Hemmungslos: Kriminalroman von Hugo Bettauer

WERBUNG: 174 Seiten – Verlag: Milena Verlag – Preis: 0,00 EURO (Kindle Edition)

Manchmal sollten wir als Leser verlorengegangene literarische Perlen einfach vom Meeresgrund des Vergessens aufspüren und heben. Eine solche wiederentdeckte Perle möchte ich heute vorstellen. Es ist ein politisch visionärer Gesellschaftsroman des inzwischen fast völlig vergessenen Autors Hugo Bettauer. Ein Werk, das im Gewand eines Kriminalromans daherkommt, ein gestochen scharfes Sittenbild der 1920er Jahre präsentiert und sich gleichzeitig mit brandaktuellen ethischen Fragen nach Schuld und Sühne in Krisenzeiten auseinandersetzt.

Mit Hemmungslos gelang es Hugo Bettauer in grellen Bildern und mitunter überzeichneten Klischees die massiven, gesellschaftlichen Umwälzungen nach Ende des Ersten Weltkriegs genauestens darzustellen. Mit dem Ende des Weltkrieges ging auch das Ende der Monarchie einher. Alle bisherigen Regeln, die alten Verbindungen, die früheren Verhältnisse und auch die Privilegien des Adels gab es plötzlich nicht mehr. Desillusioniert und völlig verarmt kehrt Koloman von Isbaregg aus dem verlorenen Weltkrieg nach Wien zurück und findet sich in der gesellschaftlichen Neuordnung nicht mehr zurecht: Weder seine adelige Herkunft noch seine militärischen Verdienste, die er für die untergegangene Monarchie Österreich-Ungarn erworben hatte, sind plötzlich keinen Heller mehr wert. Sein Stand ist verwirkt, sein Geldbeutel ist leer und er hungert. Isbareggs einziges Kapital sind seine gute Bildung und sein attraktives Äußeres, mithilfe derer er die vornehme Wiener Gesellschaft bald hemmungslos täuschen wird, um auf deren Kosten ein einigermaßen standesgemäßes Leben führen zu können.

Aus dem Ertrag seines ersten Taschendiebstahls leistet er sich nicht nur eine ausgiebige Mahlzeit sondern sichert sich auch für eine kurze Zeit wieder einen gehobenen Lebensstandard, genauso einen, von dem er überzeugt ist, ihn sich verdient zu haben – womit er den Diebstahl für sich selbst als notwendige und damit gerechte Tat rechtfertigen kann.

Betrug, Raub und sogar Mord gehören bald darauf zum Alltag des moralisch heruntergekommenen Freiherrn, der trotz aller Zwiespältigkeit und vorsätzlicher Rohheit dennoch immer wieder, wenn auch nur für kurze Momente, einen letzten Funken sozialen Gewissens besitzt und anderen in Not geratenen ehemaligen Kameraden hilft.

War aber der erste Diebstahl noch eine günstige Gelegenheit, die sich ihm zufällig darbot, so geht Kolo nun nach einem sorgfältig und detailliert ausgearbeiteten Plan vor. Er, der stattliche Mann von adeliger Herkunft, der ehemalige Offizier der k.u.k. Armee versteht es die Damen zu beeindrucken und wird zu einem umschwärmten Mittelpunkt der Gesellschaft. Er findet so sehr Gefallen an diesem quasi wiedergewonnenen Lebensstil, dass er schon bald darüber nachdenkt, womit er seine rasant schwindenden Geldmittel erneut wieder aufstocken kann. Sehr gelegen kommt ihm dabei der Umstand, dass ein Gast in der Pension, die er selbst bewohnt, ein bekannter Kriegsgewinnler ist, der viele Millionen aus zwiespältigen Spekulationsgeschäften zusammengerafft und aus kriminellen Steuerhinterziehungsvergehen gezogen hatte. Ein Millionär also, einer – und das ist zu Kolos eigener Rechtfertigung wichtig – der auf Kosten anderer ein gutes Leben führt. Einer, dem er ohne schlechtes Gewissen alles nehmen konnte: sein Vermögen und sein Leben.

Koloman Freiherr von  Isbaregg ist ein Beispiel für das Schicksal für jene, die nach dem Ende der alten Ordnung für sich keine Basis in dieser neuen Welt gefunden hatten. Er lebt in einer Umgebung, in der wir uns problemlos einen noch unbekannten Adolf Hitler als erfolglosen Postkartenmaler gut vorstellen können. In dieser Zeit werden zukünftige Ungeheuer geboren. Andere sind schwer vom Schicksal gebeutelt, so auch Kolo. Vor dem Krieg war er ein erfolgreicher Ingenieur, dann ein treuer Offizier des Kaisers und jetzt ohne Beschäftigung, ohne Einkommen, ohne Perspektive. Seine Welt der 1920er Jahre ist schwer gezeichnet vom Aufeinandertreffen unterschiedlicher Gesellschaftsentwürfe, von feministischem Aufbegehren versus erzkonservativer Rollenklischees und einem zutiefst wienerischen Antisemitismus. In seinen destruktiven Beziehungen zu Frauen spiegelt sich die ganze Zerrissenheit Isbareggs wider, Sieger über die Moral bleibt aber seine Gier nach Status und Reichtum. Verwirrende Verhältnisse und unsichere Zeiten. Ein wenig Klarheit über diese verwirrenden Zustände konnte da nur einer wie Hugo Bettauer schaffen. Bettauer betrachtete mit scharfem Blick die Menschen und das Leben seiner Zeit, und er schuf literarische und journalistische Werke, die uns über diese zerrissene Welt berichten. Wie eine Zeitkapsel, die uns heute ein Bild der Vergangenheit beschreibt, ist Hemmungslos gleichzeitig Roman und Zeitdokument.

Am Ende des Buches stellt sich dem Leser die Frage: Ist Koloman von Isbaregg ein gewöhnlicher Krimineller oder ist er selbst ein Opfer. Zum einen verkörpert er den damaligen Zeitgeist und die unsicheren Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg, zum anderen wird deutlich, wie sehr Ordnung und rechtschaffenes Verhalten abhängig sind von den jeweils herrschenden Verhältnissen, die die jeweiligen Sicht- und Handlungsweise eines Menschen stark beeinflussen können. In diesem Zusammenhang hat sich bis heute nicht viel geändert. Recht wird von denen gemacht, die die Macht dazu haben.

„Im Krieg ist vieles erlaubt, was uns hier und heute unvorstellbar erscheint: Das Zerstören fremden Eigentums. Die Tötung von Feinden. Die Opferung der eigenen Zivilbevölkerung, wenn es denn nicht anders geht. Die Tötung fremder Zivilbevölkerung, unter bestimmten Umständen. Im Krieg darf man entführte Flugzeuge abschießen, auch wenn unschuldige Geiseln darin sitzen. Man darf vorsätzlich Menschen töten, um größeren Schaden zu verhindern. Man darf die feindlichen Kombattanten von hinten erschießen, im Schlaf töten, in Hinterhalte locken. Man darf sich auch einmal irren. Man wird auch dann zum Brigadegeneral befördert, wenn man aus Versehenen – shit happens! – hundert afghanische Bauern in die Luft gesprengt hat, die Benzin klauen wollten, in der tragischen Annahme, es handle sich um hundert Feinde.“ (Thomas Fischer in DIE ZEIT/13.01.2015)

Die Werke Hugo Bettauers sind definitiv eine Wiederentdeckung – seine Bücher sind in einem Atemzug mit den Werken seiner bekannten Zeitgenossen Werfel, Roth oder Zweig zu nennen. Warum Bettauer heute nahezu vollständig in Vergessenheit geraten ist, ist nur schwer erklärbar.

Auf Grund seines „Entdeckungsjournalismus“ und seines Eintritts für sexuelle Aufklärung und Freizügigkeit geriet er als Autor und Journalist immer wieder in den Fokus von öffentlichen Diskussionen. Seine Gegner versuchten ihn als „Asphaltliteraten“ zu disqualifizieren. (Wikipedia) „Nach einer wochenlangen Medienkampagne gegen ihn schoss der Zahntechniker Otto Rothstock am 10. März 1925 Bettauer in seiner Redaktion in der Langen Gasse 5-7 in Wien nieder. Bettauer wurde dabei schwer verletzt und mit sechs Schüssen in Brust und Armen ins Krankenhaus eingeliefert. Am 26. März starb er im Alter von 52 Jahren an den Folgen des Attentats. Noch während er im Krankenhaus lag, kam es im Wiener Gemeinderat zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Über die Motive des Attentäters wurde lange gerätselt. Dieser behauptete, er habe ein Fanal gegen die angebliche Sittenlosigkeit eines Autors setzen wollen, der mit seinen sexuell freizügigen Schriften berühmt geworden sei. Fakt ist, dass Rothstock vor dem Anschlag Mitglied der NSDAP war, wieder austrat und nach der Tat von NS-nahen Anwälten und Freunden unterstützt wurde. Das Gericht veranlasste die Einweisung des Attentäters in eine psychiatrische Klinik, die er nach 18 Monaten Ende Mai 1927 als freier Mann verließ.“

Hugo Bettauer erwies sich in seinem Roman Hemmungslos auch als Prophet, der kommende Ereignisse beschrieb, von denen wir heute wissen, dass sie eintrafen, die aber damals, als dieses Buch entstand, noch in ferner Zukunft lagen. Ein sehr spannendes und ein sehr wichtiges Buch!

Nordwest Bestial (Ein Fall für Kommissar Rieken / Band 2): Oldenburgkrimi von Lene Levi

WERBUNG: 387 Seiten – Verlag: ebuchedition words & music – Preis: 4,99 EURO

Südoldenburg ist flach, die Wiesen feucht und die Dörfer gepflegt. Aber hinter den unauffälligen Hausfassaden verbergen sich erst die eigentlichen Wahrzeichen der Region: langgezogene Stallbaracken mit winzigen Fensteröffnungen und Belüftungskaminen. Die Menschen hier gelten als bodenständig, katholisch und geschäftstüchtig. Durch Massentierhaltung haben es einige von ihnen zu beachtlichem Reichtum gebracht. Nirgendwo sonst sind die Fleischproduzenten so unumschränkte Herrscher über Wasser, Boden und Luft wie hier. Im Oldenburger Münsterland scheint die Welt noch in Ordnung, bis sich eines Tages herausstellt, das Geld doch stinkt!

An einem regnerischen Dezembertag kommt es zu einem Zwischenfall. Ein niederländisches Agrarunternehmerehepaar wird tot in einem mit Jauche gefüllten Whirlpool aufgefunden. Dies ruft den Oldenburger Kriminalhauptkommissar Robert Rieken auf den Plan. Die Ermittler stoßen am Tatort auf Indizien, die auf einen möglichen Rachemord hindeuten. Möglicherweise steckt hinter dieser grausamen Tat eine militante Tierbefreiungsorganisation. Dennoch trifft Kommissar Rieken bei seinen weiteren Ermittlungen in Südoldenburg auf eine Mauer des Schweigens. Selbst der Chef des Vechtaer Polizeikommissariats zeigt dem Kollegen aus der Diaspora zunächst die kalte Schulter, bis kurz darauf auch ein katholischer Offizialatsrat von mutmaßlichen Tierrechtsaktivisten bedroht wird. Nicht nur ein heftiger Wintersturm drängt die Polizisten zur Eile, sondern bald auch der nächste bestialisch ausgeführte Mord. Nordwest Bestial ist der zweite Fall des Oldenburger Kriminalisten-Teams um Robert Rieken, Jan Onken und der Rechtsmedizinerin Dr. Lin Quan. Der erste Band dieser Reihe Tödlicher Nordwestwind avancierte schnell nach seinem Erscheinen zum Bestseller und wurde von vielen LeserInnen mit positiven Rezensionen bewertet.

Nun habe ich mir die Fortsetzung dieser Reihe gegönnt. Der Kriminalroman fängt eher harmlos an, aber mit der Zeit entwickelt sich ein verwobenes Netz, in dem einerseits immer mehr Personen in den Fall involviert werden und dennoch überraschende Wendungen die Spannung von Seite zu Seite steigern.

Angesprochen hat mich besonders die Handlung vor einem politischen und auch gesellschaftlichen Hintergrund, der sehr real ist. Gewürzt mit einigen seltsamen Figuren, ohne die ein solcher mörderischer Krimi natürlich nicht auskommt. Gewalt in heftiger und sehr brutaler Form wird ausgeübt – einmal, zweimal, und noch ein drittes Mal wird es versucht und fast vollendet. Psychopathische und gleichzeitig hochintelligente Mörder sind da am Werk – die Motive bleiben natürlich zunächst im Dunkeln. Natürlich gibt es falsche Fährten, bevor Kommissar Robert Rieken und die Beobachtungsgabe des einen oder anderen Kollegen helfen, das Puzzle der Realität nach und nach zusammenzusetzen. Das ganze endet, wie man es bei einem handfesten Krimi erwarten sollte, in einem furiosen Finale und mit der überraschenden Erkenntnis, wer die wirklichen Täter sind. Und was sich da noch für Hintergründe bei dem einen oder anderen Opfer noch so auftun. Nicht alles ist so, wie es anfangs schien.

Lene Levi hat das Zeug, mit diesen Romanen zu einer „Marke“ zu werden, schrieb ein Rezensent. Ich jedenfalls werde auch an ihren Krimis dran bleiben. Dieses Buch wäre eigentlich auch mal eine spannende Filmgrundlage und durchaus für einen typischen Nordwestkrimi geeignet!

Gespräch mit der Autorin Lene Levi

Der Lärm der Zeit: Roman von Julian Barnes

Werbung: – Seiten: 256 – Verlag: eBook by Kiepenheuer&Witsch – Preis: 16,99 Euro

Zwei Jahre nach der Uraufführung von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, besuchte Stalin am 16. Januar 1936 eine Aufführung der Oper im Bolschoi-Theater. Stalin saß, hinter einem Vorhang verborgen, in der Regierungsloge, rechts über dem Orchestergraben. Die Loge war mit Stahlplatten abgeschirmt, um mögliche Attentate zu verhindern. Die verstärkten Blechbläser trompeteten ihm also direkt in die Ohren. Schostakowitsch, der ebenfalls anwesend war, beklagte sich später, das „Schaschliktemperament“ sei mit dem ungarischen Dirigenten durchgegangen, und das Orchester habe viel zu viel des Guten gegeben, besonders im Zwischenspiel am Ende des ersten Aktes. Es wird berichtet, dass sich der Diktator während der Vorstellung wortlos erhob und das Theater verließ, ohne Schostakowitsch in seiner Loge empfangen zu haben. Diese Reaktion kam im damaligen Klima der permanenten Angst davor, beim Diktator in Ungnade zu fallen, fast einer Hinrichtung gleich. „Das ist albernes Zeug, keine Musik“, sagte damals Stalin zu einem der anwesenden Musikkorrespondenten.

„Er (gemeint ist Schostakowitsch) erinnerte sich an ein Freiluftkonzert in einem Park von Charkow. Bei seiner Ersten Symphonie hatten sämtliche Hunde der Nachbarschaft zu bellen begonnen. Die Leute lachten, das Orchester spielte lauter, die Hunde kläfften nur noch mehr, das Publikum lachte nur noch mehr. Jetzt brachte seine Musik weitaus größere Hunde zum Bellen. Die Geschichte wiederholte sich: erst als Farce, dann als Tragödie.“ (Seite 59)

Dieser kleine Absatz umreißt in nur wenigen Sätzen die ganze Situation, in der sich der Komponist Schostakowitsch damals befand, nachdem ein Zeitungsartikel der „Prawda“, dem Zentralorgan des ZK der KPdSU, sein ganzes bisheriges Kunst- und Lebenskonzept, quasi über Nacht, aus den Angeln gehoben hatte. Am 28. Januar brachte die Zeitung einen wahrscheinlich von Stalin selbst verfassten, nicht signierten (das heißt, von der Partei abgesegneten) Artikel unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ über die Oper heraus, in dem das Werk als Ausdruck „linksradikaler Zügellosigkeit“ und „kleinbürgerlichen Neuerertums“ gegeißelt und mit dem „Formalismus“-Vorwurf verdammt wurde. Dies war aufgrund der Signalwirkung katastrophal. Alle Aufführungen wurden landesweit gestoppt. Schostakowitsch galt ab sofort als persona non grata, was einem Ende seiner Karriere gleichkam.

Das schwierige Verhältnis des Komponisten zum stalinistischen Machtapparat beginnt daher im Buch gleich mit einer Hetzjagd. Voller Angst wartet er ab sofort jede Nacht vor seiner Wohnung im Treppenhaus auf seine Verhaftung durch Stalins Geheimpolizei. Bei jedem Geräusch des in Gang gesetzten Aufzugs gerät er fast in Panik. Doch die befürchtete Verhaftung bleibt aus. Menschlich zwar gedemütigt versucht er dennoch durch linientreue Auftragswerke seine Karriere und damit seine Existenz zu retten.

Zeitweilig komponierte Schostakowitsch ganz subtil in der Tonart der Angst. Depressionen und Zerrüttung bleiben nicht aus. So vergehen einige Jahre. Und plötzlich wird ihm von Stalin persönlich der Auftrag erteilt, die UdSSR beim Kultur- und Wissenschaftskongress in New York zu vertreten. Als Gegenleistung wird das Verbot, seine Stücke zu spielen, aufgehoben, und Dimitri Schostakowitsch beginnt, sich und seine Ideale zu verraten, um endlich wieder künstlerisch arbeiten zu können. Angst und Unterdrückung werden ebenso deutlich thematisiert, wie auch Scham und Demütigung die er empfindet, als er verpflichtet wird, auf dem internationalen Friedenskongress in New York, eine mit propagandistischen Parolen vorgefertigte Rede zu halten, in dem er den von ihm überaus bewunderten und verehrten Kollegen Strawinsky kritisieren muss.

In der dritten Erinnerungsphase des Buches nimmt scheinbar die unmittelbare Lebensgefahr ab. Schostakowitsch versucht sich nun irgendwie zu arrangieren und wird schließlich vereinnahmt, wird zum Opportunisten. Er muss in die Partei eintreten und wird Sekretär des Komponisten Verbandes. Dennoch: Die moralische Verstrickung und Vereinnahmung, seine Scham und das permanente Gefühl versagt zu haben, werden immer größer.

Ist dieses Buch überhaupt ein Roman im klassischen Sinn?

Man kann dieses Werk als fiktionale Biographie, aber auch als ein Beispiel aus der Kulturgeschichte der Sowjetzeit, sogar als Psychokrimi oder auch als Essay lesen. Genaugenommen ist Der Lärm der Zeit eine Erzählung, in der kein unmittelbarer Handlungsstrang existiert: Die ganze Handlung findet in Schostakowitschs Kopf statt. Es sind Reflexionen während dreier großer Krisen, die durch längere Textpassagen so dargestellt sind, dass sie zwischen Erinnerungen und Gegenwart hin und her pendeln. Das zentrale Thema von Der Lärm der Zeit ist sicher der künstlerische Kompromiss, um den Dimitri Schostakowitsch unter der Herrschaft des Schreckens kämpfen musste und der tiefe Narben in seiner Seele hinterließ. Wer denkt heute noch an die Tyrannei eines Despoten namens Stalin, der seine Freunde und Feinde erzittern ließ ob seiner Grausamkeit und paranoiden „Säuberungen“, mit denen er Mitte der dreißiger Jahre seinen Machtanspruch sichern wollte? Auch heute noch finden in einigen Ländern solche vergleichbaren „Säuberungen“ statt. Massenverhaftungen, Repressionen und Hinrichtungen am Fließband. Dass alles wird in Julian Barnes Buch deutlich nachspürbar und in vielfacher Sichtweise genau nacherzählt. So ist dieses Buch nicht nur die Biographie einer ausgesprochen widersprüchlichen Persönlichkeit, sondern es beschreibt auch sehr eindrücklich den fortgesetzten Alptraum künstlerischen Schaffens in einer kommunistischen Diktatur, in der Kunst ausschließlich dafür da war, dem Wirken der Partei zu huldigen und das „glückliche Leben“ der Arbeiter und Bauern zu glorifizieren. Barnes gelingt es meisterhaft, die Zustände in einem Land abzubilden, in dem Musik keine Kunst sein durfte, sondern – wie die Arbeit eines Ingenieurs – speziellen Regeln und Planvorgaben zu folgen hatte. Was nicht exakt den musikalischen Propaganda-Vorstellungen entsprach, die von der Parteiführung dem Volk verordnen wurde, das „quäkte“ eben, das „grunzte“, oder es „knurrte“ – und wurde deshalb vom Machtapparat verfemt und schließlich verboten. Jeder Künstler durfte in dieser prekären Situation nichts anderes sein als ein Rädchen im System, das seine Aufgabe genauso zu erfüllen hatte, wie es auch ein Proletarier am Fließband nach Planvorgaben erledigen musste. Dabei hätte Schostakowitsch durchaus vor diesen Zuständen fliehen können, aber er tat es nicht. Auf die Frage, warum er nicht ins Ausland ging, gibt der Roman keine eindeutige Antwort. Es heißt lediglich auf Seite 173: Ihn selbst hatte ein Leben im Ausland nie gelockt. Er war ein russischer Komponist, der in Russland lebte. Etwas anderes wollte er sich gar nicht vorstellen.

Barnes gibt in seinem Werk keinerlei moralische Wertung ab, er erzählt nur – und das auf sehr hohen Niveau. Der Inhalt wiegt tonnenschwer und konfrontiert den Leser mit Erfahrungen, die kaum jemanden wirklich zu vermitteln sind, der nicht selbst in einer Diktatur aufgewachsen ist und darin leben musste. Es ist nur ein schmales Buch von 240 Seiten. Darüber hinaus gibt es eine sechs Stunden lange (ungekürzte) Hörbuchfassung, die von dem routinierten Frank Arnold eingelesen wurde. Ich empfehle allen Leser gleichzeitig auch die musikalischen Werke Dimitri Schostakowitschs neben der Lektüre des Buches bzw. des Hörbuches anzuhören. Mein CD-Tipp: Jazz Suites Nos. 1 and 2 (Russian State Symphony Orchestra unter Leitung von Dimitry Yablonsky)

4 3 2 1: Roman von Paul Auster

Werbung: 1259 Seiten – Verlag: Rowohlt – Preis: 26,99 Euro (Kindle Edition)

Um es gleich vorweg zu sagen. Ich lese grundsätzlich alle Romane von der ersten bis zur letzten Seite, Zeile für Zeile, ganz gleich, ob sie mich fesseln oder langweilen. Die letzten vergangenen Tage (und besonders die Nächte) gehörten mit zu den unterhaltsamsten Leseperioden, an die ich mich mit großem Vergnügen zurückerinnern werde. Paul Auster hat mit seinem neuen Buch 4 3 2 1 für eine wahrhaft funktionierende und fesselnde Zeitreisemaschine gesorgt, die es dem Leser nur sehr schwer möglich macht, den 1259-Seiten-Wälzer pausenbedingt oder überhaupt aus der Hand zu legen. Normalerweise lasse ich mich eher selten von aufgeblasenen Marketingmaßnahmen oder von Werbekampagnen hinreisen. Parolen wie: „Das Buch meines Lebens“, „Paul Austers Opus magnum“ oder „So viel Auster war noch nie!“ empfinde ich eigentlich als nur lächerlich, aber in diesem Fall berühren sie tatsächlich den Kern der Tatsachen. Ich habe mich diesmal also von den Trommelwirbeln und dem Werbegetöse mitreisen lassen und kaufte mir (quasi als neuhinzugewonnener Auster-Leser), das neue Werk des Autors. Paul Auster zählt mit zu den bekanntesten amerikanische Bestsellerautoren. Nun legt er in Gestalt eines Rätselspiels sein bisher umfangreichstes Werk und Opus magnum vor: die vierfach unterschiedlich erzählte Geschichte eines jungen Amerikaners namens Archibald Ferguson in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Aber das Buch ist auch die Geschichte von Austers Alter Ego Archie Ferguson im New York der sechziger und siebziger Jahre. Viermal Archie Ferguson also: alle vier Figuren sind intelligente, lebensfrohe junge Männer, alle entwickeln sie großen Ehrgeiz zu schreiben, sind dabei gleichermaßen erfolgreich, wenn auch in ganz unterschiedlichen Genres und Richtungen. Die vier Fergusons leben nicht im luftleeren Raum. Dieser Roman ist ein schillerndes Werk voll mit Politik, Zeitgeschichte, Liebe, Leidenschaft und dem Spiel mit dem Zufall. Wie aber der Autor dieses von Schicksalen geprägte Leben erzählt, mal konventionell chronologisch, dann wieder sachlich, kalkuliert und doch raffiniert konstruiert, ist ganz große Schriftstellerei. Paul Auster stellt eine Frage, die wahrscheinlich sehr viele bewegt. Ist das Leben, das wir führen das einzig mögliche?

Wirklichkeit ist nicht nur das, was geschieht, sondern ebenso was nicht geschieht. Je älter ich werde, desto mehr bin ich davon überzeugt. Paul Auster

Der Autor hat eine auktoriale Erzählperspektive für seine vier Helden gewählt. Die zentrale Idee des Romans, die vier Leben von Archie Ferguson zu beschreiben, ist ein brillanter Einfall. Doch erst am Ende versteht man auch die Pointe, die sich hinter den vier Zahlen des Titels verbirgt. Der Blick geht zurück auf den Koreakrieg, auf die Berliner Mauer, die Kubakrise, das Massaker von Birmingham, Alabama, die Bürgerrechtsbewegung, unvermeidlich dann Vietnam, Kambodscha, das dramatische Jahr 1968 mit den Morden an Martin Luther King und Robert Kennedy. Sogar die rollenden Sowjetpanzer in Prag und die Besetzung der Columbia University tauchen auf. Der Roman blickt immer zurück, auf die Zeitepochen des Flower Power, auf die Woodstock-Generation oder auf Andy Warhols Factory. Es ist ein stets vergangenes US-Amerika, dessen Idealbild bis heute gut funktioniert.

Ursprünglich war ein anderer Romantitel geplant. Das Buch trug während der Jahre seiner Entstehung zunächst den Arbeitstitel: „Ferguson“. Aber durch die anti-rassistischen Unruhen nach den Todesschüssen auf einen 18-jährigen afroamerikanischen Schüler am 9. August 2014 in Ferguson, Missouri, konnte das Romanepos nicht mehr „Ferguson“ heißen:

Dieser Name wird für lange Zeit in Amerikas Geschichte eingehen. Paul Auster

Und heute? Die deprimierenden Geschichtsereignisse scheinen einfach nicht abzureißen. Erschüttert von der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten haben Paul Auster und seine Frau Siri Hustvedt erste Konsequenzen gezogen. Es sei das Gebot der Stunde, so der Autor, für Bürger- und Menschenrechte auf die Straße zu gehen, Widerstand zu leisten. Trumps Botschaft „Make America Great Again“ sei nichts anderes als ein „Make America White Again“. Seit der Präsidentschaftswahl hat sich der Tonfall in Austers politischen Statements noch weiter verschärft: „Wenn es so weitergeht, werden die USA zerfallen, ein zerbrochenes, gescheitertes Land sein, und das Experiment der ‹Vereinigten Staaten› ist am Ende … Es geht jetzt vor allem um Wachsamkeit und die Mobilisierung jedes Einzelnen, sonst leben wir bald in einer Diktatur.“ (Die Welt v. 28.1.17)

Als eine erste persönliche Konsequenz wird sich der Autor als Präsident der amerikanischen PEN-Sektion bewerben. Allerdings genießen amerikanische Schriftsteller und ihre PEN-Sektion in der US-Öffentlichkeit nicht annähernd einen vergleichbar hohen Stellenwert wie ihre Kollegen in Deutschland. Aber Paul Auster und Siri Hustvedt, sowie etliche weitere Künstler haben schon jetzt sehr viel mehr Mut bewiesen, als ihre europäischen Kollegen. Sie stellen sich einer absolut unberechenbaren und damit höchst gefährlichen Macht entgegen, die ohne weiteres in der Lage wäre, Existenzgrundlagen nach belieben zu zerstören. Diese Courage sollten sich viele der europäischen Schriftsteller und Künstler zu Eigen machen. Auch hier in Europa stehen wir unmittelbar vor einem drohenden politischen Umbruch, der vielleicht sogar unsere bisherige Demokratie in seinen Grundfesten gefährden wird.

Schon deshalb gebe ich diesem Buch meine absolute Kaufempfehlung. Solche Bestseller haben einen enorm großen Seltenheitswert …

Eine kleine Audio-Zugabe: Paul Auster liest aus dem Eröffnungskapitel seines Romans 4321. Wie aus Isaac Reznikoff Ichabold Ferguson wurde:

 

Die Aussortierten: Kriminalroman von Udo Brandes

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WERBUNG: Seiten: 154 – Verlag: Kindle Edition – Preis: 1,99 Euro

Der Autor Udo Brandes ist Politologe, er lebt und arbeitet in Oldenburg. Nach eigener Aussage wurde er zu diesem Roman durch reale Vorfälle in seiner Heimatstadt inspiriert. Sein Erstlingswerk Die Aussortierten ist eine spannende Mischung aus Unterhaltungsroman, kriminalsoziologischer Studie und Gesellschaftskritik. Parallelen zu unserer Gegenwart sind deutlich erkennbar. Der Roman liest sich gut und die Protagonisten wirken glaubwürdig. Was sich in der niedersächsischen Provinzstadt zuträgt, erinnert nicht selten an aktuelle Ereignisse.

Eine Gruppe maskierter Personen (Die Aussortierten), überfällt aus politisch motivierten Gründen Edelrestaurants. Die ungebetenen Eindringlinge bilden sozusagen „Bedarfsgemeinschaften“ mit den anwesenden Gästen. Dabei bedienen sie sich von den Speisen der Restaurantgäste und schnappen ihnen die besten Bissen vor deren Nasen weg. Mit diesen Aktionen beabsichtigen sie gegen Hartz-4 und andere Zwangsmaßnahmen zu protestieren. Dann aber werden die Aussortierten plötzlich brutaler und begehen zunächst ohne ersichtlichen Grund echte Überfälle. Sie rauben die Gäste aus. Das Geschehen eskaliert eines Tages, als ein zufällig anwesender Polizist unter den Gästen niedergeschossen wird. Das ruft die Mordkommission auf den Plan. Der leitende Kommissar Dr. Ulrich de Wall ist promovierter Soziologe und hadert selbst mit der Gesellschaft. Er ist ein analytischer Beobachter und glaubt inzwischen daran, dass die demokratische Grundordnung, wie er sie wahrnimmt, längst nicht mehr so funktioniert, wie sie eigentlich ursprünglich gedacht war. Er sieht, dass Sozialstaat und Gesellschaft, denen er zu dienen hat, inzwischen zu einer Farce verkommen sind. Für den Ermittler de Wall bleibt die Tat der Aussortierten allerdings nicht das einzige Rätsel. Er fragt sich auch, warum sein Vorgesetzter scheinbar kein Interesse daran hat, das in diesem Fall ernsthaft ermittelt wird.

Der Autor versucht das Gefühl des Unbehagens inmitten unserer Gesellschaft zu beschreiben. Die Kluft zwischen den regierenden Politikern und den Menschen, die sie (oder auch nicht) gewählt haben, nimmt deutlich zu. Dennoch gelingt es Udo Brandes nur teilweise, die soziale Schieflage ganzer Bevölkerungsschichten in unserer Gesellschaft zu beschreiben. Wer deshalb einen gesellschaftkritischen Krimi in Reinkultur erwartet, wird sicherlich enttäuscht werden. Aber vielleicht lag das auch gar nicht in der Absicht des Verfassers. Für meinen Geschmack hätten einige der sozialkritischen Ansätze wesentlich subtiler formuliert werden können. Stellenweise wirkt das Buch viel zu sehr belehrend. Dies ist aber, wie gesagt, meine ganz subjektive Meinung. Amüsiert hat mich die Behauptung, in Oldenburg würden Gourmettempel oder Edelrestaurants existieren. Ich kenne tatsächlich kein einziges Speiselokal in und um Oldenburg, auf dem so eine Klassifizierung wirklich zutreffen könnte. Aber dies sei nur am Rande erwähnt. Ärgerlich empfand ich allerdings die vielen Rechtschreib- und Kommafehler, die schlichtweg auf mangelndes Korrekturlesen zurückzuführen sind. Ich empfehle dem Autor deshalb das Buch nochmals einer professionellen Überprüfung zu unterziehen.

Ich kann Die Aussortierten (mit kleinen Abstrichen, die hier bereits schon genannt wurden) dennoch mit gutem Gewissen weiterempfehlen. Eine solche Geschichte um lokale Verhältnisse könnte auch in jeder anderen deutschen Stadt spielen. Verfilzungen zwischen Kommunalpolitikern und Honoratioren, Korruption und Vetternwirtschaft, die Einflussnahme durch Privilegierte auf politische Entscheidungsträger, darin bildet Oldenburg sicherlich keine Ausnahme. Udo Brandes hat dieses brisante Thema teilweise messerscharf analysiert und zugleich spannend in Romanform verpackt. Dies macht sein Buch zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis.

Stieg Larsson lebt! Entfremdung I: (Die Legende lebt 3) von Didier Desmerveilles

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WERBUNG: Seiten: 155 – Verlag: DIEBMA – Preis: 3,80 Euro

Didier Desmerveilles, früher am Genfer See zu Hause, jetzt in aller Welt, sieht sich selbst als „Konrad Kujau der deutschen Unterhaltungs­literatur“. Er ist mehrsprachiger Globetrotter, „Final Destination“-Lyriker und bekennender Independent-Autor. Desmerveilles hat sich aber auch als Romancier und Journalist einen Namen gemacht. Er verneigte sich mit Heinz Erhardt lebt! und Enid Blyton lebt! bereits vor zwei seiner literarischen Vorbilder. Mit dieser 2-teiligen Stieg-Larsson-Hommage setzt er nun diese Reihe fort.

Selten bin ich mit solch hoher Erwartungshaltung an ein Buch herangegangen, wie in diesem Fall, wussten doch die beiden Vorgängerbände in nahezu allen Belangen zu überzeugen. Allerdings eine Hommage an Stieg Larsson zu kreieren, das kam mir dann doch ziemlich gewagt vor…

Dies waren jedenfalls meine leisen Bedenken, als ich den Klappentext von Entfremdung I las. Immerhin leben alle Figuren in Stieg Larsson-Romanen hauptsächlich von ihren faszinierenden Charakteren. Eine unangepasste Protagonistin wie Lisbeth Salander und einen in seiner Klarheit und Akribie kaum zu übertreffenden Mikael Blomqvist; diese beiden exzentrischen Figuren wird man als Leser im breitflächig aufgestellten Angebot der aktuellen Kriminalliteratur kaum ein zweites Mal entdecken können, dabei genießen gerade diese beiden Romanfiguren trotz ihrer manchmal widersprüchlichen Eigenschaften die volle Sympathie der Leser. Und überhaupt, wer nach intelligenten und zugleich sozialkritischen Krimis sucht, wird ohnehin nur noch selten fündig. Nur ein Dilettant würde es also wagen, diese beiden markanten Charaktere zu kopieren.

Die Lektüre von Entfremdung I versprach also im wahrsten Sinne des Wortes doppelt spannend zu werden.

Jedem Leser sei dennoch vorab ein Rückblick auf die Entstehungsgeschichte dieses Buches empfohlen, die Didier Desmerveilles seinem Werk selbst vorangestellt hat:

Im Mai 1998 äußerte Stieg Larsson seinem Kollegen Henrik Kristiansson gegenüber die Idee für ein Buch, in dem er ein traumatisches Erlebnis aus seiner Jugend verarbeiten wollte. Die beiden Journalisten saßen in Stockholm bei einem Bier zusammen und spannen gemeinsam die Fäden für einen komplexen 2-teiligen Roman, dessen Kern das von Larsson selbst erlebte Verbrechen bilden sollte. 2004 verstarb Larsson, ohne dass aus der Idee für den Roman mehr geworden wäre. Auch Aufzeichnungen gab es keine.

Auf einer Germanisten-Fachtagung im italienischen Bozen 2013 traf Kristiansson im Anschluss an eine Autorenlesung den in deutscher Sprache schreibenden Westschweizer Independent-Autor Didier Desmerveilles, der ihm von seiner Hommage-Reihe »Die Legende lebt« erzählte, die sich damals noch im Planungsstadium befand. Desmerveilles zeigte sich von der Plot-Idee zu »Die Pyramide, die in sich zusammenfiel« sofort angetan und versprach ein Exposee zu verfassen, das er Kristiansson im Dezember 2013 vorlegte.

Im Frühjahr 2016 war der erste Teil des Romans nach mehreren umfangreichen Korrekturdurchgängen druckfertig. Mit Blick auf die komplizierte Rechtelage und die Streitigkeiten um den Nachlass von Stieg Larsson verzichtete Kristiansson darauf, sich mit seinem Projekt an Eva Gabrielsson oder den schwedischen Norstedts-Verlag, den Inhaber der internationalen Rechte am Werk Stieg Larssons, zu wenden, um es stattdessen als Indie-Produktion zunächst als E-Book zu vertreiben. Selbstverständlich wird Stieg Larsson auch nicht als Autor geführt. Auf Werbe- und Marketingmaßnahmen verzichteten Desmerveilles und Kristiansson, ebenso auf die Präsenz in sozialen Netzwerken. Das Buch sollte sich ausschließlich aufgrund seiner Handlung durchsetzen. »Auf diese Weise ehren wir das Andenken Stieg Larssons, der als überzeugter Sozialist kein Interesse an einer Kommerzialisierung und an globalen Vermarktungsstrategien hatte«, so Kristiansson. »Er wollte bloß Geschichten erzählen.« Kristiansson möchte auch selbst nicht mit dem Werk in Verbindung gebracht werden und verzichtete auf sämtliche Copyright-Ansprüche.

Der Autor hat die Handlung des Romans nicht in Schweden, sondern in Schleswig-Holstein angesiedelt. Er legt in seiner Larsson-Hommage den Schwerpunkt darauf, den Geist der Romane des schwedischen Erzählers einzufangen und die atmosphärische Dichte, die sein Werk auszeichnet, in einer völlig neuen Geschichte aufleben zu lassen.

Worum geht es in Entfremdung I: Ein Mann mit einem düsteren Geheimnis, eine unberechenbare Frau und ein lange zurückliegendes Verbrechen, das Schritt für Schritt ans Licht kommt – das sind die gut ausgewählten Zutaten dieses packenden Krimis… Klingt nach Stieg Larsson, ist aber nicht von ihm, beweist aber gleichwohl: Die Legende lebt!

Tim Rasmussen lebt zurückgezogen mit seinem Hund auf einem abgelegenen Anwesen am Rande des Nord-Ostsee-Kanals. Während eines seiner Streifzüge durch die nähere Umgebung kehrt sein Hund aus einem Waldstück mit einem ausgegrabenen Knochen im Maul zurück. Schnell stellt sich heraus, dass es sich dabei um einen menschlichen Knochen handelt. Bei der Suche nach der Fundstelle im Wald, stößt Tim auf weitere Teile einer skelettierten Hand. Er entdeckt auch einen verrotteten Schmuckanhänger, auf dessen Rückseite sich eine Gravur mit der Inschrift »Regina« befindet. Tim meldet diesen unheimlichen Fund jedoch nicht der Polizei, sondern versucht auf eigene Faust herauszufinden, was sich vor vielen Jahren an dieser Stelle zugetragen haben könnte. Bei seinen Nachforschungen stößt er auf den rätselhaften Fall der Abiturientin Regina Wilhelmsen, die 1987 unter mysteriösen Umständen verschwand. Bei seinen weiteren Recherchen lernt er die Schwester der Vermissten Charlotte Wilhelmsen kennen. Er und Charlotte entdecken bald darauf eine starke Zuneigung füreinander. Als sich in Reginas altem Tagebuch ein jahrelang übersehener Hinweis findet, dringt ein erster Lichtschimmer in die Dunkelheit dieses Falles. Doch da geschieht ein weiterer Mord. Tim wird jetzt klar, dass er dem Täter dichter auf den Fersen ist, als ihm lieb sein kann. In die Enge getrieben, setzt der geheimnisvolle Unbekannte bereits zu einem tödlichen Gegenangriff an.

Die Handlung ist spannend, allerdings geraten die beiden Protagonisten Tim und Charlotte zu oft in sinnsuchende, pseudophilosophische Dispute und Betrachtungen, die dann den Handlungsverlauf völlig unnötig für einige Seiten lahmlegen. Wer sich obendrein stilistische Stromschläge in Stieg Larsson-Manier erhofft, wird vermutlich bald enttäuscht aufgeben. Didier Desmerveilles war sich diesem schwierigen Unterfangen wohl von Anfang an bewusst. Er hat gar nicht erst versucht nachzubilden, sondern ein völlig autarkes Werk, und darüber hinaus, gänzlich andere Figuren geschaffen. Aber dennoch blieb in mir ein gewisser Rest an Skepsis bestehen. Denn wer sich dieser reißerischen Aufgabe stellt, im Stil eines Vorbildes zu schreiben, der muss sich immer auch am Original messen lassen. Entfremdung I braucht sich jedenfalls nicht zu verstecken. Der Krimi ist eine erfrischende Mixtur aus stimmungsvoller Kulisse und einem gut ausgewählten Figurenensemble. Auch die Story ist jenseits des üblichen Mainstreams angesiedelt. Mit großer Spannung erwarte ich die Auflösung des rätselhaften Falles im zweiten Teil.

(per)

Mörderischer Kaufrausch: (Kommissar Guntram Krimi-Reihe 1) Ostfrieslandkrimi von Moa Graven

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WERBUNG: Seiten: 133 – Verlag: cri.ki-Verlag – Preis: 2,99 Euro

Der Mord an einem Teenager in einem Einkaufszentrum von Leer führt viele Menschen mit großen Problemen zusammen, über die sie entweder nicht sprechen können oder auch nicht wollen. Das Thema selbst hätte das Zeug zu einem richtig großen Sozialdrama, aber es ist doch nur ein relativ harmloser Kleinstadtkrimi draus geworden. Das Erstlingswerk einer schreibwütigen Autorin, wie mir scheint.

Zum Inhalt: Kommissar Guntram ist mit seiner Ehefrau beim Mitternachtsshopping, als in einer der Umkleidekabinen des Ladens, in dem sich die beiden gerade zufällig befinden, die Leiche eines jungen Mädchens entdeckt wird. Die Ermittlungen (auch die Suche nach dem Motiv des Mörders) gestalten sich zunächst schwierig. Man durchlebt als Leser die Sorgen der kleinen Einzelhändler genauso mit, wie auch das Privatleben des Kommissars. Aber im Gegensatz zu den meisten anderen Regionalkrimiautorinnen, die ganz Ostfriesland in eine flächendeckende Krimilandschaft zupflastern – und dabei jedes – ich betone jedes Klischee bedienen, versucht diese Autorin mehr oder weniger unverbrauchte Charaktere in die Handlung einzuführen, die dem echten Leben relativ nah sind. Ein in die Jahre gekommener Kommissar, der nur noch aus Bequemlichkeit oder Routine mit seiner Ehefrau zusammenlebt, einige Teenager, die sich über Marken-Klamotten oder Smartphones definieren – und für die Shoppen die einzige befriedigende Freizeitbeschäftigung zu sein scheint, – eine vereinsamte alkoholkranke Frau, die bereits aufgegeben hat, und die Geschäftsleute, die in der Kleinstadt Leer um ihre Existenzgrundlage ringen, alle sie sind nur einige Figuren, denen wir in diesem Krimi begegnen.

Dennoch, die angedeutete Liebesgeschichte zwischen Kommissar Guntram und seiner Mitarbeiterin hätte eigentlich nicht sein müssen. Schon wieder ein Kommissar, dessen Eheleben kriselt. Ich kenne bestimmt schon zwanzig von dieser Sorte aus anderen Regionalkrimis. Was mich aber strukturell am Aufbau des Buches stört, ist die fehlende Einteilung in Kapitel oder zumindest in deutlich unterscheidbare Abschnitte. An einigen Stellen wechselt ein Schauplatz zum nächsten nahezu nahtlos. Die Autorin hat diese bereits an anderer Stelle geäußerte Kritik mit dem Hinweis auf ihr Erstlingswerk kommentiert. Dass mag zwar als Erklärung dienen, ist aber ihren Lesern gegenüber ziemlich flapsig.

Aber das sind leider nicht die einzigen Schwachstellen dieses Buches. Fehler finden sich fast auf jeder Seite – ob nun Namen immer wieder anders geschrieben werden oder einfach nur Satzzeichen fehlen, bzw. falsch gesetzt wurden, darüber lässt sich vielleicht noch streiten. Aber dass es im Buch an Space-Fehlern nur so wimmelt, das finde ich absolut indiskutabel. Ich möchte der Autorin dringend empfehlen, dieses Buch einem versierten Lektorat und Korrektorat anzuvertrauen, dann würden sicher auch noch die vielen anderen sprachlichen Schwächen beseitigt. Eine Neuüberarbeitung würde sich unbedingt lohnen, vor allem auch deshalb, weil man sich als Autorin ja einen guten Namen machen möchte. Erstleser, die ein nichtlektoriertes und nichtkorrigiertes Buch lesen, pfeifen auf den Hinweis, dass es sich hierbei um ein Erstlingswerk handelt. Sie werden wohl eher auf den Kauf zukünftiger Werke der Autorin verzichten.

Obwohl die hier aufgeführten Schwachstellen meine eigene Leselust schmälerten, habe ich dieses Buch dennoch als sehr interessante Lektüre empfunden.

Ich denke, Moa Graven hat versucht, sich mit diesem Buch in das Krimigenre einzuarbeiten – und ich bin gespannt, was da noch kommen wird. Ich wünsche der Autorin jedenfalls viel Erfolg.

(per)