in Autoren-Interviews, Hörbücher & Hörspiele, Krimis & Thriller

Buchmarketing.direkt im Gespräch mit Jean-Louis Glineur

Jean-Louis Glineur wurde 1964 in Verviers/Belgien als Sohn eines belgischen Unteroffiziers und einer deutschen Mutter aus Hollerath in der Eifel geboren. Als sein Vater Léon Ende der 1960er Jahre im belgischen Camp Vogelsang in der Eifel als Soldat stationiert war, zog die Familie aus der Wallonie nach Gemünd. Er besuchte das Städtische Gymnasium Schleiden und schloss dieses 1984 mit dem Abitur ab und entschied später, eine Berufsausbildung zum Industriekaufmann zu absolvieren, arbeitete später als strategischer Einkäufer und als Ausbilder in kaufmännischen Berufen. Seit 2001 lebt Jean-Louis Glineur in der Städteregion Aachen in einem idyllischen kleinen Dorf namens Dedenborn mit seiner Frau Ute, die er im Jahr 2008 heiratete. Zu den Leidenschaften von Jean-Louis Glineur gehören Motorsport und Comicserien belgischer und französischer Autoren.

*

Buchmarketing.direkt: Guten Tag, Herr Glineur. Im Fokus unseres Gespräches soll natürlich vorrangig Ihr Krimi Todesangst in der Nordeifel stehen. Wenn ich es richtig verstanden habe, handelt es sich hierbei um ein Erstlingswerk und Sie haben damit einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, denn noch bevor eine Taschenbuchausgabe vorlag, erschien es zuerst als Hörbuch, welches bei Technisat Digital Division Radioropa veröffentlicht wurde. Normalerweise findet die Veröffentlichungsreihenfolge genau umgekehrt statt. Gab es Gründe für diese Entscheidung?

Jean Louis Glineur: Im Prinzip gab es wirklich gute Gründe, aber die standen nicht wirklich unter meinem Einfluss. Ich habe recht blauäugig fünf Verlagshäuser angeschrieben, mein Manuskript in Papierform beigefügt und auf baldige Antworten gewartet. In den kommenden Wochen kam zunächst eine Absage eines regionalen Verlegers für Printmedien, aber fast zeitgleich Post von Radioropa aus Daun, die zu meiner Freude mein Manuskript vertonen wollten. Dass dann anderweitig noch eine weitere Absage kam und zwei angeschriebene Verleger überhaupt nicht reagierten, trat bei meiner großen Freude über die guten Nachrichten des Hörbuchproduzenten absolut in den Hintergrund. In Sachen ‚Entscheidung‘ in Sachen Reihenfolge war ich also eher Passagier und weniger Kapitän.

Buchmarketing.direkt: Ihre Krimis lassen sich leicht in die Schublade „Regionalkrimis“ einsortieren. Ich selbst bin mit solchen Etikettierungen nicht sehr glücklich, denn im Grunde handelt ja fast jeder Krimi an einem bestimmten Ort. Zweifelsfrei hat Jacques Berndorf dem Genre „Eifelkrimi“ zu großer Popularität verholfen. Hat er Ihnen mit seinen Werken den gewissen Impuls zum eigenen Schreiben gegeben?

Jean Louis Glineur: Berndorf spielt nur bedingt eine Rolle, wobei ich seine Romane nahezu ausnahmslos einfach sehr mag. Geschrieben habe ich bereits, bevor ich den Namen Jacques Berndorf jemals gehört hatte, auch wenn es sich um Presseartikel handelte. Dass verschiedene Autoren, und auch ich, definitiv Profiteure durch Berndorfs Erfolge sind, kann kein vernünftiger Mensch bestreiten. Auf mich bezogen sage ich mit einem Schmunzeln, dass ich aber nun wirklich nichts dafür kann, dass ich rein zufällig auch in der Eifel wohne. Denn die Handlung in den Hunsrück zu legen, nur um nicht als Berndorf-Nutznießer zu gelten, wäre eher fragwürdig. Was mir selbst aber überhaupt nicht gefällt, ist dieses Nachahmen der Titel. Bei Berndorf heißen Sie ‚Eifel-Gold‘ oder Eifel-Blues‘. Wenn andere Autoren dies von ‚Eifel-A‘ bis ‚Eifel-Z‘ als Buchtitel quasi kopieren, finde ich es etwas plump. Daher habe ich mich für dieses in beiden veröffentlichten Fällen für jenes ‚…in der Nordeifel‘ entschieden, so wie auch der nächste Fall zum Beispiel ‚Entführung in der Nordeifel‘ heißen wird.

Buchmarketing.direkt: Sie besitzen einen deutschen Pass, besinnen sich aber immer auch auf Ihre wallonischen Wurzeln. Eine Ihrer Protagonisten, die Privatdetektivin Anne-Catherine Vartan, ist ebenso wie Sie in Belgien geboren, besitzt aber auch einen deutschen Pass. Ist diese Romanfigur sowas wie Ihr Alter Ego?

Jean Louis Glineur: Ich finde, dass der Darsteller Alwin Schreer eher den Begriff Alter Ego erfüllt. Sein Handeln und seine persönliche Art haben eher eine Ähnlichkeit. Trotzdem, sehr guter Ansatz, hat auch Anne-Catherine einen gewissen Anspruch ein Alter Ego zu sein. Zwar treibt mich mehr die Grenznähe zu Belgien an, aber ich spüre oft im Alltag, dass ich eher halber Belgier und eben halber Deutscher bin. Mich hat die Mentalität beider Länder geprägt, vor allem aber besitze ich einen wallonischen Dickschädel, der auch ohne Umschweife seiner Meinung freien Lauf lässt. Das passt in gewisser Weise auch wieder zu meiner Protagonistin Anne-Catherine Vartan.

Buchmarketing.direkt: Sie üben noch einen Beruf zum Broterwerb aus, sind also nicht allein monetär von der Schriftstellerei abhängig. Wenn Sie schreiben, wie strukturieren Sie Ihre Tätigkeiten? Schreiben Sie täglich, oder nur dann, wenn Sie eine plötzliche Idee haben, die dringend notiert werden muss?

Jean Louis Glineur: Mein eigentlicher Beruf bindet mich, wie so viele Menschen, rund vierzig Stunden wöchentlich. Nach Feierabend bin ich dann oft einfach nur müde, oder ich möchte die Zeit mit meiner Frau genießen. Daher schreibe ich meist eher spontan, oder eher schubweise, aber dann intensiv. Notizen, definitiv, sind aber ein steter Begleiter. Wenn ich eine neue Idee zu einer Story habe, wird diese auf alle Fälle sofort in ein passendes Notizbuch aufgenommen.

Buchmarketing.direkt: Sie waren auch als freier Journalist tätig und haben u.a. für die „Kölnische Rundschau“ oder für die mittlerweile eingestellte Motorsportzeitschrift „Sportfahrer“ Artikel geschrieben und Reportagen in Jahresbüchern veröffentlicht. Das Schreibbedürfnis liegt Ihnen offenbar im Blut. Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Schreibversuche? Wie oder wodurch wurde dieses Bedürfnis geweckt?

Jean Louis Glineur: Der Spaß am Schreiben begann eigentlich mit der Entstehung unserer Abi-Zeitung im Jahr 1984. Allerdings war ich doch mehr für Fotos zuständig. Damals habe ich – eher durch Zufall – einen Stuntman fotografiert, der einen Motorradunfall fürs Fernsehen doubelte. Das Foto habe ich dann genutzt, um mit einem kleinen Bericht in einer Zeitung auf die Gefahren hinzuweisen, wenn Biker ohne Licht fahren und übersehen werden. Das wurde dann zum Einstieg für andere Berichte. ‚Sportfahrer‘ war erst recht ein für mich ideales Magazin, da ich mich seit meiner Kindheit für Autorennen interessiere.

Buchmarketing.direkt: Einige spannende Passagen in Ihrem Krimi werden zusätzlich auch durch riskante bzw. rasant formulierte Autoverfolgungsjagdbeschreibungen angereichert. Ich werde das Gefühl nicht los, da steckt auch viel eigenes Potential mit drin. Hat Jean Louis Glineur auch Benzin im Blut?

Jean Louis Glineur: Ja, das passt auch zur Frage zuvor. ‚Sportfahrer‘ war ein für mich ideales Magazin, wenn’s um das Schreiben ging, da ich mich seit meiner Kindheit für Autorennen interessiere. Ich habe Mitte der 1980er Jahre an Slalomrennen teilgenommen, oder auch im belgischen Zolder einen Formel Ford damals ausprobieren können. Und ich bin immer gern schnell unterwegs gewesen, wenn die Straßenverhältnisse es erlauben. In den letzten Jahren ist Autofahren für mich nur noch ein Mittel zum Zweck und nicht mehr so leidenschaftlich.

Buchmarketing.direkt: Sie haben kürzlich einen zweiten Krimi „Panik in der Nordeifel“ veröffentlicht. Worum geht es in Ihrem neuen Buch?

Jean Louis Glineur: Zwei pensionierte Studienräte suchen die Privatermittler Schreer und Vartan auf. Der brutale Mord an zwei ebenfalls aus dem aktiven Dienst ausgeschiedenen Lehrern namens Sturm und Kling führt zu der Annahme, dass jemand es auf die Lehrerschaft eines Gymnasiums abgesehen hat. Alwin Schreer hat allerdings einen anderen Verdacht, da die Ermordeten Mitglieder einer rechtsextremen Partei waren. Dass der erwachsene Sohn Michael des getöteten Kling auch ermordet wird, festigt den Verdacht, denn er galt vor allem in Aachen und Umgebung als politischer Brandstifter. Der Mordversuch an einem weiteren Lehrer, wirft allerdings alle Annahmen um, dass Rechtsextreme das Ziel sind, denn er gilt als das krasse Gegenteil – er steht politisch klar ‚links außen‘. Parallel werden Waffen im Keller von Kling junior nach dessen gewaltsamen Ende entdeckt, und auf einem beschlagnahmten Computer kann ein Chatverlauf wieder hergestellt werden, der ein geplantes  Attentat auf zwei Flüchtlingswohnheime in der Nordeifelverrät. Klings Tod hatte also auf eine makabre Weise etwas „Gutes“, und dennoch gilt: ein Mord ist und bleibt ein Mord, zumal die Motivlage des unbekannten Mörders offensichtlich doch eine andrere ist.

Buchmarketing.direkt: Gibt es schon Pläne für einen dritten Band der Nordeifel-Reihe? Möchten Sie schon etwas darüber verraten?

Jean Louis Glineur: Wie angedeutet, plane ich aktuell einen Fall mit dem voraussichtlichen Titel ‚Entführung in der Nordeifel‘. Die Kinder und die Schwiegermutter eines in Ostbelgien lebenden wohlhabenden Geschäftsmanns werden entführt. Er ist derart eingeschüchtert, dass er, wie gefordert, die Polizei nicht einbindet, aber er kennt Alwin Schreer durch einen älteren eher unbedeutenden Auftrag und bitte ihn um Hilfe.

Buchmarketing.direkt: Wie viel Zeit brauchen Sie etwa für den Schreibprozess eines eigenen Buches?

Jean Louis Glineur: Jetzt tu‘ ich mich schwer, die Frage präzise zu beantworten. Da ich auch immer wieder Pausen einlege, dann aber der eben kurz erwähnte ‚Schub‘ einsetzt, denke ich, dass ich von der ersten Idee bis zur Fertigstellung ein halbes Jahr brauche. Ein eher nerviger Grund für etwas längere Unterbrechungen ist der Hang zu Migräneanfällen. Das bedeutet auch, dass ich durchaus auch mal zwei oder drei Wochen nur Notizen mache, am Manuskript aber dann nicht arbeite.

Buchmarketing.direkt: Lassen Sie sich auch von realen Ereignissen, die sich meinetwegen in der Eifel zugetragen haben, für Ihre eigenen Krimis inspirieren?

Jean Louis Glineur: Geschehnisse in der Eifel sind da weniger die Inspiration. Aber ich erlaube mir durchaus den kleinen Wink zu Dingen, die zum Zeitpunkt der Geschichte gesellschaftlich oder politisch präsent oder aktuell sind. Gerade der Ich-Erzähler Schreer tut dies. Allerdings nutze ich dies, um den Zeitpunkt für den Leser etwas ‚griffiger‘ zu machen, besser gesagt, wenn er liest erinnert er sich unvermittelt an ein Geschehnis der Zeit zuvor. In ‚Panik in der Nordeifel‘ gibt es zum Beispiel den kleinen Seitenhieb gegen den Islamischen Staat, oder Anne-Catherine Vartan hat einen persönlichen Bezug zu den Attentaten in Paris Ende 2015, da sie kurz zuvor dort zu Besuch war. Oder, anderes Beispiel, mein Alter Ego Schreer kann’s aus aktuellen Anlässen auch nicht lassen, ein paar Spitzen über einen gewissen Herrn Trump zu platzieren.

Buchmarketing.direkt: Wo liegen Ihre Vorlieben als Buchleser?

Jean Louis Glineur: Die Vorliebe ist und bleibt der deutsche Krimi, aber das Genre wird auch recht gelungen aus Skandinavien bedient. Beides betreffend mag ich aber auch Hörbücher besonders gern, da ich beruflich jede Woche ein paar Stunden unterwegs bin. Und – da kommt der Belgier in mir durch – ich liebe französischsprachige Comics.

Buchmarketing.direkt: Herr Glineur, ich bedanke mich für dieses sehr informative Gespräch.

Link zur Buchbesprechung

Link zur Website des Interview-Partners