Der kleine Prinz: WDR-Hörspiel nach dem gleichnamigen Buch von Antoine de Saint-Exupéry

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WERBUNG: – Spieldauer: ca. 71 Minuten – Verlag: Hörbuch Hamburg – Preis: 11,49 Euro (Audio-CD)

Saint-Exupérys Klassiker Der kleine Prinz zählt zu den bekanntesten und meistverkauften Büchern der Welt. Ganz unterschiedliche Interpreten von Will Quadflieg über Ulrich Mühe, Jan Josef Liefers, August Zirner, Oliver Rohrbeck, bis hin zu Ben Becker haben dem „Kleinen Prinzen“ ihre Stimme geliehen. Es entstanden bis heute auffällig viele Adaptionen von ganz unterschiedlichen Qualitäten, die besonders nach dem Eintritt der Rechtefreiheit an der literarischen Vorlage, fast schon massenhaft wie Pilze aus dem Boden schossen. Ja, es sieht fast so aus, als hätten die Hörbuchverlage versucht, sich möglichst noch eine dicke Scheibe von der Popularität dieses Werkes abzuschneiden, um sich diese gewinnbringend aufs eigene Brot zu legen. Einige dieser Hörbuchproduktionen haben den kleinen Kerl verniedlicht, andere wiederum verkitscht oder ihn ganz unsentimental, lediglich auf seine weisen Erkenntnisse reduziert. Es ist immer ein Wagnis, einer alten und überaus bekannten Geschichte durch Neuinterpretation ein eigenes neues Leben einzuhauchen. Nicht wenige Sprecher sind daran gescheitert, aber aus der Flut von Hörbuch-Adaptionen des „Kleinen Prinzen“ sticht dieses WDR-Hörspiel hervor. Kai Grehns aufwendige Neuinszenierung des Klassikers ermöglicht einen ungeahnt atmosphärischen Blick auf Antoine de Saint-Exupérys berührendes und geistreiches Kunstmärchen. Hörspielregisseur Kai Grehn hat dabei ein herausragendes Sprecherensemble zusammengestellt und als Neuübersetzer der Geschichte sämtliche Klischees ausgetrieben.

Grehn gelingt nicht nur das Kunststück, die Sprache vom Existentialistischen ins Zeitgenössische zu übertragen, sondern auch die „Unendlichkeit des Alls“ durch geradezu LSD-artige Klangexperimente von alva noto und dem Electronic-Duos Tarwater „traumwandlerisch“ mitschwingen zu lassen, resümierte „Die Zeit“ (29.09.2016)

Alles beginnt mit einer Notlandung eines Piloten mit seinem Flugzeug in einer Wüste. Am folgenden Tag steht ein kleiner Kerl vor ihm und berichtet von seiner langen, abenteuerlichen Reise. Er erzählt ihm von fernen Planeten und ihren Bewohnern: von einem König ohne Untertanen, von einem Fuchs, der sein Freund wurde und von einer Rose auf seinem kleinen Planeten, die er liebt. Die verschiedenen Geschichten, die er erzählt, sind dabei episodenhaft, dennoch existieren Beziehungen zwischen ihnen. So werden nach und nach Portraits von den unterschiedlichsten Figuren gezeichnet. Die eitle Rose beispielsweise, die der kleine Prinz über alles liebt, und die ihm niemand ersetzen kann, ist so ein Portrait. Sie ist das treibende Motiv der Handlung, da ohne sie der Grund für die weite Reise – für den Planetenflug – nicht gegeben wäre. Auch wenn in einer akustischen Interpretation die bekannten Zeichnungen des Autors fehlen müssen, werden diese Bilder doch hier sprachlich erzeugt und durch eine atmosphärische Klangwelt adäquat ersetzt. Dafür sorgen natürlich auch die Sprecher. Martin Wuttke ist als Pilot zu hören. Er spricht damit auch einige Erzählertexte. Alexander Fehling leiht dem kleinen Prinzen seine Stimme, er gestaltet ihn so lebendig und voller Enthusiasmus, dass man als Zuhörer die Figur sprichwörtlich vor sich sehen kann. Überhaupt ist das ganze Hörspiel bis in die kleinste Nebenrolle hochkarätig besetzt. Die Musik unterstreicht den träumerischen Charakter der Geschichte, ohne dass dabei ein penetranter Klangteppich entsteht. Auch die Geräusche fügen sich sehr angenehm in das Gesamtkonzept ein.

Meine Erwartungen und meine Vorfreude auf dieses Hörbuch waren auch hier recht hoch gesteckt, ich wurde nicht enttäuscht.

Meine wärmste Hörempfehlung!

Die Sprecher und ihre Rollen: Alexander Fehling als „Der kleine Prinz“, Martin Wuttke als „Der Pilot“, Dieter Hallervorden als „Der König“, Paula Beer als „Die Rose“, Jens Wawrczeck als „Der Fuchs“, Josef Ostendorf als „Der Geograph“, Otto Mellies als „Der Geschäftsmann“, Jule Böwe als „Die Schlange“, Samuel Finzi als „Der Laternenanzünder“, Andreas Schmidt als „Der Eitle“, Lars Rudolph als „Der Trinker“ und Claudia Grote als „Die Rosen im Rosengarten“.

Über den Regisseur: Kai Grehn gründete nach seinem Regiestudium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch Berlin das THEATER fleur du mal. Zu den Hörspielproduktionen, bei denen er Regie führte, zählen Die Geschichte vom Franz Biberkopf nach dem Roman Berlin – Alexanderplatz von Alfred Doblin und Fisch. Farce für den Film nach Ingmar Bergman. Für Die künstlichen Paradiese nach Charles Baudelaire wurde er 2012 mit dem Deutschen Hörbuchpreis ausgezeichnet.

Technische Realisation: Martin Seelig, Peter Avar, Jean Szymczak, Benjamin Ihnow Regieassistenz: Nadine Schmid

Dramaturgie: Ulla Illerhaus | Eine Produktion des WDR 2016 Spieldauer: ca. 71 Minuten.   Erschienen ist das Hörspiel als Hörbuch beim Verlag  Hörbuch Hamburg.

Der Meister und Margarita: Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman von Michail Bulgakow

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WERBUNG: Hörspiel, 10 CDs, Laufzeit: 11 h 32 – Verlag: Der Hörverlag – Preis: 29,99 Euro

 

 

Dies ist keine Rezension im eigentlichen Sinne, sondern einfach nur mein ganz persönlicher Begeisterungs-ausbruch über diese mehr als gelungene Literaturadaption, die in der Hörspielgeschichte ihresgleichen suchen dürfte. Ganz großes Hör-Kino!

Worum geht´s?

Im Moskau der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ist der Teufel los: Ein gewisser Voland (Jürgen Holtz), Professor für Schwarze Magie, gibt zusammen mit seinen drei merkwürdigen Vasallen einige Vorstellungen in einem Varietétheater. Dabei stellt er die Moskauer Gesellschaft der stalinistischen Ära gründlich auf den Kopf, er foppt, blamiert und schädigt alle. Er treibt die Nomenklatura in den Wahnsinn und bringt nebenbei die halbe Stadt ins Gefängnis. An den Patriarchen-Teichen verliert ein Schriftsteller im wahrsten Sinne seinen Kopf, ein anderer verliert seinen Verstand. Nur zwei entgehen dem Chaos: der verzweifelte Schriftsteller, der sich „Meister“ nennt (Thomas Thieme) und seine Geliebte Margarita (Bärbel Röhl). Das Varietétheater erlebt unterdessen seine Jahrhundertvorstellung mit Voland. Viele Damen finden sich urplötzlich halb nackt auf den Moskauer Straßen wieder und alle schimpfen über verschwundene Geldscheine. Alles endet in den Flammen, während der „Meister“ seinem Schüler im Irrenhaus die Geschichte seines Buches über Pontius Pilatus erzählt. Diese Parallelgeschichte, sozusagen das „Buch im Buch“, wird in die Inszenierung geschickt eingeflochten. Es ist die philosophisch tiefgründige Geschichte über den grausamen Prokurator von Judäa Pontius Pilatus und die Tage rund um die Verhaftung und Verurteilung des Jesu von Nazareth. Von der Verurteilung bis hin zur Kreuzigung Jesu zeigt es einen leidenden, gequälten, zutiefst zerrütteten Prokurator (Jürgen Thormann); sie berichtet auch, wie er sich verzweifelt zu rechtfertigen sucht und sich dabei selbst belügt.

Es gibt aber noch eine dritte Erzählebene, die Verbindung zu Goethes Faust. Alle diese drei Ebenen eröffnen ein reiches Feld an Deutungen. Vieles davon bedarf historischer Kenntnisse, beispielsweise über die Stalin-Ära der 30er Jahre, auch über Religionsgeschichte (die biblische Passionsgeschichte), und natürlich verlangt es auch literarisches Hintergrundwissen, z.B. über Gogol und Dostojewski. Bulgakows Art der Satire erinnert teilweise an Gogol. Die Charaktere sind mitunter sehr markant gezeichnet, die ebenso Dostojewski als literarisches Vorbild erkennen lassen. Seine grotesken Darstellungen des Alltagslebens tragen oftmals fantastische oder absurde Züge. Stark und manchmal düster, voller Allegorien und bissiger Ironie, mitunter verwirrend, dann wieder komisch, immer jedoch reich an Bildern. Diese Art Gesellschaftskritik zu üben, hat in der russischen Literatur eine lange Tradition. Die hier inszenierte, eng ans Original angelehnte Hörspielversion, bringt dem Zuhörer das Werk auf sehr unmittelbare Weise nahe. Die Geschichte strotzt nur so vor religiösen und politischen Anspielungen, dass einem manchmal ganz schwindelig wird. Die fabelhafte Verzahnung der Ebenen erzeugt Spannung, Ironie und Witz. Alles in allem zeigt sich das Werk auch in dieser Hörspielfassung als teuflisches Meisterwerk der russischen Avantgardeliteratur. Die vielschichtige Interpretation des Satans und seiner Vasallen (hierbei ganz besonders des Katers: Hermann Beyer), ebenso wie die des Pilatus und des Apostels Matthäus (Martin Reinke) ist dennoch nicht einfach zu verstehen. Dass das Werk in der Stalin-Ära nur in Teilauszügen erhältlich war und zensierte Passagen ausschließlich im Samisdat kursierten, ist allerdings nachvollziehbar. Der damalige sowjetische Staats- und Kulturbetrieb wird gnadenlos bloßgestellt. Aber die Reichweite des Werks geht weit über den inzwischen untergegangenen kommunistischen Staat hinaus. Die angeprangerte Kleinbürgerlichkeit und die Borniertheit ihre Epigonen begleiten uns heute noch und haben nichts von ihrer Bedeutung verloren.

Es ist ein Hörbuch, das man sich unbedingt mehrfach anhören sollte, um jedes Detail besser verstehen zu können. Als Hörspielinszenierung bereitet es konzentriertes und zugleich faszinierendes Vergnügen. Wie bereits das Lesen des Romans, so eignet sich auch das Hörspiel nicht fürs Nebenbei anhören. Zeiten, Orte, Ebenen, Figuren und auch Spielszenen wechseln in rascher Folge. Dass ist keine leichte Kost, ganz sicher aber mit die beste, die es zu hören gibt. Wenn jemals eine Top-Ten-Liste der besten Hörbuchproduktionen erstellt werden sollte, die jeder im Leben zumindest einmal angehört haben sollte, dann wäre Der Meister und Margarita auf jeden Fall darauf zu finden.

Der Regisseurin Petra Meyenburg gebührt höchstes Lob für die Hörspielbearbeitung dieses Romans. Der Zugang zu Bulgakows phantastisch-komischem Werk, ist durch ihre Texteinrichtung und Regieführung um ein Vielfaches einfacher geworden.

Auf 10 CDs und knapp 700 Minuten Spieldauer gelangt der Hörer in den Genuss eines der wichtigsten russischen Romane des 20. Jahrhunderts. Allerdings gibt es doch einen kleinen Wermutstropfen: Einige Orts- und Namensbezeichnungen wurden von den Sprechern falsch betont. Die Regisseurin hätte sich vor den Aufnahmen bei einem russischen Native Speaker nach der korrekten Aussprache erkundigen müssen.

Für die Hörspielmusik, die jedes Kapitel einleitet, zeichnete Uwe Hilprecht verantwortlich. Seine Musik und die Hintergrundgeräusche passen sich ebenfalls sehr gut der Handlung und den Charakteren an. Durch die Einfügung seiner unaufdringlichen und gekonnten Kompositionen bleibt den Sprechern genügend Freiraum, die unterschiedlichen Facetten ihrer jeweiligen Charaktere gekonnt herauszuarbeiten. Es wurde wohltuend sparsam mit Geräusch umgegangen, umso mehr mit Musik und viel Feingefühl für Ironie, Komik und Wirkung auf die Darstellung der einzelnen Charaktere arrangiert.

(per)

Hörspiel mit Jürgen Hentsch als Erzähler, Thomas Thieme als Meister, Jürgen Holtz als Voland, Jürgen Thormann als Pontius Pilatus, Gert Haucke als Kaiphas, Daniel Minetti als Besdomny, Wolfgang Jakob als Berlioz, Dieter Mann als Afranius und Winfried Glatzeder als Jeschua, u. v. a.

Regie: Petra Meyenburg

Produktion: Mitteldeutscher Rundfunk 1998

(10 CDs, Laufzeit: 11 h 32)