Die verschleierte Gefahr: Die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn von Zana Ramadani

WERBUNG: 264 Seiten – Verlag: Europa Verlag – Preis: 18,90 Euro (Gebundene Ausgabe)

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, behauptet die Autorin Zana Ramadani. „Muslime gehören zu Deutschland – aber nur, wenn sie sich dieser Gesellschaft anpassen.“

Diese beiden Kernaussagen machen dieses Buch zu einem wichtigen Impulsgeber unserer heutigen Zeit. Und ganz im Sinne von diesen Aussagen liefert Zana Ramadani ihre Sicht auf jene Zustände, die ihr besonders wichtig erscheinen. Es sind erschütternde Einblicke in eine realexistierende Parallelgesellschaft, in deren Mitte wir zwar leben, die aber in unseren Medien fast nie thematisiert werden oder viel zu wenig Beachtung finden, obwohl diese Zustände unser Land schon seit Jahrzehnten spalten.

„Wenn ich heute von Heimat spreche, meine ich Deutschland. Dieses Land, das so anders war und ist als jenes, das wir damals verlassen hatten. Doch seit einigen Jahren holt mich diese verbohrte Beschränktheit, die ich dort erlebt hatte, wieder ein, mitten in Deutschland.“

Zana Ramadani beschreibt Zustände, die in Leitmedien aus Gründen von falsch verstandener „Political Correctness“ kaum Erwähnung finden. Sie berichtet über Fälle aus dem Alltag, erzählt über Erfahrungen, was die gelebten Werte in islamistisch geprägten Familien angeht, und findet sehr klare Worte, um dies alles anschaulich zu schildern. Das Buch ist allerdings mehr als ein Angriff gegen die muslimischen Mütter; es ist eine Abrechnung mit dem (konservativen) Islam. Es sind erschütternde Zustände, die die Leser kaum unberührt lassen können. Bei der Lektüre dieses Buches bemerkt man sehr schnell, dass das Thema der Autorin sehr nahegeht. Ihre anschauliche Beschreibung des Unbehagens, dass einen großen Teil der Bürger langsam beschleicht, sollte eigentlich für die verantwortlichen Politiker ein Alarmsignal sein. Dieses Buch sollte auch an Schulen zur Pflichtlektüre werden.

Die Autorin liefert zunächst die Bestandaufnahme der heutigen Situation, was die Verbreitung des Islams in Deutschland angeht: „In einer Studie stimmte fast die Hälfte von 1200 Zuwanderern aus der Türkei und ihre Nachkommen der Aussage zu, ‚die Befolgung der Gebote meiner Religion ist wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe.‘ Ein Drittel wünscht sich die Gesellschaftsordnung aus Mohammeds Zeiten zurück. 13 Prozent haben ein verfestigtes fundamentalistisches Weltbild.“ (Quelle: Detlef Pollack „Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland“, Münster 2016.) Auch zur Verhüllung der Frauen gibt es eine kurze Bestandsaufnahme und klare Worte. Die meisten Muslime in Deutschland sind geprägt von Werten, die nicht mit unserem Grundgesetz in Einklang zu bringen sind. Die Autorin sagt es unmissverständlich: „Deutsche Gender-Feministinnen meinen vielleicht, das Kopftuch als Symbol sei ein Schleier der Freiheit. Doch das Kopftuch ist das Leichentuch der freien Gesellschaft. Es ist ein »Fuck you!« gegenüber jeder freien unverschleierten Frau und gegenüber jedem Mann. Der Hijab ist eine verschleierte Lüge.“ Gleichzeitig wendet sich die Autorin ausdrücklich gegen die populistischen Positionen der islamkritischen AfD. Sie gibt stattdessen konstruktive Anregungen zum Umgang mit Flüchtlingen aus islamischen Ländern.

„Wir dürfen Flüchtlinge und Zuwanderer, die Hilfe und Schutz bei uns suchen, dazu verpflichten, unsere Angebote wahrzunehmen. Wir müssen es sogar, damit sie in unserer Welt überlebensfähig werden.“

Zana Ramadani, geb. 1984 in Skopje (Mazedonien) kam mit ihren Eltern als Siebenjährige nach Siegen. Nach Konflikten mit den muslimischen Werten der Familie flüchtete sie mit 18 Jahren in ein Frauenhaus. Nach einer Heirat (mit einem Deutschen) und Trennung erfolgte ein Umzug nach Hamburg, dann nach Berlin. Seit 2009 ist sie deutsche Staatsbürgerin. Sie wurde Rechtsanwaltsgehilfin und engagierte sich für Frauenrechte. Sie war Vorsitzende des Vereins Femen Germany e. V. und neben Irina Khanova, Hellen Langhorst und Klara Martens dessen Mitgründerin. Vor zwei Jahren verließ sie die Aktivistinnen im Streit. Seither ist sie im Einsatz für Menschen- und Frauenrechte, gepaart mit Islamkritik. Zahlreiche Talkshow-Auftritte, Reportagen und Dokumentarfilme, Vorträge und Workshops machten sie bekannt. Dabei übt sie auch immer wieder harsche Kritik an Muslimen, insbesondere wenn sie Situationen schildert, die mit den Werten unseres heutigen Lebens im Westen kaum zu vereinbaren sind, z.B. wenn es um die Rolle der Frauen und deren körperliche Züchtigung geht. Wenn man über die geschilderten Zustände in vielen der muslimisch geprägten Familien liest, trifft man oft auf das Thema Gewalt: Gewalt von Ehemännern zu ihren Frauen, von Ehefrauen zu ihren Töchtern. Dabei genießen die Söhne eine Sonderstellung. Es wird auch plausibel erklärt, warum das so ist. Der Stoff hat es in sich.

„Den Mittelalter-Islam oder den politischen Islam als kulturelle Eigenart zu verharmlosen ist falsch verstandene Toleranz oder Traumtänzer-Nostalgie. Wenn wir es nicht wagen, dem politischen Islam und der zunehmenden Radikalisierung entschlossen entgegenzutreten, weil wir Angst vor dem Vorwurf der Intoleranz oder des Rassismus haben, dann ist das Feigheit… Von dem französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus ist der Satz überliefert: ‚Wer die Dinge beim falschen Namen nennt, trägt zum Unglück der Welt bei.‘ Ich will dazu nicht beitragen.“

Es ist ein lautstarker Appell an unsere Gesellschaft, endlich aufzuwachen und gegen die Entwicklungen, die gegen die Errungenschaften der freiheitlichen Grundwerte stehen, effektiv und konsequent gegenzusteuern.

„Wir sind zu tolerant gegenüber Intoleranten. Wir sind zu nachsichtig mit denen, die unsere Art zu leben ablehnen.“

Für mich als Rezensent blieb am Ende des Buches nur eine Problematik unausgesprochen. Zana Ramadani ist CDU-Mitglied. Als Frauenrecht-Aktivistin erscheint mir dieser Umstand allerdings nur schwer mit ihren sonstigen radikalen Ansichten in Einklang zu bringen. Gerade diese Partei mit dem großen „C“ im Namen vermittelt mir eher ein ziemlich konservatives Frauen- und Gesellschaftsbild. Zana Ramadani passt aus meiner Sicht nicht so recht in eine Reihe mit Angela Merkel, Ursula von der Leyen oder Julia Klöckner. Wäre es nicht ebenso konsequent gewesen, etwa auch fundamentalistisch-christliche Erziehungsmuster (die es in unserem Bildungs- und Schulsystem noch immer gibt, beispielsweise in der Institution der Konfessionsschulen) gleich mit an den Pranger zu stellen? In Deutschland herrscht ein völlig diffuses Verständnis über das Christentum und die Bedeutung und den Einfluss des Christentums auf unsere Gesellschaft. Die beiden großen Konfessionen sind gewaltige und politisch einflussreiche Glaubenskonzerne, die die Lehren Jesu Christi ständig pervertieren. Mit sagenhafter Dreistigkeit hebeln beispielsweise immer wieder kirchliche Arbeitgeber Tarifverträge aus. Der Staat gesteht christlichen Kirchen immer wieder Sonderrechte zu. Wir als Steuerzahler finanzieren die Gehälter der Bischöfe und Religionslehrer und finanzieren auch den Religionsunterricht an unseren Schulen, dessen Ziel es ist, heranwachsende Kinder mit christlichen Glaubensinhalten zu indoktrinieren. Nichtgläubige werden dagegen oft genötigt, am Religionsunterricht teilzunehmen – nicht selten mit erheblichen Nachteilen für ihren Zensurendurchschnitt.

Zur wirklichen Chancen- und Rechtsgleichheit gehörte es, alle Religionen konsequent vom Staat zu trennen und auf ihre Plätze zu verweisen. Gerade jetzt und hier wären Enthüllungen und ein Umdenkungsprozess zu einer strikten Säkularisierung in Deutschland vonnöten.

4 3 2 1: Roman von Paul Auster

Werbung: 1259 Seiten – Verlag: Rowohlt – Preis: 26,99 Euro (Kindle Edition)

Um es gleich vorweg zu sagen. Ich lese grundsätzlich alle Romane von der ersten bis zur letzten Seite, Zeile für Zeile, ganz gleich, ob sie mich fesseln oder langweilen. Die letzten vergangenen Tage (und besonders die Nächte) gehörten mit zu den unterhaltsamsten Leseperioden, an die ich mich mit großem Vergnügen zurückerinnern werde. Paul Auster hat mit seinem neuen Buch 4 3 2 1 für eine wahrhaft funktionierende und fesselnde Zeitreisemaschine gesorgt, die es dem Leser nur sehr schwer möglich macht, den 1259-Seiten-Wälzer pausenbedingt oder überhaupt aus der Hand zu legen. Normalerweise lasse ich mich eher selten von aufgeblasenen Marketingmaßnahmen oder von Werbekampagnen hinreisen. Parolen wie: „Das Buch meines Lebens“, „Paul Austers Opus magnum“ oder „So viel Auster war noch nie!“ empfinde ich eigentlich als nur lächerlich, aber in diesem Fall berühren sie tatsächlich den Kern der Tatsachen. Ich habe mich diesmal also von den Trommelwirbeln und dem Werbegetöse mitreisen lassen und kaufte mir (quasi als neuhinzugewonnener Auster-Leser), das neue Werk des Autors. Paul Auster zählt mit zu den bekanntesten amerikanische Bestsellerautoren. Nun legt er in Gestalt eines Rätselspiels sein bisher umfangreichstes Werk und Opus magnum vor: die vierfach unterschiedlich erzählte Geschichte eines jungen Amerikaners namens Archibald Ferguson in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Aber das Buch ist auch die Geschichte von Austers Alter Ego Archie Ferguson im New York der sechziger und siebziger Jahre. Viermal Archie Ferguson also: alle vier Figuren sind intelligente, lebensfrohe junge Männer, alle entwickeln sie großen Ehrgeiz zu schreiben, sind dabei gleichermaßen erfolgreich, wenn auch in ganz unterschiedlichen Genres und Richtungen. Die vier Fergusons leben nicht im luftleeren Raum. Dieser Roman ist ein schillerndes Werk voll mit Politik, Zeitgeschichte, Liebe, Leidenschaft und dem Spiel mit dem Zufall. Wie aber der Autor dieses von Schicksalen geprägte Leben erzählt, mal konventionell chronologisch, dann wieder sachlich, kalkuliert und doch raffiniert konstruiert, ist ganz große Schriftstellerei. Paul Auster stellt eine Frage, die wahrscheinlich sehr viele bewegt. Ist das Leben, das wir führen das einzig mögliche?

Wirklichkeit ist nicht nur das, was geschieht, sondern ebenso was nicht geschieht. Je älter ich werde, desto mehr bin ich davon überzeugt. Paul Auster

Der Autor hat eine auktoriale Erzählperspektive für seine vier Helden gewählt. Die zentrale Idee des Romans, die vier Leben von Archie Ferguson zu beschreiben, ist ein brillanter Einfall. Doch erst am Ende versteht man auch die Pointe, die sich hinter den vier Zahlen des Titels verbirgt. Der Blick geht zurück auf den Koreakrieg, auf die Berliner Mauer, die Kubakrise, das Massaker von Birmingham, Alabama, die Bürgerrechtsbewegung, unvermeidlich dann Vietnam, Kambodscha, das dramatische Jahr 1968 mit den Morden an Martin Luther King und Robert Kennedy. Sogar die rollenden Sowjetpanzer in Prag und die Besetzung der Columbia University tauchen auf. Der Roman blickt immer zurück, auf die Zeitepochen des Flower Power, auf die Woodstock-Generation oder auf Andy Warhols Factory. Es ist ein stets vergangenes US-Amerika, dessen Idealbild bis heute gut funktioniert.

Ursprünglich war ein anderer Romantitel geplant. Das Buch trug während der Jahre seiner Entstehung zunächst den Arbeitstitel: „Ferguson“. Aber durch die anti-rassistischen Unruhen nach den Todesschüssen auf einen 18-jährigen afroamerikanischen Schüler am 9. August 2014 in Ferguson, Missouri, konnte das Romanepos nicht mehr „Ferguson“ heißen:

Dieser Name wird für lange Zeit in Amerikas Geschichte eingehen. Paul Auster

Und heute? Die deprimierenden Geschichtsereignisse scheinen einfach nicht abzureißen. Erschüttert von der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten haben Paul Auster und seine Frau Siri Hustvedt erste Konsequenzen gezogen. Es sei das Gebot der Stunde, so der Autor, für Bürger- und Menschenrechte auf die Straße zu gehen, Widerstand zu leisten. Trumps Botschaft „Make America Great Again“ sei nichts anderes als ein „Make America White Again“. Seit der Präsidentschaftswahl hat sich der Tonfall in Austers politischen Statements noch weiter verschärft: „Wenn es so weitergeht, werden die USA zerfallen, ein zerbrochenes, gescheitertes Land sein, und das Experiment der ‹Vereinigten Staaten› ist am Ende … Es geht jetzt vor allem um Wachsamkeit und die Mobilisierung jedes Einzelnen, sonst leben wir bald in einer Diktatur.“ (Die Welt v. 28.1.17)

Als eine erste persönliche Konsequenz wird sich der Autor als Präsident der amerikanischen PEN-Sektion bewerben. Allerdings genießen amerikanische Schriftsteller und ihre PEN-Sektion in der US-Öffentlichkeit nicht annähernd einen vergleichbar hohen Stellenwert wie ihre Kollegen in Deutschland. Aber Paul Auster und Siri Hustvedt, sowie etliche weitere Künstler haben schon jetzt sehr viel mehr Mut bewiesen, als ihre europäischen Kollegen. Sie stellen sich einer absolut unberechenbaren und damit höchst gefährlichen Macht entgegen, die ohne weiteres in der Lage wäre, Existenzgrundlagen nach belieben zu zerstören. Diese Courage sollten sich viele der europäischen Schriftsteller und Künstler zu Eigen machen. Auch hier in Europa stehen wir unmittelbar vor einem drohenden politischen Umbruch, der vielleicht sogar unsere bisherige Demokratie in seinen Grundfesten gefährden wird.

Schon deshalb gebe ich diesem Buch meine absolute Kaufempfehlung. Solche Bestseller haben einen enorm großen Seltenheitswert …

Eine kleine Audio-Zugabe: Paul Auster liest aus dem Eröffnungskapitel seines Romans 4321. Wie aus Isaac Reznikoff Ichabold Ferguson wurde:

 

Buchmarketing.direkt im Gespräch mit der Krimiautorin Lene Levi

Buchmarketing.direkt: Guten Tag Lene Levi, Sie verwenden dieses Pseudonym als Verfasserin einer Nordwest-Krimi-Reihe, die im Oldenburgischen und im benachbarten Ostfriesland aber auch in den Niederlanden und in England spielt. Gibt es einen triftigen Grund, sich hinter einem Pseudonym zu verstecken, wenn man Krimis schreibt?

Lene Levi: (lacht) Es gibt einige Gründe, warum ich mich für einen Tarnnamen entschieden habe. Einer der wichtigsten ist vielleicht das sogenannte Image und die damit verknüpfte Erwartungshaltung des Lesepublikums. Viele Autoren oder Schriftstellerinnen schreiben nur innerhalb eines bestimmten Genres, wodurch die Erwartungen der Leser an einen neuen Roman unter diesem Namen bereits in eine festgelegte Richtung gelenkt werden. Um als Autor oder Schriftstellerin dennoch erfolgreich in anderen Genres veröffentlichen zu können, nutzen daher viele Autoren oder Schriftstellerinnen Pseudonyme, um so zu verhindern, dass sie ihre Leser durch eine Veröffentlichung in einem für sie vielleicht unbeliebten Genre enttäuschen. Ein weiterer typischer Grund ist die Geschlechterdominanz in einigen Genres wie Fantasy-, Krimi- oder Liebes-Romanen. Um den Marktwert ihrer Veröffentlichungen zu steigern, entscheiden sich besonders Frauen nicht selten für ein männliches Pseudonym, um im Bereich Thriller oder Krimi anerkannt zu werden. Bei mir läuft es gerade umgekehrt. Genaugenommen verwende ich gar kein Pseudonym, sondern ein Pseudogynym.

Buchmarketing.direkt: Sie gehen mit privaten Informationen über Ihre eigene Person im Internet extrem sparsam um. Einzig diese zwei Sätze sind beispielsweise auf Ihrer Autorenseite bei KDP zu lesen: „Im Nordwesten Deutschlands ist sie aufgewachsen, in dieser Region spielen alle ihre Kriminalromane. Aktuell lebt und arbeitet sie als Schriftstellerin und Audioproduzentin in Berlin.“ Gibt es einen Grund für diese Zurückhaltung?

Lene Levi: Auch hier gibt es einige Gründe, warum ich im Internet nicht mit meinen persönlichen Daten verschwenderisch umgehe. Der wichtigste Grund ist jedoch ganz einfach zu erklären. Ich möchte nicht jedes Detail über mich oder aus meinem Leben mit einer mir vollkommen unbekannten Öffentlichkeit teilen. Die Sache ist ja so, es wird bereits schon jetzt ein immenser Datenmissbrauch betrieben. Sehr viele Menschen erzählen alles und jedem aus ihrem Leben, das läuft überwiegend über die sogenannten Sozialen Netzwerke. Sie wundern sich dann auch noch, wenn urplötzlich Menschen mit zweifelhaften Absichten vor ihren Haustüren stehen, die sie gar nicht herbestellt haben, um es mal sprichwörtlich zu sagen.

Buchmarketing.direkt: Immerhin verraten Sie ihren Lesern, das Sie als Audioproduzentin in Berlin tätig sind. Bedeutet das, dass Sie auch Hörbücher produzieren?

Lene Levi: Ja, das gehört auch mit zu meinem Tätigkeitsumfeld. Hörbücher sind ein besonders reizvolles Medium und ich mag ausdrucksstarke Stimmen. Gute Hörbuchsprecher/innen sind immer Sprach-Künstler und einfühlsame Literaturinterpreten. Sie transportieren Inhalte vom gedruckten Wort in gehörte Sprache – im Idealfall so, dass wir beim Zuhören gar nicht auf die Idee kommen, der Inhalt könnte überhaupt den Umweg übers Schriftbild gegangen sein: Eine Geschichte besteht aus lauter Emotionen, aus Gedanken, aus Zwiegesprächen, aus turbulenten oder brutalen oder beschaulichen Bildern. Ein guter Sprecher oder Erzähler vermag allein mit seiner Stimme jeden Subtext zu vermitteln: Die Freude, das Grauen, die Langeweile, die Überheblichkeit, die Hilflosigkeit, die Kränkung – und den Humor, vielleicht die schwierigste Gratwanderung von allen.

Buchmarketing.direkt: Sie haben bisher noch keinen Ihrer Krimis für das Medium Hörbuch eingesprochen. Darin unterscheiden Sie sich von vielen anderen Krimiautoren, die offenbar besonders gern ihre eigenen Texte einlesen.

Lene Levi: Genau das ist ja das Problem. Oft mangelt es den Autoren bereits an handwerklicher Sprach- und Sprechtechnik, an optimaler sprachlicher Vielseitigkeit, an ausdrucksstarker Persönlichkeit, oder sogar an stimmlicher Präsenz. Ich würde niemals als Laie auf den Gedanken kommen, ein eigenes Buch in eine akustische Hörbuchfassung zu übertragen. In 95 von 100 Fällen geht sowas schief. Das sollten die selbstlesenden Autoren besser berücksichtigen. Literaturvertonung ist nicht vergleichbar mit Vorlesen auf einem Podium vor Publikum. Nicht einmal jeder Berufssprecher, auch nicht jede prominente Schauspielerin, ist für diese literarische Kunstform geeignet. Einem Berufssprecher, der nicht genau weiß, worüber er spricht, oder was er gerade selbst vor einem Mikro einliest, wird kaum jemand längere Zeit Aufmerksamkeit schenken oder konzentriert zuhören.

Buchmarketing.direkt: Aber einem Autoren vorzuwerfen, nicht zu wissen, worüber er spricht, oder was er gerade selbst vor einem Mikro einliest, empfinde ich doch etwas zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Schließlich haben diese Leute ja den Text selbst geschrieben und kennen die Charaktere sehr genau.

Lene Levi: Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie ihre Texte auch professionell interpretieren können. Das können übrigens nur sehr wenige Schriftsteller. Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb ich Autorenlesungen im Hörbuchbereich überwiegend ablehne. Normalerweise wollen ja Autoren oder Hörbuchverlage ihre Werke an ein möglichst großes Hörerpublikum verkaufen. Es ist vielleicht nicht jedem Autor oder jeder Schriftstellerin bewusst, dass sehr viele Hörbuchkäufer ihre Kaufentscheidung vom Namen des Interpreten und nicht vom Namen eines Autors abhängig machen. Je bekannter der Name des Hörbuchsprechers, desto größer die Chance für einen Verkaufserfolg.

Buchmarketing.direkt: Sehr interessantes Thema, darüber würde ich sehr gern noch viel mehr hören. Ich möchte aber dennoch etwas über Ihre Krimis von Ihnen erfahren. In Ihrem ersten Nordwest-Krimi Tödlicher Nordwestwind führen Sie ja einen etwas ungewöhnlichen Kommissartyp ein. Robert Rieken steht eigentlich am Ende seiner Beamtenlaufbahn und kehrt deshalb an den Ort zurück, an dem er vor Jahrzehnten seine Karriere begonnen hat. Oldenburg gilt zwar als Großstadt, ist aber tatsächlich ein verschlafenes Provinznest. Er verspricht sich einen geruhsamen Job, aber es kommt natürlich alles anders als geplant…

Lene Levi: …Genau, Sie sagen es. Die meisten seiner Dienstjahre hatte er als Ermittler in den härtesten Großstadtrevieren des Landes zugebracht – und nun ist einfach das Maß voll. So steht es schon im Klappentext. Aber er kehrt nicht nur allein wegen seines Jobs nach Oldenburg zurück, sondern auch wegen seiner über 90-jährigen Mutter. Diese alte Dame ist zwar geistig noch fit, hat aber ein Migräne-Problem. Er möchte einfach in ihrer Nähe sein, falls irgendetwas passieren sollte.

Buchmarketing.direkt: Dann wäre auch noch seine Beziehung zu der attraktiven Gerichtsmedizinerin Lin, die ja chinesische Wurzeln hat.

Lene Levi: Nein, das ist nicht ganz richtig. Dr. Lin Quan ist eine gebürtige Oldenburgerin. Sie spricht und denkt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Robert Rieken kennt sie schon sehr lange, da war sie noch ein Kind. Ihre Eltern sind Exil-Chinesen und betreiben ein kleines aber feines Asia-Restaurant, in dem Robert schon als Polizeischüler verkehrte. Nach seiner Rückversetzung begegnen sie sich eher zufällig im Oldenburger Staatstheater. Schnell stellen sie fest, dass sie auch beruflich miteinander zu tun haben. Lin und Robert verlieben sich. Mehr verrate ich nicht.

Buchmarketing.direkt: Der zweite Band trägt den Titel Nordwest Bestial und steht bei KDP als eBook zur Verfügung. Worum geht es in diesem Buch?

Lene Levi: Es geht hauptsächlich um die Verfilzungen zwischen Wirtschaft, der Katholischen Kirche und der Regionalpolitik in Südoldenburg. Es geht um Mord, Fanatismus, Massentierhaltung und Brunnenvergiftung. Ein sehr heikles Thema, was aber gar nicht so weitentfernt von unserer heutigen Realität liegt.

Buchmarketing.direkt: Der dritte Band ihrer Nordwest-Reihe Xiao Yang will es wissen ist vor einiger Zeit erschienen. Es handelt sich aber hierbei eher um einen Kurzroman.

Lene Levi: Ja, es ist noch nicht der erklärte dritte Band der Reihe, sondern war vielmehr als kleines Experiment geplant. Ich wollte herausfinden, ob Kurzromane von meinen Leserinnen genauso gern gelesen werden, wie meine ausgewachsenen Romane mit über 360 oder mehr Seiten.

Buchmarketing.direkt: Und, wurde der Kurzroman ein Erfolg?

Lene Levi: Eher weniger. Ich habe daraus gelernt, dass meine Leserinnen eindeutig umfangreichere Krimis bevorzugen.

Buchmarketing.direkt: Woran arbeiten Sie gerade?

Lene Levi: Natürlich am dritten Band der Nordwest-Krimi-Reihe. Der Arbeitstitel lautet: Der City-Killer. Es geht darin um einen Mord an einem dubiosen Bauunternehmer, um einen weiteren Mord an einem Theaterschauspieler und um einen Smart Mob mit einer scheinbar politischen Botschaft.

Buchmarketing.direkt: Lene Levi, ich danke Ihnen für das nette Gespräch.

Lene Levi: Bleiben Sie bitte gespannt und lesefreudig. Die Nordwest-Krimi-Reihe wird fortgesetzt.

Mehr Infos auf meiner Autorenseite:

oder beim Verlag: www.words-and-music.de

Link zur Buchbesprechung:

Tödlicher Nordwestwind (Ein Fall für Kommissar Rieken / Band 1): Nordwest-Krimi von Lene Levi

WERBUNG: 364 Seiten – Verlag: ebuchedition words & music – Preis: 4,99 Euro

Leser werden mit Sicherheit viel Spaß daran finden, wie es der Autorin gelungen ist, ihren Protagonisten Robert Rieken zwangsläufig in den ersten Fall hineinzuziehen. Eigentlich hatte sich Robert Rieken erhofft, sich durch seine Rückversetzung in die Oldenburger Polizeiinspektion etwas mehr Ruhe zu verschaffen. Mit Raub, Erpressung, Mord und Totschlag wollte er im Grunde nichts mehr zu tun haben, denn die meisten seiner Dienstjahre hatte er als Ermittler in den härtesten Großstadtrevieren des Landes zugebracht – und nun war einfach das Maß voll.

Jedoch sein Wunschtraum zerplatzt genau an jenem Tag, an dem zwei Dangaster Krabbenfischer eine männliche Leiche aus der Nordsee ziehen und Robert als Kriminalkommissar plötzlich vor der Aufgabe steht, die Identität des unbekannten Toten zu ermitteln. Dieser Kommissar Rieken ist nicht nur Kriminalbeamter, sondern er ist vor allem auch ein Mensch. Bald an seiner Seite, eine attraktive sympathische asiatische Kollegin: Dr. Lin Quan ist Rechtsmedizinerin, sie entzückt ihn fachlich ebenso wie auch als Frau. Beide werden ein Paar. Aber Rieken hat auch noch seine alte Mutter, die ihm absolut nicht gleichgültig ist. Er sorgt für die alte Dame, die zudem als waschechte Ostfriesin nicht auf den Mund gefallen ist. Da ist Rieken dann doch „nur“ Sohn und weniger Beamter. Aber selbstverständlich hat er auch als Ermittler eine große Portion Charisma – er wirkt weitgehend ruhig und souverän, ist eher der nachdenkliche Typ und nicht unbedingt der spontane Draufgänger.

Interessant war für mich festzustellen, wie dieses Buch von Kapitel zu Kapitel Fahrt aufnahm und an Rasanz gewann. Ab der Hälfte mochte ich es nicht mehr aus der Hand legen, so sehr zog es mich in seinen Bann. Die Geschichte ist absolut schlüssig, die kleinen persönlichen Eigenarten der Akteure erscheinen liebenswert und vor allem auch witzig. Besonders der junge Polizeibeamte Jan ist ein durchaus gelungene Figur und ein sehr sympathischer Teamplayer. In ihren kleinen Unterschieden entwickelt sich das Miteinander von Robert Rieken, seinem Assistenten Jan Onken und der Rechtsmedizinerin Lin sehr realistisch: aus der ersten gesunden Distanz entsteht bald auch die Wertschätzung für die gemeinsame Arbeit. Gerade die altersbedingten Unterschiede zwischen dem Chef Robert und seinem Assistenten Jan führen zur Entwicklung eines sympathischen Teams. Sehr gefallen haben mir auch die Beschreibungen von wesentlichen Dingen, die beispielsweise solch einen Krabbenkutter ausmachen, indem Fachbegriffe Interesse wecken. Backbord und Steuerbord kann ich zwar noch zu meiner Allgemeinbildung zählen, aber wie Schleppnetze und vieles mehr funktionieren, das finde ich eine echte Bereicherung als Leser. Und dass es anschaulich ist, macht es noch ungeheuer interessanter zu lesen. Gleiches gilt auch für das clevere Zurückverfolgen des „Lebenslaufes“ einer wertvollen Armbanduhr. Viele Details machen die Recherche spannend, etwa wie beim Öffnen der Uhr kleine Hinweise die nächste Spur hervorbringen. So reiht sich ein Detail ans nächste. Die Geschichte wird dabei stringent erzählt, baut sich so eine Spannung auf, die sich bis zum Schluss noch steigert und dabei immer wieder auch überraschende Wendungen bereithält. Ein Regionalkrimi mit ungewöhnlichen Charakteren und einem besonderen Timing. Nicht nur für Norddeutsche unterhaltsam. Meine Empfehlung! Eine Krimilektüre, die sich auf jeden Fall echt gelohnt hat. Den Namen Lene Levi werde ich mir auf jeden Fall vormerken. Ich bin schon jetzt auf die Fortsetzung Nordwest Bestial gespannt. Und jetzt, wo auch die gedruckte Ausgabe da ist, ist dieses Buch auch ein guter Geschenketipp. Als Printausgabe kann man diesen Krimi allerdings nur direkt über den Online-Shop des Verlags bestellen, unter: www.words-and-music.de. Es lohnt sich.

Link zum Autoren-Gespräch:

Hit & Run: Thriller von Doug Johnstone

WERBUNG: 288 Seiten – Verlag: btb Verlag – Preis: 9,99 Euro

Vollgepumpt mit Schnaps und Psychopillen fahren Billy, seine Freundin Zoe und sein Bruder Charlie von einer Party nach Hause. Es ist mitten in der Nacht und Billy sitzt am Steuer eines alten roten Micra. Sie bestaunen im Vollrausch gerade den Sternenhimmel über Edinburgh und fühlen sich geradeso, als würde sich die Welt ebenso im Rauschzustand nur um sich selbst drehen. Doch dann kracht plötzlich etwas auf die Motorhaube, prallt gegen die Windschutzscheibe und rutscht kratzend übers Autodach. Der erfahrene Leser ahnt es sicher: Billy hat einen Menschen angefahren. Einige Meter hinter dem Wagen liegt ein Mann regungslos auf dem Straßenasphalt. Charlie, der als Krankenhausarzt arbeitet, stellt  am Puls des Mannes fest, das er bereits tot ist. Billy will sofort die Polizei verständigen, jedoch sein Bruder Charlie und seine Freundin Zoe bringen ihn davon ab. Charlie befürchtet seine Approbation zu verlieren, falls im Zusammenhang mit den Ermittlungen herauskäme, dass er als Arzt seinen Bruder illegal mit geklauten Aufputschmitteln und Psychopillen aus den Arzneimittelschränken des Krankenhauses versorgt hat. Auch die Jobs von Billy und Zoe wären verloren, wenn dieser Unfall unter Drogeneinfluss rauskäme. Zoe arbeitet als Nachwuchsjournalistin und Billy hat erst vor kurzer Zeit eine Stelle als Kriminalreporter beim »Evening Standard« angetreten. Sie beschließen deshalb kurzerhand die Leiche über eine nahegelegene Böschung zu entsorgen. Panisch beseitigt das Trio alle Spuren und fährt anschließend nach Hause.

Als angehender Kriminalreporter bekommt Billy jedoch am nächsten Tag ausgerechnet von seiner Zeitung den Auftrag, über den tödlichen Unfall mit Fahrerflucht zu berichten. Während Charlie und Zoe einigermaßen gut mit der Situation zurechtkommen, steigert sich Billy jedoch immer mehr in Schuldgefühle. Er nimmt Kontakt zu der jungen und attraktiven Witwe des Unfallopfers auf und führt mit ihr ein Interview. Es stellt sich heraus, das der Mann kein unbeschriebenes Blatt war, er zählte zu den gefährlichsten und einflussreichsten Kriminellen Edinburghs. Ein Umstand, der Billys Situation einerseits noch wesentlich mehr verschlimmert, andererseits ist diese Information für die Presse auch ein gefundenes Fressen. Billy landet deshalb mit seiner Kurzreportage über die Witwe einen Volltreffer auf der ersten Seite des »Evening Standard«. Dennoch nimmt sein Albtraum kein Ende. Er versucht immer wieder sein schlechtes Gewissen zu betäuben, und ein Drogenexzess folgt dem nächsten …

Hit & Run ist absolut für Thriller-Fans geeignet. Doug Johnstone hat den Dreh raus, einen Spannungsbogen durch kurze knuffige Sätze und einfallsreiche Nebenhandlungsstränge aufzubauen. Die Figuren in Hit & Run sind durchweg griffig, markant und sehr plastisch vorstellbar. Genau das scheint Doug Johnstones Markenzeichen zu sein.

Einen Schwachpunkt gibt es allerdings doch: die Handlungslogik bleibt manchmal auf der Strecke. Die körperlichen Anstrengungen Billys, besonders nach seiner Gehirnoperation, und sein permanentes Einwerfen von Medikamenten und Drogen, wirken ab einem bestimmten Augenblick komplett überzogen und sind unrealistisch. Dafür wird aber der Leser mit dem besonderen Schreibstil des Autors und einer kongenialen Übersetzung durch Liselotte Prugger belohnt. Gewarnt sei aber nicht nur allein vor einer unkontrollierten Einnahme von Psychopillen, sondern auch vor dem Genuss von Rote-Beete-Schnaps. Wie auch immer dieses Zeugs schmecken soll, es kann nur eklig sein. Allein schon der Gedanke an ein solches Gesöff genügt….Brrrrrr.

Stumme Wasser: Küsten-Krimi von Anja Behn

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WERBUNG: Seiten: 176 – Verlag: Emons – Preis: 8,49

Anja Behn, geboren 1972 in Rostock, studierte Bauingenieurwesen und arbeitet in einer Rostocker Baufirma. Sie lebt mit ihrer Familie in einem kleinen Dorf in Mecklenburg. Vor kurzer Zeit hat sie ihr Kriminalromandebüt abgeliefert und damit sofort einen Volltreffer gelandet.

Stumme Wasser beginnt mit einem dramatischen Prolog. Ein junger Mann wartet im Schutz von Dunkelheit und dichten Nebels an einem Strand auf seine Geliebte, mit der er gemeinsam aus der DDR fliehen will. Aber sie erscheint nicht. Das ist ein sehr stark aufgeladenes hochemotionales Motiv. Seine Befürchtungen und Ängste beschreibt die Autorin so authentisch, das diese Emotionen sofort auf den Leser überspringen. Die Furcht vor Verrat, die Angst von einem der Suchscheinwerfer der Grenzsoldaten entdeckt zu werden, die geheim gehaltene monatelange Planung, die Hoffnung auf Freiheit und schließlich die Enttäuschung. Mit jedem Satz zieht die Autorin ihre Leser tiefer in die Handlung hinein. Ich habe von der ersten Seite an mit gefiebert und mit gebangt, obwohl noch gar nicht klar war, welche Figuren da mit einem Schlauchboot über die Ostsee flüchten wollen. Und obwohl die Geschichte des Prologs einen offenen Ausgang zeigt, versteht es die Autorin mit sehr dichten, bildhaften Stimmungsbeschreibungen eine außerordentliche Spannung aufzubauen, die sich durch alle weiteren Kapitel hinzieht – und bis zur Auflösung anhält.

Der Prolog ist eine Rückblende, das wird schnell klar. Die Handlung spielt in unserer Gegenwart. Der anerkannte Kunsthistoriker Richard Gruben erhält von seinem alten Mentor Friedrich Semmering kurz vor Weihnachten eine Einladung. Richard soll ihn in dem Fischerdorf Fahrenende besuchen. Friedrich macht nur eine vage Andeutung, er würde seine fachliche Meinung bei der Beurteilung eines Bildes dringend benötigen. Der Kunsthistoriker folgt Friedrichs Einladung, doch als er in Fahrenende ankommt, findet er seinen ehemaligen Mentor ermordet in seinem Atelier vor. Er liegt erschlagen auf dem Fußboden seines Atelierhauses, alles wurde durchsucht und verwüstet. Bald darauf sucht Richard nach dem Bild, das er begutachten sollte, aber von dem geheimnisvollen Gemälde fehlt jede Spur. Auch Johanna, die Enkelin des Mordopfers, weiß nichts von einem Gemälde. Gemeinsam mit Johanna begibt sich Richard auf die Suche nach dem Bild. Sie hoffen darauf, so das Mordmotiv und damit auch Friedrichs Mörder zu finden. Während sich ein heftiger Schneesturm über dem Fischerdorf zusammenbraut, kommt Richard einem alten Geheimnis auf die Spur. Es verdichten sich die Hinweise, dass Friedrich in einen Fälschungsskandal verwickelt sein könnte. Richard wird das Gefühl nicht los, dass das halbe Dorf darin involviert ist. „Jeder glaubt, von dem anderen alles zu wissen. Doch eigentlich bleibt man sich ein Leben lang fremd.“ So lautet einer der Schlüsselsätze dieses Krimis. Richard will natürlich erfahren, warum Friedrich sterben musste. Aber die mecklenburgische Dorfgemeinschaft zeigt sich ihm – dem Fremden – gegenüber, alles andere als aufgeschlossen. Im Gegenteil. Die Bewohner weichen ihm aus, lügen oder machen nur vage Andeutungen. Es herrschen überall finanzielle Probleme, da ein geplantes Hafenprojekt, um damit den Tourismus anzukurbeln, nicht umgesetzt wird. Eine kleine Privatwerft steht kurz vor dem Bankrott. Auch Michael, Johannas Bruder, scheint Geldprobleme zu haben und gehört damit auch zum Kreis der Tatverdächtigen. Irgendwie sind alle miteinander verwandt oder stecken unter einer Decke.

Der Handlungsverlauf ist logisch aufgebaut und wird von Kapitel zu Kapitel komplexer, da sich alle Informationen über die Dorfbewohner und ihre Beziehungen zueinander immer mehr verdichten. Es tauchen mögliche Tatmotive auf, die man als Leser aber nicht unbedingt einer einzelnen Figur zuordnen kann. Das alles ist sehr mysteriös – und so bleibt das Rätsel um den Mord und das Familiengeheimnis bis zum Schluss nicht vorhersehbar.

Zum Schreiben habe sie 7 Monate gebraucht, berichtete die Autorin in einem Interview, wobei sie nicht jedes Kapitel bereits fertig ausgearbeitet im Kopf hatte. Manchmal sei sie über eine Wendung, die die Geschichte genommen habe, selbst überrascht gewesen, oder einige Figuren hätten am Ende viel mehr Platz bekommen, als ihnen am Anfang angedacht war. Diese komplizierte Schreibmetode hat diesem Krimi allerdings eine einzigartige lebensnahe Atmosphäre verliehen.

Stumme Wasser ist ein fesselndes und extrem spannendes Buch. Ein sehr empfehlenswerter Regionalkrimi mit garantiert anhaltendem Frösteleffekt, schönen und nachvollziehbaren Stimmungsbildern und einer intelligent durchdachten Handlung, die eine seltsame Anziehungskraft auf mich ausübte.

Sie werden sich als Leser dieser faszinierenden Wirkung nicht entziehen können.

(per)

Dünne Haut: Kriminalroman (Tone-Hagen-Trilogie 3) von Franz Kabelka

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WERBUNG: Seiten: 224 – Verlag: Haymon – Preis: 9,99 Euro

Dünne Haut ist der letzte Teil der Tone-Hagen-Trilogie des Autors Franz Kabelka. In diesem letzten Band führt der Autor seinen Vorarlberger Chefinspektor weg von der Bregenzer Polizei – und damit aus der Sphäre des „gewöhnlichen Verbrechens“, und steckt ihn stattdessen in eine Welt, in der Wahn und Wirklichkeit nahe beieinanderliegen. Nach jahrelangem Polizeidienst ist Tone sichtlich ausgebrannt und zusätzlich von privaten Tiefschlägen stark gebeutelt, daher wird ihm, sozusagen von oben, eine berufliche Auszeit verordnet. Er soll sich in einer psychosomatischen Klinik in Süddeutschland erholen. Doch kaum trifft er dort ein, wird Hagens kriminalistischer Spürsinn von dunklen Geheimnissen geweckt, die die Klinikleitung zu verbergen scheint. Aber auch unter den Patienten toben merkwürdige Kämpfe, ebenso in der Ärzteschaft. Im Auge des Chefinspektors: Marie Therese Herbst, eine Borderline-Patientin, die Tone immer mehr auf die Pelle rückt. Fast ist Tone schon geneigt, der Patientin und ihren Anschuldigungen zu vertrauen, dann aber steigen bald Zweifel in ihm auf: Kann er den Erzählungen der verführerischen Frau trauen – oder doch eher seinem eigenen detektivischen Instinkt? Sind die Verbrechen, über die berichtet werden, reale Ereignisse, oder gehören sie doch zu jenen, die sich nur im Kopf einiger Patienten abspielen? Die menschliche Existenzfrage als Grenzsituation zwischen Leben, Satire und Tod, am Beispiel der Patienten einer Psychoklinik, das bereitet dem alternden Chefinspektor reichlich Unbehagen. Seine Nachforschungen bringen Hagen schon bald selbst in Lebensgefahr …

Der Klappentext deutet zwar einen Krimi an, aber leider wird das Buch die Erwartungen eines typischen Krimilesers nicht unbedingt erfüllen, denn in diesem Buch gibt es keinen wirklichen Kriminalfall, der gelöst werden muss. Dafür steht ein Schauplatz im Mittelpunkt, der viel mehr als die übliche Spannungskurve einer Kriminalgeschichte bereithält. Wir leben in einer psychiatrischen Anstalt, in der die Patienten, Psychotherapeuten und auch Ärzte für reichlich Abwechslung und Verwirrung sorgen. Wahnsinn und Wirklichkeit sind daher das eigentliche Thema.

Das Buch lohnt sich vor allem für jene Leser, die auch Krimis der leiseren Art mögen und nicht nur nach plumper Effekthascherei aus sind. Behutsam geht der Autor mit der Borderline-Problematik um und verpackt seine Erkenntnisse in eine kunstvoll gewebte Geschichte. Typisch für Kabelka ist die Wiedergabe von Dialekten in den Dialogen. Sowohl das Bayrische als auch das Berlinische findet Verwendung und erhöht damit die Authentizität der Figuren. Der ganze Band besticht durch seine Tiefgründigkeit, vor allem aber durch eine gehörige Portion schwarzen Humors.

Fazit: Insgesamt möchte ich Dünne Haut auf jeden Fall empfehlen. Mir hat dieses Buch ein uneingeschränktes Lesevergnügen beschert und ich halte es für ein kleines stilistisches Meisterwerk. Bislang habe ich nur deutsche Regionalkrimis gelesen und bin froh, endlich mit diesem Buch auch einen Autor aus Österreich entdeckt zu haben. Wir dürfen gespannt sein, was da alles noch so kommen mag.

(per)

Willkommen im Meer: Roman von Kai-Eric Fitzner

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WERBUNG: Seiten: 334 – Verlag: Knaur eBook – Preis: 9,99 Euro

Der unerwartet große Erfolg dieses Buches ist für diese Rezension genauso wichtig, wie der Inhalt des Romans selbst. Dieses Buch ist in die Annalen der neueren Literaturgeschichte eingegangen, da es einen „Lovestorm“ auslöste und ein virales Internetmärchen plötzlich Realität werden ließ. Aus diesem Grund müssen einige grundlegende Hintergrundinformationen über den Autor und dessen Lebensumstände dieser Buchbesprechung vorangestellt werden.

Kai-Eric Fitzner ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Er lebt mit seiner Familie in der niedersächsischen Provinzstadt Oldenburg. Bis 2014 war er dort bei einem Softwareunternehmen angestellt; anschließend machte er sich als Vortragsredner selbständig. Doch noch bevor er im Jahr 2015 mit seinem Roman Willkommen im Meer für Aufsehen sorgte, hatte er und sein Werk eine schwierige Odyssee zu bestehen. Nach eigenen Angaben verfasste er Willkommen im Meer in der Zeitspanne Oktober 2005 bis Januar 2006. Nach Vollendung sei er zwar mit seinem Manuskript von einem Verlag unter Vertrag genommen worden, allerdings kam diese geplante Publikation nicht zustande, da der Verlag Konkurs anmeldete. Fitzner veröffentlichte daraufhin 2009 sein Werk als E-Book und wurde Self-Publisher. Das Cover des Romans steuerte seine Ehefrau Raja Caetano bei. Aber der erhoffte Erfolg blieb aus. Das E-Book verkaufte sich nur schleppend. Noch im Februar 2015 veröffentlichte Fitzner eine überarbeitete Fassung seines Romans. Doch knapp zwei Monate später, am 8. Mai, musste er mit heftigen Herzrhythmusstörungen in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Vier Tage darauf, einen Tag vor seinem 45. Geburtstag, erlitt er einen schweren Schlaganfall und wurde ins künstliche Koma versetzt.

Nicht nur der plötzliche Krankheitsfall traf die Familie unvermittelt hart, sondern auch ihre finanzielle Situation verschlechterte sich rapide. Der Marketingexperte Johannes Korten berichtete daraufhin in seinem Blog von der tragischen Geschichte seines Freundes und dessen Familie. Er verbreitete die Nachricht viral über die sozialen Netzwerke. Seine Frau veröffentlichte ebenso einen Aufruf. Sie versuchten verzweifelt auf die finanzielle Notlage nach dem Schlaganfall Fitzners hinzuweisen und baten um Unterstützung durch den Kauf des Buches. Nachdem der Roman bis dahin nur sehr wenig Verbreitung gefunden hatte, avancierte er jetzt nach den Aufrufen innerhalb von nur wenigen Tagen auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste. Der Hilferuf sorgte zudem für eine große Resonanz sowohl in den klassischen als auch in sozialen Medien und eine bis dato nicht oder kaum vorstellbare Situation trat ein. Das Buch entwickelte sich über Nacht zu einem Überraschungserfolg. Mit diesem Erfolg hatte das Internet sich selbst bewiesen, dass es nicht nur polarisieren, verunglimpfen oder jammern, sondern auch aktiv sozial eingreifen und solidarisch stark sein konnte. Bei dem Bochumer Blogger Johannes Korten trafen bis Ende Juni 2015 über 13.000 Euro an Spendengeldern ein. Damit konnte die Familie des schwer erkrankten Autors fürs erste ihren Lebensunterhalt sichern. Korten wurde für sein Engagement 2015 mit dem Virenschleuder-Preis in der Kategorie „Persönlichkeit des Jahres“ ausgezeichnet. In Folge dessen sicherte sich die Verlagsgruppe Droemer Knaur die Rechte an dem Roman und brachte Willkommen im Meer zunächst im Juli 2015 als E-Book, dann im August 2015 als gedruckte Paperback-Ausgabe auf den Markt. Der Wunschtraum des Romanschriftstellers, bei einem Verlag veröffentlicht zu werden, hatte sich, noch während er im Koma lag, quasi über Nacht erfüllt. Davon erfuhr Kai-Eric Fitzner aber erst etwa einen Monat später, als er aus dem künstlichen Koma zurückgeholt wurde. Heute lebt er mit seiner Familie noch immer in Oldenburg und ist ein gefragter Vortragsredner für alle möglichen Themen zu Bildung und neuen Technologien und daraus entstehenden Veränderungen.

Zum Inhalt des Romans:

Tim Schäfer ist Lehrer mit Leib und Seele und er liebt seinen Beruf. Tims Bestreben ist es, seine Schüler zu ermuntern, nicht alle gesellschaftlichen Entwicklungen oder Missstände so einfach hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Seine Schüler sollen lernen, jeglichen Unterwerfungsidiologien oder antidemokratischen Herrschaftsformen zu misstrauen und sich Gedanken über eine Weiterentwicklung der Gesellschaft machen, in der sie selbst eines Tages leben möchten. Nachdem Tim eine neue Stelle in einem Oldenburger Gymnasium angetreten hat, eckt er jedoch bald schon mit seinem unorthodoxen Lehrstil an. Seine Art zu unterrichten stößt vor allen bei den Kollegen auf tiefes Unverständnis. Als er und seine Frau sich auch noch privat mit einigen Schülern anfreunden und einen verzweifelten Oberstufenschüler gar bei sich einziehen lassen, der Probleme mit seinem autoritären Vater hat, spitzt sich die Situation dramatisch zu. Man droht ihm mit Berufsverbot. Auch wenn Tims Widersacher mit harten Bandagen kämpfen, haben sie die Rechnung ohne Tims Familie und ohne seine Schüler gemacht …

Ich muss gestehen, dass mir der Klappentext von Willkommen im Meer zunächst leise Zweifel bereitete. Einen Roman über einen nonkonformistischen Lehrer wollte ich eigentlich nicht unbedingt lesen. Im Grunde habe ich das E-Book dann doch zunächst aus rein solidarischen Gründen erworben. Dann aber entdeckte ich, dass der Handlungsort des Romans Oldenburg ist, was mich plötzlich aufhorchen ließ und mich sofort veranlasste, mit dem Lesen zu beginnen. Ich kenne diese Stadt sehr gut und ich war deshalb sofort gespannt, was für eine Geschichte mich in dem Buch erwarten würde. Nach wenigen Seiten war ich bereits mittendrin in Oldenburg, im Leben des Protagonisten, in der Kaderschmiede Gymnasium, und in der Welt aus kiffenden Schülern und überforderten Paukern. Wer diesen Roman liest, wird vielleicht an einigen Stellen lachen, wird manchmal traurig sein, sich verstanden fühlen, sich eventuell sogar in der einen oder anderen Person selbst wiederfinden. Willkommen im Meer ist einer dieser faszinierenden Romane, die man kurz aus der Hand legt, und dann nach wenigen Minuten schon vermisst.

Die Handlung ist spannend, zur Mitte des Buchs ist der Höhepunkt aber bereits erreicht. Die erste Hälfte des Buches verfügt noch über einen geradlinig erzählten Handlungsstrang. Der Schreibstil und besonders die ausgefeilten Dialoge überzeugen. Der ganze Roman jedoch, der eigentlich auf Humanismus und Liberalität aufbaut, rutscht leider im 2. Teil immer mehr in einen versponnenen, völlig unrealistischen Konflikt ab, der allein durch Macht und Geld aufgelöst wird. Tim Schäfer wird zwar zum Opfer einer breit angelegten Intrige, die das Ziel verfolgt, den unbequemen Lehrer aus dem Staatsdienst zu entfernen, doch seine Frau – und besonders seine konspirativ wirkende und einflussreiche Schwiegermutter – schalten sich in das Geschehen ein …

Das Ende wirkt zu konstruiert, zu konservativ, oberlehrerhaft. Wer jedoch die Stadt Oldenburg, ihre Beamten und damit jene stark ausgeprägte Kleinbürgerlichkeit gut kennt, wird die literarische Motivation des Autors in seinem Werk viel leichter nachvollziehen können. Sein Roman ist alles andere als Sozialkitsch, er stellt dennoch die Vision einer Utopia-Fantasiewelt dar, von der wir zwar gern träumen, die aber in dieser Form nicht bis zur letzten Konsequenz durchdacht ist. Willkommen im Meer ist dennoch ein Roman, den man unbedingt lesen sollte. Für mich war das Buch die literarische Entdeckung des Jahres 2015. Nur selten habe ich auf so humorvolle und zugleich beängstigende Weise das Spiegelbild unsere heutige Gesellschaft in all ihrer Widersprüchlichkeit und den unterschiedlichsten Facetten offenbart bekommen. Eigentlich müsste dieses Buch unbedingt verfilmt werden, allerdings nicht mit Till Schweiger in der Hauptrolle.

(per)