Hemmungslos: Kriminalroman von Hugo Bettauer

WERBUNG: 174 Seiten – Verlag: Milena Verlag – Preis: 0,00 EURO (Kindle Edition)

Manchmal sollten wir als Leser verlorengegangene literarische Perlen einfach vom Meeresgrund des Vergessens aufspüren und heben. Eine solche wiederentdeckte Perle möchte ich heute vorstellen. Es ist ein politisch visionärer Gesellschaftsroman des inzwischen fast völlig vergessenen Autors Hugo Bettauer. Ein Werk, das im Gewand eines Kriminalromans daherkommt, ein gestochen scharfes Sittenbild der 1920er Jahre präsentiert und sich gleichzeitig mit brandaktuellen ethischen Fragen nach Schuld und Sühne in Krisenzeiten auseinandersetzt.

Mit Hemmungslos gelang es Hugo Bettauer in grellen Bildern und mitunter überzeichneten Klischees die massiven, gesellschaftlichen Umwälzungen nach Ende des Ersten Weltkriegs genauestens darzustellen. Mit dem Ende des Weltkrieges ging auch das Ende der Monarchie einher. Alle bisherigen Regeln, die alten Verbindungen, die früheren Verhältnisse und auch die Privilegien des Adels gab es plötzlich nicht mehr. Desillusioniert und völlig verarmt kehrt Koloman von Isbaregg aus dem verlorenen Weltkrieg nach Wien zurück und findet sich in der gesellschaftlichen Neuordnung nicht mehr zurecht: Weder seine adelige Herkunft noch seine militärischen Verdienste, die er für die untergegangene Monarchie Österreich-Ungarn erworben hatte, sind plötzlich keinen Heller mehr wert. Sein Stand ist verwirkt, sein Geldbeutel ist leer und er hungert. Isbareggs einziges Kapital sind seine gute Bildung und sein attraktives Äußeres, mithilfe derer er die vornehme Wiener Gesellschaft bald hemmungslos täuschen wird, um auf deren Kosten ein einigermaßen standesgemäßes Leben führen zu können.

Aus dem Ertrag seines ersten Taschendiebstahls leistet er sich nicht nur eine ausgiebige Mahlzeit sondern sichert sich auch für eine kurze Zeit wieder einen gehobenen Lebensstandard, genauso einen, von dem er überzeugt ist, ihn sich verdient zu haben – womit er den Diebstahl für sich selbst als notwendige und damit gerechte Tat rechtfertigen kann.

Betrug, Raub und sogar Mord gehören bald darauf zum Alltag des moralisch heruntergekommenen Freiherrn, der trotz aller Zwiespältigkeit und vorsätzlicher Rohheit dennoch immer wieder, wenn auch nur für kurze Momente, einen letzten Funken sozialen Gewissens besitzt und anderen in Not geratenen ehemaligen Kameraden hilft.

War aber der erste Diebstahl noch eine günstige Gelegenheit, die sich ihm zufällig darbot, so geht Kolo nun nach einem sorgfältig und detailliert ausgearbeiteten Plan vor. Er, der stattliche Mann von adeliger Herkunft, der ehemalige Offizier der k.u.k. Armee versteht es die Damen zu beeindrucken und wird zu einem umschwärmten Mittelpunkt der Gesellschaft. Er findet so sehr Gefallen an diesem quasi wiedergewonnenen Lebensstil, dass er schon bald darüber nachdenkt, womit er seine rasant schwindenden Geldmittel erneut wieder aufstocken kann. Sehr gelegen kommt ihm dabei der Umstand, dass ein Gast in der Pension, die er selbst bewohnt, ein bekannter Kriegsgewinnler ist, der viele Millionen aus zwiespältigen Spekulationsgeschäften zusammengerafft und aus kriminellen Steuerhinterziehungsvergehen gezogen hatte. Ein Millionär also, einer – und das ist zu Kolos eigener Rechtfertigung wichtig – der auf Kosten anderer ein gutes Leben führt. Einer, dem er ohne schlechtes Gewissen alles nehmen konnte: sein Vermögen und sein Leben.

Koloman Freiherr von  Isbaregg ist ein Beispiel für das Schicksal für jene, die nach dem Ende der alten Ordnung für sich keine Basis in dieser neuen Welt gefunden hatten. Er lebt in einer Umgebung, in der wir uns problemlos einen noch unbekannten Adolf Hitler als erfolglosen Postkartenmaler gut vorstellen können. In dieser Zeit werden zukünftige Ungeheuer geboren. Andere sind schwer vom Schicksal gebeutelt, so auch Kolo. Vor dem Krieg war er ein erfolgreicher Ingenieur, dann ein treuer Offizier des Kaisers und jetzt ohne Beschäftigung, ohne Einkommen, ohne Perspektive. Seine Welt der 1920er Jahre ist schwer gezeichnet vom Aufeinandertreffen unterschiedlicher Gesellschaftsentwürfe, von feministischem Aufbegehren versus erzkonservativer Rollenklischees und einem zutiefst wienerischen Antisemitismus. In seinen destruktiven Beziehungen zu Frauen spiegelt sich die ganze Zerrissenheit Isbareggs wider, Sieger über die Moral bleibt aber seine Gier nach Status und Reichtum. Verwirrende Verhältnisse und unsichere Zeiten. Ein wenig Klarheit über diese verwirrenden Zustände konnte da nur einer wie Hugo Bettauer schaffen. Bettauer betrachtete mit scharfem Blick die Menschen und das Leben seiner Zeit, und er schuf literarische und journalistische Werke, die uns über diese zerrissene Welt berichten. Wie eine Zeitkapsel, die uns heute ein Bild der Vergangenheit beschreibt, ist Hemmungslos gleichzeitig Roman und Zeitdokument.

Am Ende des Buches stellt sich dem Leser die Frage: Ist Koloman von Isbaregg ein gewöhnlicher Krimineller oder ist er selbst ein Opfer. Zum einen verkörpert er den damaligen Zeitgeist und die unsicheren Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg, zum anderen wird deutlich, wie sehr Ordnung und rechtschaffenes Verhalten abhängig sind von den jeweils herrschenden Verhältnissen, die die jeweiligen Sicht- und Handlungsweise eines Menschen stark beeinflussen können. In diesem Zusammenhang hat sich bis heute nicht viel geändert. Recht wird von denen gemacht, die die Macht dazu haben.

„Im Krieg ist vieles erlaubt, was uns hier und heute unvorstellbar erscheint: Das Zerstören fremden Eigentums. Die Tötung von Feinden. Die Opferung der eigenen Zivilbevölkerung, wenn es denn nicht anders geht. Die Tötung fremder Zivilbevölkerung, unter bestimmten Umständen. Im Krieg darf man entführte Flugzeuge abschießen, auch wenn unschuldige Geiseln darin sitzen. Man darf vorsätzlich Menschen töten, um größeren Schaden zu verhindern. Man darf die feindlichen Kombattanten von hinten erschießen, im Schlaf töten, in Hinterhalte locken. Man darf sich auch einmal irren. Man wird auch dann zum Brigadegeneral befördert, wenn man aus Versehenen – shit happens! – hundert afghanische Bauern in die Luft gesprengt hat, die Benzin klauen wollten, in der tragischen Annahme, es handle sich um hundert Feinde.“ (Thomas Fischer in DIE ZEIT/13.01.2015)

Die Werke Hugo Bettauers sind definitiv eine Wiederentdeckung – seine Bücher sind in einem Atemzug mit den Werken seiner bekannten Zeitgenossen Werfel, Roth oder Zweig zu nennen. Warum Bettauer heute nahezu vollständig in Vergessenheit geraten ist, ist nur schwer erklärbar.

Auf Grund seines „Entdeckungsjournalismus“ und seines Eintritts für sexuelle Aufklärung und Freizügigkeit geriet er als Autor und Journalist immer wieder in den Fokus von öffentlichen Diskussionen. Seine Gegner versuchten ihn als „Asphaltliteraten“ zu disqualifizieren. (Wikipedia) „Nach einer wochenlangen Medienkampagne gegen ihn schoss der Zahntechniker Otto Rothstock am 10. März 1925 Bettauer in seiner Redaktion in der Langen Gasse 5-7 in Wien nieder. Bettauer wurde dabei schwer verletzt und mit sechs Schüssen in Brust und Armen ins Krankenhaus eingeliefert. Am 26. März starb er im Alter von 52 Jahren an den Folgen des Attentats. Noch während er im Krankenhaus lag, kam es im Wiener Gemeinderat zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Über die Motive des Attentäters wurde lange gerätselt. Dieser behauptete, er habe ein Fanal gegen die angebliche Sittenlosigkeit eines Autors setzen wollen, der mit seinen sexuell freizügigen Schriften berühmt geworden sei. Fakt ist, dass Rothstock vor dem Anschlag Mitglied der NSDAP war, wieder austrat und nach der Tat von NS-nahen Anwälten und Freunden unterstützt wurde. Das Gericht veranlasste die Einweisung des Attentäters in eine psychiatrische Klinik, die er nach 18 Monaten Ende Mai 1927 als freier Mann verließ.“

Hugo Bettauer erwies sich in seinem Roman Hemmungslos auch als Prophet, der kommende Ereignisse beschrieb, von denen wir heute wissen, dass sie eintrafen, die aber damals, als dieses Buch entstand, noch in ferner Zukunft lagen. Ein sehr spannendes und ein sehr wichtiges Buch!

Die Erzählungen des Dr. John H. Watson: Short Mystery Stories von Sir Arthur Conan Doyle – 1. Band

WERBUNG: 175 Seiten – Verlag: ebuchedition words & music – Preis: 2,99 EURO

Um sein Medizinstudium zu finanzieren, begann Arthur Conan Doyle mit der Schriftstellerei. Seine erste Holmes/Watson-Geschichte »A Study in Scarlet« hatte er bereits im Jahr 1887 veröffentlicht. Dies war der Beginn der berühmten Freundschaft zwischen den beiden Protagonisten, und für Conan Doyle war es der Beginn seiner schriftstellerischen Laufbahn. Bereits zwei Jahre zuvor wurde ihm der Doktortitel verliehen und er eröffnete daraufhin eine eigene Praxis in Southsea/Portsmouth. Diese brachte ihm allerdings nicht genügend Patienten ein, und so stand ihm ausreichend Zeit zur Verfügung, um weiterhin seinen schriftstellerischen Neigungen nachzugehen. Selbstverständlich versuchte er an seinen ersten großen Erfolg mit dem Gespann Holmes/Watson anzuknüpfen. Es ist also relativ naheliegend, das Doyle als praktischer Arzt und Mediziner mit der fiktiven Figur des Doktor Watson sein Alter Ego erschuf. Aber als literarisches Vorbild für den Haupthelden Sherlock Holmes lag ebenso eine ganz reale Persönlichkeit aus dem direkten Umfeld des Autors zugrunde. Den ersten Sammelband »Die Abenteuer des Sherlock Holmes« widmete Doyle dem schon damals berühmten Mediziner Joseph Bell. Dieser Mann war ein schottischer Chirurg, Kinder- und Militärarzt. Er gilt heute als Pionier der Forensik. Dr. Bell soll seine Patienten damit erstaunt haben, dass er bereits erste Diagnosen erstellte, noch bevor seine Patienten ihm ihr Anliegen schilderten. Er betrachtete und beobachtete seine Mitmenschen so genau und zog daraus seine Schlüsse, wie wir es auch vom Meisterdetektiv Holmes her kennen. Im Mai 1892 schrieb Doyle an Bell: „Sherlock Holmes habe ich ganz eindeutig Ihnen zu verdanken.“

Sir Arthur Conan Doyle entführt uns ins atmosphärische London um 1900. Vom Regen glänzendes Kopfsteinpflaster im Dämmerlicht. Pferdegetrappel von vorüberfahrenden Kutschen hallt durch die Gassen. In der Nacht zwielichtige Beleuchtung durch die viktorianischen Straßenlaternen. Das London dieser Zeit verbreitet eine ganz besondere Stimmung, die eine nahezu perfekte Phantasiekulisse für spannende Kriminalgeschichten bildet. Doktor Watson ist stets der wichtige Freund und ständige Begleiter an der Seite des Detektives, aber zugleich auch sein Chronist und damit der eigentliche Geschichtenerzähler. Er schreibt alle Fälle auf, welche Sherlock Holmes mit einem unglaublichen Scharfsinn analysiert und schließlich löst. Die Kriminalgeschichten sind absolut kurzweilig und auch heute noch sehr lesenswert. Dass es so viele Kurzgeschichten gibt, liegt daran, dass sie ursprünglich in Zeitungen in Folgen veröffentlicht wurden.

Ich bin selbst ein sehr großer Fan von Sir Arthur Conan Doyle und besitze auch schon seit vielen Jahren eine Gesamtausgabe seiner Bücher, da ich jedoch die Kurzgeschichten auch sehr gern für unterwegs griffbereit haben wollte, kam mir diese E-Book-Ausgabe gerade wie gerufen. Auch für Neueinsteiger, die noch nicht genau wissen, ob sie Gefallen an den klassischen Kriminalgeschichten finden werden oder nicht, empfehle ich diese Ausgabe für einen sehr guten Leseeinstieg, denn es gibt noch einen zweiten ganz wesentlichen Punkt, der mich sehr positiv überrascht hat.

Die Neuübersetzung aus dem (inzwischen sehr angestaubten) Alt-Englischen der Originalausgabe ist tadellos gelungen.

Es flattern ja durch das Internet unzählige alte und ebenso verstaubte Übersetzungen aus dem Englischen ins Deutsche, denen man dies in Wortwahl und Rechtschreibung deutlich anmerkt. Man kann dies vielleicht als Leser mit einem humoristischen Augenzwinkern zur Kenntnis nehmen, aber ein wirklicher Lesegenuss wird sich wahrscheinlich nicht einstellen. In dieser Neuübersetzung und liebevollen wie auch kenntnisreichen Bearbeitung ist jedoch nichts von dem verloren gegangen, welches auch dem Originaltext innewohnt. Vom Schreibstil her ist dieses Buch daher anspruchsvoller zu lesen, als etwa die deutsche Übersetzung aus dem Jahr 1930 der Franckh’sche Verlagshandlung, die dieser Ausgabe inhaltlich zugrunde liegt.

Wenn man jedenfalls irgendwann anfängt Sherlock Holmes zu lesen, ist es für den optimalen Genuss wichtig, möglichst von vorn zu beginnen und anschließend die richtige Reihenfolge einzuhalten. Demnächst erscheint der 2. Band dieser Reihe mit weiteren Kriminalgeschichten, die dann auch auf die zuvor veröffentlichten Holmes/Watson-Abenteuer aufbauen.

Sir Arthur Conan Doyles Protagonisten Sherlock Holmes und Doktor Watson wurden durch seine Werke zu unsterblichen Figuren, die auch heute noch von vielen Krimilesern in aller Welt gelesen werden. Die Geschichten sind sehr unterhaltsam und begeistern schon seit Generationen. Etwas frischer Wind kann deshalb durchaus nützlich sein, das diese Lesetradition nicht abreist, sondern auch an nachwachsende Generationen weitergebenen wird.

Meine Empfehlung: Diese Lektüre ist ideal geeignet, in der dunklen Jahreszeit mit einer Tasse Earl Grey auf der Couch zu genießen.

Nordwest Bestial (Ein Fall für Kommissar Rieken / Band 2): Oldenburgkrimi von Lene Levi

WERBUNG: 387 Seiten – Verlag: ebuchedition words & music – Preis: 4,99 EURO

Südoldenburg ist flach, die Wiesen feucht und die Dörfer gepflegt. Aber hinter den unauffälligen Hausfassaden verbergen sich erst die eigentlichen Wahrzeichen der Region: langgezogene Stallbaracken mit winzigen Fensteröffnungen und Belüftungskaminen. Die Menschen hier gelten als bodenständig, katholisch und geschäftstüchtig. Durch Massentierhaltung haben es einige von ihnen zu beachtlichem Reichtum gebracht. Nirgendwo sonst sind die Fleischproduzenten so unumschränkte Herrscher über Wasser, Boden und Luft wie hier. Im Oldenburger Münsterland scheint die Welt noch in Ordnung, bis sich eines Tages herausstellt, das Geld doch stinkt!

An einem regnerischen Dezembertag kommt es zu einem Zwischenfall. Ein niederländisches Agrarunternehmerehepaar wird tot in einem mit Jauche gefüllten Whirlpool aufgefunden. Dies ruft den Oldenburger Kriminalhauptkommissar Robert Rieken auf den Plan. Die Ermittler stoßen am Tatort auf Indizien, die auf einen möglichen Rachemord hindeuten. Möglicherweise steckt hinter dieser grausamen Tat eine militante Tierbefreiungsorganisation. Dennoch trifft Kommissar Rieken bei seinen weiteren Ermittlungen in Südoldenburg auf eine Mauer des Schweigens. Selbst der Chef des Vechtaer Polizeikommissariats zeigt dem Kollegen aus der Diaspora zunächst die kalte Schulter, bis kurz darauf auch ein katholischer Offizialatsrat von mutmaßlichen Tierrechtsaktivisten bedroht wird. Nicht nur ein heftiger Wintersturm drängt die Polizisten zur Eile, sondern bald auch der nächste bestialisch ausgeführte Mord. Nordwest Bestial ist der zweite Fall des Oldenburger Kriminalisten-Teams um Robert Rieken, Jan Onken und der Rechtsmedizinerin Dr. Lin Quan. Der erste Band dieser Reihe Tödlicher Nordwestwind avancierte schnell nach seinem Erscheinen zum Bestseller und wurde von vielen LeserInnen mit positiven Rezensionen bewertet.

Nun habe ich mir die Fortsetzung dieser Reihe gegönnt. Der Kriminalroman fängt eher harmlos an, aber mit der Zeit entwickelt sich ein verwobenes Netz, in dem einerseits immer mehr Personen in den Fall involviert werden und dennoch überraschende Wendungen die Spannung von Seite zu Seite steigern.

Angesprochen hat mich besonders die Handlung vor einem politischen und auch gesellschaftlichen Hintergrund, der sehr real ist. Gewürzt mit einigen seltsamen Figuren, ohne die ein solcher mörderischer Krimi natürlich nicht auskommt. Gewalt in heftiger und sehr brutaler Form wird ausgeübt – einmal, zweimal, und noch ein drittes Mal wird es versucht und fast vollendet. Psychopathische und gleichzeitig hochintelligente Mörder sind da am Werk – die Motive bleiben natürlich zunächst im Dunkeln. Natürlich gibt es falsche Fährten, bevor Kommissar Robert Rieken und die Beobachtungsgabe des einen oder anderen Kollegen helfen, das Puzzle der Realität nach und nach zusammenzusetzen. Das ganze endet, wie man es bei einem handfesten Krimi erwarten sollte, in einem furiosen Finale und mit der überraschenden Erkenntnis, wer die wirklichen Täter sind. Und was sich da noch für Hintergründe bei dem einen oder anderen Opfer noch so auftun. Nicht alles ist so, wie es anfangs schien.

Lene Levi hat das Zeug, mit diesen Romanen zu einer „Marke“ zu werden, schrieb ein Rezensent. Ich jedenfalls werde auch an ihren Krimis dran bleiben. Dieses Buch wäre eigentlich auch mal eine spannende Filmgrundlage und durchaus für einen typischen Nordwestkrimi geeignet!

Gespräch mit der Autorin Lene Levi

Tränentod: Thriller von Catherine Shepherd

WERBUNG: – 338 Seiten – Verlag: Kafel Verlag – Preis: (Der Aktionspreis kann sich ändern) 0,99 Euro

Dieses Buch liest sich sehr anstrengend, obwohl der Schreibstil der Autorin absolut geschmeidig ist; aber leider mangelt es allgemein an Erfindungs- bzw. Einfallsreichtum, an unvorhersehbaren Wendungen, am verruchten Charme, den nun mal ein gut geschriebener Thriller auszeichnen sollte. Aber davon ist kaum etwas zu spüren. Die Handlung (und damit auch der Leser) schleppen sich von Kapitel zu Kapitel nur mühsam voran. Echte Spannung will nicht wirklich aufkommen. Das ist sehr bedauerlich, denn die Grundidee des Buches ist eigentlich eine spannende Sache.

Nach dem ich bisher drei erschienene Bände aus dieser Reihe gelesen habe, war ich bereits schon nach dem 6. Band reichlich ermüdet und daher enttäuscht. Immerhin habe ich mich durch den niedrigen Einstiegspreis nochmals hinreißen lassen, ein weiteres Buch aus der Reihe zu erwerben und zu lesen. Im 7. Band gibt es wieder eine Mordserie, welche auf einer gemeinsamen Geschichte aus dem Mittelalter und unserer Gegenwart beruht. Auch treffen wir wieder auf Bastian und Anna. Der Wechsel zwischen den Handlungssträngen – Vergangenheit und Gegenwart – sorgt dafür, dass die ohnehin schon sehr flauschige Spannung immer wieder ausgebremst wird. Der Autorin gelingt es nicht wirklich, sich in der altertümlichen Sprache adäquat zu bewegen, so wie sie vor 500 Jahren gesprochen wurde. Eher das Gegenteil ist der Fall. Die Protagonisten im tiefsten Mittelalter denken und benehmen sich so lächerlich wie verkleidete Provinzschauspieler, die eine altertümliche Szene nachstellen sollen, sich aber in dieser Materie überhaupt nicht auskennen. Beim Lesen kommt zwangsläufig die Erinnerung an eine missglückte Historienverfilmung auf, in deren Handlung eine weit zurückliegende Epoche dargestellt werden sollte, die aber  das damalige Zeitkolorit weit verfehlte, da die Dialoge und die Denkungsart der Figuren nicht stimmig waren. Auch in diesem Buch sieht alles nach Schema F aus: Das Mittelalter ist finster, die Männer sind triebhaft und trinken Met, die Frauen sind treu und ergeben, und alle sind sie abergläubig. Ich denke an die Bestsellerverfilmung von „Die Wanderhure“, in der kein Klischee ausgespart blieb. Natürlich darf in diesem Schmöker nicht die Gier nach Gold und der Alchemismus fehlen – ach Gottchen, daraus kann nur ungewollte Komik entstehen. Die Figuren wirken nicht echt, auch wenn ihnen altertümliche Namen gegeben wurden. Und ein junger Mann, der im Örtchen Zons vor 500 Jahren den Vorläufertyp eines heutigen Kriminalkommissars abgeben soll, ist eigentlich bereits schon eine wahrhaft komische Figur.

Auch in den Kapiteln, die in unserer Gegenwart handeln, ist mir aufgefallen, dass die Kenntnisse der Autorin über das derzeitige duale Ausbildungssystem im Allgemeinen und über die Berufsausbildung zum Chemikanten im Speziellen nur ungenügend vorhanden sind. Auszubildende Chemikanten benötigen höchstens einen Hauptschulabschluss oder die mittlere Reife. Im Buch werden diese Personen allerdings so dargestellt, als wären sie Teilnehmer eines hochkomplizierten und komplexen Spezialstudiengangs.

Als Leser gewinnt man zwangsläufig den Eindruck, dass dieses Buch unter großem Zeitdruck produziert wurde. Es ist eindeutig für Serienjunkies bestimmt; für eine Fan-Base, die dringend am Lesefuttertrog festgehalten werden soll, bevor sie sich in alle Winde zerstreut. Immerhin sieht man sich ja als Erfolgsautor/in in der permanenten Pflicht, regelmäßig für ausreichenden Nachschub zu sorgen. Für Freunde von Historienschinken mag das Buch ja geeignet sein, nicht aber für Liebhaber gepflegten Thrills. Und über das Thema Lobotomie mag ich mich hier gar nicht erst äußern. Als ich dann noch diese Sätze las: „Die Schlinge um ihren Hals zog sich qualvoll zusammen. Vor ihren Pupillen tanzten grelle Blitze. Unwillkürlich schnappte sie (gemeint ist Elfriede – der Rezensent) nach Luft. Vergeblich, ihr Kehlkopf drückte sich nach innen. Sie konnte spüren, wie das Leben binnen weniger Herzschläge aus ihr wich.“ stellte sich in mir automatisch die Frage, ob das schon der Gipfel des Spannungsrepertoires des gesamten Thrillers gewesen sei. – Er war es tatsächlich!

Um der ganzen Angelegenheit doch noch einen positiven Ausklang zu geben, soll nicht unerwähnt bleiben, dass der ganze Text ausgezeichnet lektoriert wurde. Endlich mal ein Buch nahezu ohne Fehler. Das kommt wahrlich selten vor! Auch das Titelbild wurde sehr ansprechend gestaltet.

Der Lärm der Zeit: Roman von Julian Barnes

Werbung: – Seiten: 256 – Verlag: eBook by Kiepenheuer&Witsch – Preis: 16,99 Euro

Zwei Jahre nach der Uraufführung von Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“, besuchte Stalin am 16. Januar 1936 eine Aufführung der Oper im Bolschoi-Theater. Stalin saß, hinter einem Vorhang verborgen, in der Regierungsloge, rechts über dem Orchestergraben. Die Loge war mit Stahlplatten abgeschirmt, um mögliche Attentate zu verhindern. Die verstärkten Blechbläser trompeteten ihm also direkt in die Ohren. Schostakowitsch, der ebenfalls anwesend war, beklagte sich später, das „Schaschliktemperament“ sei mit dem ungarischen Dirigenten durchgegangen, und das Orchester habe viel zu viel des Guten gegeben, besonders im Zwischenspiel am Ende des ersten Aktes. Es wird berichtet, dass sich der Diktator während der Vorstellung wortlos erhob und das Theater verließ, ohne Schostakowitsch in seiner Loge empfangen zu haben. Diese Reaktion kam im damaligen Klima der permanenten Angst davor, beim Diktator in Ungnade zu fallen, fast einer Hinrichtung gleich. „Das ist albernes Zeug, keine Musik“, sagte damals Stalin zu einem der anwesenden Musikkorrespondenten.

„Er (gemeint ist Schostakowitsch) erinnerte sich an ein Freiluftkonzert in einem Park von Charkow. Bei seiner Ersten Symphonie hatten sämtliche Hunde der Nachbarschaft zu bellen begonnen. Die Leute lachten, das Orchester spielte lauter, die Hunde kläfften nur noch mehr, das Publikum lachte nur noch mehr. Jetzt brachte seine Musik weitaus größere Hunde zum Bellen. Die Geschichte wiederholte sich: erst als Farce, dann als Tragödie.“ (Seite 59)

Dieser kleine Absatz umreißt in nur wenigen Sätzen die ganze Situation, in der sich der Komponist Schostakowitsch damals befand, nachdem ein Zeitungsartikel der „Prawda“, dem Zentralorgan des ZK der KPdSU, sein ganzes bisheriges Kunst- und Lebenskonzept, quasi über Nacht, aus den Angeln gehoben hatte. Am 28. Januar brachte die Zeitung einen wahrscheinlich von Stalin selbst verfassten, nicht signierten (das heißt, von der Partei abgesegneten) Artikel unter der Überschrift „Chaos statt Musik“ über die Oper heraus, in dem das Werk als Ausdruck „linksradikaler Zügellosigkeit“ und „kleinbürgerlichen Neuerertums“ gegeißelt und mit dem „Formalismus“-Vorwurf verdammt wurde. Dies war aufgrund der Signalwirkung katastrophal. Alle Aufführungen wurden landesweit gestoppt. Schostakowitsch galt ab sofort als persona non grata, was einem Ende seiner Karriere gleichkam.

Das schwierige Verhältnis des Komponisten zum stalinistischen Machtapparat beginnt daher im Buch gleich mit einer Hetzjagd. Voller Angst wartet er ab sofort jede Nacht vor seiner Wohnung im Treppenhaus auf seine Verhaftung durch Stalins Geheimpolizei. Bei jedem Geräusch des in Gang gesetzten Aufzugs gerät er fast in Panik. Doch die befürchtete Verhaftung bleibt aus. Menschlich zwar gedemütigt versucht er dennoch durch linientreue Auftragswerke seine Karriere und damit seine Existenz zu retten.

Zeitweilig komponierte Schostakowitsch ganz subtil in der Tonart der Angst. Depressionen und Zerrüttung bleiben nicht aus. So vergehen einige Jahre. Und plötzlich wird ihm von Stalin persönlich der Auftrag erteilt, die UdSSR beim Kultur- und Wissenschaftskongress in New York zu vertreten. Als Gegenleistung wird das Verbot, seine Stücke zu spielen, aufgehoben, und Dimitri Schostakowitsch beginnt, sich und seine Ideale zu verraten, um endlich wieder künstlerisch arbeiten zu können. Angst und Unterdrückung werden ebenso deutlich thematisiert, wie auch Scham und Demütigung die er empfindet, als er verpflichtet wird, auf dem internationalen Friedenskongress in New York, eine mit propagandistischen Parolen vorgefertigte Rede zu halten, in dem er den von ihm überaus bewunderten und verehrten Kollegen Strawinsky kritisieren muss.

In der dritten Erinnerungsphase des Buches nimmt scheinbar die unmittelbare Lebensgefahr ab. Schostakowitsch versucht sich nun irgendwie zu arrangieren und wird schließlich vereinnahmt, wird zum Opportunisten. Er muss in die Partei eintreten und wird Sekretär des Komponisten Verbandes. Dennoch: Die moralische Verstrickung und Vereinnahmung, seine Scham und das permanente Gefühl versagt zu haben, werden immer größer.

Ist dieses Buch überhaupt ein Roman im klassischen Sinn?

Man kann dieses Werk als fiktionale Biographie, aber auch als ein Beispiel aus der Kulturgeschichte der Sowjetzeit, sogar als Psychokrimi oder auch als Essay lesen. Genaugenommen ist Der Lärm der Zeit eine Erzählung, in der kein unmittelbarer Handlungsstrang existiert: Die ganze Handlung findet in Schostakowitschs Kopf statt. Es sind Reflexionen während dreier großer Krisen, die durch längere Textpassagen so dargestellt sind, dass sie zwischen Erinnerungen und Gegenwart hin und her pendeln. Das zentrale Thema von Der Lärm der Zeit ist sicher der künstlerische Kompromiss, um den Dimitri Schostakowitsch unter der Herrschaft des Schreckens kämpfen musste und der tiefe Narben in seiner Seele hinterließ. Wer denkt heute noch an die Tyrannei eines Despoten namens Stalin, der seine Freunde und Feinde erzittern ließ ob seiner Grausamkeit und paranoiden „Säuberungen“, mit denen er Mitte der dreißiger Jahre seinen Machtanspruch sichern wollte? Auch heute noch finden in einigen Ländern solche vergleichbaren „Säuberungen“ statt. Massenverhaftungen, Repressionen und Hinrichtungen am Fließband. Dass alles wird in Julian Barnes Buch deutlich nachspürbar und in vielfacher Sichtweise genau nacherzählt. So ist dieses Buch nicht nur die Biographie einer ausgesprochen widersprüchlichen Persönlichkeit, sondern es beschreibt auch sehr eindrücklich den fortgesetzten Alptraum künstlerischen Schaffens in einer kommunistischen Diktatur, in der Kunst ausschließlich dafür da war, dem Wirken der Partei zu huldigen und das „glückliche Leben“ der Arbeiter und Bauern zu glorifizieren. Barnes gelingt es meisterhaft, die Zustände in einem Land abzubilden, in dem Musik keine Kunst sein durfte, sondern – wie die Arbeit eines Ingenieurs – speziellen Regeln und Planvorgaben zu folgen hatte. Was nicht exakt den musikalischen Propaganda-Vorstellungen entsprach, die von der Parteiführung dem Volk verordnen wurde, das „quäkte“ eben, das „grunzte“, oder es „knurrte“ – und wurde deshalb vom Machtapparat verfemt und schließlich verboten. Jeder Künstler durfte in dieser prekären Situation nichts anderes sein als ein Rädchen im System, das seine Aufgabe genauso zu erfüllen hatte, wie es auch ein Proletarier am Fließband nach Planvorgaben erledigen musste. Dabei hätte Schostakowitsch durchaus vor diesen Zuständen fliehen können, aber er tat es nicht. Auf die Frage, warum er nicht ins Ausland ging, gibt der Roman keine eindeutige Antwort. Es heißt lediglich auf Seite 173: Ihn selbst hatte ein Leben im Ausland nie gelockt. Er war ein russischer Komponist, der in Russland lebte. Etwas anderes wollte er sich gar nicht vorstellen.

Barnes gibt in seinem Werk keinerlei moralische Wertung ab, er erzählt nur – und das auf sehr hohen Niveau. Der Inhalt wiegt tonnenschwer und konfrontiert den Leser mit Erfahrungen, die kaum jemanden wirklich zu vermitteln sind, der nicht selbst in einer Diktatur aufgewachsen ist und darin leben musste. Es ist nur ein schmales Buch von 240 Seiten. Darüber hinaus gibt es eine sechs Stunden lange (ungekürzte) Hörbuchfassung, die von dem routinierten Frank Arnold eingelesen wurde. Ich empfehle allen Leser gleichzeitig auch die musikalischen Werke Dimitri Schostakowitschs neben der Lektüre des Buches bzw. des Hörbuches anzuhören. Mein CD-Tipp: Jazz Suites Nos. 1 and 2 (Russian State Symphony Orchestra unter Leitung von Dimitry Yablonsky)

Leichen zum Fest: Kriminalroman von Tony Fennelly

Werbung: – ca. 250 Seiten – Verlag: Europäische Verlagsanstalt (vormals Rotbuch Verlag) – Preis: zz. neu ab 6,50 Euro

Kurz vor dem Weihnachtsfest erscheint ein junger Mann namens Glen Watley auf der Türschwelle eines reichen alten Mannes in New Orleans und erklärt, er sei der illegitime Nachkomme seines Sohnes Gerald. Watley behauptet, das Ergebnis einer Liaison zwischen Jessups in Vietnam gefallenen Sohn Gerald und einer Stripperin zu sein. Zum Beweis legt er einen DNA-Test und eine vergilbte Polaroidfotografie vor, auf dem Gerald zusammen mit drei leichtbekleideten Bardamen abgelichtet ist. Der steinreiche Cyril Jessup erkennt zwar seinen Sohn auf dem Bild und auch Margo Fortier als eine der ehemaligen Bardamen, dennoch hegt er Zweifel daran, ob der smarte Glen tatsächlich sein Enkel ist. Margo arbeitet inzwischen als Klatschkolumnistin für eine Zeitung und Jessup beauftragt sie deshalb als Privatermittlerin, um herauszufinden, was hinter den Behauptungen Glens steckt. Von ihren ehemaligen Arbeitskolleginnen auf dem Foto kann Margo nur Betty auftreiben – doch von der schönen Cathy, der potentiellen Mutter, fehlt jede Spur. Aber es gelingt ihr dennoch einige wichtige Hinweise aufzuspüren. Unterdessen dürften Margos Recherchen auch Andrew, den Neffen Jessups, brennend heiß interessieren, denn immerhin konnte er sich (bis zur Ankunft Glens) auf einen Großteil des zu erwartenden Millionenerbteils seines Onkels Hoffnungen machen …

Die Schriftstellerin Tony Fennelly lebt und arbeitet in New Orleans. Wie in fast allen ihren Büchern ist auch in Leichen zum Fest New Orleans der Schauplatz des Geschehens. Sie hat unter anderem in dieser Stadt als Bardame, Stripperin in der Bourbon Street und als Sozialpädagogin gearbeitet und kennt schon deshalb die heimatliche Szene wie ihre eigene Westentasche. Nachdem bereits acht ihrer Romane von US-amerikanischen Verlagen abgelehnt wurden, erschien 1985 ihr erstes Buch aus der Reihe um Matt Arthur Sinclair, einen homosexuellen Epileptiker, der früher als Staatsanwalt tätig war und jetzt ein Ladenbesitzer in New Orleans ist. Der Roman Mord auf der Klappe wurde für den Edgar als bester Erstling nominiert. Nachdem diese Bücher wegen der Aids-Epidemie in den USA als unverkäuflich galten, begann sie eine neue Reihe um Margo Fortier, einer Ex-Stripperin und Kolumnistin in New Orleans. In Leichen zum Fest schwelgt sie liebevoll in Erinnerungen an die Siebziger Jahre, in denen sich Margo (Tony Fennelly) als Stripperin ihren Lebensunterhalt verdient hatte. Rückblenden in die Zeit der Hippies und des Vietnamkriegs werden mit tagesaktuellen Ereignissen der Bill-Clinton-Ära in mitunter sehr kurzen Kapiteln aneinander gereiht. Leichen zum Fest ist sehr witzig, klug, manchmal frech, aber stets humorvoll und dabei sehr spannend geschrieben. Die oftmals reichlich schrägen Charaktere wachsen dem Leser ganz schnell ans Herz. Tony Fennelly schildert das zerbröselnde Flair der Stadt New Orleans absolut einzigartig, auch die dort lebenden Typen werden wunderbar plastisch in Szene gesetzt, was besonders in den filmisch geschriebenen Dialogen spürbar ist.

Leider ist es in den vergangenen Jahren um die Schriftstellerin Tony Fennelly sehr ruhig geworden. Gerade heute (und unter den aktuellen politischen Verhältnissen in den USA) fehlt ihre unverblümte Denkungsart. Unbedingt lesenswert!

Die verschleierte Gefahr: Die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn von Zana Ramadani

WERBUNG: 264 Seiten – Verlag: Europa Verlag – Preis: 18,90 Euro (Gebundene Ausgabe)

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland“, behauptet die Autorin Zana Ramadani. „Muslime gehören zu Deutschland – aber nur, wenn sie sich dieser Gesellschaft anpassen.“

Diese beiden Kernaussagen machen dieses Buch zu einem wichtigen Impulsgeber unserer heutigen Zeit. Und ganz im Sinne von diesen Aussagen liefert Zana Ramadani ihre Sicht auf jene Zustände, die ihr besonders wichtig erscheinen. Es sind erschütternde Einblicke in eine realexistierende Parallelgesellschaft, in deren Mitte wir zwar leben, die aber in unseren Medien fast nie thematisiert werden oder viel zu wenig Beachtung finden, obwohl diese Zustände unser Land schon seit Jahrzehnten spalten.

„Wenn ich heute von Heimat spreche, meine ich Deutschland. Dieses Land, das so anders war und ist als jenes, das wir damals verlassen hatten. Doch seit einigen Jahren holt mich diese verbohrte Beschränktheit, die ich dort erlebt hatte, wieder ein, mitten in Deutschland.“

Zana Ramadani beschreibt Zustände, die in Leitmedien aus Gründen von falsch verstandener „Political Correctness“ kaum Erwähnung finden. Sie berichtet über Fälle aus dem Alltag, erzählt über Erfahrungen, was die gelebten Werte in islamistisch geprägten Familien angeht, und findet sehr klare Worte, um dies alles anschaulich zu schildern. Das Buch ist allerdings mehr als ein Angriff gegen die muslimischen Mütter; es ist eine Abrechnung mit dem (konservativen) Islam. Es sind erschütternde Zustände, die die Leser kaum unberührt lassen können. Bei der Lektüre dieses Buches bemerkt man sehr schnell, dass das Thema der Autorin sehr nahegeht. Ihre anschauliche Beschreibung des Unbehagens, dass einen großen Teil der Bürger langsam beschleicht, sollte eigentlich für die verantwortlichen Politiker ein Alarmsignal sein. Dieses Buch sollte auch an Schulen zur Pflichtlektüre werden.

Die Autorin liefert zunächst die Bestandaufnahme der heutigen Situation, was die Verbreitung des Islams in Deutschland angeht: „In einer Studie stimmte fast die Hälfte von 1200 Zuwanderern aus der Türkei und ihre Nachkommen der Aussage zu, ‚die Befolgung der Gebote meiner Religion ist wichtiger als die Gesetze des Staates, in dem ich lebe.‘ Ein Drittel wünscht sich die Gesellschaftsordnung aus Mohammeds Zeiten zurück. 13 Prozent haben ein verfestigtes fundamentalistisches Weltbild.“ (Quelle: Detlef Pollack „Integration und Religion aus der Sicht von Türkeistämmigen in Deutschland“, Münster 2016.) Auch zur Verhüllung der Frauen gibt es eine kurze Bestandsaufnahme und klare Worte. Die meisten Muslime in Deutschland sind geprägt von Werten, die nicht mit unserem Grundgesetz in Einklang zu bringen sind. Die Autorin sagt es unmissverständlich: „Deutsche Gender-Feministinnen meinen vielleicht, das Kopftuch als Symbol sei ein Schleier der Freiheit. Doch das Kopftuch ist das Leichentuch der freien Gesellschaft. Es ist ein »Fuck you!« gegenüber jeder freien unverschleierten Frau und gegenüber jedem Mann. Der Hijab ist eine verschleierte Lüge.“ Gleichzeitig wendet sich die Autorin ausdrücklich gegen die populistischen Positionen der islamkritischen AfD. Sie gibt stattdessen konstruktive Anregungen zum Umgang mit Flüchtlingen aus islamischen Ländern.

„Wir dürfen Flüchtlinge und Zuwanderer, die Hilfe und Schutz bei uns suchen, dazu verpflichten, unsere Angebote wahrzunehmen. Wir müssen es sogar, damit sie in unserer Welt überlebensfähig werden.“

Zana Ramadani, geb. 1984 in Skopje (Mazedonien) kam mit ihren Eltern als Siebenjährige nach Siegen. Nach Konflikten mit den muslimischen Werten der Familie flüchtete sie mit 18 Jahren in ein Frauenhaus. Nach einer Heirat (mit einem Deutschen) und Trennung erfolgte ein Umzug nach Hamburg, dann nach Berlin. Seit 2009 ist sie deutsche Staatsbürgerin. Sie wurde Rechtsanwaltsgehilfin und engagierte sich für Frauenrechte. Sie war Vorsitzende des Vereins Femen Germany e. V. und neben Irina Khanova, Hellen Langhorst und Klara Martens dessen Mitgründerin. Vor zwei Jahren verließ sie die Aktivistinnen im Streit. Seither ist sie im Einsatz für Menschen- und Frauenrechte, gepaart mit Islamkritik. Zahlreiche Talkshow-Auftritte, Reportagen und Dokumentarfilme, Vorträge und Workshops machten sie bekannt. Dabei übt sie auch immer wieder harsche Kritik an Muslimen, insbesondere wenn sie Situationen schildert, die mit den Werten unseres heutigen Lebens im Westen kaum zu vereinbaren sind, z.B. wenn es um die Rolle der Frauen und deren körperliche Züchtigung geht. Wenn man über die geschilderten Zustände in vielen der muslimisch geprägten Familien liest, trifft man oft auf das Thema Gewalt: Gewalt von Ehemännern zu ihren Frauen, von Ehefrauen zu ihren Töchtern. Dabei genießen die Söhne eine Sonderstellung. Es wird auch plausibel erklärt, warum das so ist. Der Stoff hat es in sich.

„Den Mittelalter-Islam oder den politischen Islam als kulturelle Eigenart zu verharmlosen ist falsch verstandene Toleranz oder Traumtänzer-Nostalgie. Wenn wir es nicht wagen, dem politischen Islam und der zunehmenden Radikalisierung entschlossen entgegenzutreten, weil wir Angst vor dem Vorwurf der Intoleranz oder des Rassismus haben, dann ist das Feigheit… Von dem französischen Schriftsteller und Philosophen Albert Camus ist der Satz überliefert: ‚Wer die Dinge beim falschen Namen nennt, trägt zum Unglück der Welt bei.‘ Ich will dazu nicht beitragen.“

Es ist ein lautstarker Appell an unsere Gesellschaft, endlich aufzuwachen und gegen die Entwicklungen, die gegen die Errungenschaften der freiheitlichen Grundwerte stehen, effektiv und konsequent gegenzusteuern.

„Wir sind zu tolerant gegenüber Intoleranten. Wir sind zu nachsichtig mit denen, die unsere Art zu leben ablehnen.“

Für mich als Rezensent blieb am Ende des Buches nur eine Problematik unausgesprochen. Zana Ramadani ist CDU-Mitglied. Als Frauenrecht-Aktivistin erscheint mir dieser Umstand allerdings nur schwer mit ihren sonstigen radikalen Ansichten in Einklang zu bringen. Gerade diese Partei mit dem großen „C“ im Namen vermittelt mir eher ein ziemlich konservatives Frauen- und Gesellschaftsbild. Zana Ramadani passt aus meiner Sicht nicht so recht in eine Reihe mit Angela Merkel, Ursula von der Leyen oder Julia Klöckner. Wäre es nicht ebenso konsequent gewesen, etwa auch fundamentalistisch-christliche Erziehungsmuster (die es in unserem Bildungs- und Schulsystem noch immer gibt, beispielsweise in der Institution der Konfessionsschulen) gleich mit an den Pranger zu stellen? In Deutschland herrscht ein völlig diffuses Verständnis über das Christentum und die Bedeutung und den Einfluss des Christentums auf unsere Gesellschaft. Die beiden großen Konfessionen sind gewaltige und politisch einflussreiche Glaubenskonzerne, die die Lehren Jesu Christi ständig pervertieren. Mit sagenhafter Dreistigkeit hebeln beispielsweise immer wieder kirchliche Arbeitgeber Tarifverträge aus. Der Staat gesteht christlichen Kirchen immer wieder Sonderrechte zu. Wir als Steuerzahler finanzieren die Gehälter der Bischöfe und Religionslehrer und finanzieren auch den Religionsunterricht an unseren Schulen, dessen Ziel es ist, heranwachsende Kinder mit christlichen Glaubensinhalten zu indoktrinieren. Nichtgläubige werden dagegen oft genötigt, am Religionsunterricht teilzunehmen – nicht selten mit erheblichen Nachteilen für ihren Zensurendurchschnitt.

Zur wirklichen Chancen- und Rechtsgleichheit gehörte es, alle Religionen konsequent vom Staat zu trennen und auf ihre Plätze zu verweisen. Gerade jetzt und hier wären Enthüllungen und ein Umdenkungsprozess zu einer strikten Säkularisierung in Deutschland vonnöten.

Totenstille: Thriller von Daniela Arnold

WERBUNG: 250 Seiten – Verlag: CreateSpace Independent Publishing – Preis: 9,62 Euro (Taschenbuch)

Daniela Arnold schreibt seit 2002 regelmäßig als freie Journalistin und Autorin für fast alle großen Frauenzeitschriften Reportagen und Kurzgeschichten und kann mittlerweile, nach eigenen Aussagen, auf über 3000 Veröffentlichungen u. a. in „Bild der Frau“, „Lisa“, „Lea“, „Tina“ usw. zurückblicken.

Honi soit qui mal y pense. Aber genau darin scheint das Problem zu liegen. Frau Arnold schreibt zwar versiert und überaus routiniert, hat aber von der subtilen Kunstfertigkeit des Thrillerschreibens nicht die geringste Ahnung. Das Spiel mit Urängsten ist zwar ihr Ding, aber von dramatischer Spannungserzeugung oder von Storytelling als wesentliches Element beim Aufbau einer Geschichte versteht sie nicht viel. Totenstille liest sich wie ein billiger Fortsetzungsroman, der auch in einer der oben genannten Frauenzeitschriften hätte erscheinen können. Es ist ein typisches Beispiel von Behelfslektüre für jene Menschen, die die Wartezimmer der Arztpraxen oder Friseursalons bevölkern. Für Menschen, die aus purer Langeweile zu den dort ausgelegten Käseblättern greifen, um damit die Wartezeit totzuschlagen. Genau diese Konsumenten lesen fast immer nur fragmentarische Geschichten, ohne den Anfang oder das Ende zu kennen. Die kurze Lektüre endet dann auch meist genauso abrupt, wie sie begonnen hat. Wenige Augenblicke danach, nachdem sie die Zeitschriften zugeschlagen haben, sind die gelesenen Geschichte auch schon wieder vergessen. Genauso erging es mir als Leser dieses Romans. Ich konnte mich an das erst am Abend zuvor gelesene Kapitel nur schemenhaft erinnern. Irgendwie verweigerte mir mein Gedächtnis immer wieder seinen Dienst und ich musste am nächsten Tag zunächst nachschauen, was ich erst am Abend zuvor gelesen hatte. Lag es vielleicht an der recht farblosen und hölzernen Ermittlerin Larissa Bartels, mit deren Charakter ich mich das ganze Buch lang überhaupt nicht anfreunden konnte? Sie ist eine unscheinbare Protagonistin, die sowohl auf ihren Verstand wie auch ihr Gefühl vertraut, eigentlich gar nicht mal so unsympathisch, also keine klischeeüberfrachtete Polizistin aus dem Bilderbuch. Obwohl die ersten Kapitel noch recht packend geschrieben sind, geht es danach ziemlich schnell bergab. Eine Mordserie hält die Polizistin in Atem. Dann taucht plötzlich eine verstörte und schwer misshandelte Frau auf, die behauptet die Ärztin Andrea Burkhart zu sein. Doch weder ihr Ehemann, noch die Tochter oder Freunde erkennen sie. Als eine weitere Leiche gefunden wird, gerät die Frau auch noch unter Mordverdacht. Die zentrale Frage des ganzen Buches lautet: Wer spielt hier ein falsches Spiel? Ich war über die Hälfte des Buches ziemlich ratlos, wie sich die Verwirrung auflösen könnte. Im Grunde ist das nicht mal die schlechteste Ausgangsbasis für einen handfesten Thriller, aber leider ist die Geschichte vollgestopft mit unendlich vielen Füllsätzen, Floskeln und nichtssagenden Phrasen, wie beispielsweise:

sie schluckte schwer, sie schluckte angestrengt, sie schluckte gegen die Panik an, sie schluckte gegen die Trockenheit an, ein scharfer Schmerz jagte durch ihren Körper, sie spürte, wie sich ihr Hals verengte, ihr Herz hämmerte hart gegen ihre Rippen, ihr Herz hämmerte in wildem Tempo gegen ihre Rippen, ihr Herz hämmerte hart gegen ihren Brustkorb, ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, ihre Innereien verkrampften sich, ihre Eingeweide verkrampften sich, ihr Magen verknotete sich.

Dann stören den Lesefluss wiederum seitenlange Monologe mit irgendwelchem rhetorischen Blödsinn: Bin ich etwa selbst schuld? Hab ich das verdient? Hätte ich mehr tun sollen? Was hätte ich anders machen können? Warum habe ich das getan? usw. Es sind genau diese Sätze, wie sie in jeder Ausgabe einer x-beliebigen Hausfrauenzeitschrift hundertfach zu lesen sind.

Da der Täter erst in den letzten Seiten des Romans in Erscheinung tritt – von ihm war vorher an keiner anderen Stelle die Rede – kommt es auch zu einem abrupten Ende, sodass der Eindruck entsteht, die Autorin hätte selbst keine Lust mehr verspürt, die Geschichte zu einem logischen Ende zu bringen. Und ganz ehrlich gesagt: Wozu auch? Die ganze Story wirkt völlig inszeniert, unglaubhaft, unwahrscheinlich, unrealistisch. Es ist nun mal die typische Lektüre für Menschen, die in Wartezimmern oder Friseursalons herumsitzen und dort zu den üblichen Käseblättern greifen.

Totenstille hat mich weder gefesselt noch gut unterhalten. Wer aber temporeichen und oberflächlichen Thriller-Journalismus mag, wird hier ganz sicherlich bestens bedient.

Hercule Poirots Weihnachten: Ein Hercule-Poirot-Krimi von Agatha Christie

WERBUNG: – Laufzeit: 4h 13, 3 CDs – Verlag: Der Hörverlag – Preis: 9,99 Euro (Audio CDs)

Simeon Lee ist ein wahrhafter Tyrann. Der Alte verachtet seine Angehörigen und sagt es ihnen auch direkt ins Gesicht. Ein echtes Ekelpaket also. Umso überraschender ist es, dass er seine gesamte Verwandtschaft ausgerechnet an Weihnachten zu sich einlädt. Es verwundert daher auch nicht sonderlich, dass er sofort damit beginnt, alle zu beleidigen und zu provozieren. Als er wenig später tot aufgefunden wird, ist dementsprechend auch schnell klar, dass die Todesursache keine natürliche ist. Wer aber hat ihm die Kehle durchgeschnitten? Jeder der Anwesenden hätte für die Tat ein handfestes Motiv gehabt, dennoch erscheint alles reichlich mysteriös. Die Tat selbst ist – wie immer bei Agatha Christie – sehr ausgeklügelt und mit doppeltem Boden ausgestattet. Da liegt es fast schon auf der Hand, das Hercule Poirot zu Hilfe gerufen wird, dieser erkennt schnell, dass jedes der Familienmitglieder genügend Gründe hatte, Simeon Lee abgrundtief zu hassen. Verdächtige gibt es also reichlich, aber keiner kann theoretisch tatsächlich den Mord begangen haben. Poirots graue Zellen rattern auch diesmal auf Hochtouren und lassen uns erwartungsgemäß nicht im Stich. Den Lesern erteilt der belgische Meisterdetektiv einmal mehr eine großartige Lektion in kriminalistischer Kombinationsgabe. Eine überraschende Auflösung ist somit garantiert.

Dieser urbritische Agatha Christie-Krimiklassiker bietet nicht nur zur Weihnachtszeit einen hohen Lesegenuss, als spannende Lektüre ist er auch rund ums Jahr eine gute Empfehlung. Gleiches kann ich von der gekürzten Hörbuchfassung des Münchner Hörverlags leider nicht behaupten.

Dieses ist eines der wenigen Hörbücher des Verlages, das mir überhaupt nicht gefallen hat. Während der gesamten Laufzeit kam bei mir keine spürbare Freude am Zuhören auf, was gewiss nicht an der Romanvorlage, sondern ausschließlich an der scheinbar unkontrollierten Vortragsweise des Sprechers lag. Die drei CD-Längen habe ich mehr erlitten als genießen können, nur mit Mühe konnte ich mich dazu bewegen diese bis zum Ende anzuhören. Die Sprechart von Klaus Dittmann empfand ich phasenweise als sehr unangenehm und aggressiv. Auch die Dialoge wirkten durchweg unglaubwürdig, viel zu wenig differenziert, dafür aufdringlich und schrill. Die einzelnen Charaktere wurden viel zu stark überzogen dargestellt. Dadurch wirken die Figuren gekünstelt und der Zuhörer kann sich nur schwer in sie hineinversetzen. Darüber hinaus bereitete mir als Hörbuchproduzent die teilweise sehr schlecht abgemischte Ton- und Klangqualität fast schon körperliches Unbehagen. Die Passagen, in denen der Sprecher als Erzähler agiert, sind mitunter viel zu leise zu hören, so dass wahrscheinlich etliche Zuhörer den Lautstärkeregler aufdrehen. Leider wird dadurch die Klangqualität der Sprachaufnahme noch unangenehmer und klirrt geradezu schmerzhaft in den Ohren. Ich kann mir darauf keinen Reim machen, wie dieses unüberhörbare Manko den ansonsten qualitätsgeschulten Verlagsmitarbeiterinnen entgehen konnte.

Ich habe schon einige andere Hörbücher aus der Hercule Poirot-Reihe gehört und muss sagen, dass Klaus Dittmann mich diesmal als Sprecher am wenigsten überzeugen konnte. Für den Hörverlag wirkte er bereits in der „Wolkenvolk“-Trilogie von Kai Meyer mit – sowie in den Hörspielen zu Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ und Charles Dickens‘ „Oliver Twist“. Von Agatha Christie las er „Rendezvous mit einer Leiche“ und „Mit offenen Karten“. Die Art und Weise wie er in dieser Produktion zu hören ist, wirkt bedauerlicherweise sehr unprofessionell. Fand bei der Wortaufnahme überhaupt eine Regie statt? Hat das Hörbuch ein Laie am Küchentisch abgemischt? Eigentlich möchte ich es gar nicht erfahren …

Der Kauf dieses Hörbuches ist für Agatha Christie-Fans sicherlich ein Muss. Für jeden Anderen, der gutproduzierte Hörbuchlesungen mag, aber nicht zu empfehlen.

Erschienen ist das Hörbuch beim Der Hörverlag.

Laufzeit: ca. Laufzeit: 4h 13, 3 CDs.

4 3 2 1: Roman von Paul Auster

Werbung: 1259 Seiten – Verlag: Rowohlt – Preis: 26,99 Euro (Kindle Edition)

Um es gleich vorweg zu sagen. Ich lese grundsätzlich alle Romane von der ersten bis zur letzten Seite, Zeile für Zeile, ganz gleich, ob sie mich fesseln oder langweilen. Die letzten vergangenen Tage (und besonders die Nächte) gehörten mit zu den unterhaltsamsten Leseperioden, an die ich mich mit großem Vergnügen zurückerinnern werde. Paul Auster hat mit seinem neuen Buch 4 3 2 1 für eine wahrhaft funktionierende und fesselnde Zeitreisemaschine gesorgt, die es dem Leser nur sehr schwer möglich macht, den 1259-Seiten-Wälzer pausenbedingt oder überhaupt aus der Hand zu legen. Normalerweise lasse ich mich eher selten von aufgeblasenen Marketingmaßnahmen oder von Werbekampagnen hinreisen. Parolen wie: „Das Buch meines Lebens“, „Paul Austers Opus magnum“ oder „So viel Auster war noch nie!“ empfinde ich eigentlich als nur lächerlich, aber in diesem Fall berühren sie tatsächlich den Kern der Tatsachen. Ich habe mich diesmal also von den Trommelwirbeln und dem Werbegetöse mitreisen lassen und kaufte mir (quasi als neuhinzugewonnener Auster-Leser), das neue Werk des Autors. Paul Auster zählt mit zu den bekanntesten amerikanische Bestsellerautoren. Nun legt er in Gestalt eines Rätselspiels sein bisher umfangreichstes Werk und Opus magnum vor: die vierfach unterschiedlich erzählte Geschichte eines jungen Amerikaners namens Archibald Ferguson in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Aber das Buch ist auch die Geschichte von Austers Alter Ego Archie Ferguson im New York der sechziger und siebziger Jahre. Viermal Archie Ferguson also: alle vier Figuren sind intelligente, lebensfrohe junge Männer, alle entwickeln sie großen Ehrgeiz zu schreiben, sind dabei gleichermaßen erfolgreich, wenn auch in ganz unterschiedlichen Genres und Richtungen. Die vier Fergusons leben nicht im luftleeren Raum. Dieser Roman ist ein schillerndes Werk voll mit Politik, Zeitgeschichte, Liebe, Leidenschaft und dem Spiel mit dem Zufall. Wie aber der Autor dieses von Schicksalen geprägte Leben erzählt, mal konventionell chronologisch, dann wieder sachlich, kalkuliert und doch raffiniert konstruiert, ist ganz große Schriftstellerei. Paul Auster stellt eine Frage, die wahrscheinlich sehr viele bewegt. Ist das Leben, das wir führen das einzig mögliche?

Wirklichkeit ist nicht nur das, was geschieht, sondern ebenso was nicht geschieht. Je älter ich werde, desto mehr bin ich davon überzeugt. Paul Auster

Der Autor hat eine auktoriale Erzählperspektive für seine vier Helden gewählt. Die zentrale Idee des Romans, die vier Leben von Archie Ferguson zu beschreiben, ist ein brillanter Einfall. Doch erst am Ende versteht man auch die Pointe, die sich hinter den vier Zahlen des Titels verbirgt. Der Blick geht zurück auf den Koreakrieg, auf die Berliner Mauer, die Kubakrise, das Massaker von Birmingham, Alabama, die Bürgerrechtsbewegung, unvermeidlich dann Vietnam, Kambodscha, das dramatische Jahr 1968 mit den Morden an Martin Luther King und Robert Kennedy. Sogar die rollenden Sowjetpanzer in Prag und die Besetzung der Columbia University tauchen auf. Der Roman blickt immer zurück, auf die Zeitepochen des Flower Power, auf die Woodstock-Generation oder auf Andy Warhols Factory. Es ist ein stets vergangenes US-Amerika, dessen Idealbild bis heute gut funktioniert.

Ursprünglich war ein anderer Romantitel geplant. Das Buch trug während der Jahre seiner Entstehung zunächst den Arbeitstitel: „Ferguson“. Aber durch die anti-rassistischen Unruhen nach den Todesschüssen auf einen 18-jährigen afroamerikanischen Schüler am 9. August 2014 in Ferguson, Missouri, konnte das Romanepos nicht mehr „Ferguson“ heißen:

Dieser Name wird für lange Zeit in Amerikas Geschichte eingehen. Paul Auster

Und heute? Die deprimierenden Geschichtsereignisse scheinen einfach nicht abzureißen. Erschüttert von der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten haben Paul Auster und seine Frau Siri Hustvedt erste Konsequenzen gezogen. Es sei das Gebot der Stunde, so der Autor, für Bürger- und Menschenrechte auf die Straße zu gehen, Widerstand zu leisten. Trumps Botschaft „Make America Great Again“ sei nichts anderes als ein „Make America White Again“. Seit der Präsidentschaftswahl hat sich der Tonfall in Austers politischen Statements noch weiter verschärft: „Wenn es so weitergeht, werden die USA zerfallen, ein zerbrochenes, gescheitertes Land sein, und das Experiment der ‹Vereinigten Staaten› ist am Ende … Es geht jetzt vor allem um Wachsamkeit und die Mobilisierung jedes Einzelnen, sonst leben wir bald in einer Diktatur.“ (Die Welt v. 28.1.17)

Als eine erste persönliche Konsequenz wird sich der Autor als Präsident der amerikanischen PEN-Sektion bewerben. Allerdings genießen amerikanische Schriftsteller und ihre PEN-Sektion in der US-Öffentlichkeit nicht annähernd einen vergleichbar hohen Stellenwert wie ihre Kollegen in Deutschland. Aber Paul Auster und Siri Hustvedt, sowie etliche weitere Künstler haben schon jetzt sehr viel mehr Mut bewiesen, als ihre europäischen Kollegen. Sie stellen sich einer absolut unberechenbaren und damit höchst gefährlichen Macht entgegen, die ohne weiteres in der Lage wäre, Existenzgrundlagen nach belieben zu zerstören. Diese Courage sollten sich viele der europäischen Schriftsteller und Künstler zu Eigen machen. Auch hier in Europa stehen wir unmittelbar vor einem drohenden politischen Umbruch, der vielleicht sogar unsere bisherige Demokratie in seinen Grundfesten gefährden wird.

Schon deshalb gebe ich diesem Buch meine absolute Kaufempfehlung. Solche Bestseller haben einen enorm großen Seltenheitswert …

Eine kleine Audio-Zugabe: Paul Auster liest aus dem Eröffnungskapitel seines Romans 4321. Wie aus Isaac Reznikoff Ichabold Ferguson wurde: