Buchmarketing.direkt im Gespräch mit der Krimiautorin Lene Levi

Buchmarketing.direkt: Guten Tag Lene Levi, Sie verwenden dieses Pseudonym als Verfasserin einer Nordwest-Krimi-Reihe, die im Oldenburgischen und im benachbarten Ostfriesland aber auch in den Niederlanden und in England spielt. Gibt es einen triftigen Grund, sich hinter einem Pseudonym zu verstecken, wenn man Krimis schreibt?

Lene Levi: (lacht) Es gibt einige Gründe, warum ich mich für einen Tarnnamen entschieden habe. Einer der wichtigsten ist vielleicht das sogenannte Image und die damit verknüpfte Erwartungshaltung des Lesepublikums. Viele Autoren oder Schriftstellerinnen schreiben nur innerhalb eines bestimmten Genres, wodurch die Erwartungen der Leser an einen neuen Roman unter diesem Namen bereits in eine festgelegte Richtung gelenkt werden. Um als Autor oder Schriftstellerin dennoch erfolgreich in anderen Genres veröffentlichen zu können, nutzen daher viele Autoren oder Schriftstellerinnen Pseudonyme, um so zu verhindern, dass sie ihre Leser durch eine Veröffentlichung in einem für sie vielleicht unbeliebten Genre enttäuschen. Ein weiterer typischer Grund ist die Geschlechterdominanz in einigen Genres wie Fantasy-, Krimi- oder Liebes-Romanen. Um den Marktwert ihrer Veröffentlichungen zu steigern, entscheiden sich besonders Frauen nicht selten für ein männliches Pseudonym, um im Bereich Thriller oder Krimi anerkannt zu werden. Bei mir läuft es gerade umgekehrt. Genaugenommen verwende ich gar kein Pseudonym, sondern ein Pseudogynym.

Buchmarketing.direkt: Sie gehen mit privaten Informationen über Ihre eigene Person im Internet extrem sparsam um. Einzig diese zwei Sätze sind beispielsweise auf Ihrer Autorenseite bei KDP zu lesen: „Im Nordwesten Deutschlands ist sie aufgewachsen, in dieser Region spielen alle ihre Kriminalromane. Aktuell lebt und arbeitet sie als Schriftstellerin und Audioproduzentin in Berlin.“ Gibt es einen Grund für diese Zurückhaltung?

Lene Levi: Auch hier gibt es einige Gründe, warum ich im Internet nicht mit meinen persönlichen Daten verschwenderisch umgehe. Der wichtigste Grund ist jedoch ganz einfach zu erklären. Ich möchte nicht jedes Detail über mich oder aus meinem Leben mit einer mir vollkommen unbekannten Öffentlichkeit teilen. Die Sache ist ja so, es wird bereits schon jetzt ein immenser Datenmissbrauch betrieben. Sehr viele Menschen erzählen alles und jedem aus ihrem Leben, das läuft überwiegend über die sogenannten Sozialen Netzwerke. Sie wundern sich dann auch noch, wenn urplötzlich Menschen mit zweifelhaften Absichten vor ihren Haustüren stehen, die sie gar nicht herbestellt haben, um es mal sprichwörtlich zu sagen.

Buchmarketing.direkt: Immerhin verraten Sie ihren Lesern, das Sie als Audioproduzentin in Berlin tätig sind. Bedeutet das, dass Sie auch Hörbücher produzieren?

Lene Levi: Ja, das gehört auch mit zu meinem Tätigkeitsumfeld. Hörbücher sind ein besonders reizvolles Medium und ich mag ausdrucksstarke Stimmen. Gute Hörbuchsprecher/innen sind immer Sprach-Künstler und einfühlsame Literaturinterpreten. Sie transportieren Inhalte vom gedruckten Wort in gehörte Sprache – im Idealfall so, dass wir beim Zuhören gar nicht auf die Idee kommen, der Inhalt könnte überhaupt den Umweg übers Schriftbild gegangen sein: Eine Geschichte besteht aus lauter Emotionen, aus Gedanken, aus Zwiegesprächen, aus turbulenten oder brutalen oder beschaulichen Bildern. Ein guter Sprecher oder Erzähler vermag allein mit seiner Stimme jeden Subtext zu vermitteln: Die Freude, das Grauen, die Langeweile, die Überheblichkeit, die Hilflosigkeit, die Kränkung – und den Humor, vielleicht die schwierigste Gratwanderung von allen.

Buchmarketing.direkt: Sie haben bisher noch keinen Ihrer Krimis für das Medium Hörbuch eingesprochen. Darin unterscheiden Sie sich von vielen anderen Krimiautoren, die offenbar besonders gern ihre eigenen Texte einlesen.

Lene Levi: Genau das ist ja das Problem. Oft mangelt es den Autoren bereits an handwerklicher Sprach- und Sprechtechnik, an optimaler sprachlicher Vielseitigkeit, an ausdrucksstarker Persönlichkeit, oder sogar an stimmlicher Präsenz. Ich würde niemals als Laie auf den Gedanken kommen, ein eigenes Buch in eine akustische Hörbuchfassung zu übertragen. In 95 von 100 Fällen geht sowas schief. Das sollten die selbstlesenden Autoren besser berücksichtigen. Literaturvertonung ist nicht vergleichbar mit Vorlesen auf einem Podium vor Publikum. Nicht einmal jeder Berufssprecher, auch nicht jede prominente Schauspielerin, ist für diese literarische Kunstform geeignet. Einem Berufssprecher, der nicht genau weiß, worüber er spricht, oder was er gerade selbst vor einem Mikro einliest, wird kaum jemand längere Zeit Aufmerksamkeit schenken oder konzentriert zuhören.

Buchmarketing.direkt: Aber einem Autoren vorzuwerfen, nicht zu wissen, worüber er spricht, oder was er gerade selbst vor einem Mikro einliest, empfinde ich doch etwas zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Schließlich haben diese Leute ja den Text selbst geschrieben und kennen die Charaktere sehr genau.

Lene Levi: Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie ihre Texte auch professionell interpretieren können. Das können übrigens nur sehr wenige Schriftsteller. Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb ich Autorenlesungen im Hörbuchbereich überwiegend ablehne. Normalerweise wollen ja Autoren oder Hörbuchverlage ihre Werke an ein möglichst großes Hörerpublikum verkaufen. Es ist vielleicht nicht jedem Autor oder jeder Schriftstellerin bewusst, dass sehr viele Hörbuchkäufer ihre Kaufentscheidung vom Namen des Interpreten und nicht vom Namen eines Autors abhängig machen. Je bekannter der Name des Hörbuchsprechers, desto größer die Chance für einen Verkaufserfolg.

Buchmarketing.direkt: Sehr interessantes Thema, darüber würde ich sehr gern noch viel mehr hören. Ich möchte aber dennoch etwas über Ihre Krimis von Ihnen erfahren. In Ihrem ersten Nordwest-Krimi Tödlicher Nordwestwind führen Sie ja einen etwas ungewöhnlichen Kommissartyp ein. Robert Rieken steht eigentlich am Ende seiner Beamtenlaufbahn und kehrt deshalb an den Ort zurück, an dem er vor Jahrzehnten seine Karriere begonnen hat. Oldenburg gilt zwar als Großstadt, ist aber tatsächlich ein verschlafenes Provinznest. Er verspricht sich einen geruhsamen Job, aber es kommt natürlich alles anders als geplant…

Lene Levi: …Genau, Sie sagen es. Die meisten seiner Dienstjahre hatte er als Ermittler in den härtesten Großstadtrevieren des Landes zugebracht – und nun ist einfach das Maß voll. So steht es schon im Klappentext. Aber er kehrt nicht nur allein wegen seines Jobs nach Oldenburg zurück, sondern auch wegen seiner über 90-jährigen Mutter. Diese alte Dame ist zwar geistig noch fit, hat aber ein Migräne-Problem. Er möchte einfach in ihrer Nähe sein, falls irgendetwas passieren sollte.

Buchmarketing.direkt: Dann wäre auch noch seine Beziehung zu der attraktiven Gerichtsmedizinerin Lin, die ja chinesische Wurzeln hat.

Lene Levi: Nein, das ist nicht ganz richtig. Dr. Lin Quan ist eine gebürtige Oldenburgerin. Sie spricht und denkt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Robert Rieken kennt sie schon sehr lange, da war sie noch ein Kind. Ihre Eltern sind Exil-Chinesen und betreiben ein kleines aber feines Asia-Restaurant, in dem Robert schon als Polizeischüler verkehrte. Nach seiner Rückversetzung begegnen sie sich eher zufällig im Oldenburger Staatstheater. Schnell stellen sie fest, dass sie auch beruflich miteinander zu tun haben. Lin und Robert verlieben sich. Mehr verrate ich nicht.

Buchmarketing.direkt: Der zweite Band trägt den Titel Nordwest Bestial und steht bei KDP als eBook zur Verfügung. Worum geht es in diesem Buch?

Lene Levi: Es geht hauptsächlich um die Verfilzungen zwischen Wirtschaft, der Katholischen Kirche und der Regionalpolitik in Südoldenburg. Es geht um Mord, Fanatismus, Massentierhaltung und Brunnenvergiftung. Ein sehr heikles Thema, was aber gar nicht so weitentfernt von unserer heutigen Realität liegt.

Buchmarketing.direkt: Der dritte Band ihrer Nordwest-Reihe Xiao Yang will es wissen ist vor einiger Zeit erschienen. Es handelt sich aber hierbei eher um einen Kurzroman.

Lene Levi: Ja, es ist noch nicht der erklärte dritte Band der Reihe, sondern war vielmehr als kleines Experiment geplant. Ich wollte herausfinden, ob Kurzromane von meinen Leserinnen genauso gern gelesen werden, wie meine ausgewachsenen Romane mit über 360 oder mehr Seiten.

Buchmarketing.direkt: Und, wurde der Kurzroman ein Erfolg?

Lene Levi: Eher weniger. Ich habe daraus gelernt, dass meine Leserinnen eindeutig umfangreichere Krimis bevorzugen.

Buchmarketing.direkt: Woran arbeiten Sie gerade?

Lene Levi: Natürlich am dritten Band der Nordwest-Krimi-Reihe. Der Arbeitstitel lautet: Der City-Killer. Es geht darin um einen Mord an einem dubiosen Bauunternehmer, um einen weiteren Mord an einem Theaterschauspieler und um einen Smart Mob mit einer scheinbar politischen Botschaft.

Buchmarketing.direkt: Lene Levi, ich danke Ihnen für das nette Gespräch.

Lene Levi: Bleiben Sie bitte gespannt und lesefreudig. Die Nordwest-Krimi-Reihe wird fortgesetzt.

Mehr Infos auf meiner Autorenseite:

oder beim Verlag: www.words-and-music.de

Link zur Buchbesprechung:

Tödlicher Nordwestwind (Ein Fall für Kommissar Rieken / Band 1): Nordwest-Krimi von Lene Levi

WERBUNG: 364 Seiten – Verlag: ebuchedition words & music – Preis: 4,99 Euro

Leser werden mit Sicherheit viel Spaß daran finden, wie es der Autorin gelungen ist, ihren Protagonisten Robert Rieken zwangsläufig in den ersten Fall hineinzuziehen. Eigentlich hatte sich Robert Rieken erhofft, sich durch seine Rückversetzung in die Oldenburger Polizeiinspektion etwas mehr Ruhe zu verschaffen. Mit Raub, Erpressung, Mord und Totschlag wollte er im Grunde nichts mehr zu tun haben, denn die meisten seiner Dienstjahre hatte er als Ermittler in den härtesten Großstadtrevieren des Landes zugebracht – und nun war einfach das Maß voll.

Jedoch sein Wunschtraum zerplatzt genau an jenem Tag, an dem zwei Dangaster Krabbenfischer eine männliche Leiche aus der Nordsee ziehen und Robert als Kriminalkommissar plötzlich vor der Aufgabe steht, die Identität des unbekannten Toten zu ermitteln. Dieser Kommissar Rieken ist nicht nur Kriminalbeamter, sondern er ist vor allem auch ein Mensch. Bald an seiner Seite, eine attraktive sympathische asiatische Kollegin: Dr. Lin Quan ist Rechtsmedizinerin, sie entzückt ihn fachlich ebenso wie auch als Frau. Beide werden ein Paar. Aber Rieken hat auch noch seine alte Mutter, die ihm absolut nicht gleichgültig ist. Er sorgt für die alte Dame, die zudem als waschechte Ostfriesin nicht auf den Mund gefallen ist. Da ist Rieken dann doch „nur“ Sohn und weniger Beamter. Aber selbstverständlich hat er auch als Ermittler eine große Portion Charisma – er wirkt weitgehend ruhig und souverän, ist eher der nachdenkliche Typ und nicht unbedingt der spontane Draufgänger.

Interessant war für mich festzustellen, wie dieses Buch von Kapitel zu Kapitel Fahrt aufnahm und an Rasanz gewann. Ab der Hälfte mochte ich es nicht mehr aus der Hand legen, so sehr zog es mich in seinen Bann. Die Geschichte ist absolut schlüssig, die kleinen persönlichen Eigenarten der Akteure erscheinen liebenswert und vor allem auch witzig. Besonders der junge Polizeibeamte Jan ist ein durchaus gelungene Figur und ein sehr sympathischer Teamplayer. In ihren kleinen Unterschieden entwickelt sich das Miteinander von Robert Rieken, seinem Assistenten Jan Onken und der Rechtsmedizinerin Lin sehr realistisch: aus der ersten gesunden Distanz entsteht bald auch die Wertschätzung für die gemeinsame Arbeit. Gerade die altersbedingten Unterschiede zwischen dem Chef Robert und seinem Assistenten Jan führen zur Entwicklung eines sympathischen Teams. Sehr gefallen haben mir auch die Beschreibungen von wesentlichen Dingen, die beispielsweise solch einen Krabbenkutter ausmachen, indem Fachbegriffe Interesse wecken. Backbord und Steuerbord kann ich zwar noch zu meiner Allgemeinbildung zählen, aber wie Schleppnetze und vieles mehr funktionieren, das finde ich eine echte Bereicherung als Leser. Und dass es anschaulich ist, macht es noch ungeheuer interessanter zu lesen. Gleiches gilt auch für das clevere Zurückverfolgen des „Lebenslaufes“ einer wertvollen Armbanduhr. Viele Details machen die Recherche spannend, etwa wie beim Öffnen der Uhr kleine Hinweise die nächste Spur hervorbringen. So reiht sich ein Detail ans nächste. Die Geschichte wird dabei stringent erzählt, baut sich so eine Spannung auf, die sich bis zum Schluss noch steigert und dabei immer wieder auch überraschende Wendungen bereithält. Ein Regionalkrimi mit ungewöhnlichen Charakteren und einem besonderen Timing. Nicht nur für Norddeutsche unterhaltsam. Meine Empfehlung! Eine Krimilektüre, die sich auf jeden Fall echt gelohnt hat. Den Namen Lene Levi werde ich mir auf jeden Fall vormerken. Ich bin schon jetzt auf die Fortsetzung Nordwest Bestial gespannt. Und jetzt, wo auch die gedruckte Ausgabe da ist, ist dieses Buch auch ein guter Geschenketipp. Als Printausgabe kann man diesen Krimi allerdings nur direkt über den Online-Shop des Verlags bestellen, unter: www.words-and-music.de. Es lohnt sich.

Link zum Autoren-Gespräch:

Buchmarketing.direkt im Gespräch mit Dieter Menyhart

Dieter Menyhart ist Kundengewinnungs-Experte, Trainer und Buchautor. Mit über 30 Jahren eigener Verkaufserfahrung, davon 12 Jahre in Führungspositionen als Verkaufs- und Marketingleiter, gibt der Schweizer sein Wissen in Seminaren und Vorträgen an Verkaufsführungskräfte und Verkäufer in ganz Europa weiter. Sein Motto lautet: „Vermarkten Sie nicht Ihre Produkte, begeistern Sie Ihre Kunden!“

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Buchmarketing.direkt: Guten Tag, Herr Menyhart. Im Fokus unseres Gespräches soll natürlich vorrangig Ihr Buch SECRET OF SALES: Die Erfolgsstrategien der BIG Player stehen. Sie eröffnen es im Editorial gleich mit einer Kernaussage, die den eigentlichen Inhaltsschwerpunkt mit nur wenigen Sätzen einkreist: „Kein Beruf hat sich in den letzten Jahren so radikal verändert wie der Verkauf. Kunden sind immer besser informiert und damit anspruchsvoller geworden. Mit einem Klick im Internet erhalten Interessenten Tausende Informationen über Produkte und Hersteller.“ Besteht aus Ihrer Sicht durch die moderne Art von Informationsbeschaffung seitens der Kunden eine latente Bedrohung, dass in absehbarer Zeit der Berufsstand des Verkäufers in eine akute Schieflage geraten könnte?

Dieter Menyhart: Nein. Es geht allerdings um ein klares Umdenken als Verkäufer. Die Interessenten sind immer besser (vor)informiert. Zudem gibt es einen großen „Graben“ zwischen der Wahrnehmung von Produktedetails und Marken-Merkmalen zwischen Anbietern und Kunden. Was der Anbieter als klare Vorteile seines Angebots sieht, ist aus Sicht des Kunden schlicht Standard oder er nimmt die einzelnen Vorteile gar nicht wahr, da er sich (verständlicherweise) ja um sein eigenes Business kümmert. Auch bereits eingesetzte „Marken“ werden für Kunden vielfach erst wieder im Kopf präsent, wenn er ein Problem damit hat. Oder wissen Sie selber zum Beispiel gerade aus dem Stehgreif, welche Drucker-Marke Sie im Betrieb haben? Von einem Verkäufer erwarten Kunden deshalb auch einen echten Mehrwert darüber hinaus. Was biete ich als Verkäufer für neue Impulse, damit der Kunde in seinem Business noch erfolgreicher ist? Verkäufer die nur die Produkte aber nicht den Kunden und sein Geschäft kennen, haben hier keine Chance.

Buchmarketing.direkt: Sehr häufig hört man von Verkäufern im Einzelhandel eine stets ähnlich lautende Klage: „Viele Kunden betreten mein Geschäft und lassen sich ein Produkt von mir ausgiebig und fachgerecht erklären. Sie nehmen es in die Hand, spüren und prüfen seine Beschaffenheit oder testen es unter Umständen sogar selbst vor Ort. Dann werfen sie einen Blick auf das Preisschild und sagen schließlich, aber im Internet kann ich das gleiche Produkt wesentlich preiswerter erwerben.“ Nicht selten verlassen Kunden die Geschäfte, ohne den betreffenden Artikel gekauft zu haben. Sie bestellen ihn online, haben aber die vom Verkäufer erbrachte Beratungsleistung gern in Anspruch genommen. Die Statistik besagt, dass sich in der Schweiz die Käufer bei 80 Prozent aller Käufe vorher im Internet informiert haben. Eine Zahl, die noch steigen wird. Gekauft wird am Ende dort, wo es am günstigsten ist und wo die besten Rahmenbedingungen geboten werden. Wird Ihrer Meinung nach dieser ungleiche Preiskampf nicht zwangsläufig zu einer Verzerrung des Wettbewerbes führen? Und welche Empfehlungen geben Sie dem stationären Einzelhandel für die Zukunft?

Dieter Menyhart: Der Einzelhandel muss (wieder) lernen 1:1 zu verkaufen! Einen Kunden nach der Beratung mit den Worten „Gerne geschehen“ zu verabschieden, ist tödlich! Verkaufen bedeutet abschließen – alles andere ist Beratung! Es gibt bereits heute „mutige“ Händler, die Beratung ohne Abschluss kostenpflichtig machen. Dazu gehört aber eben Mut! Die Erfahrung zeigt aber, dass Kunden durchaus bereit sind, auch für Beratung zu bezahlen, wenn die Spielregeln von Anfang an auf dem Tisch liegen und der Mehrwert auch quantitativ sofort ersichtlich ist. Da genügen 08/15-Aussagen wie, „bei uns bekommen Sie Qualität“ nicht mehr. Diese „Qualität“ muss glaubhaft belegt werden und damit meine ich nicht den (vergleichbaren) Preis sondern den messbaren Nutzen! Daneben ist das Kauferlebnis am POS nicht zu vernachlässigen. Ein Kunde, der sich hier gut beraten fühlt, entscheidet auch spontan. Aber nur, wenn der Verkäufer auch die Kunst des Verkaufens beherrscht!

Buchmarketing.direkt: Wenn ich heute ein Schlagwort (beispielsweise das Wort „Sportschuhe“) in die Maske einer Suchmaschine eingebe, erhalte ich nicht selten beim nächsten Aufruf völlig anderer Webseiten eingeblendete Werbeangebote zu eben diesem Begriff. Viele Großunternehmen nutzen Algorithmen im Internet wie Zauberformeln, um damit Kunden zu akquirieren. Ist es nicht so, dass jene Unternehmen die bestmöglichsten Chancen für einen Verkaufsabschluss per Online-Shop erzielen, welche auch die höchsten Rankings in den Suchmaschinen einnehmen?

Dieter Menyhart: Das ist so! Dabei ist Google und Co. gerade der Freund von kleinen Anbietern! Oder anders ausgedrückt – Google bevorzugt die Fleißigen zuerst. Mit einer cleveren Online-Strategie erreiche ich die Top-10 auf Google recht schnell, ohne ein Werbebudget der Großverteiler. Ich selber bin ein gutes Beispiel dafür. Ich erstelle 2 x pro Monat einen Blog-Artikel. Diesen poste und bewerbe ich auf für mein Business relevanten Seiten (Xing, Linkedin, Facebook). Der Inhalt wiederum führt direkt auf meine Homepage. Damit habe ich erreicht, dass ich innerhalb weniger Monate bei relevanten Stichworten auf der ersten Seite von Google bin und zwar ohne teure Ad-words-Kampagnen! Googeln Sie einfach einmal „Verkaufstrainer Schweiz“.

Buchmarketing.direkt: Sie lassen in Ihrem Buch vierzehn unterschiedliche Verkaufsexperten von ebenso vielen (wie auch unterschiedlichen) Top-Unternehmen zu Wort kommen. Herausgekommen sind interessante Einblicke in ihre jeweiligen Denkungsweisen und Verkaufsstrategien. Mir ist während der Lektüre allerdings aufgefallen, dass eigentlich bei allen befragten Verkaufsprofis in der Kernaussage Konsens darüber besteht, welche Voraussetzungen Verkäufer zu erfüllen haben, um auch zukünftig erfolgreich tätig zu bleiben. Alle äußerten sich unisono etwa sinngemäß, dass Verkäufer als Berater wahrgenommen werden sollten, dass sie genau Zuhören sollten und die Bedürfnisse eines jeden Kunden, ja sogar die Kunden persönlich genau kennen sollten. Im Zeitalter der technischen Kommunikationsmöglichkeiten, das besonders durch das Versenden von E-Mails, schalten von Telefonkonferenzen oder Skype-Übertragungen gekennzeichnet ist, hört sich das etwas ungewöhnlich an. Immerhin ist das Schlagwort „Internet der Dinge“ heute in aller Munde. Wird also der ganz direkte Kundenkontakt zukünftig doch wieder eine größere Bedeutung einnehmen? Und (Stichwort: reisende Vertreter) wird sich das Tätigkeitsumfeld des zukünftigen Verkäufers wieder mehr in Richtung Außendienst verlagern?

Dieter Menyhart: Die Frage für einen Kunden ist immer: Welcher Mehrwert bietet mir ein Anbieter, damit ich meine Unternehmensziele erreiche? Wenn der Verkäufer hier klare Antworten hat, ist er auch in Zukunft ein gerngesehener Ansprechpartner. Aber eben: es genügt nicht, im Internet abrufbare Informationen persönlich zu wiederholen. Nur wer sich auf jeden Kunden und dessen Herausforderungen individuell einstellt, kann hier auch in Zukunft punkten. Sonst wird der Aussendienst nur als „Zeitfresser“ wahrgenommen.

Buchmarketing.direkt: Im Verkauf muss man ja grundsätzlich zwischen zwei Hauptsäulen unterscheiden. Es gibt einerseits die Dinge des täglichen Bedarfs, wie Brot, Butter oder meinetwegen auch Bücher. Andererseits gibt es das Angebot von Artikeln oder Dienstleistungen, die sich fast nur über eine fachliche Beratung verkaufen lassen. Derzeit werden allerdings ausgebildete Fachkräfte im Einzelhandel fast überall stark abgebaut. Im Elektronikmarkt muss man sich am Point of Sale (zumindest ist das in Deutschland mein persönlicher Eindruck) mitunter schon sehr bemühen, um einen kompetenten Verkäufer zu finden, der auch auf spezielle fachliche Fragen zu einem Produkt beratend eingehen kann. Eine angelernte Aushilfskraft ist an dieser Stelle wenig hilfreich. Welche Zukunftschancen räumen Sie solchen Unternehmen ein?

Dieter Menyhart: Diese Unternehmen stehen vor einer Grundsatzfrage: wollen sie in Zukunft überhaupt noch Beratung am POS anbieten oder nicht. Beratung bedeutet aber auch (kostenintensive) Schulung der Verkäufer. Wer 08/15-Ware ohne geschultes und motiviertes (!) Personal anbietet, hat verloren. Gleichzeitig sollte man aber das Gefühl der Haptik nicht unterschätzen. Eine Ware in den Händen zu haben erzeugt ein enorm starkes Gefühl – „Meins!“. Wenn dann noch ein geschulter Verkäufer vor Ort ist, entsteht ein spontaner Kaufsog. Das funktioniert übrigens auch im B2B hervorragend! Gerade Produkte die schwer erklärbar und fassbar sind, können mit den richtigen Verkaufshilfen fassbar zum Leben erweckt werden.

Buchmarketing.direkt: Sie selbst sind als Verkaufstrainer in der Schweiz erfolgreich tätig? Je nach Zielgruppe werden in Ihren Seminaren auch Rollenspiele mit echten Einkäufern, CIOs und CEOs angeboten. Wie können wir uns als interessierte Leser dieses Gespräches solche Rollenspiele vorstellen? Der Sales Director der Neopost AG – René Gonthier, schreibt in Kapitel 10 Ihres Buches: „Ein Schauspieler, der sich nicht mit seiner Rolle identifiziert, seine Motivation nicht versteht und kein Interesse an der Leidensgeschichte des Charakters hat, wird diesen niemals auf glaubwürdige und fesselnde Weise verkörpern. Mit dem Verkauf ist es ebenso.“ Muss ein moderner Verkäufer also auch schauspielerisches Talent mitbringen, um in seinem Beruf erfolgreich agieren zu können?

Dieter Menyhart: Klassische Rollenspiele mit Verkaufstrainern haben zu recht ein schlechtes Image bei Verkäufern. Als wertvoll erachten Verkäufer hingegen Situationen, in welchen Sie 1:1 z.B. von Einkäufern (bzw. für ihre Business relevanten Ansprechpartner), gefordert werden und konkrete Rückmeldungen und Tipps erhalten, die sie in ihrer Praxis auch sofort umsetzen können. Genau das biete ich mit meinen Trainings und erhalte immer enorm positive Rückmeldungen. Es geht weniger um „schauspielerisches Talent“ sondern vielmehr um die eigene Begeisterung für „mein“ Produkt und „meine“ Dienstleistung. Das ist übrigens alles andere als „modern“. Wer mit Leidenschaft und Begeisterung verkauft, begeistert seine Kunden. Mit einer solchen echten Begeisterung verzaubert ein Verkäufer sein „Publikum“.

Buchmarketing.direkt: Eine Problemstellung, auf die ich in Ihrem Buch mehrfach gestoßen bin, lautet: Wie komme ich als Verkäufer oder Berater in den Kopf des Kunden? Der Verkäufer der Zukunft muss also, weitaus mehr als früher, eine ausgezeichnete Menschenkenntnis oder zumindest sehr sensible Sinne mitbringen. Diese Kenntnisse kann sich jedoch ein junger Mensch, der gerade seinen Schul- oder sogar Universitätsabschluss erfolgreich absolviert hat, oft nicht mit auf seine Waagschale legen. Gibt es ein „bestes Alter“ für gute Verkäufer?

Dieter Menyhart: „Jung sein“ ist eine reine Kopfsache. Wer offen ist, zu lernen und auf seine Kunden einzugehen vermag, ist „Jung“. Erfahrung ist ein anderes Thema. Wer Erfahrung hat, kann Potentiale besser einschätzen. Gleichzeitig kann er sich diese damit aber auch verbauen, weil er sich mit vorgefassten Meinungen selber im Weg stehen kann („Das funktioniert bei meinen Kunden nicht“ etc.) Wer so denkt, ist aus meiner Sicht „alt“ und wird es mit solchen Denkmustern in Zukunft im Verkauf sehr schwer haben. Solche geistigen Blockaden sind leider sehr schnell aufgebaut. Es gibt aber gerade auch ältere Verkäufer, welche im Geist jung sind und immer wieder neues versuchen. In den Kopf des Kunden kommt ein Verkäufer, der mit Leidenschaft hinter seinem Produkt steht und den Kunden als Menschen mit dessen Bedürfnissen und Wünschen versteht und dafür Lösungen anbietet. Gleichzeitig fordert er Kunden auch heraus, statt „Gegebenheiten“ als der Wahrheit letzter Schluss zu akzeptieren. Das erfordert „Jugend im Kopf“!

Buchmarketing.direkt: Einigen Verkäufern merkt man den heftigen Druck an, der auf sie intern von Vorgesetzten ausgeübt wird. Sie werden permanent angehalten, ein bestimmtes Umsatzbudget zu erreichen, das aber nur in Ausnahmefällen erzielbar ist. Dieser Druck aber macht solche Verkäufer nicht unbedingt erfolgreicher, vielmehr verstärkt es ihre Unsicherheit. Testen Sie in Ihren Seminaren auch Entscheidungsträger bezüglich Führungsqualitäten?

Dieter Menyhart: Ihre Aussage bezüglich Druck kann ich voll unterschreiben. Oft habe ich es in der Verkaufsführung wirklich mit Führungskräften zu tun, die großen Druck auf die Verkäufer aufbauen und diese damit behindern und damit internem Wiederstand der Verkäufer gegenüberstehen. Hier stelle ich den Führungskräften bereits in der Planungsphase durchaus auch einmal unangenehme Fragen. Woher kommen diese Ziele? Sind Sie realistisch und wenn ja, warum genau? Warum wurden sie bisher nicht erreicht? Was ist die Führungsperson bereit zu tun, damit die Ziele erreicht werden? etc. Hier verstehe ich mich als „Challenger“, der auch Führungspersonen oft dazu bringt, über die übergeordneten Themen nochmals nachzudenken. Allerdings muss man auch realistisch sein. In sehr vielen Fällen sind die Vorgaben nicht auf dem „Mist“ des Verkaufsleiters gewachsen, sondern kommen von weiter oben. Hier durchleuchte ich generelle Verkaufsprozesse und Zielvorstellungen sehr tief und verlange auf Bedarf auch ein Arbeits-Meeting mit der Geschäftsführung zum Thema Verkaufsstrategie. Es gab viele Fälle, in welchen die Führung ihre Strategie als Ganzes hinterfragt und neu ausgerichtet hat. Erst danach wurde dann das Verkaufstraining darauf ausgerichtet und (erfolgreich) durchgeführt. Wenn ich die Vorgaben und die Grundlagen als nicht realistisch einschätze und auch keine Bereitschaft der Geschäftsleitung erkennbar ist, lehne ich den Auftrag ab.

Buchmarketing.direkt: Einige Menschen studieren Psychologie, um Menschen besser bzw. leichter einschätzen zu können. Wäre das Ihrer Meinung nach eine gute Voraussetzung für den Erfolg eines zukünftigen Verkäufers?

Dieter Menyhart: Es gibt Millionen von Ärzten mit der gleichen Ausbildung. Welchem vertrauen Sie? Demjenigen, der neben der Fachkompetenz auch auf Sie und Ihr Problem als Mensch wirklich und glaubhaft eingeht, richtig? Das theoretische Grundwissen ist nur dann wertvoll, wenn es mit wahrhaftiger Empathie einhergeht. Zu unserem Thema und Ihrer Frage: Verkäufer sind keine Psychologen, sondern eben Verkäufer. Das Grundverständnis für menschliche Motive und Bedürfnisse sind für Verkäufer durchaus sinnvoll und wichtig. Entscheidend ist die Empathie und vor allem die Bereitschaft, den Kunden als Mensch mit individuellen Bedürfnissen wahrzunehmen und zu verstehen. Hier steht aus meiner Sicht keine Akademisierung sondern funktionierende Praxismethoden für den Verkaufserfolg im Vordergrund. Diese sind die Basis des Erfolgs von Verkäufern in meinen Seminaren.

Buchmarketing.direkt: Noch eine letzte Frage. Wie könnte das Portfolio eines erfolgreichen Verkäufers in ca. zwanzig Jahren aussehen?

Dieter Menyhart: In 20 Jahren ist ein Verkäufer hoch vernetzt. Er weiß über das Business seiner Kunden mindestens so viel wie dieser selbst. Er erkennt potentielle Bedürfnisse, bevor der Kunden selber darauf kommt. Er ist ein Challenger und Business-Entwickler, der den Kunden herausfordert und unterstützt, dessen Business-Modell mit seinen Lösungen immer weiter zu verbessern und damit den Umsatz und Gewinn für alle Beteiligten zu steigern.

Buchmarketing.direkt: Herr Menyhart, ich bedanke mich für dieses sehr informative Gespräch.

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Buchmarketing.direkt im Gespräch mit Jean-Louis Glineur

Jean-Louis Glineur wurde 1964 in Verviers/Belgien als Sohn eines belgischen Unteroffiziers und einer deutschen Mutter aus Hollerath in der Eifel geboren. Als sein Vater Léon Ende der 1960er Jahre im belgischen Camp Vogelsang in der Eifel als Soldat stationiert war, zog die Familie aus der Wallonie nach Gemünd. Er besuchte das Städtische Gymnasium Schleiden und schloss dieses 1984 mit dem Abitur ab und entschied später, eine Berufsausbildung zum Industriekaufmann zu absolvieren, arbeitete später als strategischer Einkäufer und als Ausbilder in kaufmännischen Berufen. Seit 2001 lebt Jean-Louis Glineur in der Städteregion Aachen in einem idyllischen kleinen Dorf namens Dedenborn mit seiner Frau Ute, die er im Jahr 2008 heiratete. Zu den Leidenschaften von Jean-Louis Glineur gehören Motorsport und Comicserien belgischer und französischer Autoren.

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Buchmarketing.direkt: Guten Tag, Herr Glineur. Im Fokus unseres Gespräches soll natürlich vorrangig Ihr Krimi Todesangst in der Nordeifel stehen. Wenn ich es richtig verstanden habe, handelt es sich hierbei um ein Erstlingswerk und Sie haben damit einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, denn noch bevor eine Taschenbuchausgabe vorlag, erschien es zuerst als Hörbuch, welches bei Technisat Digital Division Radioropa veröffentlicht wurde. Normalerweise findet die Veröffentlichungsreihenfolge genau umgekehrt statt. Gab es Gründe für diese Entscheidung?

Jean Louis Glineur: Im Prinzip gab es wirklich gute Gründe, aber die standen nicht wirklich unter meinem Einfluss. Ich habe recht blauäugig fünf Verlagshäuser angeschrieben, mein Manuskript in Papierform beigefügt und auf baldige Antworten gewartet. In den kommenden Wochen kam zunächst eine Absage eines regionalen Verlegers für Printmedien, aber fast zeitgleich Post von Radioropa aus Daun, die zu meiner Freude mein Manuskript vertonen wollten. Dass dann anderweitig noch eine weitere Absage kam und zwei angeschriebene Verleger überhaupt nicht reagierten, trat bei meiner großen Freude über die guten Nachrichten des Hörbuchproduzenten absolut in den Hintergrund. In Sachen ‚Entscheidung‘ in Sachen Reihenfolge war ich also eher Passagier und weniger Kapitän.

Buchmarketing.direkt: Ihre Krimis lassen sich leicht in die Schublade „Regionalkrimis“ einsortieren. Ich selbst bin mit solchen Etikettierungen nicht sehr glücklich, denn im Grunde handelt ja fast jeder Krimi an einem bestimmten Ort. Zweifelsfrei hat Jacques Berndorf dem Genre „Eifelkrimi“ zu großer Popularität verholfen. Hat er Ihnen mit seinen Werken den gewissen Impuls zum eigenen Schreiben gegeben?

Jean Louis Glineur: Berndorf spielt nur bedingt eine Rolle, wobei ich seine Romane nahezu ausnahmslos einfach sehr mag. Geschrieben habe ich bereits, bevor ich den Namen Jacques Berndorf jemals gehört hatte, auch wenn es sich um Presseartikel handelte. Dass verschiedene Autoren, und auch ich, definitiv Profiteure durch Berndorfs Erfolge sind, kann kein vernünftiger Mensch bestreiten. Auf mich bezogen sage ich mit einem Schmunzeln, dass ich aber nun wirklich nichts dafür kann, dass ich rein zufällig auch in der Eifel wohne. Denn die Handlung in den Hunsrück zu legen, nur um nicht als Berndorf-Nutznießer zu gelten, wäre eher fragwürdig. Was mir selbst aber überhaupt nicht gefällt, ist dieses Nachahmen der Titel. Bei Berndorf heißen Sie ‚Eifel-Gold‘ oder Eifel-Blues‘. Wenn andere Autoren dies von ‚Eifel-A‘ bis ‚Eifel-Z‘ als Buchtitel quasi kopieren, finde ich es etwas plump. Daher habe ich mich für dieses in beiden veröffentlichten Fällen für jenes ‚…in der Nordeifel‘ entschieden, so wie auch der nächste Fall zum Beispiel ‚Entführung in der Nordeifel‘ heißen wird.

Buchmarketing.direkt: Sie besitzen einen deutschen Pass, besinnen sich aber immer auch auf Ihre wallonischen Wurzeln. Eine Ihrer Protagonisten, die Privatdetektivin Anne-Catherine Vartan, ist ebenso wie Sie in Belgien geboren, besitzt aber auch einen deutschen Pass. Ist diese Romanfigur sowas wie Ihr Alter Ego?

Jean Louis Glineur: Ich finde, dass der Darsteller Alwin Schreer eher den Begriff Alter Ego erfüllt. Sein Handeln und seine persönliche Art haben eher eine Ähnlichkeit. Trotzdem, sehr guter Ansatz, hat auch Anne-Catherine einen gewissen Anspruch ein Alter Ego zu sein. Zwar treibt mich mehr die Grenznähe zu Belgien an, aber ich spüre oft im Alltag, dass ich eher halber Belgier und eben halber Deutscher bin. Mich hat die Mentalität beider Länder geprägt, vor allem aber besitze ich einen wallonischen Dickschädel, der auch ohne Umschweife seiner Meinung freien Lauf lässt. Das passt in gewisser Weise auch wieder zu meiner Protagonistin Anne-Catherine Vartan.

Buchmarketing.direkt: Sie üben noch einen Beruf zum Broterwerb aus, sind also nicht allein monetär von der Schriftstellerei abhängig. Wenn Sie schreiben, wie strukturieren Sie Ihre Tätigkeiten? Schreiben Sie täglich, oder nur dann, wenn Sie eine plötzliche Idee haben, die dringend notiert werden muss?

Jean Louis Glineur: Mein eigentlicher Beruf bindet mich, wie so viele Menschen, rund vierzig Stunden wöchentlich. Nach Feierabend bin ich dann oft einfach nur müde, oder ich möchte die Zeit mit meiner Frau genießen. Daher schreibe ich meist eher spontan, oder eher schubweise, aber dann intensiv. Notizen, definitiv, sind aber ein steter Begleiter. Wenn ich eine neue Idee zu einer Story habe, wird diese auf alle Fälle sofort in ein passendes Notizbuch aufgenommen.

Buchmarketing.direkt: Sie waren auch als freier Journalist tätig und haben u.a. für die „Kölnische Rundschau“ oder für die mittlerweile eingestellte Motorsportzeitschrift „Sportfahrer“ Artikel geschrieben und Reportagen in Jahresbüchern veröffentlicht. Das Schreibbedürfnis liegt Ihnen offenbar im Blut. Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Schreibversuche? Wie oder wodurch wurde dieses Bedürfnis geweckt?

Jean Louis Glineur: Der Spaß am Schreiben begann eigentlich mit der Entstehung unserer Abi-Zeitung im Jahr 1984. Allerdings war ich doch mehr für Fotos zuständig. Damals habe ich – eher durch Zufall – einen Stuntman fotografiert, der einen Motorradunfall fürs Fernsehen doubelte. Das Foto habe ich dann genutzt, um mit einem kleinen Bericht in einer Zeitung auf die Gefahren hinzuweisen, wenn Biker ohne Licht fahren und übersehen werden. Das wurde dann zum Einstieg für andere Berichte. ‚Sportfahrer‘ war erst recht ein für mich ideales Magazin, da ich mich seit meiner Kindheit für Autorennen interessiere.

Buchmarketing.direkt: Einige spannende Passagen in Ihrem Krimi werden zusätzlich auch durch riskante bzw. rasant formulierte Autoverfolgungsjagdbeschreibungen angereichert. Ich werde das Gefühl nicht los, da steckt auch viel eigenes Potential mit drin. Hat Jean Louis Glineur auch Benzin im Blut?

Jean Louis Glineur: Ja, das passt auch zur Frage zuvor. ‚Sportfahrer‘ war ein für mich ideales Magazin, wenn’s um das Schreiben ging, da ich mich seit meiner Kindheit für Autorennen interessiere. Ich habe Mitte der 1980er Jahre an Slalomrennen teilgenommen, oder auch im belgischen Zolder einen Formel Ford damals ausprobieren können. Und ich bin immer gern schnell unterwegs gewesen, wenn die Straßenverhältnisse es erlauben. In den letzten Jahren ist Autofahren für mich nur noch ein Mittel zum Zweck und nicht mehr so leidenschaftlich.

Buchmarketing.direkt: Sie haben kürzlich einen zweiten Krimi „Panik in der Nordeifel“ veröffentlicht. Worum geht es in Ihrem neuen Buch?

Jean Louis Glineur: Zwei pensionierte Studienräte suchen die Privatermittler Schreer und Vartan auf. Der brutale Mord an zwei ebenfalls aus dem aktiven Dienst ausgeschiedenen Lehrern namens Sturm und Kling führt zu der Annahme, dass jemand es auf die Lehrerschaft eines Gymnasiums abgesehen hat. Alwin Schreer hat allerdings einen anderen Verdacht, da die Ermordeten Mitglieder einer rechtsextremen Partei waren. Dass der erwachsene Sohn Michael des getöteten Kling auch ermordet wird, festigt den Verdacht, denn er galt vor allem in Aachen und Umgebung als politischer Brandstifter. Der Mordversuch an einem weiteren Lehrer, wirft allerdings alle Annahmen um, dass Rechtsextreme das Ziel sind, denn er gilt als das krasse Gegenteil – er steht politisch klar ‚links außen‘. Parallel werden Waffen im Keller von Kling junior nach dessen gewaltsamen Ende entdeckt, und auf einem beschlagnahmten Computer kann ein Chatverlauf wieder hergestellt werden, der ein geplantes  Attentat auf zwei Flüchtlingswohnheime in der Nordeifelverrät. Klings Tod hatte also auf eine makabre Weise etwas „Gutes“, und dennoch gilt: ein Mord ist und bleibt ein Mord, zumal die Motivlage des unbekannten Mörders offensichtlich doch eine andrere ist.

Buchmarketing.direkt: Gibt es schon Pläne für einen dritten Band der Nordeifel-Reihe? Möchten Sie schon etwas darüber verraten?

Jean Louis Glineur: Wie angedeutet, plane ich aktuell einen Fall mit dem voraussichtlichen Titel ‚Entführung in der Nordeifel‘. Die Kinder und die Schwiegermutter eines in Ostbelgien lebenden wohlhabenden Geschäftsmanns werden entführt. Er ist derart eingeschüchtert, dass er, wie gefordert, die Polizei nicht einbindet, aber er kennt Alwin Schreer durch einen älteren eher unbedeutenden Auftrag und bitte ihn um Hilfe.

Buchmarketing.direkt: Wie viel Zeit brauchen Sie etwa für den Schreibprozess eines eigenen Buches?

Jean Louis Glineur: Jetzt tu‘ ich mich schwer, die Frage präzise zu beantworten. Da ich auch immer wieder Pausen einlege, dann aber der eben kurz erwähnte ‚Schub‘ einsetzt, denke ich, dass ich von der ersten Idee bis zur Fertigstellung ein halbes Jahr brauche. Ein eher nerviger Grund für etwas längere Unterbrechungen ist der Hang zu Migräneanfällen. Das bedeutet auch, dass ich durchaus auch mal zwei oder drei Wochen nur Notizen mache, am Manuskript aber dann nicht arbeite.

Buchmarketing.direkt: Lassen Sie sich auch von realen Ereignissen, die sich meinetwegen in der Eifel zugetragen haben, für Ihre eigenen Krimis inspirieren?

Jean Louis Glineur: Geschehnisse in der Eifel sind da weniger die Inspiration. Aber ich erlaube mir durchaus den kleinen Wink zu Dingen, die zum Zeitpunkt der Geschichte gesellschaftlich oder politisch präsent oder aktuell sind. Gerade der Ich-Erzähler Schreer tut dies. Allerdings nutze ich dies, um den Zeitpunkt für den Leser etwas ‚griffiger‘ zu machen, besser gesagt, wenn er liest erinnert er sich unvermittelt an ein Geschehnis der Zeit zuvor. In ‚Panik in der Nordeifel‘ gibt es zum Beispiel den kleinen Seitenhieb gegen den Islamischen Staat, oder Anne-Catherine Vartan hat einen persönlichen Bezug zu den Attentaten in Paris Ende 2015, da sie kurz zuvor dort zu Besuch war. Oder, anderes Beispiel, mein Alter Ego Schreer kann’s aus aktuellen Anlässen auch nicht lassen, ein paar Spitzen über einen gewissen Herrn Trump zu platzieren.

Buchmarketing.direkt: Wo liegen Ihre Vorlieben als Buchleser?

Jean Louis Glineur: Die Vorliebe ist und bleibt der deutsche Krimi, aber das Genre wird auch recht gelungen aus Skandinavien bedient. Beides betreffend mag ich aber auch Hörbücher besonders gern, da ich beruflich jede Woche ein paar Stunden unterwegs bin. Und – da kommt der Belgier in mir durch – ich liebe französischsprachige Comics.

Buchmarketing.direkt: Herr Glineur, ich bedanke mich für dieses sehr informative Gespräch.

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Buchmarketing.direkt im Gespräch mit Dieter Lohr

Dieter Lohr ist Schriftsteller und Hörbuch-Verleger. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Konstanz und wurde 1999 mit der Dissertation ‚Die Erlebnisgeschichte der „Zeit“ in literarischen Texten‘ promoviert. 1999/2000 sowie 2002 arbeitete er als Lektor an der Universität Alexandru Ioan Cuza Iași in Rumänien. Er unternahm Reisen durch Asien und war am Goethe-Institut in Kathmandu tätig. 2004 gründete er den in Regensburg ansässigen LOhrBär-Verlag, der Hörbücher veröffentlicht. 2006 wurde er mit dem C. S. Lewis-Preis des Brendow Verlags für seinen Roman „Die Rebellion im Wasserglas“ ausgezeichnet.

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Buchmarketing.direkt: Herr Lohr, einige Ihrer bislang veröffentlichten Bücher und Hörbücher deuten bereits im Titel an, was den Leser bzw. den Hörer inhaltlich erwartet. Ich denke beispielsweise an den Geschichtenband „Bismarcks Fahrrad“ oder an das 2010 für den Deutschen Hörbuchpreis nominierte Hörbuch „Der Fahrradspeichenfabrikkomplex“. Sind Sie selbst ein begeisterter Fahrradfahrer? Bitte erzählen Sie uns etwas über diese Werke.

Dieter Lohr: Das war so: Da kommt ein Herr mit Pickelhaube auf den Regensburger Bismarckplatz geradelt, stellt sein Fahrrad ab, redet ein bisschen dummes Zeug und trifft auf einen Herrn mit einem quadratischen Schnurrbart, der ebenfalls dummes Zeug redet, und dann mischt sich noch ein stiernackiger Dicker ein, nach dem der Münchner Flughafen benannt ist und der natürlich ebenfalls dummes Zeug redet. Über diese historische Begebenheit habe ich eine Kurzgeschichte geschrieben, und weil das Fahrrad ganz am Anfang steht, heißt die Geschichte „Bismarcks Fahrrad“, und weil sie am Anfang des erwähnten Geschichtenbands steht, heißt der auch so. Der gemeinsame Nenner der drei Leute ist, dass nach allen dreien in Regensburg – das ist da, wo ich wohne und wo auch der LOhrBär-Verlag seinen Sitz hat – Straßen oder Plätze benannt sind bzw. waren. Das Hörbuch „Der Fahrradspeichenfabrikkomplex“ dreht sich um die in den 80er Jahren geplante Wiederaufbereitungsanlage für atomare Brennstoffe in der Oberpfälzer Gemeinde Wackersdorf, das ist gar nicht weit weg von da, wo ich wohne und wo auch der LOhrBär-Verlag seinen Sitz hat. Einer der drei Herren, die so gern dummes Zeug reden, war damals Bayerischer Ministerpräsident und hat gesagt, dass diese WAA nicht gefährlicher sei als eine Fahrradspeichenfabrik. Bis dahin haben ihm viele Oberpfälzer vieles geglaubt, dass Arbeitsplätze geschaffen würden und all solche Sachen, bloß an dem Punkt mit der Fahrradspeichenfabrik haben sie sich dann verarscht gefühlt und sind auf die Barrikaden gegangen. Es ist dann noch ziemlich kompliziert geworden, deshalb heißt das Hörbuch nicht nur „Fahrradspeichenfabrik“ sondern zusätzlich „komplex“, auch deshalb, weil’s um ein großes Gebäude geht und weil einen einiges in der weiteren Geschichte an den Baader-Meinhof-Komplex erinnert. Gemeinsamkeiten sind also der Herr, der so gerne dummes Zeug geredet hat, und der Regensburg/Oberpfalz-Bezug. Zumindest Letzteres zieht sich wie ein roter Faden sowohl durch mein Schreiben als auch durchs Verlagsprogramm. An die Sache mit dem Fahrrad hab ich noch gar nicht gedacht. Wir hätten da noch ein Hörbuch im Programm, das heißt „Hoffnung Havanna. Die Odyssee des Regensburger Kunstradfahrers Simon Oberdorfer“. Vielleicht gibt’s ja noch mehr Zusammenhänge; ich werde künftig bewusster Rad fahren und darüber nachdenken. Ich radle nämlich tatsächlich viel und gerne.

Buchmarketing.direkt: Sie betätigen sich auch als Dozent für Deutsche Sprache und Literatur. Vor einigen Wochen erhielt ich folgende Anfrage einer Fachhochschul-Studentin. Sie schrieb mir (ich zitiere hier wortwörtlich): „Eine Komolitonin und ich produzieren gerade ein Hörspiel als freies Projekt für unser Studiengang und würden gerne für unsere Dokumentation eine mögliche Kostenkalkulation erstellen. Jetzt wolllte ich sie fragen, ob sie mir beantworten können, wie viel Studio, Sprecher und Schnitträume ca. kosten würden? Leider habe ich immer nur einen Gesammtbetrag für Hörspielproduktion gefunden, bräuchte aber eine aufgeschlüßelte Kostenkalkulation.“ Was hätten Sie dieser Fachhochschul-Studentin geantwortet?

Dieter Lohr: Als Dozent für Deutsche Sprache und Literatur hätte ich geantwortet „‘Komolitonin’ mit Doppel-m bitte und einem i statt dem o in der Mitte. ‘Für’ plus Akkusativ, also für wen oder was: Für ‘unserEN Studiengang’ also. Für einmal ‘wolllte’ reichen zwei l, dafür im ‘Gesammtbetrag’ bitte ein m streichen. Und wenn Sie mich fragen und nicht ihre Kommilitonin, dann sollten Sie das ‘Sie’ mit einem großen S schreiben. Und weshalb alte Rechtschreibung?“ Im Ernst, Herr Reichel, das hat sie wirklich so geschrieben? Machen Sie mich nicht schwach. Als Studiobetreiber hätte ich geantwortet: „Mit den Sprechern müssen Sie selbst verhandeln. Je nachdem, ob’s Rufus Beck oder der Franz von nebenan sind, können die nämlich recht unterschiedliche Honorarvorstellungen haben. Ich kann Ihnen allerdings gerne welche vermitteln, ich kenne zufällig ein paar. Was Studiomiete, Aufnahme und Mastering angeht, sagen Sie mir, was Sie genau wollen, und ich sage Ihnen, was ich nehme. Auf alle Fälle kriegen Sie bei uns die besten Preise in der Region. Und seien Sie vorsichtig: Wer ihnen pauschal einen Gesamtbetrag für eine Hörspielproduktion anbietet, egal mit wie vielen m, der will Sie über den Tisch ziehen. Als Hörbuchverleger hätte ich gehofft, dass sie keine weiteren Fragen stellt…

 Buchmarketing.direkt: Erzählen Sie uns bitte etwas darüber, wie Sie auf die Idee gekommen sind einen eigenen Hörbuchverlag zu gründen.

Dieter Lohr: Ich habe einfach ein Faible für Literatur; und als gelernter Literaturwissenschaftler und weil ich eben auch selbst schreibe, dachte ich, dass ich ein bisschen was von der Materie verstehe. Und weil ich seit über einem Vierteljahrhundert Gitarre spiele und mir das Drehen an den Reglern und Knöpfen in Proberaum und Studio immer viel Spaß gemacht hat, dachte ich, dass ich auch davon was verstehe und dass das zusammengerechnet die idealen Voraussetzungen sind, um einen Hörbuchverlag zu gründen. Da bin ich natürlich vollkommen daneben gelegen: Ein Betriebswirtschaftsstudium, eine Buchhalter- oder Buchhändlerlehre und vor allen Dingen eine reiche Erbtante wären weitaus sinnvoller gewesen. Aber Spaß macht’s trotzdem.

Buchmarketing.direkt: „Hörmal!“ ist ein von Ihnen initiiertes interaktives Hörspiel-Projekt an bayerischen Schulen, bei dem Schülerinnen und Schüler selbständig unter sachkundiger Anleitung eigene Hörspiele erarbeiten und produzieren. Was meinen Sie: Ist das Genre Hörspiel bei Jugendlichen gegenwärtig überhaupt noch ein akzeptiertes Medium?

Dieter Lohr: Auf alle Fälle. „Bibi Blocksberg“, „Die drei?“ und erstaunlicherweise „Benjamin Blümchen“ kennt jeder. Mangelnde Akzeptanz ist nicht das Problem. Schwieriger zu vermitteln ist, dass ein Hörspiel NICHT das gleiche ist wie das zugehörige Buch, sondern eine eigenständige Kunstform, dass das Hören anderen Gesetzmäßigkeiten folgt als das Lesen, dass das Hörspiel eine andere Gattung ist als ein Buch und ebenfalls eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt, und dass das Hören keinesfalls als billiger Ersatz für das Lesen verstanden werden sollte, weil sonst schlimme Dinge passieren – Ihre FH-Studentin ist der schlagende Beweis.

Buchmarketing.direkt: Im Programm Ihres Hörbuchverlags finden sich etliche Titel weniger bekannter bzw. fast schon vergessener tschechischer Autoren und Autorinnen. Ich lese da Namen wie: Jan Cep, Jaroslav Durych, Jaroslav Hašek, Bohumil Hrabal oder Libuše Moniková und Milena Jesenská (um nur einige Namen zu nennen). Woher kommt diese Vorliebe zur tschechischen Literatur?

Dieter Lohr: Wie gesagt, wir haben viel Regensburg und viel Oberpfalz im Programm. Ein Stück weit verstehen wir uns sogar als Regionalverlag, was aber keineswegs mit weißblauem Barock, mit Oktoberfest, Gamsbart und Jodeln unterm Dirndl verwechselt werden sollte. Bitte nicht. Man kann „Region“ über Grenzen definieren, allerdings kann man sie auch durch das glatte Gegenteil definieren, durch das Überwinden dieser Grenzen nämlich, durch den Blick über den Tellerrand. Unser Hörbuch „Mama Donau“ von Eva Demski beispielsweise, die man wohl kaum als Regionalschriftstellerin verstehen dürfte, spielt zum überwiegenden Teil in der Stadt, in der sie geboren ist, Regensburg eben, und an dem Fluss, an dem diese Stadt liegt. Aber Eva Demski schaut über den Tellerrand hinaus und bereist die Donau über mehrere Jahrzehnte hinweg immer wieder, von der Quelle bei Donaueschingen bis zur Mündung am Schwarzen Meer. Hier gerät der Begriff „Regionalliteratur“ ebenfalls ins Wanken. Wenn man von Regensburg aus über den östlichen Tellerrand schaut, blickt man als allererstes nach Tschechien. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit hat man dort in die Tschechoslowakei geblickt, davor kurz ins Protektorat Böhmen und Mähren, davor wieder in die Tschechoslowakei, und davor in ein Teilgebiet des Habsburgerreichs. Arthur Schnabl hatte die Idee, diese tschechisch-böhmisch-tschechoslowakische etc. Geschichte anhand von literarischen Texten nachzuerzählen. Entstanden ist unser Böhmen-Hörbuch „Das Leben ist zum Verrücktwerden schön“ und damit nicht nur ein Überblick über die böhmische Geschichte, sondern auch ein sehr schöner Querschnitt durch die tschechische Literatur. Wenn man jetzt noch die historischen und politischen Beziehungen herstellt zu Nachbarländern und -literaturen, verliert der Begriff „Regionalliteratur“ vollends seinen Sinn. Letzten Herbst haben wir übrigens so etwas Ähnliches wie eine Fortsetzung dieser „Böhmischen Geschichte literarisch“ herausgebracht und einfach ein paar Meter weiter in Richtung Osten geschaut. Herausgekommen ist das Hörbuch „Wie eine Ratte nagt am Putz die Zeit – Literatur aus Mähren“.

Buchmarketing.direkt: Sie befassen sich als Autor und Hörbuchverleger auch intensiv mit der Stadtgeschichte Regensburgs. Ein Zeitungsrezensent schrieb beispielsweise über Ihr Buch „Tod in Regensburg“: ‚Dieter Lohr hat sich der Moritat des seligen Hinscheidens des Astronomen Johannes Kepler zu Regensburg angenommen, und herausgekommen ist ein Kurzkrimi von 40 Seiten, durch dessen bieder-altdeutschen Sprachduktus auf Schritt und Tritt sanfte Ironie und Satire durchblitzen.‘ Diese sanfte Ironie und Satire ist in einigen Ihrer Werke aber vor allem in fast allen Hörbüchern Ihres Verlages deutlich spürbar. Finden Sie damit ein aufgeschlossenes Publikum und würden Sie sich selbst als Satiriker verstehen?

Dieter Lohr: Diese Welt ist allgemein so beschaffen, dass man entweder weinen oder lachen muss. Ich halt’s lieber mit dem Lachen, muss mich aber ab und an kräftig am Riemen reißen, damit aus dem Satiriker kein Zyniker wird…

Buchmarketing.direkt: Sie stellen manchmal Ihre Hörbuchproduktionen z.B. im Turmtheater Regensburg einem Hörer-Publikum vor. Das finde ich eine ausgezeichnete Idee. Werden diese Hör-Veranstaltungen gut besucht? Erzählen Sie uns bitte etwas über diese öffentlichen Anhörungen.

Dieter Lohr: Die meisten Hörspiele werden beim Autofahren, Bügeln oder Joggen gehört. Dabei gibt es wirklich wahnsinnig gut gemachte Hörspiele, deren feine akustische Nuancen glatt unter den Tisch fallen, wenn man Nebengeräusche hört oder sich nebenher noch auf etwas anderes konzentriert. Ewig schade. Deshalb haben wir einfach in einem schnuckeligen Theater in der Altstadt das Licht gedimmt, die Bühne mit ein paar wenigen zum jeweiligen Hörspiel passenden Requisiten und Lichtquellen bestückt und Hörspiele laufen lassen. Nicht nur eigene Sachen, sondern auch Brandneues, das uns aufgefallen ist, einen Abend mit Kurzhörspiel-Klassikern, einmal hatten wir einen Gesprächsgast, der bei den neuen Folgen von „Jonas. Nur Jonas. Und Sam“ im Studio mit dabei gewesen war… Ein Irrsinns-Klangerlebnis, so ein Hörspiel im Theatersaal. Und nicht nur ein Klangerlebnis: Unser armes Gehirn ist es ja gewohnt, pausenlos mit visuellen, akustischen und allen möglichen sonstigen Sinneseindrücken gleichzeitig vollgepowert zu werden, und sobald beispielsweise die Bilder fehlen, fühlt es sich einsam und macht sich selber welche, beispielsweise auf einer abgedunkelten Bühne, auf der nur ein paar von innen beleuchtete Bierflaschen oder -kästen stehen (die Requisite zu „Herr Lehmann“). Alle, die das gehört – und tatsächlich auch gesehen – haben, waren begeistert! Sie haben die wehmütige Vergangenheitsform bemerkt? „Alle“ heißt „alle zehn bis 20 Leute Publikum beim jeweiligen Abend“. Will sagen: Wir haben die Reihe mangels Zuspruch nach einem Dreivierteljahr wieder eingestellt. Das sind dann so Gelegenheiten, wo meine Regensburg-Begeisterung ein bisschen bröckelt und ich diese Scheiß-Provinz auf den Mond und mich selbst nach Hamburg oder Berlin wünsche, wo es ein Publikum gibt, das für Neues zu begeistern ist. Bei solchen Gelegenheiten muss ich dann auch immer sehr darauf aufpassen, dass ich nicht vom Satiriker zum Zyniker mutiere (oder zum Amokläufer). Hat sich aber bisher immer wieder gelegt.

Buchmarketing.direkt: Es ist immer blöd, über Hörbücher zu sprechen, wenn die Leser unseres Gesprächs keine Möglichkeit haben, in die betreffenden Werke rein zuhören. Gibt es eine Website, wo jeder User ein paar Hörproben abrufen kann?

Dieter Lohr: Klar, auf der Verlags-Homepage http://www.lohrbaerverlag.de findet man Hörproben zu allen unseren Hörbüchern, und auf meiner facebook-Seite stelle ich immer mal wieder Kurzhörspiele ein, die im Rahmen meiner Hörspiel-Seminare an der VHS oder bei der Medienwissenschaft an der Uni Regensburg entstanden sind.

Buchmarketing.direkt: Jetzt noch eine obligatorische Frage am Ende: Besitzen Sie noch einen Fernseher?

Dieter Lohr: Nee, den habe ich vor acht Jahren rausgeworfen und seither keine einzige Sekunde vermisst.

Buchmarketing.direkt: Ich danke Ihnen für dieses kurze Gespräch.

Dieter Lohr: War ganz mein Vergnügen.

(Das Gespräch wurde bereits vor einiger Zeit im Rahmen einer Befragung geführt. Es wird hier leicht gekürzt widergegeben.)

Link zum Hörbuch:

Buchmarketing.direkt im Gespräch mit Michael Wühle: „Oh je, Herr Carlowitz“

Michael Wühle, geboren 1960 in München, ist ein begeisterter Ingenieur. Er war lange für den Flughafen München tätig. Als Verantwortlicher für die Technische Inbetriebnahme von Terminal 2 sorgte er für einen erfolgreichen Start dieser großen Flughafenerweiterung und entwickelte dabei das Facility Management für den Airport. Er führte die Umweltabteilung und entwickelte in dieser Periode die Nachhaltigkeitsstrategie für den Flughafen, sowie dessen erste Nachhaltigkeitsberichte. 2013 machte er sich selbstständig und berät seitdem Organisationen aller Art auf den Gebieten Nachhaltigkeitsmanagement, Umweltschutz, Energie-Effizienz, Erneuerbare Energien, Facility-Management und Inbetriebnahme-Management. Michael Wühle ist Gründer und gewählter Vizepräsident des Luftfahrtverbandes IASA e.V. Er entwickelte das Zertifizierungssystem Sustainability. Now.®, das auf der ISO 26000 „Leitfaden zur gesellschaftlichen Verantwortung“ basiert, sowie das Gütesiegel IASA Certified Sustainability®.

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Buchmarketing.direkt: Guten Tag, Herr Wühle. Das Hauptthema unseres Interviews soll natürlich Ihr Buch Oh je, Herr Carlowitz werden. Für den normalen Leser lässt diese Titelbezeichnung allerdings nicht sofort den Rückschluss zu, dass es sich hierbei eindeutig um ein Sachbuch handelt. Wer ist – oder war – denn dieser Herr Carlowitz? Und was bedeutet der vorangestellte Seufzer?

Michael Wühle: Hans Carl von Carlowitz war um das Jahr 1700 als sächsischer Oberberghauptmann für die Holzversorgung des sächsischen Berg- und Hüttenwesens verantwortlich und gilt als Erfinder der Nachhaltigkeit. Der Seufzer entstand deswegen, weil heutzutage der Begriff und das System der Nachhaltigkeit von seinem einfachen Ursprung der „Wilden Baum-Zucht“, wie Carlowitz sein Nachhaltigkeitssystem genannt hat, weit entfernt ist und sehr oft auch missverstanden wird.

Buchmarketing.direkt: Das Wort Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Was aber meint der Begriff genau, wo kommt er her und was hat er mit unserem Alltag zu tun?

Michael Wühle: Als hochrangiger und verantwortlicher Beamter im barocken Sachsen war Carlowitz für die Holzversorgung des sächsischen Berg- und Hüttenwesens verantwortlich. Die Schmelzöfen des Erzgebirges verschlangen Unmengen an Holz, Bevölkerungswachstum und Städtewachstum führten zu einem großen Holzmangel. Wie in früheren Epochen auch dachten die Menschen nicht weiter nach und holzten ab, was nur möglich war. Holz wurde Mangelware und damit entstand eine große Energiekrise, mit der Carlowitz konfrontiert war und für die er eine Lösung suchte und fand. Ihm wurde klar, dass der vorhandene und steigende Holzbedarf nur durch eine neue Art der Forstwirtschaft gesichert werden kann. Nur mit dieser neuen Methode konnte sichergestellt werden „… daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag …“. Diese Zeilen stammen aus seinem berühmten Werk „Sylvicultura Oeconomica“, das als erstes eigenständiges Werk über die Forstwirtschaft gilt. Übertragen auf die Gegenwart bedeuten seine Erkenntnisse zur nachhaltigen Forstwirtschaft, dass wir mit den Ressourcen unserer Welt so wirtschaften müssen, dass die Generationen nach uns in einer weitgehend intakten Umwelt leben können und alle Vorzüge und Bequemlichkeiten einer industrialisierten Welt in der gleichen Form genießen können wie wir selbst.

Buchmarketing.direkt: Sie haben Ihrem Werk den Untertitel: Nachhaltigkeit in der Praxis gegeben, gefolgt von dem adressierenden Zusatz: An alle, die vor nachhaltigen Entscheidungen stehen. An welchen Personenkreis wenden Sie sich konkret?

Michael Wühle: Das Buch richtet sich an alle interessierten Menschen zum Thema Nachhaltigkeit, an Schüler und Studenten, an Fachkräfte und Manager, an alle Menschen, die in ihrem beruflichen oder privaten Umfeld nachhaltige Strukturen schaffen wollen. Wie ich aus meinem beruflichen Netzwerk und auch aus meiner Tätigkeit als Referent in der TÜV-Rheinland-Akademie weiß, scheuen viele Menschen die Kosten, die mit einschlägigen Seminaren zum Thema Nachhaltigkeit verbunden sind. Sie können sich mit Hilfe dieses relativ preiswerten Sachbuchs mehr als nur einen ersten Überblick über das komplexe System Nachhaltigkeit verschaffen. Es ist kein theoretisches Werk, sondern vermittelt „best practice“ in einer Art und Weise, dass der geneigte Leser damit in seinem privaten oder beruflichen Umfeld Nachhaltigkeit erfolgreich umsetzen und Nachhaltigkeit leben kann.

Buchmarketing.direkt: Manchmal kommt ein Umdenkungsprozess nur ganz langsam in Gang, sodass die Zeitgenossen ihn zunächst kaum wahrnehmen. Bei anderen Themen scheint es, als hätte die Welt nur darauf gewartet, dass jemand das Offensichtliche formuliert. Wann wurden Sie auf dieses überaus wichtige Thema aufmerksam? Und gab es in Ihrem Leben einen besonderen „Stein des Anstoßes“?

Michael Wühle: Vor einigen Jahren war ich für den Umweltbereich eines größeren Unternehmens zuständig. Eine meiner Aufgaben war es, eine Nachhaltigkeitsstrategie für das Unternehmen zu entwickeln und einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen. Mir kam es damals so vor, als wäre auf einmal alles um mich herum nachhaltig. Der Begriff Nachhaltigkeit war gerade mal wieder in Mode und wurde sehr deflationär für alles und nichts verwendet. Ich ging damals ähnlich sorglos mit dem Begriff Nachhaltigkeit um und habe ihn nur als Erscheinung des Zeitgeistes verstanden. Erst als ich mich vor drei Jahren selbstständig gemacht und mein Konzept eines Nachhaltigkeitsmanagements erstellt habe, ist mir die wirkliche Bedeutung, der umfassende Ansatz und die Mächtigkeit dieser Methodik klargeworden. Nur wenn ich von meinem erlernten Wissen, meinen Managementmethoden, meiner Überzeugungskraft leben kann, dabei auch noch Freude habe und es nur Gewinner bei den beteiligten Menschen und der betroffenen Umwelt gibt, nur dann arbeite ich nachhaltig und produziere quasi Nachhaltigkeit.

Buchmarketing.direkt: Für Sie bedeutet Nachhaltigkeit keine Ideologie des Verzichts und der Verbote, sondern Sie begreifen aktiv und richtig praktizierte Nachhaltigkeit vielmehr als Aufforderung zu intelligentem, innovativen, vor allem aber sozial verantwortlichem Handeln. Sehen Sie hierbei mehr die Gesellschaft gefordert oder sollte sich zuerst jeder einzelne Mensch in seiner ganz privaten Umgebung angesprochen fühlen?

Michael Wühle: Sowohl, als auch. Zunächst sollte sich jeder einzelne Mensch angesprochen fühlen. Deshalb habe ich auch unserem Konsumverhalten ein eigenes Kapitel gewidmet. Seit ich mich nun beruflich und täglich mit dem Thema Nachhaltigkeit tagtäglich beschäftige, habe ich mein eigenes Konsumverhalten stark verändert und versuche damit als Konsument einen kleinen Beitrag zu leisten, damit die Welt etwas nachhaltiger und damit auch schöner und friedlicher wird. Und ich bin nicht allein! Immer mehr Menschen in meinem beruflichen und privaten Bekanntenkreis denken und handeln ähnlich. Damit formen wir eine Bewegung die ganz sicher die Gesellschaft radikal und zum Besseren ändern wird. Dieses Wissen einer „guten Botschaft“ zu verbreiten war auch Motivation für dieses Buch.

Buchmarketing.direkt: Bereits Anfangs des 20. Jahrhunderts begann sich die Weltgemeinschaft mit den Problemen der Umweltverschmutzung, den Folgen von Überbevölkerung und dem schonungslosen Umgang mit Ressourcen zu beschäftigen. Es fanden sogar erste internationale Konferenzen zum Thema Naturschutz statt (z.B. die Internationale Konferenz für Naturschutz 1913 in Bern). Man gewinnt dennoch den Eindruck, als würden diese bedrohlichen Probleme von den mächtigsten Staaten noch immer nicht ausreichend ernst genommen. Wie sehen Sie die realen Zukunftschancen für global festzulegende Regelungen der wichtigsten Nachhaltigkeitsfragen?

Michael Wühle: Ich sehe da gute Chancen, insbesondere dann, wenn wir Konsumenten den Druck weiter erhöhen und gezielt nachhaltige Produkte und Dienstleistungen nachfragen. Darüber hinaus entstehen gerade in der EU und in Deutschland erste Gesetze und Richtlinien in dieser Richtung. Ab nächstem Jahr tritt in Deutschland eine EU-Richtlinie zur sogenannten „nichtfinanziellen Berichterstattung“ in Kraft, die insbesondere Nachhaltigkeitsaspekte großer Unternehmen abfragt. Mit dieser CSR-Richtlinie beginnt die bisherige Unverbindlichkeit im Bereich Nachhaltigkeit aufzuhören. Das Umweltministerium erstellt gerade den Klimaschutzplan 2050, der alle Dimensionen der Nachhaltigkeit erfasst und demnächst Gesetz in Deutschland wird. In vielen anderen Ländern passiert ähnliches und so bin ich ganz zuversichtlich, dass es in nicht allzu ferner Zeit eine globale Regelung geben wird. Allein die derzeitige Flüchtlingskrise und deren Ursachen wie Krieg, wirtschaftliche Not, Klimawandel und seine Folgen, usw. zwingen die Politik dazu über nachhaltige Lösungen nachzudenken. Ausgenommen natürlich die ewig gestrigen, die immer noch meinen mit Zäunen könnten solche Probleme gelöst werden!

Buchmarketing.direkt: Sie haben das Zertifizierungssystem Sustainability. Now.® entwickelt. Erklären Sie bitte unseren Lesern, was Sie genau darunter verstehen.

Michael Wühle: Wenn Sie sich mit Nachhaltigkeit intensiver beschäftigen, dann fallen Sie früher oder später über die ISO 26000 „Leitfaden zur gesellschaftlichen Verantwortung“. Dieses internationale Dokument richtet sich an Organisationen aller Art und bietet ihnen eine Anleitung als Organisation zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Es ist eine sehr umfassende Sammlung möglicher Maßnahmen im ökonomischen, ökologischen und sozial/gesellschaftlichen Bereich. Leider verstehen die Autoren der ISO 26000 ihr Werk lediglich als Orientierung für den Anwender und halten sie Zertifizierungszwecke für nicht geeignet. Wenn aber Nachhaltigkeit in Organisationen umgesetzt und entwickelt werden soll, dann muss Nachhaltigkeit auch messbar gemacht werden. Genau diesem Zweck dient mein Zertifizierungssystem Sustainability. Now.®, das dies möglich macht. Ich habe die zum Nachweis eines nachhaltigen Unternehmens erforderlichen Inhalte aus der ISO 26000 aufgenommen, mit meinem Praxiswissen in den Bereichen Projektmanagement, Umwelt und Strategie verknüpft und damit ein System entwickelt mit dem recht einfach der Grad der Nachhaltigkeit einer Organisation ermittelt werden kann. Dabei wird nicht nur ein Nachhaltigkeitsstatus erfasst, sondern vielmehr ein Nachhaltigkeitsprozess gestartet, der sich selbst trägt.

Buchmarketing.direkt: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann bilden Sie persönlich auch zukünftige Nachhaltigkeitsmanager aus? Ist das ein „richtiger“ Beruf?

Michael Wühle: Ich denke schon, dass dies ein „richtiger“ Beruf ist, denn ich lebe ja schließlich nun bereits seit drei Jahren davon. In unserem Verein IASA e.V. bilde ich seit knapp zwei Jahren Auditoren für das System Sustainability. Now.® aus. Es gibt nun außer mir bereits sechzehn Auditoren, die nach diesem System zertifizieren können. Jemand, der sich dieser Ausbildung unterzogen hat kann sich meiner Meinung auch völlig berechtigt Nachhaltigkeitsmanager nennen.

Buchmarketing.direkt: Herr Wühle, ich bedanke mich für dieses sehr informative Interview.

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