Hemmungslos: Kriminalroman von Hugo Bettauer

WERBUNG: 174 Seiten – Verlag: Milena Verlag – Preis: 0,00 EURO (Kindle Edition)

Manchmal sollten wir als Leser verlorengegangene literarische Perlen einfach vom Meeresgrund des Vergessens aufspüren und heben. Eine solche wiederentdeckte Perle möchte ich heute vorstellen. Es ist ein politisch visionärer Gesellschaftsroman des inzwischen fast völlig vergessenen Autors Hugo Bettauer. Ein Werk, das im Gewand eines Kriminalromans daherkommt, ein gestochen scharfes Sittenbild der 1920er Jahre präsentiert und sich gleichzeitig mit brandaktuellen ethischen Fragen nach Schuld und Sühne in Krisenzeiten auseinandersetzt.

Mit Hemmungslos gelang es Hugo Bettauer in grellen Bildern und mitunter überzeichneten Klischees die massiven, gesellschaftlichen Umwälzungen nach Ende des Ersten Weltkriegs genauestens darzustellen. Mit dem Ende des Weltkrieges ging auch das Ende der Monarchie einher. Alle bisherigen Regeln, die alten Verbindungen, die früheren Verhältnisse und auch die Privilegien des Adels gab es plötzlich nicht mehr. Desillusioniert und völlig verarmt kehrt Koloman von Isbaregg aus dem verlorenen Weltkrieg nach Wien zurück und findet sich in der gesellschaftlichen Neuordnung nicht mehr zurecht: Weder seine adelige Herkunft noch seine militärischen Verdienste, die er für die untergegangene Monarchie Österreich-Ungarn erworben hatte, sind plötzlich keinen Heller mehr wert. Sein Stand ist verwirkt, sein Geldbeutel ist leer und er hungert. Isbareggs einziges Kapital sind seine gute Bildung und sein attraktives Äußeres, mithilfe derer er die vornehme Wiener Gesellschaft bald hemmungslos täuschen wird, um auf deren Kosten ein einigermaßen standesgemäßes Leben führen zu können.

Aus dem Ertrag seines ersten Taschendiebstahls leistet er sich nicht nur eine ausgiebige Mahlzeit sondern sichert sich auch für eine kurze Zeit wieder einen gehobenen Lebensstandard, genauso einen, von dem er überzeugt ist, ihn sich verdient zu haben – womit er den Diebstahl für sich selbst als notwendige und damit gerechte Tat rechtfertigen kann.

Betrug, Raub und sogar Mord gehören bald darauf zum Alltag des moralisch heruntergekommenen Freiherrn, der trotz aller Zwiespältigkeit und vorsätzlicher Rohheit dennoch immer wieder, wenn auch nur für kurze Momente, einen letzten Funken sozialen Gewissens besitzt und anderen in Not geratenen ehemaligen Kameraden hilft.

War aber der erste Diebstahl noch eine günstige Gelegenheit, die sich ihm zufällig darbot, so geht Kolo nun nach einem sorgfältig und detailliert ausgearbeiteten Plan vor. Er, der stattliche Mann von adeliger Herkunft, der ehemalige Offizier der k.u.k. Armee versteht es die Damen zu beeindrucken und wird zu einem umschwärmten Mittelpunkt der Gesellschaft. Er findet so sehr Gefallen an diesem quasi wiedergewonnenen Lebensstil, dass er schon bald darüber nachdenkt, womit er seine rasant schwindenden Geldmittel erneut wieder aufstocken kann. Sehr gelegen kommt ihm dabei der Umstand, dass ein Gast in der Pension, die er selbst bewohnt, ein bekannter Kriegsgewinnler ist, der viele Millionen aus zwiespältigen Spekulationsgeschäften zusammengerafft und aus kriminellen Steuerhinterziehungsvergehen gezogen hatte. Ein Millionär also, einer – und das ist zu Kolos eigener Rechtfertigung wichtig – der auf Kosten anderer ein gutes Leben führt. Einer, dem er ohne schlechtes Gewissen alles nehmen konnte: sein Vermögen und sein Leben.

Koloman Freiherr von  Isbaregg ist ein Beispiel für das Schicksal für jene, die nach dem Ende der alten Ordnung für sich keine Basis in dieser neuen Welt gefunden hatten. Er lebt in einer Umgebung, in der wir uns problemlos einen noch unbekannten Adolf Hitler als erfolglosen Postkartenmaler gut vorstellen können. In dieser Zeit werden zukünftige Ungeheuer geboren. Andere sind schwer vom Schicksal gebeutelt, so auch Kolo. Vor dem Krieg war er ein erfolgreicher Ingenieur, dann ein treuer Offizier des Kaisers und jetzt ohne Beschäftigung, ohne Einkommen, ohne Perspektive. Seine Welt der 1920er Jahre ist schwer gezeichnet vom Aufeinandertreffen unterschiedlicher Gesellschaftsentwürfe, von feministischem Aufbegehren versus erzkonservativer Rollenklischees und einem zutiefst wienerischen Antisemitismus. In seinen destruktiven Beziehungen zu Frauen spiegelt sich die ganze Zerrissenheit Isbareggs wider, Sieger über die Moral bleibt aber seine Gier nach Status und Reichtum. Verwirrende Verhältnisse und unsichere Zeiten. Ein wenig Klarheit über diese verwirrenden Zustände konnte da nur einer wie Hugo Bettauer schaffen. Bettauer betrachtete mit scharfem Blick die Menschen und das Leben seiner Zeit, und er schuf literarische und journalistische Werke, die uns über diese zerrissene Welt berichten. Wie eine Zeitkapsel, die uns heute ein Bild der Vergangenheit beschreibt, ist Hemmungslos gleichzeitig Roman und Zeitdokument.

Am Ende des Buches stellt sich dem Leser die Frage: Ist Koloman von Isbaregg ein gewöhnlicher Krimineller oder ist er selbst ein Opfer. Zum einen verkörpert er den damaligen Zeitgeist und die unsicheren Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg, zum anderen wird deutlich, wie sehr Ordnung und rechtschaffenes Verhalten abhängig sind von den jeweils herrschenden Verhältnissen, die die jeweiligen Sicht- und Handlungsweise eines Menschen stark beeinflussen können. In diesem Zusammenhang hat sich bis heute nicht viel geändert. Recht wird von denen gemacht, die die Macht dazu haben.

„Im Krieg ist vieles erlaubt, was uns hier und heute unvorstellbar erscheint: Das Zerstören fremden Eigentums. Die Tötung von Feinden. Die Opferung der eigenen Zivilbevölkerung, wenn es denn nicht anders geht. Die Tötung fremder Zivilbevölkerung, unter bestimmten Umständen. Im Krieg darf man entführte Flugzeuge abschießen, auch wenn unschuldige Geiseln darin sitzen. Man darf vorsätzlich Menschen töten, um größeren Schaden zu verhindern. Man darf die feindlichen Kombattanten von hinten erschießen, im Schlaf töten, in Hinterhalte locken. Man darf sich auch einmal irren. Man wird auch dann zum Brigadegeneral befördert, wenn man aus Versehenen – shit happens! – hundert afghanische Bauern in die Luft gesprengt hat, die Benzin klauen wollten, in der tragischen Annahme, es handle sich um hundert Feinde.“ (Thomas Fischer in DIE ZEIT/13.01.2015)

Die Werke Hugo Bettauers sind definitiv eine Wiederentdeckung – seine Bücher sind in einem Atemzug mit den Werken seiner bekannten Zeitgenossen Werfel, Roth oder Zweig zu nennen. Warum Bettauer heute nahezu vollständig in Vergessenheit geraten ist, ist nur schwer erklärbar.

Auf Grund seines „Entdeckungsjournalismus“ und seines Eintritts für sexuelle Aufklärung und Freizügigkeit geriet er als Autor und Journalist immer wieder in den Fokus von öffentlichen Diskussionen. Seine Gegner versuchten ihn als „Asphaltliteraten“ zu disqualifizieren. (Wikipedia) „Nach einer wochenlangen Medienkampagne gegen ihn schoss der Zahntechniker Otto Rothstock am 10. März 1925 Bettauer in seiner Redaktion in der Langen Gasse 5-7 in Wien nieder. Bettauer wurde dabei schwer verletzt und mit sechs Schüssen in Brust und Armen ins Krankenhaus eingeliefert. Am 26. März starb er im Alter von 52 Jahren an den Folgen des Attentats. Noch während er im Krankenhaus lag, kam es im Wiener Gemeinderat zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Über die Motive des Attentäters wurde lange gerätselt. Dieser behauptete, er habe ein Fanal gegen die angebliche Sittenlosigkeit eines Autors setzen wollen, der mit seinen sexuell freizügigen Schriften berühmt geworden sei. Fakt ist, dass Rothstock vor dem Anschlag Mitglied der NSDAP war, wieder austrat und nach der Tat von NS-nahen Anwälten und Freunden unterstützt wurde. Das Gericht veranlasste die Einweisung des Attentäters in eine psychiatrische Klinik, die er nach 18 Monaten Ende Mai 1927 als freier Mann verließ.“

Hugo Bettauer erwies sich in seinem Roman Hemmungslos auch als Prophet, der kommende Ereignisse beschrieb, von denen wir heute wissen, dass sie eintrafen, die aber damals, als dieses Buch entstand, noch in ferner Zukunft lagen. Ein sehr spannendes und ein sehr wichtiges Buch!

Die Erzählungen des Dr. John H. Watson: Short Mystery Stories von Sir Arthur Conan Doyle – 1. Band

WERBUNG: 175 Seiten – Verlag: ebuchedition words & music – Preis: 2,99 EURO

Um sein Medizinstudium zu finanzieren, begann Arthur Conan Doyle mit der Schriftstellerei. Seine erste Holmes/Watson-Geschichte »A Study in Scarlet« hatte er bereits im Jahr 1887 veröffentlicht. Dies war der Beginn der berühmten Freundschaft zwischen den beiden Protagonisten, und für Conan Doyle war es der Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn. Bereits zwei Jahre zuvor wurde ihm der Doktortitel verliehen und er eröffnete daraufhin eine eigene Praxis in Southsea/Portsmouth. Diese brachte ihm allerdings nicht genügend Patienten ein, und so stand ihm ausreichend Zeit zur Verfügung, um weiterhin seinen schriftstellerischen Neigungen nachzugehen. Selbstverständlich versuchte er an seinen ersten großen Erfolg mit dem Gespann Holmes/Watson anzuknüpfen. Es ist also relativ naheliegend, das Doyle als praktischer Arzt und Mediziner mit der fiktiven Figur des Doktor Watson sein Alter Ego erschuf. Aber als literarisches Vorbild für den Haupthelden Sherlock Holmes lag ebenso eine ganz reale Persönlichkeit aus dem direkten Umfeld des Autors zugrunde. Den ersten Sammelband »Die Abenteuer des Sherlock Holmes« widmete Doyle dem schon damals berühmten Mediziner Joseph Bell. Dieser Mann war ein schottischer Chirurg, Kinder- und Militärarzt. Er gilt heute als Pionier der Forensik. Dr. Bell soll seine Patienten damit erstaunt haben, dass er bereits erste Diagnosen erstellte, noch bevor seine Patienten ihm ihr Anliegen schilderten. Er betrachtete und beobachtete seine Mitmenschen so genau und zog daraus seine Schlüsse, wie wir es auch vom Meisterdetektiv Holmes her kennen. Im Mai 1892 schrieb Doyle an Bell: „Sherlock Holmes habe ich ganz eindeutig Ihnen zu verdanken.“

Sir Arthur Conan Doyle entführt uns ins atmosphärische London um 1900. Vom Regen glänzendes Kopfsteinpflaster im Dämmerlicht. Pferdegetrappel von vorüberfahrenden Kutschen hallt durch die Gassen. In der Nacht zwielichtige Beleuchtung durch die viktorianischen Straßenlaternen. Das London dieser Zeit verbreitet eine ganz besondere Stimmung, die eine nahezu perfekte Phantasiekulisse für spannende Kriminalgeschichten bildet. Doktor Watson ist stets der wichtige Freund und ständige Begleiter an der Seite des Detektives, aber zugleich auch sein Chronist und damit der eigentliche Geschichtenerzähler. Er schreibt alle Fälle auf, welche Sherlock Holmes mit einem unglaublichen Scharfsinn analysiert und schließlich löst. Die Kriminalgeschichten sind absolut kurzweilig und auch heute noch sehr lesenswert. Dass es so viele Kurzgeschichten gibt, liegt daran, dass sie ursprünglich in Zeitungen in Folgen veröffentlicht wurden.

Ich bin selbst ein sehr großer Fan von Sir Arthur Conan Doyle und besitze auch schon seit vielen Jahren eine Gesamtausgabe seiner Bücher, da ich jedoch die Kurzgeschichten auch sehr gern für unterwegs griffbereit haben wollte, kam mir diese E-Book-Ausgabe gerade wie gerufen. Auch für Neueinsteiger, die noch nicht genau wissen, ob sie Gefallen an den klassischen Kriminalgeschichten finden werden oder nicht, empfehle ich diese Ausgabe für einen sehr guten Leseeinstieg, denn es gibt noch einen zweiten ganz wesentlichen Punkt, der mich sehr positiv überrascht hat.

Die Neuübersetzung aus dem (inzwischen sehr angestaubten) Alt-Englischen der Originalausgabe ist tadellos gelungen.

Es flattern ja durch das Internet unzählige alte und ebenso verstaubte Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche, denen man dies in Wortwahl und Rechtschreibung deutlich anmerkt. Man kann dies vielleicht als Leser mit einem humoristischen Augenzwinkern zur Kenntnis nehmen, aber ein wirklicher Lesegenuss wird sich wahrscheinlich nicht einstellen. In dieser Neuübersetzung und liebevollen wie auch kenntnisreichen Bearbeitung ist jedoch nichts von dem verloren gegangen, welches auch dem Originaltext innewohnt. Vom Schreibstil her ist dieses Buch daher anspruchsvoller zu lesen, als etwa die deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1930 der Franckh’sche Verlagshandlung, die dieser Ausgabe inhaltlich zugrunde liegt.

Wenn man jedenfalls irgendwann anfängt Sherlock Holmes zu lesen, ist es für den optimalen Genuss wichtig, möglichst von vorn zu beginnen und anschließend die richtige Reihenfolge einzuhalten. Demnächst erscheint der 2. Band dieser Reihe mit weiteren Kriminalgeschichten, die dann auch auf die zuvor veröffentlichten Holmes/Watson-Abenteuer aufbauen.

Sir Arthur Conan Doyles Protagonisten Sherlock Holmes und Doktor Watson wurden durch seine Werke zu unsterblichen Figuren, die auch heute noch von vielen Krimilesern in aller Welt gelesen werden. Die Geschichten sind sehr unterhaltsam und begeistern schon seit Generationen. Etwas frischer Wind kann deshalb durchaus nützlich sein, das diese Lesetradition nicht abreist, sondern auch an nachwachsende Generationen weitergebenen wird.

Meine Empfehlung: Diese Lektüre ist ideal geeignet, in der dunklen Jahreszeit mit einer Tasse Earl Grey auf der Couch zu genießen.

Tränentod: Thriller von Catherine Shepherd

WERBUNG: – 338 Seiten – Verlag: Kafel Verlag – Preis: (Der Aktionspreis kann sich ändern) 0,99 Euro

Dieses Buch liest sich sehr anstrengend, obwohl der Schreibstil der Autorin absolut geschmeidig ist; aber leider mangelt es allgemein an Erfindungs- bzw. Einfallsreichtum, an unvorhersehbaren Wendungen, am verruchten Charme, den nun mal ein gut geschriebener Thriller auszeichnen sollte. Aber davon ist kaum etwas zu spüren. Die Handlung (und damit auch der Leser) schleppen sich von Kapitel zu Kapitel nur mühsam voran. Echte Spannung will nicht wirklich aufkommen. Das ist sehr bedauerlich, denn die Grundidee des Buches ist eigentlich eine spannende Sache.

Nach dem ich bisher drei erschienene Bände aus dieser Reihe gelesen habe, war ich bereits schon nach dem 6. Band reichlich ermüdet und daher enttäuscht. Immerhin habe ich mich durch den niedrigen Einstiegspreis nochmals hinreißen lassen, ein weiteres Buch aus der Reihe zu erwerben und zu lesen. Im 7. Band gibt es wieder eine Mordserie, welche auf einer gemeinsamen Geschichte aus dem Mittelalter und unserer Gegenwart beruht. Auch treffen wir wieder auf Bastian und Anna. Der Wechsel zwischen den Handlungssträngen – Vergangenheit und Gegenwart – sorgt dafür, dass die ohnehin schon sehr flauschige Spannung immer wieder ausgebremst wird. Der Autorin gelingt es nicht wirklich, sich in der altertümlichen Sprache adäquat zu bewegen, so wie sie vor 500 Jahren gesprochen wurde. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Protagonisten im tiefsten Mittelalter denken und benehmen sich so lächerlich wie verkleidete Provinzschauspieler, die eine altertümliche Szene nachstellen sollen, sich aber in dieser Materie überhaupt nicht auskennen. Beim Lesen kommt zwangsläufig die Erinnerung an eine missglückte Historienverfilmung auf, in deren Handlung eine weit zurückliegende Epoche dargestellt werden sollte, die aber  das damalige Zeitkolorit weit verfehlte, da die Dialoge und die Denkungsart der Figuren nicht stimmig waren. Auch in diesem Buch sieht alles nach Schema F aus: Das Mittelalter ist finster, die Männer sind triebhaft und trinken Met, die Frauen sind treu und ergeben, und alle sind sie abergläubig. Ich denke an die Bestsellerverfilmung von „Die Wanderhure“, in der kein Klischee ausgespart blieb. Natürlich darf in diesem Schmöker nicht die Gier nach Gold und der Alchemismus fehlen – ach Gottchen, daraus kann nur ungewollte Komik entstehen. Die Figuren wirken nicht echt, auch wenn ihnen altertümliche Namen gegeben wurden. Und ein junger Mann, der im Örtchen Zons vor 500 Jahren den Vorläufertyp eines heutigen Kriminalkommissars abgeben soll, ist eigentlich bereits schon eine wahrhaft komische Figur.

Auch in den Kapiteln, die in unserer Gegenwart handeln, ist mir aufgefallen, dass die Kenntnisse der Autorin über das derzeitige duale Ausbildungssystem im Allgemeinen und über die Berufsausbildung zum Chemikanten im Speziellen nur ungenügend vorhanden sind. Auszubildende Chemikanten benötigen höchstens einen Hauptschulabschluss oder die mittlere Reife. Im Buch werden diese Personen allerdings so dargestellt, als wären sie Teilnehmer eines hochkomplizierten und komplexen Spezialstudiengangs.

Als Leser gewinnt man zwangsläufig den Eindruck, dass dieses Buch unter großem Zeitdruck produziert wurde. Es ist eindeutig für Serienjunkies bestimmt; für eine Fan-Base, die dringend am Lesefuttertrog festgehalten werden soll, bevor sie sich in alle Winde zerstreut. Immerhin sieht man sich ja als Erfolgsautor/in in der permanenten Pflicht, regelmäßig für ausreichenden Nachschub zu sorgen. Für Freunde von Historienschinken mag das Buch ja geeignet sein, nicht aber für Liebhaber gepflegten Thrills. Und über das Thema Lobotomie mag ich mich hier gar nicht erst äußern. Als ich dann noch diese Sätze las: „Die Schlinge um ihren Hals zog sich qualvoll zusammen. Vor ihren Pupillen tanzten grelle Blitze. Unwillkürlich schnappte sie (gemeint ist Elfriede – der Rezensent) nach Luft. Vergeblich, ihr Kehlkopf drückte sich nach innen. Sie konnte spüren, wie das Leben binnen weniger Herzschläge aus ihr wich.“ stellte sich in mir automatisch die Frage, ob das schon der Gipfel des Spannungsrepertoires des gesamten Thrillers gewesen sei. – Er war es tatsächlich!

Um der ganzen Angelegenheit doch noch einen positiven Ausklang zu geben, soll nicht unerwähnt bleiben, dass der ganze Text ausgezeichnet lektoriert wurde. Endlich mal ein Buch nahezu ohne Fehler. Das kommt wahrlich selten vor! Auch das Titelbild wurde sehr ansprechend gestaltet.

Der Meister und Margarita: Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman von Michail Bulgakow

51xmbosi-kl__sy493_bo1204203200_

WERBUNG: Hörspiel, 10 CDs, Laufzeit: 11 h 32 – Verlag: Der Hörverlag – Preis: 29,99 Euro

 

 

Dies ist keine Rezension im eigentlichen Sinne, sondern einfach nur mein ganz persönlicher Begeisterungs-ausbruch über diese mehr als gelungene Literaturadaption, die in der Hörspielgeschichte ihresgleichen suchen dürfte. Ganz großes Hör-Kino!

Worum geht´s?

Im Moskau der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist der Teufel los: Ein gewisser Voland (Jürgen Holtz), Professor für Schwarze Magie, gibt zusammen mit seinen drei merkwürdigen Vasallen einige Vorstellungen in einem Varietétheater. Dabei stellt er die Moskauer Gesellschaft der stalinistischen Ära gründlich auf den Kopf, er foppt, blamiert und schädigt alle. Er treibt die Nomenklatura in den Wahnsinn und bringt nebenbei die halbe Stadt ins Gefängnis. An den Patriarchen-Teichen verliert ein Schriftsteller im wahrsten Sinne seinen Kopf, ein anderer verliert seinen Verstand. Nur zwei entgehen dem Chaos: der verzweifelte Schriftsteller, der sich „Meister“ nennt (Thomas Thieme) und seine Geliebte Margarita (Bärbel Röhl). Das Varietétheater erlebt unterdessen seine Jahrhundertvorstellung mit Voland. Viele Damen finden sich urplötzlich halb nackt auf den Moskauer Straßen wieder und alle schimpfen über verschwundene Geldscheine. Alles endet in den Flammen, während der „Meister“ seinem Schüler im Irrenhaus die Geschichte seines Buches über Pontius Pilatus erzählt. Diese Parallelgeschichte, sozusagen das „Buch im Buch“, wird in die Inszenierung geschickt eingeflochten. Es ist die philosophisch tiefgründige Geschichte über den grausamen Prokurator von Judäa Pontius Pilatus und die Tage rund um die Verhaftung und Verurteilung des Jesu von Nazareth. Von der Verurteilung bis hin zur Kreuzigung Jesu zeigt es einen leidenden, gequälten, zutiefst zerrütteten Prokurator (Jürgen Thormann); sie berichtet auch, wie er sich verzweifelt zu rechtfertigen sucht und sich dabei selbst belügt.

Es gibt aber noch eine dritte Erzählebene, die Verbindung zu Goethes Faust. Alle diese drei Ebenen eröffnen ein reiches Feld an Deutungen. Vieles davon bedarf historischer Kenntnisse, beispielsweise über die Stalin-Ära der 30er Jahre, auch über Religionsgeschichte (die biblische Passionsgeschichte), und natürlich verlangt es auch literarisches Hintergrundwissen, z.B. über Gogol und Dostojewski. Bulgakows Art der Satire erinnert teilweise an Gogol. Die Charaktere sind mitunter sehr markant gezeichnet, die ebenso Dostojewski als literarisches Vorbild erkennen lassen. Seine grotesken Darstellungen des Alltagslebens tragen oftmals fantastische oder absurde Züge. Stark und manchmal düster, voller Allegorien und bissiger Ironie, mitunter verwirrend, dann wieder komisch, immer jedoch reich an Bildern. Diese Art Gesellschaftskritik zu üben, hat in der russischen Literatur eine lange Tradition. Die hier inszenierte, eng ans Original angelehnte Hörspielversion, bringt dem Zuhörer das Werk auf sehr unmittelbare Weise nahe. Die Geschichte strotzt nur so vor religiösen und politischen Anspielungen, dass einem manchmal ganz schwindelig wird. Die fabelhafte Verzahnung der Ebenen erzeugt Spannung, Ironie und Witz. Alles in allem zeigt sich das Werk auch in dieser Hörspielfassung als teuflisches Meisterwerk der russischen Avantgardeliteratur. Die vielschichtige Interpretation des Satans und seiner Vasallen (hierbei ganz besonders des Katers: Hermann Beyer), ebenso wie die des Pilatus und des Apostels Matthäus (Martin Reinke) ist dennoch nicht einfach zu verstehen. Dass das Werk in der Stalin-Ära nur in Teilauszügen erhältlich war und zensierte Passagen ausschließlich im Samisdat kursierten, ist allerdings nachvollziehbar. Der damalige sowjetische Staats- und Kulturbetrieb wird gnadenlos bloßgestellt. Aber die Reichweite des Werks geht weit über den inzwischen untergegangenen kommunistischen Staat hinaus. Die angeprangerte Kleinbürgerlichkeit und die Borniertheit ihre Epigonen begleiten uns heute noch und haben nichts von ihrer Bedeutung verloren.

Es ist ein Hörbuch, das man sich unbedingt mehrfach anhören sollte, um jedes Detail besser verstehen zu können. Als Hörspielinszenierung bereitet es konzentriertes und zugleich faszinierendes Vergnügen. Wie bereits das Lesen des Romans, so eignet sich auch das Hörspiel nicht fürs Nebenbei anhören. Zeiten, Orte, Ebenen, Figuren und auch Spielszenen wechseln in rascher Folge. Dass ist keine leichte Kost, ganz sicher aber mit die beste, die es zu hören gibt. Wenn jemals eine Top-Ten-Liste der besten Hörbuchproduktionen erstellt werden sollte, die jeder im Leben zumindest einmal angehört haben sollte, dann wäre Der Meister und Margarita auf jeden Fall darauf zu finden.

Der Regisseurin Petra Meyenburg gebührt höchstes Lob für die Hörspielbearbeitung dieses Romans. Der Zugang zu Bulgakows phantastisch-komischem Werk, ist durch ihre Texteinrichtung und Regieführung um ein Vielfaches einfacher geworden.

Auf 10 CDs und knapp 700 Minuten Spieldauer gelangt der Hörer in den Genuss eines der wichtigsten russischen Romane des 20. Jahrhunderts. Allerdings gibt es doch einen kleinen Wermutstropfen: Einige Orts- und Namensbezeichnungen wurden von den Sprechern falsch betont. Die Regisseurin hätte sich vor den Aufnahmen bei einem russischen Native Speaker nach der korrekten Aussprache erkundigen müssen.

Für die Hörspielmusik, die jedes Kapitel einleitet, zeichnete Uwe Hilprecht verantwortlich. Seine Musik und die Hintergrundgeräusche passen sich ebenfalls sehr gut der Handlung und den Charakteren an. Durch die Einfügung seiner unaufdringlichen und gekonnten Kompositionen bleibt den Sprechern genügend Freiraum, die unterschiedlichen Facetten ihrer jeweiligen Charaktere gekonnt herauszuarbeiten. Es wurde wohltuend sparsam mit Geräusch umgegangen, umso mehr mit Musik und viel Feingefühl für Ironie, Komik und Wirkung auf die Darstellung der einzelnen Charaktere arrangiert.

(per)

Hörspiel mit Jürgen Hentsch als Erzähler, Thomas Thieme als Meister, Jürgen Holtz als Voland, Jürgen Thormann als Pontius Pilatus, Gert Haucke als Kaiphas, Daniel Minetti als Besdomny, Wolfgang Jakob als Berlioz, Dieter Mann als Afranius und Winfried Glatzeder als Jeschua, u. v. a.

Regie: Petra Meyenburg

Produktion: Mitteldeutscher Rundfunk 1998

(10 CDs, Laufzeit: 11 h 32)