Buchmarketing.direkt im Gespräch mit der Krimiautorin Lene Levi

Buchmarketing.direkt: Guten Tag Lene Levi, Sie verwenden dieses Pseudonym als Verfasserin einer Nordwest-Krimi-Reihe, die im Oldenburgischen und im benachbarten Ostfriesland aber auch in den Niederlanden und in England spielt. Gibt es einen triftigen Grund, sich hinter einem Pseudonym zu verstecken, wenn man Krimis schreibt?

Lene Levi: (lacht) Es gibt einige Gründe, warum ich mich für einen Tarnnamen entschieden habe. Einer der wichtigsten ist vielleicht das sogenannte Image und die damit verknüpfte Erwartungshaltung des Lesepublikums. Viele Autoren oder Schriftstellerinnen schreiben nur innerhalb eines bestimmten Genres, wodurch die Erwartungen der Leser an einen neuen Roman unter diesem Namen bereits in eine festgelegte Richtung gelenkt werden. Um als Autor oder Schriftstellerin dennoch erfolgreich in anderen Genres veröffentlichen zu können, nutzen daher viele Autoren oder Schriftstellerinnen Pseudonyme, um so zu verhindern, dass sie ihre Leser durch eine Veröffentlichung in einem für sie vielleicht unbeliebten Genre enttäuschen. Ein weiterer typischer Grund ist die Geschlechterdominanz in einigen Genres wie Fantasy-, Krimi- oder Liebes-Romanen. Um den Marktwert ihrer Veröffentlichungen zu steigern, entscheiden sich besonders Frauen nicht selten für ein männliches Pseudonym, um im Bereich Thriller oder Krimi anerkannt zu werden. Bei mir läuft es gerade umgekehrt. Genaugenommen verwende ich gar kein Pseudonym, sondern ein Pseudogynym.

Buchmarketing.direkt: Sie gehen mit privaten Informationen über Ihre eigene Person im Internet extrem sparsam um. Einzig diese zwei Sätze sind beispielsweise auf Ihrer Autorenseite bei KDP zu lesen: „Im Nordwesten Deutschlands ist sie aufgewachsen, in dieser Region spielen alle ihre Kriminalromane. Aktuell lebt und arbeitet sie als Schriftstellerin und Audioproduzentin in Berlin.“ Gibt es einen Grund für diese Zurückhaltung?

Lene Levi: Auch hier gibt es einige Gründe, warum ich im Internet nicht mit meinen persönlichen Daten verschwenderisch umgehe. Der wichtigste Grund ist jedoch ganz einfach zu erklären. Ich möchte nicht jedes Detail über mich oder aus meinem Leben mit einer mir vollkommen unbekannten Öffentlichkeit teilen. Die Sache ist ja so, es wird bereits schon jetzt ein immenser Datenmissbrauch betrieben. Sehr viele Menschen erzählen alles und jedem aus ihrem Leben, das läuft überwiegend über die sogenannten Sozialen Netzwerke. Sie wundern sich dann auch noch, wenn urplötzlich Menschen mit zweifelhaften Absichten vor ihren Haustüren stehen, die sie gar nicht herbestellt haben, um es mal sprichwörtlich zu sagen.

Buchmarketing.direkt: Immerhin verraten Sie ihren Lesern, das Sie als Audioproduzentin in Berlin tätig sind. Bedeutet das, dass Sie auch Hörbücher produzieren?

Lene Levi: Ja, das gehört auch mit zu meinem Tätigkeitsumfeld. Hörbücher sind ein besonders reizvolles Medium und ich mag ausdrucksstarke Stimmen. Gute Hörbuchsprecher/innen sind immer Sprach-Künstler und einfühlsame Literaturinterpreten. Sie transportieren Inhalte vom gedruckten Wort in gehörte Sprache – im Idealfall so, dass wir beim Zuhören gar nicht auf die Idee kommen, der Inhalt könnte überhaupt den Umweg übers Schriftbild gegangen sein: Eine Geschichte besteht aus lauter Emotionen, aus Gedanken, aus Zwiegesprächen, aus turbulenten oder brutalen oder beschaulichen Bildern. Ein guter Sprecher oder Erzähler vermag allein mit seiner Stimme jeden Subtext zu vermitteln: Die Freude, das Grauen, die Langeweile, die Überheblichkeit, die Hilflosigkeit, die Kränkung – und den Humor, vielleicht die schwierigste Gratwanderung von allen.

Buchmarketing.direkt: Sie haben bisher noch keinen Ihrer Krimis für das Medium Hörbuch eingesprochen. Darin unterscheiden Sie sich von vielen anderen Krimiautoren, die offenbar besonders gern ihre eigenen Texte einlesen.

Lene Levi: Genau das ist ja das Problem. Oft mangelt es den Autoren bereits an handwerklicher Sprach- und Sprechtechnik, an optimaler sprachlicher Vielseitigkeit, an ausdrucksstarker Persönlichkeit, oder sogar an stimmlicher Präsenz. Ich würde niemals als Laie auf den Gedanken kommen, ein eigenes Buch in eine akustische Hörbuchfassung zu übertragen. In 95 von 100 Fällen geht sowas schief. Das sollten die selbstlesenden Autoren besser berücksichtigen. Literaturvertonung ist nicht vergleichbar mit Vorlesen auf einem Podium vor Publikum. Nicht einmal jeder Berufssprecher, auch nicht jede prominente Schauspielerin, ist für diese literarische Kunstform geeignet. Einem Berufssprecher, der nicht genau weiß, worüber er spricht, oder was er gerade selbst vor einem Mikro einliest, wird kaum jemand längere Zeit Aufmerksamkeit schenken oder konzentriert zuhören.

Buchmarketing.direkt: Aber einem Autoren vorzuwerfen, nicht zu wissen, worüber er spricht, oder was er gerade selbst vor einem Mikro einliest, empfinde ich doch etwas zu sehr an den Haaren herbeigezogen. Schließlich haben diese Leute ja den Text selbst geschrieben und kennen die Charaktere sehr genau.

Lene Levi: Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie ihre Texte auch professionell interpretieren können. Das können übrigens nur sehr wenige Schriftsteller. Es gibt aber noch einen anderen Grund, weshalb ich Autorenlesungen im Hörbuchbereich überwiegend ablehne. Normalerweise wollen ja Autoren oder Hörbuchverlage ihre Werke an ein möglichst großes Hörerpublikum verkaufen. Es ist vielleicht nicht jedem Autor oder jeder Schriftstellerin bewusst, dass sehr viele Hörbuchkäufer ihre Kaufentscheidung vom Namen des Interpreten und nicht vom Namen eines Autors abhängig machen. Je bekannter der Name des Hörbuchsprechers, desto größer die Chance für einen Verkaufserfolg.

Buchmarketing.direkt: Sehr interessantes Thema, darüber würde ich sehr gern noch viel mehr hören. Ich möchte aber dennoch etwas über Ihre Krimis von Ihnen erfahren. In Ihrem ersten Nordwest-Krimi Tödlicher Nordwestwind führen Sie ja einen etwas ungewöhnlichen Kommissartyp ein. Robert Rieken steht eigentlich am Ende seiner Beamtenlaufbahn und kehrt deshalb an den Ort zurück, an dem er vor Jahrzehnten seine Karriere begonnen hat. Oldenburg gilt zwar als Großstadt, ist aber tatsächlich ein verschlafenes Provinznest. Er verspricht sich einen geruhsamen Job, aber es kommt natürlich alles anders als geplant…

Lene Levi: …Genau, Sie sagen es. Die meisten seiner Dienstjahre hatte er als Ermittler in den härtesten Großstadtrevieren des Landes zugebracht – und nun ist einfach das Maß voll. So steht es schon im Klappentext. Aber er kehrt nicht nur allein wegen seines Jobs nach Oldenburg zurück, sondern auch wegen seiner über 90-jährigen Mutter. Diese alte Dame ist zwar geistig noch fit, hat aber ein Migräne-Problem. Er möchte einfach in ihrer Nähe sein, falls irgendetwas passieren sollte.

Buchmarketing.direkt: Dann wäre auch noch seine Beziehung zu der attraktiven Gerichtsmedizinerin Lin, die ja chinesische Wurzeln hat.

Lene Levi: Nein, das ist nicht ganz richtig. Dr. Lin Quan ist eine gebürtige Oldenburgerin. Sie spricht und denkt, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Robert Rieken kennt sie schon sehr lange, da war sie noch ein Kind. Ihre Eltern sind Exil-Chinesen und betreiben ein kleines aber feines Asia-Restaurant, in dem Robert schon als Polizeischüler verkehrte. Nach seiner Rückversetzung begegnen sie sich eher zufällig im Oldenburger Staatstheater. Schnell stellen sie fest, dass sie auch beruflich miteinander zu tun haben. Lin und Robert verlieben sich. Mehr verrate ich nicht.

Buchmarketing.direkt: Der zweite Band trägt den Titel Nordwest Bestial und steht bei KDP als eBook zur Verfügung. Worum geht es in diesem Buch?

Lene Levi: Es geht hauptsächlich um die Verfilzungen zwischen Wirtschaft, der Katholischen Kirche und der Regionalpolitik in Südoldenburg. Es geht um Mord, Fanatismus, Massentierhaltung und Brunnenvergiftung. Ein sehr heikles Thema, was aber gar nicht so weitentfernt von unserer heutigen Realität liegt.

Buchmarketing.direkt: Der dritte Band ihrer Nordwest-Reihe Xiao Yang will es wissen ist vor einiger Zeit erschienen. Es handelt sich aber hierbei eher um einen Kurzroman.

Lene Levi: Ja, es ist noch nicht der erklärte dritte Band der Reihe, sondern war vielmehr als kleines Experiment geplant. Ich wollte herausfinden, ob Kurzromane von meinen Leserinnen genauso gern gelesen werden, wie meine ausgewachsenen Romane mit über 360 oder mehr Seiten.

Buchmarketing.direkt: Und, wurde der Kurzroman ein Erfolg?

Lene Levi: Eher weniger. Ich habe daraus gelernt, dass meine Leserinnen eindeutig umfangreichere Krimis bevorzugen.

Buchmarketing.direkt: Woran arbeiten Sie gerade?

Lene Levi: Natürlich am dritten Band der Nordwest-Krimi-Reihe. Der Arbeitstitel lautet: Der City-Killer. Es geht darin um einen Mord an einem dubiosen Bauunternehmer, um einen weiteren Mord an einem Theaterschauspieler und um einen Smart Mob mit einer scheinbar politischen Botschaft.

Buchmarketing.direkt: Lene Levi, ich danke Ihnen für das nette Gespräch.

Lene Levi: Bleiben Sie bitte gespannt und lesefreudig. Die Nordwest-Krimi-Reihe wird fortgesetzt.

Mehr Infos auf meiner Autorenseite:

oder beim Verlag: www.words-and-music.de

Link zur Buchbesprechung:

Tödlicher Nordwestwind (Ein Fall für Kommissar Rieken / Band 1): Nordwest-Krimi von Lene Levi

WERBUNG: 364 Seiten – Verlag: ebuchedition words & music – Preis: 4,99 Euro

Leser werden mit Sicherheit viel Spaß daran finden, wie es der Autorin gelungen ist, ihren Protagonisten Robert Rieken zwangsläufig in den ersten Fall hineinzuziehen. Eigentlich hatte sich Robert Rieken erhofft, sich durch seine Rückversetzung in die Oldenburger Polizeiinspektion etwas mehr Ruhe zu verschaffen. Mit Raub, Erpressung, Mord und Totschlag wollte er im Grunde nichts mehr zu tun haben, denn die meisten seiner Dienstjahre hatte er als Ermittler in den härtesten Großstadtrevieren des Landes zugebracht – und nun war einfach das Maß voll.

Jedoch sein Wunschtraum zerplatzt genau an jenem Tag, an dem zwei Dangaster Krabbenfischer eine männliche Leiche aus der Nordsee ziehen und Robert als Kriminalkommissar plötzlich vor der Aufgabe steht, die Identität des unbekannten Toten zu ermitteln. Dieser Kommissar Rieken ist nicht nur Kriminalbeamter, sondern er ist vor allem auch ein Mensch. Bald an seiner Seite, eine attraktive sympathische asiatische Kollegin: Dr. Lin Quan ist Rechtsmedizinerin, sie entzückt ihn fachlich ebenso wie auch als Frau. Beide werden ein Paar. Aber Rieken hat auch noch seine alte Mutter, die ihm absolut nicht gleichgültig ist. Er sorgt für die alte Dame, die zudem als waschechte Ostfriesin nicht auf den Mund gefallen ist. Da ist Rieken dann doch „nur“ Sohn und weniger Beamter. Aber selbstverständlich hat er auch als Ermittler eine große Portion Charisma – er wirkt weitgehend ruhig und souverän, ist eher der nachdenkliche Typ und nicht unbedingt der spontane Draufgänger.

Interessant war für mich festzustellen, wie dieses Buch von Kapitel zu Kapitel Fahrt aufnahm und an Rasanz gewann. Ab der Hälfte mochte ich es nicht mehr aus der Hand legen, so sehr zog es mich in seinen Bann. Die Geschichte ist absolut schlüssig, die kleinen persönlichen Eigenarten der Akteure erscheinen liebenswert und vor allem auch witzig. Besonders der junge Polizeibeamte Jan ist ein durchaus gelungene Figur und ein sehr sympathischer Teamplayer. In ihren kleinen Unterschieden entwickelt sich das Miteinander von Robert Rieken, seinem Assistenten Jan Onken und der Rechtsmedizinerin Lin sehr realistisch: aus der ersten gesunden Distanz entsteht bald auch die Wertschätzung für die gemeinsame Arbeit. Gerade die altersbedingten Unterschiede zwischen dem Chef Robert und seinem Assistenten Jan führen zur Entwicklung eines sympathischen Teams. Sehr gefallen haben mir auch die Beschreibungen von wesentlichen Dingen, die beispielsweise solch einen Krabbenkutter ausmachen, indem Fachbegriffe Interesse wecken. Backbord und Steuerbord kann ich zwar noch zu meiner Allgemeinbildung zählen, aber wie Schleppnetze und vieles mehr funktionieren, das finde ich eine echte Bereicherung als Leser. Und dass es anschaulich ist, macht es noch ungeheuer interessanter zu lesen. Gleiches gilt auch für das clevere Zurückverfolgen des „Lebenslaufes“ einer wertvollen Armbanduhr. Viele Details machen die Recherche spannend, etwa wie beim Öffnen der Uhr kleine Hinweise die nächste Spur hervorbringen. So reiht sich ein Detail ans nächste. Die Geschichte wird dabei stringent erzählt, baut sich so eine Spannung auf, die sich bis zum Schluss noch steigert und dabei immer wieder auch überraschende Wendungen bereithält. Ein Regionalkrimi mit ungewöhnlichen Charakteren und einem besonderen Timing. Nicht nur für Norddeutsche unterhaltsam. Meine Empfehlung! Eine Krimilektüre, die sich auf jeden Fall echt gelohnt hat. Den Namen Lene Levi werde ich mir auf jeden Fall vormerken. Ich bin schon jetzt auf die Fortsetzung Nordwest Bestial gespannt. Und jetzt, wo auch die gedruckte Ausgabe da ist, ist dieses Buch auch ein guter Geschenketipp. Als Printausgabe kann man diesen Krimi allerdings nur direkt über den Online-Shop des Verlags bestellen, unter: www.words-and-music.de. Es lohnt sich.

Link zum Autoren-Gespräch:

Wir: Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman von Jewgenij Samjatin

WERBUNG: Spieldauer: ca. 1 h 35 min – Verlag: DAV – Preis: 16,99 Euro (2 Audio CD)

 

 

 

„Nachdem der einzige Staat den Hunger besiegt hatte, führte er einen Krieg gegen den zweiten Beherrscher der Welt – die Liebe.“

 

 

 

Wir spielt im „Vereinigten Staat“, einem Gebilde, das nach einem 200-jährigen Krieg und der „allerletzten Revolution“ entstand. Dieser Staat besteht aus einer abgeschirmten Stadt, die von einer unüberwindbaren Mauer umgrenzt ist. Alle Häuser dieser Stadt besitzen Wände aus Glas. Heerscharen von „Beschützern“ wachen über das „Wohl“ jedes einzelnen Bewohners, deren Leben bis zum kleinsten Handgriff streng reglementiert ist. Über allen steht der übermächtige „Wohltäter“. Die Menschen besitzen keine eigenen Namen mehr, jeder trägt nur noch eine Nummer. Wer sich gegen die „Fürsorge“ seiner „Beschützer“ wehrt, wird öffentlich hingerichtet. Der Einzelne zählt nicht, einzig was zählt, ist das Kollektiv.

Das Hörspiel schildert die Ereignisse in Form von Tagebucheinträgen. D-503 (Andreas Pietschmann) ist Konstrukteur der Rakete Integral, eines Raumschiffes, das den Weltraum erobern und die Errungenschaften der „letzten Revolution“ exportieren soll. D-503 verherrlicht seinen Staat – so lange, bis er die Staatsfeindin I-330 (Jana Schulz) kennenlernt und sich in sie verliebt.

Der Roman entstand 1920. Auffallend sind etliche Parallelen zu späteren Diktaturen. Der übermächtige Wohltäter (Hanns Zischler) ist eine gottgleiche Gestalt, die über das „Wohl“ der Untertanen wacht und sich durch „Wahlen“ immer wieder vom Volk bestätigen lässt. Wir wird somit zu einer prophetischen Vision der Zeit des Stalinismus. Ähnlich wie Huxleys „Brave New World“ beschreibt Samjatin eine utopische Zukunftsgesellschaft, in der wirklich alles geregelt ist. Besonders heute aktuell in einer Zeit, in der Sicherheit lediglich als Vorwand zum Abbau von Freiheitsrechten missbraucht wird. Samjatin hat mit diesem Klassiker die Anti-Utopie als literarisches Genre neu begründet und die Werke u. a. von Aldous Huxley, George Orwell und Ray Bradbury quasi vorweggenommen bzw. stark beeinflusst. Die großartige Hörspielinszenierung von SWR2 zeigt eindrucksvoll, dass Samjatins Zukunftsroman nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Diese Rundfunkproduktion erhielt auch als Hörbuch einige der begehrtesten Auszeichnungen, u.a. den „Deutschen Hörbuchpreis“ und den Jahrespreis des „Preises der Deutschen Schallplattenkritik“.

Christoph Kalkowski vereint sehr feinsinnig als Regisseur alle Elemente der Produktion – Töne, Geräusche, Musik, Stimmen – zu einem fesselnden Klangerlebnis, „in dem das Werk auf beunruhigend gegenwärtige Weise kritische Wirkung entfaltet.“ (Aus der Begründung einer Jury)

Produktion: SWR 2014

Hörspielbearbeitung: Ben Neumann

Dramaturgie: Andrea Oetzmann

Hörspielmusik /Komposition: Raphael D. Thöne

Die Musik entstand in Zusammenarbeit mit dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unter Leitung von Jonathan Stockhammer.

Regie: Christoph Kalkowski

(2 CDs ca. 1 h 35 min)

Über den Autor:

Jewgenij Samjatin, (1884–1937), schloss sich während seines Studiums als Schiffbauingenieurin Sankt Petersburg den Bolschewiki an. Er organisierte den Aufstand auf dem Panzerkreuzer Potemkin mit und beteiligte sich, nach der Februarrevolution 1917 aus der englischen Emigration nach Russland zurückgekehrt, aktiv an der Oktoberrevolution. 1920 beschrieb er in dem Roman Wir eine fiktive Gesellschaft, in der jegliche Individualität unterdrückt wurde. Durch diesen Roman zog er sich den Unmut der Parteiführung zu und erhielt Schreibverbot. Wir wurde 1924/25 in verschiedenen Sprachen im Ausland veröffentlicht, doch erst 1988 erschien das Werk in der Sowjetunion in vollständiger russischer Fassung. 1929, nach schlimmster Hetze gegen ihn, verließ Samjatin, der zu Beginn der 20er-Jahre eine Ausreisemöglichkeit abgelehnt hatte, den sowjetischen Schriftstellerverband. 1931 erhielt er die Erlaubnis Stalins nach Frankreich auszureisen. Jewgenij Samjatin starb 1937 in Paris.

Hit & Run: Thriller von Doug Johnstone

WERBUNG: 288 Seiten – Verlag: btb Verlag – Preis: 9,99 Euro

Vollgepumpt mit Schnaps und Psychopillen fahren Billy, seine Freundin Zoe und sein Bruder Charlie von einer Party nach Hause. Es ist mitten in der Nacht und Billy sitzt am Steuer eines alten roten Micra. Sie bestaunen im Vollrausch gerade den Sternenhimmel über Edinburgh und fühlen sich geradeso, als würde sich die Welt ebenso im Rauschzustand nur um sich selbst drehen. Doch dann kracht plötzlich etwas auf die Motorhaube, prallt gegen die Windschutzscheibe und rutscht kratzend übers Autodach. Der erfahrene Leser ahnt es sicher: Billy hat einen Menschen angefahren. Einige Meter hinter dem Wagen liegt ein Mann regungslos auf dem Straßenasphalt. Charlie, der als Krankenhausarzt arbeitet, stellt  am Puls des Mannes fest, das er bereits tot ist. Billy will sofort die Polizei verständigen, jedoch sein Bruder Charlie und seine Freundin Zoe bringen ihn davon ab. Charlie befürchtet seine Approbation zu verlieren, falls im Zusammenhang mit den Ermittlungen herauskäme, dass er als Arzt seinen Bruder illegal mit geklauten Aufputschmitteln und Psychopillen aus den Arzneimittelschränken des Krankenhauses versorgt hat. Auch die Jobs von Billy und Zoe wären verloren, wenn dieser Unfall unter Drogeneinfluss rauskäme. Zoe arbeitet als Nachwuchsjournalistin und Billy hat erst vor kurzer Zeit eine Stelle als Kriminalreporter beim »Evening Standard« angetreten. Sie beschließen deshalb kurzerhand die Leiche über eine nahegelegene Böschung zu entsorgen. Panisch beseitigt das Trio alle Spuren und fährt anschließend nach Hause.

Als angehender Kriminalreporter bekommt Billy jedoch am nächsten Tag ausgerechnet von seiner Zeitung den Auftrag, über den tödlichen Unfall mit Fahrerflucht zu berichten. Während Charlie und Zoe einigermaßen gut mit der Situation zurechtkommen, steigert sich Billy jedoch immer mehr in Schuldgefühle. Er nimmt Kontakt zu der jungen und attraktiven Witwe des Unfallopfers auf und führt mit ihr ein Interview. Es stellt sich heraus, das der Mann kein unbeschriebenes Blatt war, er zählte zu den gefährlichsten und einflussreichsten Kriminellen Edinburghs. Ein Umstand, der Billys Situation einerseits noch wesentlich mehr verschlimmert, andererseits ist diese Information für die Presse auch ein gefundenes Fressen. Billy landet deshalb mit seiner Kurzreportage über die Witwe einen Volltreffer auf der ersten Seite des »Evening Standard«. Dennoch nimmt sein Albtraum kein Ende. Er versucht immer wieder sein schlechtes Gewissen zu betäuben, und ein Drogenexzess folgt dem nächsten …

Hit & Run ist absolut für Thriller-Fans geeignet. Doug Johnstone hat den Dreh raus, einen Spannungsbogen durch kurze knuffige Sätze und einfallsreiche Nebenhandlungsstränge aufzubauen. Die Figuren in Hit & Run sind durchweg griffig, markant und sehr plastisch vorstellbar. Genau das scheint Doug Johnstones Markenzeichen zu sein.

Einen Schwachpunkt gibt es allerdings doch: die Handlungslogik bleibt manchmal auf der Strecke. Die körperlichen Anstrengungen Billys, besonders nach seiner Gehirnoperation, und sein permanentes Einwerfen von Medikamenten und Drogen, wirken ab einem bestimmten Augenblick komplett überzogen und sind unrealistisch. Dafür wird aber der Leser mit dem besonderen Schreibstil des Autors und einer kongenialen Übersetzung durch Liselotte Prugger belohnt. Gewarnt sei aber nicht nur allein vor einer unkontrollierten Einnahme von Psychopillen, sondern auch vor dem Genuss von Rote-Beete-Schnaps. Wie auch immer dieses Zeugs schmecken soll, es kann nur eklig sein. Allein schon der Gedanke an ein solches Gesöff genügt….Brrrrrr.