich, ihr Kehlkopf drückte sich nach innen. Sie konnte spüren, wie das Leben binnen weniger Herzschläge aus ihr wich.“ stellte sich in mir automatisch die Frage, ob das schon der Gipfel des Spannungsrepertoires des gesamten Thrillers gewesen sei. – Er war es tatsächlich!

Um der ganzen Angelegenheit doch noch einen positiven Ausklang zu geben, soll nicht unerwähnt bleiben, dass der ganze Text ausgezeichnet lektoriert wurde. Endlich mal ein Buch nahezu ohne Fehler. Das kommt wahrlich selten vor! Auch das Titelbild wurde sehr ansprechend gestaltet.

Leichen zum Fest: Kriminalroman von Tony Fennelly

Werbung: – ca. 250 Seiten – Verlag: Europäische Verlagsanstalt (vormals Rotbuch Verlag) – Preis: zz. neu ab 6,50 Euro

Kurz vor dem Weihnachtsfest erscheint ein junger Mann namens Glen Watley auf der Türschwelle eines reichen alten Mannes in New Orleans und erklärt, er sei der illegitime Nachkomme seines Sohnes Gerald. Watley behauptet, das Ergebnis einer Liaison zwischen Jessups in Vietnam gefallenen Sohn Gerald und einer Stripperin zu sein. Zum Beweis legt er einen DNA-Test und eine vergilbte Polaroidfotografie vor, auf dem Gerald zusammen mit drei leichtbekleideten Bardamen abgelichtet ist. Der steinreiche Cyril Jessup erkennt zwar seinen Sohn auf dem Bild und auch Margo Fortier als eine der ehemaligen Bardamen, dennoch hegt er Zweifel daran, ob der smarte Glen tatsächlich sein Enkel ist. Margo arbeitet inzwischen als Klatschkolumnistin für eine Zeitung und Jessup beauftragt sie deshalb als Privatermittlerin, um herauszufinden, was hinter den Behauptungen Glens steckt. Von ihren ehemaligen Arbeitskolleginnen auf dem Foto kann Margo nur Betty auftreiben – doch von der schönen Cathy, der potentiellen Mutter, fehlt jede Spur. Aber es gelingt ihr dennoch einige wichtige Hinweise aufzuspüren. Unterdessen dürften Margos Recherchen auch Andrew, den Neffen Jessups, brennend heiß interessieren, denn immerhin konnte er sich (bis zur Ankunft Glens) auf einen Großteil des zu erwartenden Millionenerbteils seines Onkels Hoffnungen machen …

Die Schriftstellerin Tony Fennelly lebt und arbeitet in New Orleans. Wie in fast allen ihren Büchern ist auch in Leichen zum Fest New Orleans der Schauplatz des Geschehens. Sie hat unter anderem in dieser Stadt als Bardame, Stripperin in der Bourbon Street und als Sozialpädagogin gearbeitet und kennt schon deshalb die heimatliche Szene wie ihre eigene Westentasche. Nachdem bereits acht ihrer Romane von US-amerikanischen Verlagen abgelehnt wurden, erschien 1985 ihr erstes Buch aus der Reihe um Matt Arthur Sinclair, einen homosexuellen Epileptiker, der früher als Staatsanwalt tätig war und jetzt ein Ladenbesitzer in New Orleans ist. Der Roman Mord auf der Klappe wurde für den Edgar als bester Erstling nominiert. Nachdem diese Bücher wegen der Aids-Epidemie in den USA als unverkäuflich galten, begann sie eine neue Reihe um Margo Fortier, einer Ex-Stripperin und Kolumnistin in New Orleans. In Leichen zum Fest schwelgt sie liebevoll in Erinnerungen an die Siebziger Jahre, in denen sich Margo (Tony Fennelly) als Stripperin ihren Lebensunterhalt verdient hatte. Rückblenden in die Zeit der Hippies und des Vietnamkriegs werden mit tagesaktuellen Ereignissen der Bill-Clinton-Ära in mitunter sehr kurzen Kapiteln aneinander gereiht. Leichen zum Fest ist sehr witzig, klug, manchmal frech, aber stets humorvoll und dabei sehr spannend geschrieben. Die oftmals reichlich schrägen Charaktere wachsen dem Leser ganz schnell ans Herz. Tony Fennelly schildert das zerbröselnde Flair der Stadt New Orleans absolut einzigartig, auch die dort lebenden Typen werden wunderbar plastisch in Szene gesetzt, was besonders in den filmisch geschriebenen Dialogen spürbar ist.

Leider ist es in den vergangenen Jahren um die Schriftstellerin Tony Fennelly sehr ruhig geworden. Gerade heute (und unter den aktuellen politischen Verhältnissen in den USA) fehlt ihre unverblümte Denkungsart. Unbedingt lesenswert!

Totenstille: Thriller von Daniela Arnold

WERBUNG: 250 Seiten – Verlag: CreateSpace Independent Publishing – Preis: 9,62 Euro (Taschenbuch)

Daniela Arnold schreibt seit 2002 regelmäßig als freie Journalistin und Autorin für fast alle großen Frauenzeitschriften Reportagen und Kurzgeschichten und kann mittlerweile, nach eigenen Aussagen, auf über 3000 Veröffentlichungen u. a. in „Bild der Frau“, „Lisa“, „Lea“, „Tina“ usw. zurückblicken.

Honi soit qui mal y pense. Aber genau darin scheint das Problem zu liegen. Frau Arnold schreibt zwar versiert und überaus routiniert, hat aber von der subtilen Kunstfertigkeit des Thrillerschreibens nicht die geringste Ahnung. Das Spiel mit Urängsten ist zwar ihr Ding, aber von dramatischer Spannungserzeugung oder von Storytelling als wesentliches Element beim Aufbau einer Geschichte versteht sie nicht viel. Totenstille liest sich wie ein billiger Fortsetzungsroman, der auch in einer der oben genannten Frauenzeitschriften hätte erscheinen können. Es ist ein typisches Beispiel von Behelfslektüre für jene Menschen, die die Wartezimmer der Arztpraxen oder Friseursalons bevölkern. Für Menschen, die aus purer Langeweile zu den dort ausgelegten Käseblättern greifen, um damit die Wartezeit totzuschlagen. Genau diese Konsumenten lesen fast immer nur fragmentarische Geschichten, ohne den Anfang oder das Ende zu kennen. Die kurze Lektüre endet dann auch meist genauso abrupt, wie sie begonnen hat. Wenige Augenblicke danach, nachdem sie die Zeitschriften zugeschlagen haben, sind die gelesenen Geschichte auch schon wieder vergessen. Genauso erging es mir als Leser dieses Romans. Ich konnte mich an das erst am Abend zuvor gelesene Kapitel nur schemenhaft erinnern. Irgendwie verweigerte mir mein Gedächtnis immer wieder seinen Dienst und ich musste am nächsten Tag zunächst nachschauen, was ich erst am Abend zuvor gelesen hatte. Lag es vielleicht an der recht farblosen und hölzernen Ermittlerin Larissa Bartels, mit deren Charakter ich mich das ganze Buch lang überhaupt nicht anfreunden konnte? Sie ist eine unscheinbare Protagonistin, die sowohl auf ihren Verstand wie auch ihr Gefühl vertraut, eigentlich gar nicht mal so unsympathisch, also keine klischeeüberfrachtete Polizistin aus dem Bilderbuch. Obwohl die ersten Kapitel noch recht packend geschrieben sind, geht es danach ziemlich schnell bergab. Eine Mordserie hält die Polizistin in Atem. Dann taucht plötzlich eine verstörte und schwer misshandelte Frau auf, die behauptet die Ärztin Andrea Burkhart zu sein. Doch weder ihr Ehemann, noch die Tochter oder Freunde erkennen sie. Als eine weitere Leiche gefunden wird, gerät die Frau auch noch unter Mordverdacht. Die zentrale Frage des ganzen Buches lautet: Wer spielt hier ein falsches Spiel? Ich war über die Hälfte des Buches ziemlich ratlos, wie sich die Verwirrung auflösen könnte. Im Grunde ist das nicht mal die schlechteste Ausgangsbasis für einen handfesten Thriller, aber leider ist die Geschichte vollgestopft mit unendlich vielen Füllsätzen, Floskeln und nichtssagenden Phrasen, wie beispielsweise:

sie schluckte schwer, sie schluckte angestrengt, sie schluckte gegen die Panik an, sie schluckte gegen die Trockenheit an, ein scharfer Schmerz jagte durch ihren Körper, sie spürte, wie sich ihr Hals verengte, ihr Herz hämmerte hart gegen ihre Rippen, ihr Herz hämmerte in wildem Tempo gegen ihre Rippen, ihr Herz hämmerte hart gegen ihren Brustkorb, ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, ihre Innereien verkrampften sich, ihre Eingeweide verkrampften sich, ihr Magen verknotete sich.

Dann stören den Lesefluss wiederum seitenlange Monologe mit irgendwelchem rhetorischen Blödsinn: Bin ich etwa selbst schuld? Hab ich das verdient? Hätte ich mehr tun sollen? Was hätte ich anders machen können? Warum habe ich das getan? usw. Es sind genau diese Sätze, wie sie in jeder Ausgabe einer x-beliebigen Hausfrauenzeitschrift hundertfach zu lesen sind.

Da der Täter erst in den letzten Seiten des Romans in Erscheinung tritt – von ihm war vorher an keiner anderen Stelle die Rede – kommt es auch zu einem abrupten Ende, sodass der Eindruck entsteht, die Autorin hätte selbst keine Lust mehr verspürt, die Geschichte zu einem logischen Ende zu bringen. Und ganz ehrlich gesagt: Wozu auch? Die ganze Story wirkt völlig inszeniert, unglaubhaft, unwahrscheinlich, unrealistisch. Es ist nun mal die typische Lektüre für Menschen, die in Wartezimmern oder Friseursalons herumsitzen und dort zu den üblichen Käseblättern greifen.

Totenstille hat mich weder gefesselt noch gut unterhalten. Wer aber temporeichen und oberflächlichen Thriller-Journalismus mag, wird hier ganz sicherlich bestens bedient.

Hercule Poirots Weihnachten: Ein Hercule-Poirot-Krimi von Agatha Christie

WERBUNG: – Laufzeit: 4h 13, 3 CDs – Verlag: Der Hörverlag – Preis: 9,99 Euro (Audio CDs)

Simeon Lee ist ein wahrhafter Tyrann. Der Alte verachtet seine Angehörigen und sagt es ihnen auch direkt ins Gesicht. Ein echtes Ekelpaket also. Umso überraschender ist es, dass er seine gesamte Verwandtschaft ausgerechnet an Weihnachten zu sich einlädt. Es verwundert daher auch nicht sonderlich, dass er sofort damit beginnt, alle zu beleidigen und zu provozieren. Als er wenig später tot aufgefunden wird, ist dementsprechend auch schnell klar, dass die Todesursache keine natürliche ist. Wer aber hat ihm die Kehle durchgeschnitten? Jeder der Anwesenden hätte für die Tat ein handfestes Motiv gehabt, dennoch erscheint alles reichlich mysteriös. Die Tat selbst ist – wie immer bei Agatha Christie – sehr ausgeklügelt und mit doppeltem Boden ausgestattet. Da liegt es fast schon auf der Hand, das Hercule Poirot zu Hilfe gerufen wird, dieser erkennt schnell, dass jedes der Familienmitglieder genügend Gründe hatte, Simeon Lee abgrundtief zu hassen. Verdächtige gibt es also reichlich, aber keiner kann theoretisch tatsächlich den Mord begangen haben. Poirots graue Zellen rattern auch diesmal auf Hochtouren und lassen uns erwartungsgemäß nicht im Stich. Den Lesern erteilt der belgische Meisterdetektiv einmal mehr eine großartige Lektion in kriminalistischer Kombinationsgabe. Eine überraschende Auflösung ist somit garantiert.

Dieser urbritische Agatha Christie-Krimiklassiker bietet nicht nur zur Weihnachtszeit einen hohen Lesegenuss, als spannende Lektüre ist er auch rund ums Jahr eine gute Empfehlung. Gleiches kann ich von der gekürzten Hörbuchfassung des Münchner Hörverlags leider nicht behaupten.

Dieses ist eines der wenigen Hörbücher des Verlages, das mir überhaupt nicht gefallen hat. Während der gesamten Laufzeit kam bei mir keine spürbare Freude am Zuhören auf, was gewiss nicht an der Romanvorlage, sondern ausschließlich an der scheinbar unkontrollierten Vortragsweise des Sprechers lag. Die drei CD-Längen habe ich mehr erlitten als genießen können, nur mit Mühe konnte ich mich dazu bewegen diese bis zum Ende anzuhören. Die Sprechart von Klaus Dittmann empfand ich phasenweise als sehr unangenehm und aggressiv. Auch die Dialoge wirkten durchweg unglaubwürdig, viel zu wenig differenziert, dafür aufdringlich und schrill. Die einzelnen Charaktere wurden viel zu stark überzogen dargestellt. Dadurch wirken die Figuren gekünstelt und der Zuhörer kann sich nur schwer in sie hineinversetzen. Darüber hinaus bereitete mir als Hörbuchproduzent die teilweise sehr schlecht abgemischte Ton- und Klangqualität fast schon körperliches Unbehagen. Die Passagen, in denen der Sprecher als Erzähler agiert, sind mitunter viel zu leise zu hören, so dass wahrscheinlich etliche Zuhörer den Lautstärkeregler aufdrehen. Leider wird dadurch die Klangqualität der Sprachaufnahme noch unangenehmer und klirrt geradezu schmerzhaft in den Ohren. Ich kann mir darauf keinen Reim machen, wie dieses unüberhörbare Manko den ansonsten qualitätsgeschulten Verlagsmitarbeiterinnen entgehen konnte.

Ich habe schon einige andere Hörbücher aus der Hercule Poirot-Reihe gehört und muss sagen, dass Klaus Dittmann mich diesmal als Sprecher am wenigsten überzeugen konnte. Für den Hörverlag wirkte er bereits in der „Wolkenvolk“-Trilogie von Kai Meyer mit – sowie in den Hörspielen zu Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ und Charles Dickens‘ „Oliver Twist“. Von Agatha Christie las er „Rendezvous mit einer Leiche“ und „Mit offenen Karten“. Die Art und Weise wie er in dieser Produktion zu hören ist, wirkt bedauerlicherweise sehr unprofessionell. Fand bei der Wortaufnahme überhaupt eine Regie statt? Hat das Hörbuch ein Laie am Küchentisch abgemischt? Eigentlich möchte ich es gar nicht erfahren …

Der Kauf dieses Hörbuches ist für Agatha Christie-Fans sicherlich ein Muss. Für jeden Anderen, der gutproduzierte Hörbuchlesungen mag, aber nicht zu empfehlen.

Erschienen ist das Hörbuch beim Der Hörverlag.

Laufzeit: ca. Laufzeit: 4h 13, 3 CDs.

Buchmarketing.direkt im Gespräch mit der Krimiautorin Lene Levi

Buchmarketing.direkt: Guten Tag Lene Levi, Sie verwenden dieses Pseudonym als Verfasserin einer Nordwest-Krimi-Reihe, die im Oldenburgischen und im benachbarten Ostfriesland aber auch in den Niederlanden und in England spielt. Gibt es einen triftigen Grund, sich hinter einem Pseudonym zu verstecken, wenn man Krimis schreibt?

Lene Levi: (lacht) Es gibt einige Gründe, warum ich mich für einen Tarnnamen entschieden habe. Einer der wichtigsten ist vielleicht das sogenannte Image und die damit verknüpfte Erwartungshaltung des Lesepublikums. Viele Autoren oder Schriftstellerinnen schreiben nur innerhalb eines bestimmten Genres, wodurch die Erwartungen der Leser an einen neuen Roman unter diesem Namen bereits in eine festgelegte Richtung gelenkt werden. Um als Autor oder Schriftstellerin dennoch erfolgreich in anderen Genres veröffentlichen zu können, nutzen daher viele Autoren oder Schriftstellerinnen Pseudonyme, um so zu verhindern, dass sie ihre Leser durch eine Veröffentlichung in einem für sie vielleicht unbeliebten Genre enttäuschen. Ein weiterer typischer Grund ist die Geschlechterdominanz in einigen Genres wie Fantasy-, Krimi- oder Liebes-Romanen. Um den Marktwert ihrer Veröffentlichungen zu steigern, entscheiden sich besonders Frauen nicht selten für ein männliches Pseudonym, um im Bereich Thriller oder Krimi anerkannt zu werden. Bei mir läuft es gerade umgekehrt. Genaugenommen verwende ich gar kein Pseudonym, sondern ein Pseudogynym.

Buchmarketing.direkt: Sie gehen mit privaten Informationen über Ihre eigene Person im Internet extrem sparsam um. Einzig diese zwei Sätze sind beispielsweise auf Ihrer Autorenseite bei KDP zu lesen: „Im Nordwesten Deutschlands ist sie aufgewachsen, in dieser Region spielen alle ihre Kriminalromane. Aktuell lebt und arbeitet sie als Schriftstellerin und Audioproduzentin in Berlin.“ Gibt es einen Grund für diese Zurückhaltung?

Lene Levi: Auch hier gibt es einige Gründe, warum ich im Internet nicht mit meinen persönlichen Daten verschwenderisch umgehe. Der wichtigste Grund ist jedoch ganz einfach zu erklären. Ich möchte nicht jedes Detail über mich oder aus meinem Leben mit einer mir vollkommen unbekannten Öffentlichkeit teilen. Die Sache ist ja so, es wird bereits schon jetzt ein immenser Datenmissbrauch betrieben. Sehr viele Menschen erzählen alles und jedem aus ihrem Leben, das läuft überwiegend über die sogenannten Sozialen Netzwerke. Sie wundern sich dann auch noch, wenn urplötzlich Menschen mit zweifelhaften Absichten vor ihren Haustüren stehen, die sie gar nicht herbestellt haben, um es mal sprichwörtlich zu sagen.

Buchmarketing.direkt: Immerhin verraten Sie ihren Lesern, das Sie als Audioproduzentin in Berlin tätig sind. Bedeutet das, dass Sie auch Hörbücher produzieren?

Lene Levi: Ja, das gehört auch mit zu meinem Tätigkeitsumfeld. Hörbücher sind ein besonders reizvolles Medium und ich mag ausdrucksstarke Stimmen. Gute Hörbuchsprecher/innen sind immer Sprach-Künstler und einfühlsame Literaturinterpreten. Sie transportieren Inhalte vom gedruckten Wort in gehörte Sprache – im Idealfall so, dass wir beim Zuhören gar nicht auf die Idee kommen, der Inhalt könnte überhaupt den Umweg übers Schriftbild gegangen sein: Eine Geschichte besteht aus lauter Emotionen, aus Gedanken, aus Zwiegesprächen, aus turbulenten oder brutalen oder beschaulichen Bildern. Ein guter Sprecher oder Erzähler vermag allein mit seiner Stimme jeden Subtext zu vermitteln: Die Freude, das Grauen, die Langeweile, die Überheblichkeit, die Hilflosigkeit, die Kränkung – und den Humor, vielleicht die schwierigste Gratwanderung von allen.

Buchmarketing.direkt: Sie haben bisher noch keinen Ihrer Krimis für das Medium Hörbuch eingesprochen. Darin unterscheiden Sie sich von vielen anderen Krimiautoren, die offenbar besonders gern ihre eigenen Texte einlesen.

Lene Levi: Genau das ist ja das Problem. Oft mangelt es den Autoren bereits an handwerklicher Sprach- und Sprechtechnik, an optimaler sprachlicher Vielseitigkeit, an ausdrucksstarker Persönlichkeit, oder sogar an stimmlicher Präsenz. Ich würde niemals als Laie auf den Gedanken kommen, ein eigenes Buch in eine akustische Hörbuchfassung zu übertragen. In 95 von 100 Fällen geht sowas schief. Das sollten die selbstlesenden Autoren besser berücksichtigen. Literaturvertonung ist nicht vergleichbar mit Vorlesen auf einem Podium vor Publikum. Nicht einmal jeder Berufssprecher, auch nicht jede prominente Schauspielerin, ist für diese literarische Kunstform geeignet. Einem Berufssprecher, der nicht genau weiß, worüber er spricht, oder was er gerade selbst vor einem Mikro einliest, wird kaum jemand längere Zeit Aufmerksamkeit schenken oder konzentriert zuhören.

Buchmarketing.direkt: Aber einem Autoren vorzuwerfen, nicht zu wissen, worüber er spricht, oder was er gerade selbst vor einem Mikro einliest, empfinde ich doch etwas zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Schließlich haben diese Leute ja den Text selbst geschrieben und kennen die Charaktere sehr genau.

Lene Levi: Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie ihre Texte auch professionell interpretieren können. Das können übrigens nur sehr wenige Schriftsteller. Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb ich Autorenlesungen im Hörbuchbereich überwiegend ablehne. Normalerweise wollen ja Autoren oder Hörbuchverlage ihre Werke an ein möglichst großes Hörerpublikum verkaufen. Es ist vielleicht nicht jedem Autor oder jeder Schriftstellerin bewusst, dass sehr viele Hörbuchkäufer ihre Kaufentscheidung vom Namen des Interpreten und nicht vom Namen eines Autors abhängig machen. Je bekannter der Name des Hörbuchsprechers, desto größer die Chance für einen Verkaufserfolg.

Buchmarketing.direkt: Sehr interessantes Thema, darüber würde ich sehr gern noch viel mehr hören. Ich möchte aber dennoch etwas über Ihre Krimis von Ihnen erfahren. In Ihrem ersten Nordwest-Krimi Tödlicher Nordwestwind führen Sie ja einen etwas ungewöhnlichen Kommissartyp ein. Robert Rieken steht eigentlich am Ende seiner Beamtenlaufbahn und kehrt deshalb an den Ort zurück, an dem er vor Jahrzehnten seine Karriere begonnen hat. Oldenburg gilt zwar als Großstadt, ist aber tatsächlich ein verschlafenes Provinznest. Er verspricht sich einen geruhsamen Job, aber es kommt natürlich alles anders als geplant…

Lene Levi: …Genau, Sie sagen es. Die meisten seiner Dienstjahre hatte er als Ermittler in den härtesten Großstadtrevieren des Landes zugebracht – und nun ist einfach das Maß voll. So steht es schon im Klappentext. Aber er kehrt nicht nur allein wegen seines Jobs nach Oldenburg zurück, sondern auch wegen seiner über 90-jährigen Mutter. Diese alte Dame ist zwar geistig noch fit, hat aber ein Migräne-Problem. Er möchte einfach in ihrer Nähe sein, falls irgendetwas passieren sollte.

Buchmarketing.direkt: Dann wäre auch noch seine Beziehung zu der attraktiven Gerichtsmedizinerin Lin, die ja chinesische Wurzeln hat.

Lene Levi: Nein, das ist nicht ganz richtig. Dr. Lin Quan ist eine gebürtige Oldenburgerin. Sie spricht und denkt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Robert Rieken kennt sie schon sehr lange, da war sie noch ein Kind. Ihre Eltern sind Exil-Chinesen und betreiben ein kleines aber feines Asia-Restaurant, in dem Robert schon als Polizeischüler verkehrte. Nach seiner Rückversetzung begegnen sie sich eher zufällig im Oldenburger Staatstheater. Schnell stellen sie fest, dass sie auch beruflich miteinander zu tun haben. Lin und Robert verlieben sich. Mehr verrate ich nicht.

Buchmarketing.direkt: Der zweite Band trägt den Titel Nordwest Bestial und steht bei KDP als eBook zur Verfügung. Worum geht es in diesem Buch?

Lene Levi: Es geht hauptsächlich um die Verfilzungen zwischen Wirtschaft, der Katholischen Kirche und der Regionalpolitik in Südoldenburg. Es geht um Mord, Fanatismus, Massentierhaltung und Brunnenvergiftung. Ein sehr heikles Thema, was aber gar nicht so weitentfernt von unserer heutigen Realität liegt.

Buchmarketing.direkt: Der dritte Band ihrer Nordwest-Reihe Xiao Yang will es wissen ist vor einiger Zeit erschienen. Es handelt sich aber hierbei eher um einen Kurzroman.

Lene Levi: Ja, es ist noch nicht der erklärte dritte Band der Reihe, sondern war vielmehr als kleines Experiment geplant. Ich wollte herausfinden, ob Kurzromane von meinen Leserinnen genauso gern gelesen werden, wie meine ausgewachsenen Romane mit über 360 oder mehr Seiten.

Buchmarketing.direkt: Und, wurde der Kurzroman ein Erfolg?

Lene Levi: Eher weniger. Ich habe daraus gelernt, dass meine Leserinnen eindeutig umfangreichere Krimis bevorzugen.

Buchmarketing.direkt: Woran arbeiten Sie gerade?

Lene Levi: Natürlich am dritten Band der Nordwest-Krimi-Reihe. Der Arbeitstitel lautet: Der City-Killer. Es geht darin um einen Mord an einem dubiosen Bauunternehmer, um einen weiteren Mord an einem Theaterschauspieler und um einen Smart Mob mit einer scheinbar politischen Botschaft.

Buchmarketing.direkt: Lene Levi, ich danke Ihnen für das nette Gespräch.

Lene Levi: Bleiben Sie bitte gespannt und lesefreudig. Die Nordwest-Krimi-Reihe wird fortgesetzt.

Mehr Infos auf meiner Autorenseite:

oder beim Verlag: www.words-and-music.de

Link zur Buchbesprechung:

Tödlicher Nordwestwind (Ein Fall für Kommissar Rieken / Band 1): Nordwest-Krimi von Lene Levi

WERBUNG: 364 Seiten – Verlag: ebuchedition words & music – Preis: 4,99 Euro

Leser werden mit Sicherheit viel Spaß daran finden, wie es der Autorin gelungen ist, ihren Protagonisten Robert Rieken zwangsläufig in den ersten Fall hineinzuziehen. Eigentlich hatte sich Robert Rieken erhofft, sich durch seine Rückversetzung in die Oldenburger Polizeiinspektion etwas mehr Ruhe zu verschaffen. Mit Raub, Erpressung, Mord und Totschlag wollte er im Grunde nichts mehr zu tun haben, denn die meisten seiner Dienstjahre hatte er als Ermittler in den härtesten Großstadtrevieren des Landes zugebracht – und nun war einfach das Maß voll.

Jedoch sein Wunschtraum zerplatzt genau an jenem Tag, an dem zwei Dangaster Krabbenfischer eine männliche Leiche aus der Nordsee ziehen und Robert als Kriminalkommissar plötzlich vor der Aufgabe steht, die Identität des unbekannten Toten zu ermitteln. Dieser Kommissar Rieken ist nicht nur Kriminalbeamter, sondern er ist vor allem auch ein Mensch. Bald an seiner Seite, eine attraktive sympathische asiatische Kollegin: Dr. Lin Quan ist Rechtsmedizinerin, sie entzückt ihn fachlich ebenso wie auch als Frau. Beide werden ein Paar. Aber Rieken hat auch noch seine alte Mutter, die ihm absolut nicht gleichgültig ist. Er sorgt für die alte Dame, die zudem als waschechte Ostfriesin nicht auf den Mund gefallen ist. Da ist Rieken dann doch „nur“ Sohn und weniger Beamter. Aber selbstverständlich hat er auch als Ermittler eine große Portion Charisma – er wirkt weitgehend ruhig und souverän, ist eher der nachdenkliche Typ und nicht unbedingt der spontane Draufgänger.

Interessant war für mich festzustellen, wie dieses Buch von Kapitel zu Kapitel Fahrt aufnahm und an Rasanz gewann. Ab der Hälfte mochte ich es nicht mehr aus der Hand legen, so sehr zog es mich in seinen Bann. Die Geschichte ist absolut schlüssig, die kleinen persönlichen Eigenarten der Akteure erscheinen liebenswert und vor allem auch witzig. Besonders der junge Polizeibeamte Jan ist ein durchaus gelungene Figur und ein sehr sympathischer Teamplayer. In ihren kleinen Unterschieden entwickelt sich das Miteinander von Robert Rieken, seinem Assistenten Jan Onken und der Rechtsmedizinerin Lin sehr realistisch: aus der ersten gesunden Distanz entsteht bald auch die Wertschätzung für die gemeinsame Arbeit. Gerade die altersbedingten Unterschiede zwischen dem Chef Robert und seinem Assistenten Jan führen zur Entwicklung eines sympathischen Teams. Sehr gefallen haben mir auch die Beschreibungen von wesentlichen Dingen, die beispielsweise solch einen Krabbenkutter ausmachen, indem Fachbegriffe Interesse wecken. Backbord und Steuerbord kann ich zwar noch zu meiner Allgemeinbildung zählen, aber wie Schleppnetze und vieles mehr funktionieren, das finde ich eine echte Bereicherung als Leser. Und dass es anschaulich ist, macht es noch ungeheuer interessanter zu lesen. Gleiches gilt auch für das clevere Zurückverfolgen des „Lebenslaufes“ einer wertvollen Armbanduhr. Viele Details machen die Recherche spannend, etwa wie beim Öffnen der Uhr kleine Hinweise die nächste Spur hervorbringen. So reiht sich ein Detail ans nächste. Die Geschichte wird dabei stringent erzählt, baut sich so eine Spannung auf, die sich bis zum Schluss noch steigert und dabei immer wieder auch überraschende Wendungen bereithält. Ein Regionalkrimi mit ungewöhnlichen Charakteren und einem besonderen Timing. Nicht nur für Norddeutsche unterhaltsam. Meine Empfehlung! Eine Krimilektüre, die sich auf jeden Fall echt gelohnt hat. Den Namen Lene Levi werde ich mir auf jeden Fall vormerken. Ich bin schon jetzt auf die Fortsetzung Nordwest Bestial gespannt. Und jetzt, wo auch die gedruckte Ausgabe da ist, ist dieses Buch auch ein guter Geschenketipp. Als Printausgabe kann man diesen Krimi allerdings nur direkt über den Online-Shop des Verlags bestellen, unter: www.words-and-music.de. Es lohnt sich.

Link zum Autoren-Gespräch:

Hit & Run: Thriller von Doug Johnstone

WERBUNG: 288 Seiten – Verlag: btb Verlag – Preis: 9,99 Euro

Vollgepumpt mit Schnaps und Psychopillen fahren Billy, seine Freundin Zoe und sein Bruder Charlie von einer Party nach Hause. Es ist mitten in der Nacht und Billy sitzt am Steuer eines alten roten Micra. Sie bestaunen im Vollrausch gerade den Sternenhimmel über Edinburgh und fühlen sich geradeso, als würde sich die Welt ebenso im Rauschzustand nur um sich selbst drehen. Doch dann kracht plötzlich etwas auf die Motorhaube, prallt gegen die Windschutzscheibe und rutscht kratzend übers Autodach. Der erfahrene Leser ahnt es sicher: Billy hat einen Menschen angefahren. Einige Meter hinter dem Wagen liegt ein Mann regungslos auf dem Straßenasphalt. Charlie, der als Krankenhausarzt arbeitet, stellt  am Puls des Mannes fest, das er bereits tot ist. Billy will sofort die Polizei verständigen, jedoch sein Bruder Charlie und seine Freundin Zoe bringen ihn davon ab. Charlie befürchtet seine Approbation zu verlieren, falls im Zusammenhang mit den Ermittlungen herauskäme, dass er als Arzt seinen Bruder illegal mit geklauten Aufputschmitteln und Psychopillen aus den Arzneimittelschränken des Krankenhauses versorgt hat. Auch die Jobs von Billy und Zoe wären verloren, wenn dieser Unfall unter Drogeneinfluss rauskäme. Zoe arbeitet als Nachwuchsjournalistin und Billy hat erst vor kurzer Zeit eine Stelle als Kriminalreporter beim »Evening Standard« angetreten. Sie beschließen deshalb kurzerhand die Leiche über eine nahegelegene Böschung zu entsorgen. Panisch beseitigt das Trio alle Spuren und fährt anschließend nach Hause.

Als angehender Kriminalreporter bekommt Billy jedoch am nächsten Tag ausgerechnet von seiner Zeitung den Auftrag, über den tödlichen Unfall mit Fahrerflucht zu berichten. Während Charlie und Zoe einigermaßen gut mit der Situation zurechtkommen, steigert sich Billy jedoch immer mehr in Schuldgefühle. Er nimmt Kontakt zu der jungen und attraktiven Witwe des Unfallopfers auf und führt mit ihr ein Interview. Es stellt sich heraus, das der Mann kein unbeschriebenes Blatt war, er zählte zu den gefährlichsten und einflussreichsten Kriminellen Edinburghs. Ein Umstand, der Billys Situation einerseits noch wesentlich mehr verschlimmert, andererseits ist diese Information für die Presse auch ein gefundenes Fressen. Billy landet deshalb mit seiner Kurzreportage über die Witwe einen Volltreffer auf der ersten Seite des »Evening Standard«. Dennoch nimmt sein Albtraum kein Ende. Er versucht immer wieder sein schlechtes Gewissen zu betäuben, und ein Drogenexzess folgt dem nächsten …

Hit & Run ist absolut für Thriller-Fans geeignet. Doug Johnstone hat den Dreh raus, einen Spannungsbogen durch kurze knuffige Sätze und einfallsreiche Nebenhandlungsstränge aufzubauen. Die Figuren in Hit & Run sind durchweg griffig, markant und sehr plastisch vorstellbar. Genau das scheint Doug Johnstones Markenzeichen zu sein.

Einen Schwachpunkt gibt es allerdings doch: die Handlungslogik bleibt manchmal auf der Strecke. Die körperlichen Anstrengungen Billys, besonders nach seiner Gehirnoperation, und sein permanentes Einwerfen von Medikamenten und Drogen, wirken ab einem bestimmten Augenblick komplett überzogen und sind unrealistisch. Dafür wird aber der Leser mit dem besonderen Schreibstil des Autors und einer kongenialen Übersetzung durch Liselotte Prugger belohnt. Gewarnt sei aber nicht nur allein vor einer unkontrollierten Einnahme von Psychopillen, sondern auch vor dem Genuss von Rote-Beete-Schnaps. Wie auch immer dieses Zeugs schmecken soll, es kann nur eklig sein. Allein schon der Gedanke an ein solches Gesöff genügt….Brrrrrr.