in Autoren-Interviews

Buchmarketing.direkt im Gespräch mit Dieter Lohr

Dieter Lohr ist Schriftsteller und Hörbuch-Verleger. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Konstanz und wurde 1999 mit der Dissertation ‚Die Erlebnisgeschichte der „Zeit“ in literarischen Texten‘ promoviert. 1999/2000 sowie 2002 arbeitete er als Lektor an der Universität Alexandru Ioan Cuza Iași in Rumänien. Er unternahm Reisen durch Asien und war am Goethe-Institut in Kathmandu tätig. 2004 gründete er den in Regensburg ansässigen LOhrBär-Verlag, der Hörbücher veröffentlicht. 2006 wurde er mit dem C. S. Lewis-Preis des Brendow Verlags für seinen Roman „Die Rebellion im Wasserglas“ ausgezeichnet.

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Buchmarketing.direkt: Herr Lohr, einige Ihrer bislang veröffentlichten Bücher und Hörbücher deuten bereits im Titel an, was den Leser bzw. den Hörer inhaltlich erwartet. Ich denke beispielsweise an den Geschichtenband „Bismarcks Fahrrad“ oder an das 2010 für den Deutschen Hörbuchpreis nominierte Hörbuch „Der Fahrradspeichenfabrikkomplex“. Sind Sie selbst ein begeisterter Fahrradfahrer? Bitte erzählen Sie uns etwas über diese Werke.

Dieter Lohr: Das war so: Da kommt ein Herr mit Pickelhaube auf den Regensburger Bismarckplatz geradelt, stellt sein Fahrrad ab, redet ein bisschen dummes Zeug und trifft auf einen Herrn mit einem quadratischen Schnurrbart, der ebenfalls dummes Zeug redet, und dann mischt sich noch ein stiernackiger Dicker ein, nach dem der Münchner Flughafen benannt ist und der natürlich ebenfalls dummes Zeug redet. Über diese historische Begebenheit habe ich eine Kurzgeschichte geschrieben, und weil das Fahrrad ganz am Anfang steht, heißt die Geschichte „Bismarcks Fahrrad“, und weil sie am Anfang des erwähnten Geschichtenbands steht, heißt der auch so. Der gemeinsame Nenner der drei Leute ist, dass nach allen dreien in Regensburg – das ist da, wo ich wohne und wo auch der LOhrBär-Verlag seinen Sitz hat – Straßen oder Plätze benannt sind bzw. waren. Das Hörbuch „Der Fahrradspeichenfabrikkomplex“ dreht sich um die in den 80er Jahren geplante Wiederaufbereitungsanlage für atomare Brennstoffe in der Oberpfälzer Gemeinde Wackersdorf, das ist gar nicht weit weg von da, wo ich wohne und wo auch der LOhrBär-Verlag seinen Sitz hat. Einer der drei Herren, die so gern dummes Zeug reden, war damals Bayerischer Ministerpräsident und hat gesagt, dass diese WAA nicht gefährlicher sei als eine Fahrradspeichenfabrik. Bis dahin haben ihm viele Oberpfälzer vieles geglaubt, dass Arbeitsplätze geschaffen würden und all solche Sachen, bloß an dem Punkt mit der Fahrradspeichenfabrik haben sie sich dann verarscht gefühlt und sind auf die Barrikaden gegangen. Es ist dann noch ziemlich kompliziert geworden, deshalb heißt das Hörbuch nicht nur „Fahrradspeichenfabrik“ sondern zusätzlich „komplex“, auch deshalb, weil’s um ein großes Gebäude geht und weil einen einiges in der weiteren Geschichte an den Baader-Meinhof-Komplex erinnert. Gemeinsamkeiten sind also der Herr, der so gerne dummes Zeug geredet hat, und der Regensburg/Oberpfalz-Bezug. Zumindest Letzteres zieht sich wie ein roter Faden sowohl durch mein Schreiben als auch durchs Verlagsprogramm. An die Sache mit dem Fahrrad hab ich noch gar nicht gedacht. Wir hätten da noch ein Hörbuch im Programm, das heißt „Hoffnung Havanna. Die Odyssee des Regensburger Kunstradfahrers Simon Oberdorfer“. Vielleicht gibt’s ja noch mehr Zusammenhänge; ich werde künftig bewusster Rad fahren und darüber nachdenken. Ich radle nämlich tatsächlich viel und gerne.

Buchmarketing.direkt: Sie betätigen sich auch als Dozent für Deutsche Sprache und Literatur. Vor einigen Wochen erhielt ich folgende Anfrage einer Fachhochschul-Studentin. Sie schrieb mir (ich zitiere hier wortwörtlich): „Eine Komolitonin und ich produzieren gerade ein Hörspiel als freies Projekt für unser Studiengang und würden gerne für unsere Dokumentation eine mögliche Kostenkalkulation erstellen. Jetzt wolllte ich sie fragen, ob sie mir beantworten können, wie viel Studio, Sprecher und Schnitträume ca. kosten würden? Leider habe ich immer nur einen Gesammtbetrag für Hörspielproduktion gefunden, bräuchte aber eine aufgeschlüßelte Kostenkalkulation.“ Was hätten Sie dieser Fachhochschul-Studentin geantwortet?

Dieter Lohr: Als Dozent für Deutsche Sprache und Literatur hätte ich geantwortet „‘Komolitonin’ mit Doppel-m bitte und einem i statt dem o in der Mitte. ‘Für’ plus Akkusativ, also für wen oder was: Für ‘unserEN Studiengang’ also. Für einmal ‘wolllte’ reichen zwei l, dafür im ‘Gesammtbetrag’ bitte ein m streichen. Und wenn Sie mich fragen und nicht ihre Kommilitonin, dann sollten Sie das ‘Sie’ mit einem großen S schreiben. Und weshalb alte Rechtschreibung?“ Im Ernst, Herr Reichel, das hat sie wirklich so geschrieben? Machen Sie mich nicht schwach. Als Studiobetreiber hätte ich geantwortet: „Mit den Sprechern müssen Sie selbst verhandeln. Je nachdem, ob’s Rufus Beck oder der Franz von nebenan sind, können die nämlich recht unterschiedliche Honorarvorstellungen haben. Ich kann Ihnen allerdings gerne welche vermitteln, ich kenne zufällig ein paar. Was Studiomiete, Aufnahme und Mastering angeht, sagen Sie mir, was Sie genau wollen, und ich sage Ihnen, was ich nehme. Auf alle Fälle kriegen Sie bei uns die besten Preise in der Region. Und seien Sie vorsichtig: Wer ihnen pauschal einen Gesamtbetrag für eine Hörspielproduktion anbietet, egal mit wie vielen m, der will Sie über den Tisch ziehen. Als Hörbuchverleger hätte ich gehofft, dass sie keine weiteren Fragen stellt…

 Buchmarketing.direkt: Erzählen Sie uns bitte etwas darüber, wie Sie auf die Idee gekommen sind einen eigenen Hörbuchverlag zu gründen.

Dieter Lohr: Ich habe einfach ein Faible für Literatur; und als gelernter Literaturwissenschaftler und weil ich eben auch selbst schreibe, dachte ich, dass ich ein bisschen was von der Materie verstehe. Und weil ich seit über einem Vierteljahrhundert Gitarre spiele und mir das Drehen an den Reglern und Knöpfen in Proberaum und Studio immer viel Spaß gemacht hat, dachte ich, dass ich auch davon was verstehe und dass das zusammengerechnet die idealen Voraussetzungen sind, um einen Hörbuchverlag zu gründen. Da bin ich natürlich vollkommen daneben gelegen: Ein Betriebswirtschaftsstudium, eine Buchhalter- oder Buchhändlerlehre und vor allen Dingen eine reiche Erbtante wären weitaus sinnvoller gewesen. Aber Spaß macht’s trotzdem.

Buchmarketing.direkt: „Hörmal!“ ist ein von Ihnen initiiertes interaktives Hörspiel-Projekt an bayerischen Schulen, bei dem Schülerinnen und Schüler selbständig unter sachkundiger Anleitung eigene Hörspiele erarbeiten und produzieren. Was meinen Sie: Ist das Genre Hörspiel bei Jugendlichen gegenwärtig überhaupt noch ein akzeptiertes Medium?

Dieter Lohr: Auf alle Fälle. „Bibi Blocksberg“, „Die drei?“ und erstaunlicherweise „Benjamin Blümchen“ kennt jeder. Mangelnde Akzeptanz ist nicht das Problem. Schwieriger zu vermitteln ist, dass ein Hörspiel NICHT das gleiche ist wie das zugehörige Buch, sondern eine eigenständige Kunstform, dass das Hören anderen Gesetzmäßigkeiten folgt als das Lesen, dass das Hörspiel eine andere Gattung ist als ein Buch und ebenfalls eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt, und dass das Hören keinesfalls als billiger Ersatz für das Lesen verstanden werden sollte, weil sonst schlimme Dinge passieren – Ihre FH-Studentin ist der schlagende Beweis.

Buchmarketing.direkt: Im Programm Ihres Hörbuchverlags finden sich etliche Titel weniger bekannter bzw. fast schon vergessener tschechischer Autoren und Autorinnen. Ich lese da Namen wie: Jan Cep, Jaroslav Durych, Jaroslav Hašek, Bohumil Hrabal oder Libuše Moniková und Milena Jesenská (um nur einige Namen zu nennen). Woher kommt diese Vorliebe zur tschechischen Literatur?

Dieter Lohr: Wie gesagt, wir haben viel Regensburg und viel Oberpfalz im Programm. Ein Stück weit verstehen wir uns sogar als Regionalverlag, was aber keineswegs mit weißblauem Barock, mit Oktoberfest, Gamsbart und Jodeln unterm Dirndl verwechselt werden sollte. Bitte nicht. Man kann „Region“ über Grenzen definieren, allerdings kann man sie auch durch das glatte Gegenteil definieren, durch das Überwinden dieser Grenzen nämlich, durch den Blick über den Tellerrand. Unser Hörbuch „Mama Donau“ von Eva Demski beispielsweise, die man wohl kaum als Regionalschriftstellerin verstehen dürfte, spielt zum überwiegenden Teil in der Stadt, in der sie geboren ist, Regensburg eben, und an dem Fluss, an dem diese Stadt liegt. Aber Eva Demski schaut über den Tellerrand hinaus und bereist die Donau über mehrere Jahrzehnte hinweg immer wieder, von der Quelle bei Donaueschingen bis zur Mündung am Schwarzen Meer. Hier gerät der Begriff „Regionalliteratur“ ebenfalls ins Wanken. Wenn man von Regensburg aus über den östlichen Tellerrand schaut, blickt man als allererstes nach Tschechien. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit hat man dort in die Tschechoslowakei geblickt, davor kurz ins Protektorat Böhmen und Mähren, davor wieder in die Tschechoslowakei, und davor in ein Teilgebiet des Habsburgerreichs. Arthur Schnabl hatte die Idee, diese tschechisch-böhmisch-tschechoslowakische etc. Geschichte anhand von literarischen Texten nachzuerzählen. Entstanden ist unser Böhmen-Hörbuch „Das Leben ist zum Verrücktwerden schön“ und damit nicht nur ein Überblick über die böhmische Geschichte, sondern auch ein sehr schöner Querschnitt durch die tschechische Literatur. Wenn man jetzt noch die historischen und politischen Beziehungen herstellt zu Nachbarländern und -literaturen, verliert der Begriff „Regionalliteratur“ vollends seinen Sinn. Letzten Herbst haben wir übrigens so etwas Ähnliches wie eine Fortsetzung dieser „Böhmischen Geschichte literarisch“ herausgebracht und einfach ein paar Meter weiter in Richtung Osten geschaut. Herausgekommen ist das Hörbuch „Wie eine Ratte nagt am Putz die Zeit – Literatur aus Mähren“.

Buchmarketing.direkt: Sie befassen sich als Autor und Hörbuchverleger auch intensiv mit der Stadtgeschichte Regensburgs. Ein Zeitungsrezensent schrieb beispielsweise über Ihr Buch „Tod in Regensburg“: ‚Dieter Lohr hat sich der Moritat des seligen Hinscheidens des Astronomen Johannes Kepler zu Regensburg angenommen, und herausgekommen ist ein Kurzkrimi von 40 Seiten, durch dessen bieder-altdeutschen Sprachduktus auf Schritt und Tritt sanfte Ironie und Satire durchblitzen.‘ Diese sanfte Ironie und Satire ist in einigen Ihrer Werke aber vor allem in fast allen Hörbüchern Ihres Verlages deutlich spürbar. Finden Sie damit ein aufgeschlossenes Publikum und würden Sie sich selbst als Satiriker verstehen?

Dieter Lohr: Diese Welt ist allgemein so beschaffen, dass man entweder weinen oder lachen muss. Ich halt’s lieber mit dem Lachen, muss mich aber ab und an kräftig am Riemen reißen, damit aus dem Satiriker kein Zyniker wird…

Buchmarketing.direkt: Sie stellen manchmal Ihre Hörbuchproduktionen z.B. im Turmtheater Regensburg einem Hörer-Publikum vor. Das finde ich eine ausgezeichnete Idee. Werden diese Hör-Veranstaltungen gut besucht? Erzählen Sie uns bitte etwas über diese öffentlichen Anhörungen.

Dieter Lohr: Die meisten Hörspiele werden beim Autofahren, Bügeln oder Joggen gehört. Dabei gibt es wirklich wahnsinnig gut gemachte Hörspiele, deren feine akustische Nuancen glatt unter den Tisch fallen, wenn man Nebengeräusche hört oder sich nebenher noch auf etwas anderes konzentriert. Ewig schade. Deshalb haben wir einfach in einem schnuckeligen Theater in der Altstadt das Licht gedimmt, die Bühne mit ein paar wenigen zum jeweiligen Hörspiel passenden Requisiten und Lichtquellen bestückt und Hörspiele laufen lassen. Nicht nur eigene Sachen, sondern auch Brandneues, das uns aufgefallen ist, einen Abend mit Kurzhörspiel-Klassikern, einmal hatten wir einen Gesprächsgast, der bei den neuen Folgen von „Jonas. Nur Jonas. Und Sam“ im Studio mit dabei gewesen war… Ein Irrsinns-Klangerlebnis, so ein Hörspiel im Theatersaal. Und nicht nur ein Klangerlebnis: Unser armes Gehirn ist es ja gewohnt, pausenlos mit visuellen, akustischen und allen möglichen sonstigen Sinneseindrücken gleichzeitig vollgepowert zu werden, und sobald beispielsweise die Bilder fehlen, fühlt es sich einsam und macht sich selber welche, beispielsweise auf einer abgedunkelten Bühne, auf der nur ein paar von innen beleuchtete Bierflaschen oder -kästen stehen (die Requisite zu „Herr Lehmann“). Alle, die das gehört – und tatsächlich auch gesehen – haben, waren begeistert! Sie haben die wehmütige Vergangenheitsform bemerkt? „Alle“ heißt „alle zehn bis 20 Leute Publikum beim jeweiligen Abend“. Will sagen: Wir haben die Reihe mangels Zuspruch nach einem Dreivierteljahr wieder eingestellt. Das sind dann so Gelegenheiten, wo meine Regensburg-Begeisterung ein bisschen bröckelt und ich diese Scheiß-Provinz auf den Mond und mich selbst nach Hamburg oder Berlin wünsche, wo es ein Publikum gibt, das für Neues zu begeistern ist. Bei solchen Gelegenheiten muss ich dann auch immer sehr darauf aufpassen, dass ich nicht vom Satiriker zum Zyniker mutiere (oder zum Amokläufer). Hat sich aber bisher immer wieder gelegt.

Buchmarketing.direkt: Es ist immer blöd, über Hörbücher zu sprechen, wenn die Leser unseres Gesprächs keine Möglichkeit haben, in die betreffenden Werke rein zuhören. Gibt es eine Website, wo jeder User ein paar Hörproben abrufen kann?

Dieter Lohr: Klar, auf der Verlags-Homepage http://www.lohrbaerverlag.de findet man Hörproben zu allen unseren Hörbüchern, und auf meiner facebook-Seite stelle ich immer mal wieder Kurzhörspiele ein, die im Rahmen meiner Hörspiel-Seminare an der VHS oder bei der Medienwissenschaft an der Uni Regensburg entstanden sind.

Buchmarketing.direkt: Jetzt noch eine obligatorische Frage am Ende: Besitzen Sie noch einen Fernseher?

Dieter Lohr: Nee, den habe ich vor acht Jahren rausgeworfen und seither keine einzige Sekunde vermisst.

Buchmarketing.direkt: Ich danke Ihnen für dieses kurze Gespräch.

Dieter Lohr: War ganz mein Vergnügen.

(Das Gespräch wurde bereits vor einiger Zeit im Rahmen einer Befragung geführt. Es wird hier leicht gekürzt widergegeben.)

Link zum Hörbuch: