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Hemmungslos: Kriminalroman von Hugo Bettauer

WERBUNG: 174 Seiten – Verlag: Milena Verlag – Preis: 0,00 EURO (Kindle Edition)

Manchmal sollten wir als Leser verlorengegangene literarische Perlen einfach vom Meeresgrund des Vergessens aufspüren und heben. Eine solche wiederentdeckte Perle möchte ich heute vorstellen. Es ist ein politisch visionärer Gesellschaftsroman des inzwischen fast völlig vergessenen Autors Hugo Bettauer. Ein Werk, das im Gewand eines Kriminalromans daherkommt, ein gestochen scharfes Sittenbild der 1920er Jahre präsentiert und sich gleichzeitig mit brandaktuellen ethischen Fragen nach Schuld und Sühne in Krisenzeiten auseinandersetzt.

Mit Hemmungslos gelang es Hugo Bettauer in grellen Bildern und mitunter überzeichneten Klischees die massiven, gesellschaftlichen Umwälzungen nach Ende des Ersten Weltkriegs genauestens darzustellen. Mit dem Ende des Weltkrieges ging auch das Ende der Monarchie einher. Alle bisherigen Regeln, die alten Verbindungen, die früheren Verhältnisse und auch die Privilegien des Adels gab es plötzlich nicht mehr. Desillusioniert und völlig verarmt kehrt Koloman von Isbaregg aus dem verlorenen Weltkrieg nach Wien zurück und findet sich in der gesellschaftlichen Neuordnung nicht mehr zurecht: Weder seine adelige Herkunft noch seine militärischen Verdienste, die er für die untergegangene Monarchie Österreich-Ungarn erworben hatte, sind plötzlich keinen Heller mehr wert. Sein Stand ist verwirkt, sein Geldbeutel ist leer und er hungert. Isbareggs einziges Kapital sind seine gute Bildung und sein attraktives Äußeres, mithilfe derer er die vornehme Wiener Gesellschaft bald hemmungslos täuschen wird, um auf deren Kosten ein einigermaßen standesgemäßes Leben führen zu können.

Aus dem Ertrag seines ersten Taschendiebstahls leistet er sich nicht nur eine ausgiebige Mahlzeit sondern sichert sich auch für eine kurze Zeit wieder einen gehobenen Lebensstandard, genauso einen, von dem er überzeugt ist, ihn sich verdient zu haben – womit er den Diebstahl für sich selbst als notwendige und damit gerechte Tat rechtfertigen kann.

Betrug, Raub und sogar Mord gehören bald darauf zum Alltag des moralisch heruntergekommenen Freiherrn, der trotz aller Zwiespältigkeit und vorsätzlicher Rohheit dennoch immer wieder, wenn auch nur für kurze Momente, einen letzten Funken sozialen Gewissens besitzt und anderen in Not geratenen ehemaligen Kameraden hilft.

War aber der erste Diebstahl noch eine günstige Gelegenheit, die sich ihm zufällig darbot, so geht Kolo nun nach einem sorgfältig und detailliert ausgearbeiteten Plan vor. Er, der stattliche Mann von adeliger Herkunft, der ehemalige Offizier der k.u.k. Armee versteht es die Damen zu beeindrucken und wird zu einem umschwärmten Mittelpunkt der Gesellschaft. Er findet so sehr Gefallen an diesem quasi wiedergewonnenen Lebensstil, dass er schon bald darüber nachdenkt, womit er seine rasant schwindenden Geldmittel erneut wieder aufstocken kann. Sehr gelegen kommt ihm dabei der Umstand, dass ein Gast in der Pension, die er selbst bewohnt, ein bekannter Kriegsgewinnler ist, der viele Millionen aus zwiespältigen Spekulationsgeschäften zusammengerafft und aus kriminellen Steuerhinterziehungsvergehen gezogen hatte. Ein Millionär also, einer – und das ist zu Kolos eigener Rechtfertigung wichtig – der auf Kosten anderer ein gutes Leben führt. Einer, dem er ohne schlechtes Gewissen alles nehmen konnte: sein Vermögen und sein Leben.

Koloman Freiherr von  Isbaregg ist ein Beispiel für das Schicksal für jene, die nach dem Ende der alten Ordnung für sich keine Basis in dieser neuen Welt gefunden hatten. Er lebt in einer Umgebung, in der wir uns problemlos einen noch unbekannten Adolf Hitler als erfolglosen Postkartenmaler gut vorstellen können. In dieser Zeit werden zukünftige Ungeheuer geboren. Andere sind schwer vom Schicksal gebeutelt, so auch Kolo. Vor dem Krieg war er ein erfolgreicher Ingenieur, dann ein treuer Offizier des Kaisers und jetzt ohne Beschäftigung, ohne Einkommen, ohne Perspektive. Seine Welt der 1920er Jahre ist schwer gezeichnet vom Aufeinandertreffen unterschiedlicher Gesellschaftsentwürfe, von feministischem Aufbegehren versus erzkonservativer Rollenklischees und einem zutiefst wienerischen Antisemitismus. In seinen destruktiven Beziehungen zu Frauen spiegelt sich die ganze Zerrissenheit Isbareggs wider, Sieger über die Moral bleibt aber seine Gier nach Status und Reichtum. Verwirrende Verhältnisse und unsichere Zeiten. Ein wenig Klarheit über diese verwirrenden Zustände konnte da nur einer wie Hugo Bettauer schaffen. Bettauer betrachtete mit scharfem Blick die Menschen und das Leben seiner Zeit, und er schuf literarische und journalistische Werke, die uns über diese zerrissene Welt berichten. Wie eine Zeitkapsel, die uns heute ein Bild der Vergangenheit beschreibt, ist Hemmungslos gleichzeitig Roman und Zeitdokument.

Am Ende des Buches stellt sich dem Leser die Frage: Ist Koloman von Isbaregg ein gewöhnlicher Krimineller oder ist er selbst ein Opfer. Zum einen verkörpert er den damaligen Zeitgeist und die unsicheren Verhältnisse nach dem Ersten Weltkrieg, zum anderen wird deutlich, wie sehr Ordnung und rechtschaffenes Verhalten abhängig sind von den jeweils herrschenden Verhältnissen, die die jeweiligen Sicht- und Handlungsweise eines Menschen stark beeinflussen können. In diesem Zusammenhang hat sich bis heute nicht viel geändert. Recht wird von denen gemacht, die die Macht dazu haben.

„Im Krieg ist vieles erlaubt, was uns hier und heute unvorstellbar erscheint: Das Zerstören fremden Eigentums. Die Tötung von Feinden. Die Opferung der eigenen Zivilbevölkerung, wenn es denn nicht anders geht. Die Tötung fremder Zivilbevölkerung, unter bestimmten Umständen. Im Krieg darf man entführte Flugzeuge abschießen, auch wenn unschuldige Geiseln darin sitzen. Man darf vorsätzlich Menschen töten, um größeren Schaden zu verhindern. Man darf die feindlichen Kombattanten von hinten erschießen, im Schlaf töten, in Hinterhalte locken. Man darf sich auch einmal irren. Man wird auch dann zum Brigadegeneral befördert, wenn man aus Versehenen – shit happens! – hundert afghanische Bauern in die Luft gesprengt hat, die Benzin klauen wollten, in der tragischen Annahme, es handle sich um hundert Feinde.“ (Thomas Fischer in DIE ZEIT/13.01.2015)

Die Werke Hugo Bettauers sind definitiv eine Wiederentdeckung – seine Bücher sind in einem Atemzug mit den Werken seiner bekannten Zeitgenossen Werfel, Roth oder Zweig zu nennen. Warum Bettauer heute nahezu vollständig in Vergessenheit geraten ist, ist nur schwer erklärbar.

Auf Grund seines „Entdeckungsjournalismus“ und seines Eintritts für sexuelle Aufklärung und Freizügigkeit geriet er als Autor und Journalist immer wieder in den Fokus von öffentlichen Diskussionen. Seine Gegner versuchten ihn als „Asphaltliteraten“ zu disqualifizieren. (Wikipedia) „Nach einer wochenlangen Medienkampagne gegen ihn schoss der Zahntechniker Otto Rothstock am 10. März 1925 Bettauer in seiner Redaktion in der Langen Gasse 5-7 in Wien nieder. Bettauer wurde dabei schwer verletzt und mit sechs Schüssen in Brust und Armen ins Krankenhaus eingeliefert. Am 26. März starb er im Alter von 52 Jahren an den Folgen des Attentats. Noch während er im Krankenhaus lag, kam es im Wiener Gemeinderat zu handgreiflichen Auseinandersetzungen. Über die Motive des Attentäters wurde lange gerätselt. Dieser behauptete, er habe ein Fanal gegen die angebliche Sittenlosigkeit eines Autors setzen wollen, der mit seinen sexuell freizügigen Schriften berühmt geworden sei. Fakt ist, dass Rothstock vor dem Anschlag Mitglied der NSDAP war, wieder austrat und nach der Tat von NS-nahen Anwälten und Freunden unterstützt wurde. Das Gericht veranlasste die Einweisung des Attentäters in eine psychiatrische Klinik, die er nach 18 Monaten Ende Mai 1927 als freier Mann verließ.“

Hugo Bettauer erwies sich in seinem Roman Hemmungslos auch als Prophet, der kommende Ereignisse beschrieb, von denen wir heute wissen, dass sie eintrafen, die aber damals, als dieses Buch entstand, noch in ferner Zukunft lagen. Ein sehr spannendes und ein sehr wichtiges Buch!