Der Lärm der Zeit: Roman von Julian Barnes

Werbung: – Seiten: 256 – Verlag: eBook by Kiepenheuer&Witsch – Preis: 16,99 Euro

Zwei Jahre nach der Uraufführung von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, besuchte Stalin am 16. Januar 1936 eine Aufführung der Oper im Bolschoi-Theater. Stalin saß, hinter einem Vorhang verborgen, in der Regierungsloge, rechts über dem Orchestergraben. Die Loge war mit Stahlplatten abgeschirmt, um mögliche Attentate zu verhindern. Die verstärkten Blechbläser trompeteten ihm also direkt in die Ohren. Schostakowitsch, der ebenfalls anwesend war, beklagte sich später, das „Schaschliktemperament“ sei mit dem ungarischen Dirigenten durchgegangen, und das Orchester habe viel zu viel des Guten gegeben, besonders im Zwischenspiel am Ende des ersten Aktes. Es wird berichtet, dass sich der Diktator während der Vorstellung wortlos erhob und das Theater verließ, ohne Schostakowitsch in seiner Loge empfangen zu haben. Diese Reaktion kam im damaligen Klima der permanenten Angst davor, beim Diktator in Ungnade zu fallen, fast einer Hinrichtung gleich. „Das ist albernes Zeug, keine Musik“, sagte damals Stalin zu einem der anwesenden Musikkorrespondenten.

„Er (gemeint ist Schostakowitsch) erinnerte sich an ein Freiluftkonzert in einem Park von Charkow. Bei seiner Ersten Symphonie hatten sämtliche Hunde der Nachbarschaft zu bellen begonnen. Die Leute lachten, das Orchester spielte lauter, die Hunde kläfften nur noch mehr, das Publikum lachte nur noch mehr. Jetzt brachte seine Musik weitaus größere Hunde zum Bellen. Die Geschichte wiederholte sich: erst als Farce, dann als Tragödie.“ (Seite 59)

Dieser kleine Absatz umreißt in nur wenigen Sätzen die ganze Situation, in der sich der Komponist Schostakowitsch damals befand, nachdem ein Zeitungsartikel der „Prawda“, dem Zentralorgan des ZK der KPdSU, sein ganzes bisheriges Kunst- und Lebenskonzept, quasi über Nacht, aus den Angeln gehoben hatte. Am 28. Januar brachte die Zeitung einen wahrscheinlich von Stalin selbst verfassten, nicht signierten (das heißt, von der Partei abgesegneten) Artikel unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ über die Oper heraus, in dem das Werk als Ausdruck „linksradikaler Zügellosigkeit“ und „kleinbürgerlichen Neuerertums“ gegeißelt und mit dem „Formalismus“-Vorwurf verdammt wurde. Dies war aufgrund der Signalwirkung katastrophal. Alle Aufführungen wurden landesweit gestoppt. Schostakowitsch galt ab sofort als persona non grata, was einem Ende seiner Karriere gleichkam.

Das schwierige Verhältnis des Komponisten zum stalinistischen Machtapparat beginnt daher im Buch gleich mit einer Hetzjagd. Voller Angst wartet er ab sofort jede Nacht vor seiner Wohnung im Treppenhaus auf seine Verhaftung durch Stalins Geheimpolizei. Bei jedem Geräusch des in Gang gesetzten Aufzugs gerät er fast in Panik. Doch die befürchtete Verhaftung bleibt aus. Menschlich zwar gedemütigt versucht er dennoch durch linientreue Auftragswerke seine Karriere und damit seine Existenz zu retten.

Zeitweilig komponierte Schostakowitsch ganz subtil in der Tonart der Angst. Depressionen und Zerrüttung bleiben nicht aus. So vergehen einige Jahre. Und plötzlich wird ihm von Stalin persönlich der Auftrag erteilt, die UdSSR beim Kultur- und Wissenschaftskongress in New York zu vertreten. Als Gegenleistung wird das Verbot, seine Stücke zu spielen, aufgehoben, und Dimitri Schostakowitsch beginnt, sich und seine Ideale zu verraten, um endlich wieder künstlerisch arbeiten zu können. Angst und Unterdrückung werden ebenso deutlich thematisiert, wie auch Scham und Demütigung die er empfindet, als er verpflichtet wird, auf dem internationalen Friedenskongress in New York, eine mit propagandistischen Parolen vorgefertigte Rede zu halten, in dem er den von ihm überaus bewunderten und verehrten Kollegen Strawinsky kritisieren muss.

In der dritten Erinnerungsphase des Buches nimmt scheinbar die unmittelbare Lebensgefahr ab. Schostakowitsch versucht sich nun irgendwie zu arrangieren und wird schließlich vereinnahmt, wird zum Opportunisten. Er muss in die Partei eintreten und wird Sekretär des Komponisten Verbandes. Dennoch: Die moralische Verstrickung und Vereinnahmung, seine Scham und das permanente Gefühl versagt zu haben, werden immer größer.

Ist dieses Buch überhaupt ein Roman im klassischen Sinn?

Man kann dieses Werk als fiktionale Biographie, aber auch als ein Beispiel aus der Kulturgeschichte der Sowjetzeit, sogar als Psychokrimi oder auch als Essay lesen. Genaugenommen ist Der Lärm der Zeit eine Erzählung, in der kein unmittelbarer Handlungsstrang existiert: Die ganze Handlung findet in Schostakowitschs Kopf statt. Es sind Reflexionen während dreier großer Krisen, die durch längere Textpassagen so dargestellt sind, dass sie zwischen Erinnerungen und Gegenwart hin und her pendeln. Das zentrale Thema von Der Lärm der Zeit ist sicher der künstlerische Kompromiss, um den Dimitri Schostakowitsch unter der Herrschaft des Schreckens kämpfen musste und der tiefe Narben in seiner Seele hinterließ. Wer denkt heute noch an die Tyrannei eines Despoten namens Stalin, der seine Freunde und Feinde erzittern ließ ob seiner Grausamkeit und paranoiden „Säuberungen“, mit denen er Mitte der dreißiger Jahre seinen Machtanspruch sichern wollte? Auch heute noch finden in einigen Ländern solche vergleichbaren „Säuberungen“ statt. Massenverhaftungen, Repressionen und Hinrichtungen am Fließband. Dass alles wird in Julian Barnes Buch deutlich nachspürbar und in vielfacher Sichtweise genau nacherzählt. So ist dieses Buch nicht nur die Biographie einer ausgesprochen widersprüchlichen Persönlichkeit, sondern es beschreibt auch sehr eindrücklich den fortgesetzten Alptraum künstlerischen Schaffens in einer kommunistischen Diktatur, in der Kunst ausschließlich dafür da war, dem Wirken der Partei zu huldigen und das „glückliche Leben“ der Arbeiter und Bauern zu glorifizieren. Barnes gelingt es meisterhaft, die Zustände in einem Land abzubilden, in dem Musik keine Kunst sein durfte, sondern – wie die Arbeit eines Ingenieurs – speziellen Regeln und Planvorgaben zu folgen hatte. Was nicht exakt den musikalischen Propaganda-Vorstellungen entsprach, die von der Parteiführung dem Volk verordnen wurde, das „quäkte“ eben, das „grunzte“, oder es „knurrte“ – und wurde deshalb vom Machtapparat verfemt und schließlich verboten. Jeder Künstler durfte in dieser prekären Situation nichts anderes sein als ein Rädchen im System, das seine Aufgabe genauso zu erfüllen hatte, wie es auch ein Proletarier am Fließband nach Planvorgaben erledigen musste. Dabei hätte Schostakowitsch durchaus vor diesen Zuständen fliehen können, aber er tat es nicht. Auf die Frage, warum er nicht ins Ausland ging, gibt der Roman keine eindeutige Antwort. Es heißt lediglich auf Seite 173: Ihn selbst hatte ein Leben im Ausland nie gelockt. Er war ein russischer Komponist, der in Russland lebte. Etwas anderes wollte er sich gar nicht vorstellen.

Barnes gibt in seinem Werk keinerlei moralische Wertung ab, er erzählt nur – und das auf sehr hohen Niveau. Der Inhalt wiegt tonnenschwer und konfrontiert den Leser mit Erfahrungen, die kaum jemanden wirklich zu vermitteln sind, der nicht selbst in einer Diktatur aufgewachsen ist und darin leben musste. Es ist nur ein schmales Buch von 240 Seiten. Darüber hinaus gibt es eine sechs Stunden lange (ungekürzte) Hörbuchfassung, die von dem routinierten Frank Arnold eingelesen wurde. Ich empfehle allen Leser gleichzeitig auch die musikalischen Werke Dimitri Schostakowitschs neben der Lektüre des Buches bzw. des Hörbuches anzuhören. Mein CD-Tipp: Jazz Suites Nos. 1 and 2 (Russian State Symphony Orchestra unter Leitung von Dimitry Yablonsky)