Totenstille: Thriller von Daniela Arnold

WERBUNG: 250 Seiten – Verlag: CreateSpace Independent Publishing – Preis: 9,62 Euro (Taschenbuch)

Daniela Arnold schreibt seit 2002 regelmäßig als freie Journalistin und Autorin für fast alle großen Frauenzeitschriften Reportagen und Kurzgeschichten und kann mittlerweile, nach eigenen Aussagen, auf über 3000 Veröffentlichungen u. a. in „Bild der Frau“, „Lisa“, „Lea“, „Tina“ usw. zurückblicken.

Honi soit qui mal y pense. Aber genau darin scheint das Problem zu liegen. Frau Arnold schreibt zwar versiert und überaus routiniert, hat aber von der subtilen Kunstfertigkeit des Thrillerschreibens nicht die geringste Ahnung. Das Spiel mit Urängsten ist zwar ihr Ding, aber von dramatischer Spannungserzeugung oder von Storytelling als wesentliches Element beim Aufbau einer Geschichte versteht sie nicht viel. Totenstille liest sich wie ein billiger Fortsetzungsroman, der auch in einer der oben genannten Frauenzeitschriften hätte erscheinen können. Es ist ein typisches Beispiel von Behelfslektüre für jene Menschen, die die Wartezimmer der Arztpraxen oder Friseursalons bevölkern. Für Menschen, die aus purer Langeweile zu den dort ausgelegten Käseblättern greifen, um damit die Wartezeit totzuschlagen. Genau diese Konsumenten lesen fast immer nur fragmentarische Geschichten, ohne den Anfang oder das Ende zu kennen. Die kurze Lektüre endet dann auch meist genauso abrupt, wie sie begonnen hat. Wenige Augenblicke danach, nachdem sie die Zeitschriften zugeschlagen haben, sind die gelesenen Geschichte auch schon wieder vergessen. Genauso erging es mir als Leser dieses Romans. Ich konnte mich an das erst am Abend zuvor gelesene Kapitel nur schemenhaft erinnern. Irgendwie verweigerte mir mein Gedächtnis immer wieder seinen Dienst und ich musste am nächsten Tag zunächst nachschauen, was ich erst am Abend zuvor gelesen hatte. Lag es vielleicht an der recht farblosen und hölzernen Ermittlerin Larissa Bartels, mit deren Charakter ich mich das ganze Buch lang überhaupt nicht anfreunden konnte? Sie ist eine unscheinbare Protagonistin, die sowohl auf ihren Verstand wie auch ihr Gefühl vertraut, eigentlich gar nicht mal so unsympathisch, also keine klischeeüberfrachtete Polizistin aus dem Bilderbuch. Obwohl die ersten Kapitel noch recht packend geschrieben sind, geht es danach ziemlich schnell bergab. Eine Mordserie hält die Polizistin in Atem. Dann taucht plötzlich eine verstörte und schwer misshandelte Frau auf, die behauptet die Ärztin Andrea Burkhart zu sein. Doch weder ihr Ehemann, noch die Tochter oder Freunde erkennen sie. Als eine weitere Leiche gefunden wird, gerät die Frau auch noch unter Mordverdacht. Die zentrale Frage des ganzen Buches lautet: Wer spielt hier ein falsches Spiel? Ich war über die Hälfte des Buches ziemlich ratlos, wie sich die Verwirrung auflösen könnte. Im Grunde ist das nicht mal die schlechteste Ausgangsbasis für einen handfesten Thriller, aber leider ist die Geschichte vollgestopft mit unendlich vielen Füllsätzen, Floskeln und nichtssagenden Phrasen, wie beispielsweise:

sie schluckte schwer, sie schluckte angestrengt, sie schluckte gegen die Panik an, sie schluckte gegen die Trockenheit an, ein scharfer Schmerz jagte durch ihren Körper, sie spürte, wie sich ihr Hals verengte, ihr Herz hämmerte hart gegen ihre Rippen, ihr Herz hämmerte in wildem Tempo gegen ihre Rippen, ihr Herz hämmerte hart gegen ihren Brustkorb, ihr Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen, ihre Innereien verkrampften sich, ihre Eingeweide verkrampften sich, ihr Magen verknotete sich.

Dann stören den Lesefluss wiederum seitenlange Monologe mit irgendwelchem rhetorischen Blödsinn: Bin ich etwa selbst schuld? Hab ich das verdient? Hätte ich mehr tun sollen? Was hätte ich anders machen können? Warum habe ich das getan? usw. Es sind genau diese Sätze, wie sie in jeder Ausgabe einer x-beliebigen Hausfrauenzeitschrift hundertfach zu lesen sind.

Da der Täter erst in den letzten Seiten des Romans in Erscheinung tritt – von ihm war vorher an keiner anderen Stelle die Rede – kommt es auch zu einem abrupten Ende, sodass der Eindruck entsteht, die Autorin hätte selbst keine Lust mehr verspürt, die Geschichte zu einem logischen Ende zu bringen. Und ganz ehrlich gesagt: Wozu auch? Die ganze Story wirkt völlig inszeniert, unglaubhaft, unwahrscheinlich, unrealistisch. Es ist nun mal die typische Lektüre für Menschen, die in Wartezimmern oder Friseursalons herumsitzen und dort zu den üblichen Käseblättern greifen.

Totenstille hat mich weder gefesselt noch gut unterhalten. Wer aber temporeichen und oberflächlichen Thriller-Journalismus mag, wird hier ganz sicherlich bestens bedient.

Hercule Poirots Weihnachten: Ein Hercule-Poirot-Krimi von Agatha Christie

WERBUNG: – Laufzeit: 4h 13, 3 CDs – Verlag: Der Hörverlag – Preis: 9,99 Euro (Audio CDs)

Simeon Lee ist ein wahrhafter Tyrann. Der Alte verachtet seine Angehörigen und sagt es ihnen auch direkt ins Gesicht. Ein echtes Ekelpaket also. Umso überraschender ist es, dass er seine gesamte Verwandtschaft ausgerechnet an Weihnachten zu sich einlädt. Es verwundert daher auch nicht sonderlich, dass er sofort damit beginnt, alle zu beleidigen und zu provozieren. Als er wenig später tot aufgefunden wird, ist dementsprechend auch schnell klar, dass die Todesursache keine natürliche ist. Wer aber hat ihm die Kehle durchgeschnitten? Jeder der Anwesenden hätte für die Tat ein handfestes Motiv gehabt, dennoch erscheint alles reichlich mysteriös. Die Tat selbst ist – wie immer bei Agatha Christie – sehr ausgeklügelt und mit doppeltem Boden ausgestattet. Da liegt es fast schon auf der Hand, das Hercule Poirot zu Hilfe gerufen wird, dieser erkennt schnell, dass jedes der Familienmitglieder genügend Gründe hatte, Simeon Lee abgrundtief zu hassen. Verdächtige gibt es also reichlich, aber keiner kann theoretisch tatsächlich den Mord begangen haben. Poirots graue Zellen rattern auch diesmal auf Hochtouren und lassen uns erwartungsgemäß nicht im Stich. Den Lesern erteilt der belgische Meisterdetektiv einmal mehr eine großartige Lektion in kriminalistischer Kombinationsgabe. Eine überraschende Auflösung ist somit garantiert.

Dieser urbritische Agatha Christie-Krimiklassiker bietet nicht nur zur Weihnachtszeit einen hohen Lesegenuss, als spannende Lektüre ist er auch rund ums Jahr eine gute Empfehlung. Gleiches kann ich von der gekürzten Hörbuchfassung des Münchner Hörverlags leider nicht behaupten.

Dieses ist eines der wenigen Hörbücher des Verlages, das mir überhaupt nicht gefallen hat. Während der gesamten Laufzeit kam bei mir keine spürbare Freude am Zuhören auf, was gewiss nicht an der Romanvorlage, sondern ausschließlich an der scheinbar unkontrollierten Vortragsweise des Sprechers lag. Die drei CD-Längen habe ich mehr erlitten als genießen können, nur mit Mühe konnte ich mich dazu bewegen diese bis zum Ende anzuhören. Die Sprechart von Klaus Dittmann empfand ich phasenweise als sehr unangenehm und aggressiv. Auch die Dialoge wirkten durchweg unglaubwürdig, viel zu wenig differenziert, dafür aufdringlich und schrill. Die einzelnen Charaktere wurden viel zu stark überzogen dargestellt. Dadurch wirken die Figuren gekünstelt und der Zuhörer kann sich nur schwer in sie hineinversetzen. Darüber hinaus bereitete mir als Hörbuchproduzent die teilweise sehr schlecht abgemischte Ton- und Klangqualität fast schon körperliches Unbehagen. Die Passagen, in denen der Sprecher als Erzähler agiert, sind mitunter viel zu leise zu hören, so dass wahrscheinlich etliche Zuhörer den Lautstärkeregler aufdrehen. Leider wird dadurch die Klangqualität der Sprachaufnahme noch unangenehmer und klirrt geradezu schmerzhaft in den Ohren. Ich kann mir darauf keinen Reim machen, wie dieses unüberhörbare Manko den ansonsten qualitätsgeschulten Verlagsmitarbeiterinnen entgehen konnte.

Ich habe schon einige andere Hörbücher aus der Hercule Poirot-Reihe gehört und muss sagen, dass Klaus Dittmann mich diesmal als Sprecher am wenigsten überzeugen konnte. Für den Hörverlag wirkte er bereits in der „Wolkenvolk“-Trilogie von Kai Meyer mit – sowie in den Hörspielen zu Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ und Charles Dickens‘ „Oliver Twist“. Von Agatha Christie las er „Rendezvous mit einer Leiche“ und „Mit offenen Karten“. Die Art und Weise wie er in dieser Produktion zu hören ist, wirkt bedauerlicherweise sehr unprofessionell. Fand bei der Wortaufnahme überhaupt eine Regie statt? Hat das Hörbuch ein Laie am Küchentisch abgemischt? Eigentlich möchte ich es gar nicht erfahren …

Der Kauf dieses Hörbuches ist für Agatha Christie-Fans sicherlich ein Muss. Für jeden Anderen, der gutproduzierte Hörbuchlesungen mag, aber nicht zu empfehlen.

Erschienen ist das Hörbuch beim Der Hörverlag.

Laufzeit: ca. Laufzeit: 4h 13, 3 CDs.

4 3 2 1: Roman von Paul Auster

Werbung: 1259 Seiten – Verlag: Rowohlt – Preis: 26,99 Euro (Kindle Edition)

Um es gleich vorweg zu sagen. Ich lese grundsätzlich alle Romane von der ersten bis zur letzten Seite, Zeile für Zeile, ganz gleich, ob sie mich fesseln oder langweilen. Die letzten vergangenen Tage (und besonders die Nächte) gehörten mit zu den unterhaltsamsten Leseperioden, an die ich mich mit großem Vergnügen zurückerinnern werde. Paul Auster hat mit seinem neuen Buch 4 3 2 1 für eine wahrhaft funktionierende und fesselnde Zeitreisemaschine gesorgt, die es dem Leser nur sehr schwer möglich macht, den 1259-Seiten-Wälzer pausenbedingt oder überhaupt aus der Hand zu legen. Normalerweise lasse ich mich eher selten von aufgeblasenen Marketingmaßnahmen oder von Werbekampagnen hinreisen. Parolen wie: „Das Buch meines Lebens“, „Paul Austers Opus magnum“ oder „So viel Auster war noch nie!“ empfinde ich eigentlich als nur lächerlich, aber in diesem Fall berühren sie tatsächlich den Kern der Tatsachen. Ich habe mich diesmal also von den Trommelwirbeln und dem Werbegetöse mitreisen lassen und kaufte mir (quasi als neuhinzugewonnener Auster-Leser), das neue Werk des Autors. Paul Auster zählt mit zu den bekanntesten amerikanische Bestsellerautoren. Nun legt er in Gestalt eines Rätselspiels sein bisher umfangreichstes Werk und Opus magnum vor: die vierfach unterschiedlich erzählte Geschichte eines jungen Amerikaners namens Archibald Ferguson in den fünfziger und sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Aber das Buch ist auch die Geschichte von Austers Alter Ego Archie Ferguson im New York der sechziger und siebziger Jahre. Viermal Archie Ferguson also: alle vier Figuren sind intelligente, lebensfrohe junge Männer, alle entwickeln sie großen Ehrgeiz zu schreiben, sind dabei gleichermaßen erfolgreich, wenn auch in ganz unterschiedlichen Genres und Richtungen. Die vier Fergusons leben nicht im luftleeren Raum. Dieser Roman ist ein schillerndes Werk voll mit Politik, Zeitgeschichte, Liebe, Leidenschaft und dem Spiel mit dem Zufall. Wie aber der Autor dieses von Schicksalen geprägte Leben erzählt, mal konventionell chronologisch, dann wieder sachlich, kalkuliert und doch raffiniert konstruiert, ist ganz große Schriftstellerei. Paul Auster stellt eine Frage, die wahrscheinlich sehr viele bewegt. Ist das Leben, das wir führen das einzig mögliche?

Wirklichkeit ist nicht nur das, was geschieht, sondern ebenso was nicht geschieht. Je älter ich werde, desto mehr bin ich davon überzeugt. Paul Auster

Der Autor hat eine auktoriale Erzählperspektive für seine vier Helden gewählt. Die zentrale Idee des Romans, die vier Leben von Archie Ferguson zu beschreiben, ist ein brillanter Einfall. Doch erst am Ende versteht man auch die Pointe, die sich hinter den vier Zahlen des Titels verbirgt. Der Blick geht zurück auf den Koreakrieg, auf die Berliner Mauer, die Kubakrise, das Massaker von Birmingham, Alabama, die Bürgerrechtsbewegung, unvermeidlich dann Vietnam, Kambodscha, das dramatische Jahr 1968 mit den Morden an Martin Luther King und Robert Kennedy. Sogar die rollenden Sowjetpanzer in Prag und die Besetzung der Columbia University tauchen auf. Der Roman blickt immer zurück, auf die Zeitepochen des Flower Power, auf die Woodstock-Generation oder auf Andy Warhols Factory. Es ist ein stets vergangenes US-Amerika, dessen Idealbild bis heute gut funktioniert.

Ursprünglich war ein anderer Romantitel geplant. Das Buch trug während der Jahre seiner Entstehung zunächst den Arbeitstitel: „Ferguson“. Aber durch die anti-rassistischen Unruhen nach den Todesschüssen auf einen 18-jährigen afroamerikanischen Schüler am 9. August 2014 in Ferguson, Missouri, konnte das Romanepos nicht mehr „Ferguson“ heißen:

Dieser Name wird für lange Zeit in Amerikas Geschichte eingehen. Paul Auster

Und heute? Die deprimierenden Geschichtsereignisse scheinen einfach nicht abzureißen. Erschüttert von der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten haben Paul Auster und seine Frau Siri Hustvedt erste Konsequenzen gezogen. Es sei das Gebot der Stunde, so der Autor, für Bürger- und Menschenrechte auf die Straße zu gehen, Widerstand zu leisten. Trumps Botschaft „Make America Great Again“ sei nichts anderes als ein „Make America White Again“. Seit der Präsidentschaftswahl hat sich der Tonfall in Austers politischen Statements noch weiter verschärft: „Wenn es so weitergeht, werden die USA zerfallen, ein zerbrochenes, gescheitertes Land sein, und das Experiment der ‹Vereinigten Staaten› ist am Ende … Es geht jetzt vor allem um Wachsamkeit und die Mobilisierung jedes Einzelnen, sonst leben wir bald in einer Diktatur.“ (Die Welt v. 28.1.17)

Als eine erste persönliche Konsequenz wird sich der Autor als Präsident der amerikanischen PEN-Sektion bewerben. Allerdings genießen amerikanische Schriftsteller und ihre PEN-Sektion in der US-Öffentlichkeit nicht annähernd einen vergleichbar hohen Stellenwert wie ihre Kollegen in Deutschland. Aber Paul Auster und Siri Hustvedt, sowie etliche weitere Künstler haben schon jetzt sehr viel mehr Mut bewiesen, als ihre europäischen Kollegen. Sie stellen sich einer absolut unberechenbaren und damit höchst gefährlichen Macht entgegen, die ohne weiteres in der Lage wäre, Existenzgrundlagen nach belieben zu zerstören. Diese Courage sollten sich viele der europäischen Schriftsteller und Künstler zu Eigen machen. Auch hier in Europa stehen wir unmittelbar vor einem drohenden politischen Umbruch, der vielleicht sogar unsere bisherige Demokratie in seinen Grundfesten gefährden wird.

Schon deshalb gebe ich diesem Buch meine absolute Kaufempfehlung. Solche Bestseller haben einen enorm großen Seltenheitswert …

Eine kleine Audio-Zugabe: Paul Auster liest aus dem Eröffnungskapitel seines Romans 4321. Wie aus Isaac Reznikoff Ichabold Ferguson wurde: