Buchmarketing.direkt im Gespräch mit Jean-Louis Glineur

Jean-Louis Glineur wurde 1964 in Verviers/Belgien als Sohn eines belgischen Unteroffiziers und einer deutschen Mutter aus Hollerath in der Eifel geboren. Als sein Vater Léon Ende der 1960er Jahre im belgischen Camp Vogelsang in der Eifel als Soldat stationiert war, zog die Familie aus der Wallonie nach Gemünd. Er besuchte das Städtische Gymnasium Schleiden und schloss dieses 1984 mit dem Abitur ab und entschied später, eine Berufsausbildung zum Industriekaufmann zu absolvieren, arbeitete später als strategischer Einkäufer und als Ausbilder in kaufmännischen Berufen. Seit 2001 lebt Jean-Louis Glineur in der Städteregion Aachen in einem idyllischen kleinen Dorf namens Dedenborn mit seiner Frau Ute, die er im Jahr 2008 heiratete. Zu den Leidenschaften von Jean-Louis Glineur gehören Motorsport und Comicserien belgischer und französischer Autoren.

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Buchmarketing.direkt: Guten Tag, Herr Glineur. Im Fokus unseres Gespräches soll natürlich vorrangig Ihr Krimi Todesangst in der Nordeifel stehen. Wenn ich es richtig verstanden habe, handelt es sich hierbei um ein Erstlingswerk und Sie haben damit einen ungewöhnlichen Weg eingeschlagen, denn noch bevor eine Taschenbuchausgabe vorlag, erschien es zuerst als Hörbuch, welches bei Technisat Digital Division Radioropa veröffentlicht wurde. Normalerweise findet die Veröffentlichungsreihenfolge genau umgekehrt statt. Gab es Gründe für diese Entscheidung?

Jean Louis Glineur: Im Prinzip gab es wirklich gute Gründe, aber die standen nicht wirklich unter meinem Einfluss. Ich habe recht blauäugig fünf Verlagshäuser angeschrieben, mein Manuskript in Papierform beigefügt und auf baldige Antworten gewartet. In den kommenden Wochen kam zunächst eine Absage eines regionalen Verlegers für Printmedien, aber fast zeitgleich Post von Radioropa aus Daun, die zu meiner Freude mein Manuskript vertonen wollten. Dass dann anderweitig noch eine weitere Absage kam und zwei angeschriebene Verleger überhaupt nicht reagierten, trat bei meiner großen Freude über die guten Nachrichten des Hörbuchproduzenten absolut in den Hintergrund. In Sachen ‚Entscheidung‘ in Sachen Reihenfolge war ich also eher Passagier und weniger Kapitän.

Buchmarketing.direkt: Ihre Krimis lassen sich leicht in die Schublade „Regionalkrimis“ einsortieren. Ich selbst bin mit solchen Etikettierungen nicht sehr glücklich, denn im Grunde handelt ja fast jeder Krimi an einem bestimmten Ort. Zweifelsfrei hat Jacques Berndorf dem Genre „Eifelkrimi“ zu großer Popularität verholfen. Hat er Ihnen mit seinen Werken den gewissen Impuls zum eigenen Schreiben gegeben?

Jean Louis Glineur: Berndorf spielt nur bedingt eine Rolle, wobei ich seine Romane nahezu ausnahmslos einfach sehr mag. Geschrieben habe ich bereits, bevor ich den Namen Jacques Berndorf jemals gehört hatte, auch wenn es sich um Presseartikel handelte. Dass verschiedene Autoren, und auch ich, definitiv Profiteure durch Berndorfs Erfolge sind, kann kein vernünftiger Mensch bestreiten. Auf mich bezogen sage ich mit einem Schmunzeln, dass ich aber nun wirklich nichts dafür kann, dass ich rein zufällig auch in der Eifel wohne. Denn die Handlung in den Hunsrück zu legen, nur um nicht als Berndorf-Nutznießer zu gelten, wäre eher fragwürdig. Was mir selbst aber überhaupt nicht gefällt, ist dieses Nachahmen der Titel. Bei Berndorf heißen Sie ‚Eifel-Gold‘ oder Eifel-Blues‘. Wenn andere Autoren dies von ‚Eifel-A‘ bis ‚Eifel-Z‘ als Buchtitel quasi kopieren, finde ich es etwas plump. Daher habe ich mich für dieses in beiden veröffentlichten Fällen für jenes ‚…in der Nordeifel‘ entschieden, so wie auch der nächste Fall zum Beispiel ‚Entführung in der Nordeifel‘ heißen wird.

Buchmarketing.direkt: Sie besitzen einen deutschen Pass, besinnen sich aber immer auch auf Ihre wallonischen Wurzeln. Eine Ihrer Protagonisten, die Privatdetektivin Anne-Catherine Vartan, ist ebenso wie Sie in Belgien geboren, besitzt aber auch einen deutschen Pass. Ist diese Romanfigur sowas wie Ihr Alter Ego?

Jean Louis Glineur: Ich finde, dass der Darsteller Alwin Schreer eher den Begriff Alter Ego erfüllt. Sein Handeln und seine persönliche Art haben eher eine Ähnlichkeit. Trotzdem, sehr guter Ansatz, hat auch Anne-Catherine einen gewissen Anspruch ein Alter Ego zu sein. Zwar treibt mich mehr die Grenznähe zu Belgien an, aber ich spüre oft im Alltag, dass ich eher halber Belgier und eben halber Deutscher bin. Mich hat die Mentalität beider Länder geprägt, vor allem aber besitze ich einen wallonischen Dickschädel, der auch ohne Umschweife seiner Meinung freien Lauf lässt. Das passt in gewisser Weise auch wieder zu meiner Protagonistin Anne-Catherine Vartan.

Buchmarketing.direkt: Sie üben noch einen Beruf zum Broterwerb aus, sind also nicht allein monetär von der Schriftstellerei abhängig. Wenn Sie schreiben, wie strukturieren Sie Ihre Tätigkeiten? Schreiben Sie täglich, oder nur dann, wenn Sie eine plötzliche Idee haben, die dringend notiert werden muss?

Jean Louis Glineur: Mein eigentlicher Beruf bindet mich, wie so viele Menschen, rund vierzig Stunden wöchentlich. Nach Feierabend bin ich dann oft einfach nur müde, oder ich möchte die Zeit mit meiner Frau genießen. Daher schreibe ich meist eher spontan, oder eher schubweise, aber dann intensiv. Notizen, definitiv, sind aber ein steter Begleiter. Wenn ich eine neue Idee zu einer Story habe, wird diese auf alle Fälle sofort in ein passendes Notizbuch aufgenommen.

Buchmarketing.direkt: Sie waren auch als freier Journalist tätig und haben u.a. für die „Kölnische Rundschau“ oder für die mittlerweile eingestellte Motorsportzeitschrift „Sportfahrer“ Artikel geschrieben und Reportagen in Jahresbüchern veröffentlicht. Das Schreibbedürfnis liegt Ihnen offenbar im Blut. Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Schreibversuche? Wie oder wodurch wurde dieses Bedürfnis geweckt?

Jean Louis Glineur: Der Spaß am Schreiben begann eigentlich mit der Entstehung unserer Abi-Zeitung im Jahr 1984. Allerdings war ich doch mehr für Fotos zuständig. Damals habe ich – eher durch Zufall – einen Stuntman fotografiert, der einen Motorradunfall fürs Fernsehen doubelte. Das Foto habe ich dann genutzt, um mit einem kleinen Bericht in einer Zeitung auf die Gefahren hinzuweisen, wenn Biker ohne Licht fahren und übersehen werden. Das wurde dann zum Einstieg für andere Berichte. ‚Sportfahrer‘ war erst recht ein für mich ideales Magazin, da ich mich seit meiner Kindheit für Autorennen interessiere.

Buchmarketing.direkt: Einige spannende Passagen in Ihrem Krimi werden zusätzlich auch durch riskante bzw. rasant formulierte Autoverfolgungsjagdbeschreibungen angereichert. Ich werde das Gefühl nicht los, da steckt auch viel eigenes Potential mit drin. Hat Jean Louis Glineur auch Benzin im Blut?

Jean Louis Glineur: Ja, das passt auch zur Frage zuvor. ‚Sportfahrer‘ war ein für mich ideales Magazin, wenn’s um das Schreiben ging, da ich mich seit meiner Kindheit für Autorennen interessiere. Ich habe Mitte der 1980er Jahre an Slalomrennen teilgenommen, oder auch im belgischen Zolder einen Formel Ford damals ausprobieren können. Und ich bin immer gern schnell unterwegs gewesen, wenn die Straßenverhältnisse es erlauben. In den letzten Jahren ist Autofahren für mich nur noch ein Mittel zum Zweck und nicht mehr so leidenschaftlich.

Buchmarketing.direkt: Sie haben kürzlich einen zweiten Krimi „Panik in der Nordeifel“ veröffentlicht. Worum geht es in Ihrem neuen Buch?

Jean Louis Glineur: Zwei pensionierte Studienräte suchen die Privatermittler Schreer und Vartan auf. Der brutale Mord an zwei ebenfalls aus dem aktiven Dienst ausgeschiedenen Lehrern namens Sturm und Kling führt zu der Annahme, dass jemand es auf die Lehrerschaft eines Gymnasiums abgesehen hat. Alwin Schreer hat allerdings einen anderen Verdacht, da die Ermordeten Mitglieder einer rechtsextremen Partei waren. Dass der erwachsene Sohn Michael des getöteten Kling auch ermordet wird, festigt den Verdacht, denn er galt vor allem in Aachen und Umgebung als politischer Brandstifter. Der Mordversuch an einem weiteren Lehrer, wirft allerdings alle Annahmen um, dass Rechtsextreme das Ziel sind, denn er gilt als das krasse Gegenteil – er steht politisch klar ‚links außen‘. Parallel werden Waffen im Keller von Kling junior nach dessen gewaltsamen Ende entdeckt, und auf einem beschlagnahmten Computer kann ein Chatverlauf wieder hergestellt werden, der ein geplantes  Attentat auf zwei Flüchtlingswohnheime in der Nordeifelverrät. Klings Tod hatte also auf eine makabre Weise etwas „Gutes“, und dennoch gilt: ein Mord ist und bleibt ein Mord, zumal die Motivlage des unbekannten Mörders offensichtlich doch eine andrere ist.

Buchmarketing.direkt: Gibt es schon Pläne für einen dritten Band der Nordeifel-Reihe? Möchten Sie schon etwas darüber verraten?

Jean Louis Glineur: Wie angedeutet, plane ich aktuell einen Fall mit dem voraussichtlichen Titel ‚Entführung in der Nordeifel‘. Die Kinder und die Schwiegermutter eines in Ostbelgien lebenden wohlhabenden Geschäftsmanns werden entführt. Er ist derart eingeschüchtert, dass er, wie gefordert, die Polizei nicht einbindet, aber er kennt Alwin Schreer durch einen älteren eher unbedeutenden Auftrag und bitte ihn um Hilfe.

Buchmarketing.direkt: Wie viel Zeit brauchen Sie etwa für den Schreibprozess eines eigenen Buches?

Jean Louis Glineur: Jetzt tu‘ ich mich schwer, die Frage präzise zu beantworten. Da ich auch immer wieder Pausen einlege, dann aber der eben kurz erwähnte ‚Schub‘ einsetzt, denke ich, dass ich von der ersten Idee bis zur Fertigstellung ein halbes Jahr brauche. Ein eher nerviger Grund für etwas längere Unterbrechungen ist der Hang zu Migräneanfällen. Das bedeutet auch, dass ich durchaus auch mal zwei oder drei Wochen nur Notizen mache, am Manuskript aber dann nicht arbeite.

Buchmarketing.direkt: Lassen Sie sich auch von realen Ereignissen, die sich meinetwegen in der Eifel zugetragen haben, für Ihre eigenen Krimis inspirieren?

Jean Louis Glineur: Geschehnisse in der Eifel sind da weniger die Inspiration. Aber ich erlaube mir durchaus den kleinen Wink zu Dingen, die zum Zeitpunkt der Geschichte gesellschaftlich oder politisch präsent oder aktuell sind. Gerade der Ich-Erzähler Schreer tut dies. Allerdings nutze ich dies, um den Zeitpunkt für den Leser etwas ‚griffiger‘ zu machen, besser gesagt, wenn er liest erinnert er sich unvermittelt an ein Geschehnis der Zeit zuvor. In ‚Panik in der Nordeifel‘ gibt es zum Beispiel den kleinen Seitenhieb gegen den Islamischen Staat, oder Anne-Catherine Vartan hat einen persönlichen Bezug zu den Attentaten in Paris Ende 2015, da sie kurz zuvor dort zu Besuch war. Oder, anderes Beispiel, mein Alter Ego Schreer kann’s aus aktuellen Anlässen auch nicht lassen, ein paar Spitzen über einen gewissen Herrn Trump zu platzieren.

Buchmarketing.direkt: Wo liegen Ihre Vorlieben als Buchleser?

Jean Louis Glineur: Die Vorliebe ist und bleibt der deutsche Krimi, aber das Genre wird auch recht gelungen aus Skandinavien bedient. Beides betreffend mag ich aber auch Hörbücher besonders gern, da ich beruflich jede Woche ein paar Stunden unterwegs bin. Und – da kommt der Belgier in mir durch – ich liebe französischsprachige Comics.

Buchmarketing.direkt: Herr Glineur, ich bedanke mich für dieses sehr informative Gespräch.

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Todesangst in der Nordeifel (Schreer und Vartan ermitteln): Krimi und Hörbuchdownload von Jean-Louis Glineur

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WERBUNG: Seiten: 210 – Verlag: neobooks – Preis: 1,99 Euro

Eine junge Frau wird zwischen zwei Eifeldörfern überfallen und vergewaltigt. Kurz danach wird eine Jugendliche in der Nähe ermordet aufgefunden. Der Ehemann der zuerst überfallenen und vergewaltigten Frau setzt jedoch kein großes Vertrauen in die Polizeiarbeit der für diesen Fall zuständigen Ermittlungsbehörde, er beauftragt deshalb die beiden Privatdetektive Alwin Schreer und dessen Kollegin Anne-Catherine Vartan sich mit diesem Fall zu beschäftigen. Beide beginnen unverzüglich zu ermitteln, da davon auszugehen ist, dass in der nördlichen Eifel ein gefährlicher Mörder frei herumläuft, der vielleicht schon bald erneut zuschlagen könnte. Schon jetzt versetzt er die Bewohner in Angst und Schrecken. Bald darauf erfährt der unbekannte Serienmörder durch einen Aachener Boulevard-Journalisten und dessen Berichterstattung, dass die beiden Privatdetektive ihm schon gefährlich nah gekommen sind. Er setzt deshalb alles daran, durch eine üble Autorempelei beide Detektive umzubringen. Ihr Auto brennt zwar aus, doch Schreer und Vartan überleben. Jetzt nehmen die beiden Detektive die Angelegenheit höchst persönlich und eine Jagd durch die Euregio beginnt…

Nachdem Schreer einen heißen Tipp von einer Euskirchener Verkäuferin erhalten hat, der ein geparktes Auto aufgefallen war, das möglicherweise von dem Mörder benutzt wurde, macht er sich sogleich auf die Suche nach dem auffälligen Geländewagen. Er wird auch bald fündig, doch leider gelingt es Alwin Schreer nicht rechtzeitig den Mörder zu stellen. Der unbekannte Mann kann im letzten Moment fliehen und verübt bald darauf einen weiteren Mord.

Der weitere Verlauf der Story wäre schnell zu erzählen, wird aber an dieser Stelle ganz bewusst nicht verraten. Die 205 Seiten im Taschenbuchformat lesen sich locker und leicht. Erzählt wird sie aus der Ich-Perspektive des Privatdetektivs Alwin Schreer, dadurch entsteht eine angenehme Nähe zum Protagonisten. Als Detektiv wirkt er sehr menschlich und sympathisch. Er lässt sich bei Rückschlägen nicht lange aufhalten und entdeckt immer wieder Dinge oder Spuren, die die Polizei übersehen hat, bzw. diesen keine Beachtung schenkte. Aber ebenso wurde mir auch schnell seine Kollegin Anne-Catherine Vartan sympathisch. Die markante Detektivin ist Belgierin mit deutschem Pass. Anne-Catherine lässt sich scheinbar durch nichts sonderlich beeindrucken, auch dadurch wird sie für Schreer zur kongenialen Partnerin – und für die Leser zur willkommenen Bereicherung. Beide Protagonisten sind deshalb die unangefochtenen Sympathieträger dieses Krimis. Aber auch die Eifel selbst wird zum wichtigen Sujet, ohne dass dabei die üblichen Klischees, wie es leider zu häufig bei Regionalkrimis der Fall ist, in zu großem Umfang überstrapaziert werden. Ohne übertriebene Schnörkel beschreibt der Autor eine brisante und rasante Geschichte, die alle wesentlichen Ingredienzien eines spannungsgeladenen Krimis für die Leser bereithält. Die Spannungsamplitude schwingt quasi mit jeder gelesenen Seite mehr und mehr aus.

Da der Krimi Todesangst in der Nordeifel auch in einer Hörbuchfassung angeboten wird, machte mich die ganze Angelegenheit neugierig. Würde es einem Sprecher gelingen, dieser Geschichte eine ebenso gleichwertige Spannungskurve zu verleihen? Ich machte die Probe aufs Exempel. Und in der Tat, auch in der Hörbuchfassung zieht die Geschichte so rasant wie ein Porsche auf freier Strecke auf. Dem Zuhörer stehen nur kleine Pausen zur Verfügung, um Luft zu holen. Das Hörbuch hat mich ebenso tief beeindruckt und gefesselt, wie zuvor das gedruckte Buch. Der Schauspieler Julian Mehne interpretiert den Text mit kongenialen Stimmungen und hoher sprachlicher Kompetenz. Kein einziges Fremdwort bereitet ihm Schwierigkeiten, auch die vielen Ortsnamen werden fehlerfrei ausgesprochen, was auf eine gute Vorarbeit schließen lässt. Mit gelungener Modulation und der richtigen Sprechhaltung, besonders bei Actionszenen, versteht es Julian Mehne Spannungsbögen aufzubauen und zu halten. Das Finale wird gekonnt herbeigeführt und abgeschlossen. Allerdings gelingt es ihm nicht immer, den Figuren eine eigene Charakteristik zu verleihen, aber das beeinträchtigt kaum den Hörgenuss. Ich habe mir den Hörbuchkrimi während einer Fahrt auf der Autobahn zwischen Berlin und Hamburg angehört. Die 225 Minuten vergingen wie im Flug. Allerdings ist jedem Zuhörer dringend davon abzuraten, die im Text vorkommenden Autoverfolgungsjagten rasant nachzustellen. Halten Sie sich besser an die vorgeschrieben Richtgeschwindigkeiten und kommen Sie sicher an Ihr Reiseziel. Ich für meinen Teil, bin schon jetzt sehr gespannt auf die Fortsetzung.

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Buchmarketing.direkt im Gespräch mit Dieter Lohr

Dieter Lohr ist Schriftsteller und Hörbuch-Verleger. Er studierte Neuere deutsche Literatur, Philosophie und Politikwissenschaft an der Universität Konstanz und wurde 1999 mit der Dissertation ‚Die Erlebnisgeschichte der „Zeit“ in literarischen Texten‘ promoviert. 1999/2000 sowie 2002 arbeitete er als Lektor an der Universität Alexandru Ioan Cuza Iași in Rumänien. Er unternahm Reisen durch Asien und war am Goethe-Institut in Kathmandu tätig. 2004 gründete er den in Regensburg ansässigen LOhrBär-Verlag, der Hörbücher veröffentlicht. 2006 wurde er mit dem C. S. Lewis-Preis des Brendow Verlags für seinen Roman „Die Rebellion im Wasserglas“ ausgezeichnet.

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Buchmarketing.direkt: Herr Lohr, einige Ihrer bislang veröffentlichten Bücher und Hörbücher deuten bereits im Titel an, was den Leser bzw. den Hörer inhaltlich erwartet. Ich denke beispielsweise an den Geschichtenband „Bismarcks Fahrrad“ oder an das 2010 für den Deutschen Hörbuchpreis nominierte Hörbuch „Der Fahrradspeichenfabrikkomplex“. Sind Sie selbst ein begeisterter Fahrradfahrer? Bitte erzählen Sie uns etwas über diese Werke.

Dieter Lohr: Das war so: Da kommt ein Herr mit Pickelhaube auf den Regensburger Bismarckplatz geradelt, stellt sein Fahrrad ab, redet ein bisschen dummes Zeug und trifft auf einen Herrn mit einem quadratischen Schnurrbart, der ebenfalls dummes Zeug redet, und dann mischt sich noch ein stiernackiger Dicker ein, nach dem der Münchner Flughafen benannt ist und der natürlich ebenfalls dummes Zeug redet. Über diese historische Begebenheit habe ich eine Kurzgeschichte geschrieben, und weil das Fahrrad ganz am Anfang steht, heißt die Geschichte „Bismarcks Fahrrad“, und weil sie am Anfang des erwähnten Geschichtenbands steht, heißt der auch so. Der gemeinsame Nenner der drei Leute ist, dass nach allen dreien in Regensburg – das ist da, wo ich wohne und wo auch der LOhrBär-Verlag seinen Sitz hat – Straßen oder Plätze benannt sind bzw. waren. Das Hörbuch „Der Fahrradspeichenfabrikkomplex“ dreht sich um die in den 80er Jahren geplante Wiederaufbereitungsanlage für atomare Brennstoffe in der Oberpfälzer Gemeinde Wackersdorf, das ist gar nicht weit weg von da, wo ich wohne und wo auch der LOhrBär-Verlag seinen Sitz hat. Einer der drei Herren, die so gern dummes Zeug reden, war damals Bayerischer Ministerpräsident und hat gesagt, dass diese WAA nicht gefährlicher sei als eine Fahrradspeichenfabrik. Bis dahin haben ihm viele Oberpfälzer vieles geglaubt, dass Arbeitsplätze geschaffen würden und all solche Sachen, bloß an dem Punkt mit der Fahrradspeichenfabrik haben sie sich dann verarscht gefühlt und sind auf die Barrikaden gegangen. Es ist dann noch ziemlich kompliziert geworden, deshalb heißt das Hörbuch nicht nur „Fahrradspeichenfabrik“ sondern zusätzlich „komplex“, auch deshalb, weil’s um ein großes Gebäude geht und weil einen einiges in der weiteren Geschichte an den Baader-Meinhof-Komplex erinnert. Gemeinsamkeiten sind also der Herr, der so gerne dummes Zeug geredet hat, und der Regensburg/Oberpfalz-Bezug. Zumindest Letzteres zieht sich wie ein roter Faden sowohl durch mein Schreiben als auch durchs Verlagsprogramm. An die Sache mit dem Fahrrad hab ich noch gar nicht gedacht. Wir hätten da noch ein Hörbuch im Programm, das heißt „Hoffnung Havanna. Die Odyssee des Regensburger Kunstradfahrers Simon Oberdorfer“. Vielleicht gibt’s ja noch mehr Zusammenhänge; ich werde künftig bewusster Rad fahren und darüber nachdenken. Ich radle nämlich tatsächlich viel und gerne.

Buchmarketing.direkt: Sie betätigen sich auch als Dozent für Deutsche Sprache und Literatur. Vor einigen Wochen erhielt ich folgende Anfrage einer Fachhochschul-Studentin. Sie schrieb mir (ich zitiere hier wortwörtlich): „Eine Komolitonin und ich produzieren gerade ein Hörspiel als freies Projekt für unser Studiengang und würden gerne für unsere Dokumentation eine mögliche Kostenkalkulation erstellen. Jetzt wolllte ich sie fragen, ob sie mir beantworten können, wie viel Studio, Sprecher und Schnitträume ca. kosten würden? Leider habe ich immer nur einen Gesammtbetrag für Hörspielproduktion gefunden, bräuchte aber eine aufgeschlüßelte Kostenkalkulation.“ Was hätten Sie dieser Fachhochschul-Studentin geantwortet?

Dieter Lohr: Als Dozent für Deutsche Sprache und Literatur hätte ich geantwortet „‘Komolitonin’ mit Doppel-m bitte und einem i statt dem o in der Mitte. ‘Für’ plus Akkusativ, also für wen oder was: Für ‘unserEN Studiengang’ also. Für einmal ‘wolllte’ reichen zwei l, dafür im ‘Gesammtbetrag’ bitte ein m streichen. Und wenn Sie mich fragen und nicht ihre Kommilitonin, dann sollten Sie das ‘Sie’ mit einem großen S schreiben. Und weshalb alte Rechtschreibung?“ Im Ernst, Herr Reichel, das hat sie wirklich so geschrieben? Machen Sie mich nicht schwach. Als Studiobetreiber hätte ich geantwortet: „Mit den Sprechern müssen Sie selbst verhandeln. Je nachdem, ob’s Rufus Beck oder der Franz von nebenan sind, können die nämlich recht unterschiedliche Honorarvorstellungen haben. Ich kann Ihnen allerdings gerne welche vermitteln, ich kenne zufällig ein paar. Was Studiomiete, Aufnahme und Mastering angeht, sagen Sie mir, was Sie genau wollen, und ich sage Ihnen, was ich nehme. Auf alle Fälle kriegen Sie bei uns die besten Preise in der Region. Und seien Sie vorsichtig: Wer ihnen pauschal einen Gesamtbetrag für eine Hörspielproduktion anbietet, egal mit wie vielen m, der will Sie über den Tisch ziehen. Als Hörbuchverleger hätte ich gehofft, dass sie keine weiteren Fragen stellt…

 Buchmarketing.direkt: Erzählen Sie uns bitte etwas darüber, wie Sie auf die Idee gekommen sind einen eigenen Hörbuchverlag zu gründen.

Dieter Lohr: Ich habe einfach ein Faible für Literatur; und als gelernter Literaturwissenschaftler und weil ich eben auch selbst schreibe, dachte ich, dass ich ein bisschen was von der Materie verstehe. Und weil ich seit über einem Vierteljahrhundert Gitarre spiele und mir das Drehen an den Reglern und Knöpfen in Proberaum und Studio immer viel Spaß gemacht hat, dachte ich, dass ich auch davon was verstehe und dass das zusammengerechnet die idealen Voraussetzungen sind, um einen Hörbuchverlag zu gründen. Da bin ich natürlich vollkommen daneben gelegen: Ein Betriebswirtschaftsstudium, eine Buchhalter- oder Buchhändlerlehre und vor allen Dingen eine reiche Erbtante wären weitaus sinnvoller gewesen. Aber Spaß macht’s trotzdem.

Buchmarketing.direkt: „Hörmal!“ ist ein von Ihnen initiiertes interaktives Hörspiel-Projekt an bayerischen Schulen, bei dem Schülerinnen und Schüler selbständig unter sachkundiger Anleitung eigene Hörspiele erarbeiten und produzieren. Was meinen Sie: Ist das Genre Hörspiel bei Jugendlichen gegenwärtig überhaupt noch ein akzeptiertes Medium?

Dieter Lohr: Auf alle Fälle. „Bibi Blocksberg“, „Die drei?“ und erstaunlicherweise „Benjamin Blümchen“ kennt jeder. Mangelnde Akzeptanz ist nicht das Problem. Schwieriger zu vermitteln ist, dass ein Hörspiel NICHT das gleiche ist wie das zugehörige Buch, sondern eine eigenständige Kunstform, dass das Hören anderen Gesetzmäßigkeiten folgt als das Lesen, dass das Hörspiel eine andere Gattung ist als ein Buch und ebenfalls eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt, und dass das Hören keinesfalls als billiger Ersatz für das Lesen verstanden werden sollte, weil sonst schlimme Dinge passieren – Ihre FH-Studentin ist der schlagende Beweis.

Buchmarketing.direkt: Im Programm Ihres Hörbuchverlags finden sich etliche Titel weniger bekannter bzw. fast schon vergessener tschechischer Autoren und Autorinnen. Ich lese da Namen wie: Jan Cep, Jaroslav Durych, Jaroslav Hašek, Bohumil Hrabal oder Libuše Moniková und Milena Jesenská (um nur einige Namen zu nennen). Woher kommt diese Vorliebe zur tschechischen Literatur?

Dieter Lohr: Wie gesagt, wir haben viel Regensburg und viel Oberpfalz im Programm. Ein Stück weit verstehen wir uns sogar als Regionalverlag, was aber keineswegs mit weißblauem Barock, mit Oktoberfest, Gamsbart und Jodeln unterm Dirndl verwechselt werden sollte. Bitte nicht. Man kann „Region“ über Grenzen definieren, allerdings kann man sie auch durch das glatte Gegenteil definieren, durch das Überwinden dieser Grenzen nämlich, durch den Blick über den Tellerrand. Unser Hörbuch „Mama Donau“ von Eva Demski beispielsweise, die man wohl kaum als Regionalschriftstellerin verstehen dürfte, spielt zum überwiegenden Teil in der Stadt, in der sie geboren ist, Regensburg eben, und an dem Fluss, an dem diese Stadt liegt. Aber Eva Demski schaut über den Tellerrand hinaus und bereist die Donau über mehrere Jahrzehnte hinweg immer wieder, von der Quelle bei Donaueschingen bis zur Mündung am Schwarzen Meer. Hier gerät der Begriff „Regionalliteratur“ ebenfalls ins Wanken. Wenn man von Regensburg aus über den östlichen Tellerrand schaut, blickt man als allererstes nach Tschechien. Bis vor gar nicht allzu langer Zeit hat man dort in die Tschechoslowakei geblickt, davor kurz ins Protektorat Böhmen und Mähren, davor wieder in die Tschechoslowakei, und davor in ein Teilgebiet des Habsburgerreichs. Arthur Schnabl hatte die Idee, diese tschechisch-böhmisch-tschechoslowakische etc. Geschichte anhand von literarischen Texten nachzuerzählen. Entstanden ist unser Böhmen-Hörbuch „Das Leben ist zum Verrücktwerden schön“ und damit nicht nur ein Überblick über die böhmische Geschichte, sondern auch ein sehr schöner Querschnitt durch die tschechische Literatur. Wenn man jetzt noch die historischen und politischen Beziehungen herstellt zu Nachbarländern und -literaturen, verliert der Begriff „Regionalliteratur“ vollends seinen Sinn. Letzten Herbst haben wir übrigens so etwas Ähnliches wie eine Fortsetzung dieser „Böhmischen Geschichte literarisch“ herausgebracht und einfach ein paar Meter weiter in Richtung Osten geschaut. Herausgekommen ist das Hörbuch „Wie eine Ratte nagt am Putz die Zeit – Literatur aus Mähren“.

Buchmarketing.direkt: Sie befassen sich als Autor und Hörbuchverleger auch intensiv mit der Stadtgeschichte Regensburgs. Ein Zeitungsrezensent schrieb beispielsweise über Ihr Buch „Tod in Regensburg“: ‚Dieter Lohr hat sich der Moritat des seligen Hinscheidens des Astronomen Johannes Kepler zu Regensburg angenommen, und herausgekommen ist ein Kurzkrimi von 40 Seiten, durch dessen bieder-altdeutschen Sprachduktus auf Schritt und Tritt sanfte Ironie und Satire durchblitzen.‘ Diese sanfte Ironie und Satire ist in einigen Ihrer Werke aber vor allem in fast allen Hörbüchern Ihres Verlages deutlich spürbar. Finden Sie damit ein aufgeschlossenes Publikum und würden Sie sich selbst als Satiriker verstehen?

Dieter Lohr: Diese Welt ist allgemein so beschaffen, dass man entweder weinen oder lachen muss. Ich halt’s lieber mit dem Lachen, muss mich aber ab und an kräftig am Riemen reißen, damit aus dem Satiriker kein Zyniker wird…

Buchmarketing.direkt: Sie stellen manchmal Ihre Hörbuchproduktionen z.B. im Turmtheater Regensburg einem Hörer-Publikum vor. Das finde ich eine ausgezeichnete Idee. Werden diese Hör-Veranstaltungen gut besucht? Erzählen Sie uns bitte etwas über diese öffentlichen Anhörungen.

Dieter Lohr: Die meisten Hörspiele werden beim Autofahren, Bügeln oder Joggen gehört. Dabei gibt es wirklich wahnsinnig gut gemachte Hörspiele, deren feine akustische Nuancen glatt unter den Tisch fallen, wenn man Nebengeräusche hört oder sich nebenher noch auf etwas anderes konzentriert. Ewig schade. Deshalb haben wir einfach in einem schnuckeligen Theater in der Altstadt das Licht gedimmt, die Bühne mit ein paar wenigen zum jeweiligen Hörspiel passenden Requisiten und Lichtquellen bestückt und Hörspiele laufen lassen. Nicht nur eigene Sachen, sondern auch Brandneues, das uns aufgefallen ist, einen Abend mit Kurzhörspiel-Klassikern, einmal hatten wir einen Gesprächsgast, der bei den neuen Folgen von „Jonas. Nur Jonas. Und Sam“ im Studio mit dabei gewesen war… Ein Irrsinns-Klangerlebnis, so ein Hörspiel im Theatersaal. Und nicht nur ein Klangerlebnis: Unser armes Gehirn ist es ja gewohnt, pausenlos mit visuellen, akustischen und allen möglichen sonstigen Sinneseindrücken gleichzeitig vollgepowert zu werden, und sobald beispielsweise die Bilder fehlen, fühlt es sich einsam und macht sich selber welche, beispielsweise auf einer abgedunkelten Bühne, auf der nur ein paar von innen beleuchtete Bierflaschen oder -kästen stehen (die Requisite zu „Herr Lehmann“). Alle, die das gehört – und tatsächlich auch gesehen – haben, waren begeistert! Sie haben die wehmütige Vergangenheitsform bemerkt? „Alle“ heißt „alle zehn bis 20 Leute Publikum beim jeweiligen Abend“. Will sagen: Wir haben die Reihe mangels Zuspruch nach einem Dreivierteljahr wieder eingestellt. Das sind dann so Gelegenheiten, wo meine Regensburg-Begeisterung ein bisschen bröckelt und ich diese Scheiß-Provinz auf den Mond und mich selbst nach Hamburg oder Berlin wünsche, wo es ein Publikum gibt, das für Neues zu begeistern ist. Bei solchen Gelegenheiten muss ich dann auch immer sehr darauf aufpassen, dass ich nicht vom Satiriker zum Zyniker mutiere (oder zum Amokläufer). Hat sich aber bisher immer wieder gelegt.

Buchmarketing.direkt: Es ist immer blöd, über Hörbücher zu sprechen, wenn die Leser unseres Gesprächs keine Möglichkeit haben, in die betreffenden Werke rein zuhören. Gibt es eine Website, wo jeder User ein paar Hörproben abrufen kann?

Dieter Lohr: Klar, auf der Verlags-Homepage http://www.lohrbaerverlag.de findet man Hörproben zu allen unseren Hörbüchern, und auf meiner facebook-Seite stelle ich immer mal wieder Kurzhörspiele ein, die im Rahmen meiner Hörspiel-Seminare an der VHS oder bei der Medienwissenschaft an der Uni Regensburg entstanden sind.

Buchmarketing.direkt: Jetzt noch eine obligatorische Frage am Ende: Besitzen Sie noch einen Fernseher?

Dieter Lohr: Nee, den habe ich vor acht Jahren rausgeworfen und seither keine einzige Sekunde vermisst.

Buchmarketing.direkt: Ich danke Ihnen für dieses kurze Gespräch.

Dieter Lohr: War ganz mein Vergnügen.

(Das Gespräch wurde bereits vor einiger Zeit im Rahmen einer Befragung geführt. Es wird hier leicht gekürzt widergegeben.)

Link zum Hörbuch:

Der Fahrradspeichenfabrikkomplex: Hörbuch von Angela Kreuz und Dieter Lohr

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WERBUNG: 2 Audio-CDs – Verlag: LOhrBär – Preis: 16,99 Euro

Am 3. Dezember 1980 erklärte der damalige bayerische Ministerpräsident Franz Josef Strauß vor dem Landtag, die bayerische Staatsregierung prüfe, ob es in Bayern einen geeigneten Standort für eine atomare Anlage zur Aufarbeitung abgebrannter Kernbrennstäbe gebe. Bereits kurze Zeit später kamen erste Gerüchte auf, wonach eine solche WAA in der Nähe des Oberpfälzer Ortes Wackersdorf errichtet werden solle. Diese Anlage sei „nicht gefährlicher als eine Fahrradspeichenfabrik“, meinte damals Strauß. In den folgenden acht Jahren fanden in der Oberpfalz die bis dato größten Demonstrationen, die größten Polizeieinsätze und das größte Rockkonzert in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland statt. Anfang 1985 wurde der Bau der WAA in Wackersdorf beschlossen, die ersten Rodungsarbeiten im Taxöldener Forst begannen im Dezember 1985, im Mai 1989 wurden die Bauarbeiten allerdings eingestellt.

Ein objektives Gesamtbild der Ereignisse zu vermitteln, ist auch über zwei Jahrzehnte nach dem Aus der WAA Wackersdorf nicht möglich. Dass der Hörer trotzdem nicht den Überblick verliert, ist der chronologischen und thematischen Gliederung des Hörbuches zu verdanken. Das Feature ist allerdings keineswegs ein Hörgenuss für Nebenbei-Tätigkeiten im Haushalt. Es verlangt vielmehr ein konzentriertes Zuhören. Unabdingbar ist auch die Inhaltsangabe im Begleitheft. Nur dort erfährt man nämlich wer gerade spricht. Und wer alles spricht! Befürworter und Gegner, Journalisten und Juristen, Regional- und Bundes-Politiker, Wissenschaftler und Musiker, Polizisten und Anwohner, Pfarrer und Demonstranten, Hausfrauen und Unternehmer, Schriftsteller und Professoren. Und so reiht sich ein Zeitzeugen-Originalton an den anderen, aus allen Lagern, von Befürwortern und Gegnern. Ein Hör-Feature der besonderen Art, gerade weil auf jede Einleitung oder Erklärung verzichtet wird.

„Der Fahrradspeichenfabrikkomplex“ wurde wohl auch deshalb 2010 für den Deutschen Hörbuchpreis nominiert.

Aus der Begründung:

„Das Hörbuch ist ein umfangreiches Feature mit ungewöhnlicher Herangehensweise. Begründet wird diese von den Autoren mit der Unmöglichkeit objektiver Berichterstattung. Der »Fahrradfabrikspeichenkomplex« motiviert zur tieferen Beschäftigung mit der Thematik.“

(Jury des Deutschen Hörbuchpreises 2010)

Dem Verlag kann man nur zu dieser Doppel-CD gratulieren.

Link zum Interview mit Dieter Lohr:

Und die Welt stand Kopf: Neun Kurzgeschichten von Jo Hess

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WERBUNG: Seiten: 43 – Verlag: neobooks – Preis: 0,99 Euro

Kurz und kompakt werden in diesem Buch auf ca. dreiundvierzig Seiten neun Geschichten präsentiert. Für ein Buch ist der Umfang sehr dünn. Dafür aber haben es diese neun Geschichten in sich. Sie sind aus dem geheimnisvollen Stoff gemacht, aus dem Alpträume entstehen.

„Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden.“ (Ludwig Feuerbach)

Dieses Buch gehört für mich zu diesen seltenen Zufallsbekanntschaften. Es wurde mir zum Freund. Der Autor überzeugt im Stil gleich von der ersten Seiten an. Seine dunklen Phantasiewelten lassen den Leser bis zum Ende des Buches nicht mehr aus ihren Fängen. Ich werde gern auf das nächste Werk dieses Autors warten und wäre selbstverständlich dann auch bereit, einen angemessenen Preis dafür zu bezahlen. Dieses kleine Kunstwerk nahezu kostenlos an die Leser abzugeben, das empfinde ich nicht als angemessen. Ein so geringer Kaufpreis kommt aus meiner Sicht einer Herabwürdigung des Autors gleich und entspricht keinesfalls einer gerechtfertigten Honorierung für seine kreative Leistung.

Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal vergleichbare Short-Stories von solcher Intensität gelesen habe. Allesamt sind es Tragödien, die uns jeden Tag vielleicht selbst zustoßen könnten und die unser Leben vollkommen auf den Kopf stellen würden. Unter der Oberfläche unseres ganz normalen Daseins lauert fast überall das Grauen und zwar bei jedem Schritt. Und manchmal holt es uns ein. Es sind Begebenheiten, allerdings mit Wendungen und Auflösungen, die sich hart an die Grenze des erträglichen bewegen. Wir spüren die lauernde Gefahr, fühlen uns aber zugleich außerstande, in den Handlungsablauf einzugreifen, um so die zwangsläufig eintretenden Katastrophen vielleicht doch noch im letzten Augenblick abwenden zu können. Dabei ist die Sprache des Autors sehr gradlinig, die Handlungen stringent aufgebaut, da ist kein Wort zu viel oder zu wenig. Jo Hess verzichtet auf Kompliziertes und vermeidet jeden Schnörkel. Der Leseprozess fällt, trotz der Schwere seines Inhalts, uns dennoch sehr leicht, weil es der Autor versteht, die Lektüre mit einigen Kunstgriffen leichter verständlich zu machen. Ein anderer Rezensent bemerkte sehr richtig: „was für eine Ironie, verglichen mit der extremen Schwere des Inhalts.“

Jo Hess gelingt es scheinbar leichthändig, was in der Schriftstellerkunst unglaublich schwer ist: er vermag komplexe Zusammenhänge auf nur ganz wenigen Seiten beeindruckend zu beschreiben. Er meistert diesen Spagat mit Bravour. Auch das macht seine Geschichten so lesenswert.

Diese Short-Stories sind schon deshalb ganz große Kunst.

Absolute Leseempfehlung!

Die Aussortierten: Kriminalroman von Udo Brandes

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WERBUNG: Seiten: 154 – Verlag: Kindle Edition – Preis: 1,99 Euro

Der Autor Udo Brandes ist Politologe, er lebt und arbeitet in Oldenburg. Nach eigener Aussage wurde er zu diesem Roman durch reale Vorfälle in seiner Heimatstadt inspiriert. Sein Erstlingswerk Die Aussortierten ist eine spannende Mischung aus Unterhaltungsroman, kriminalsoziologischer Studie und Gesellschaftskritik. Parallelen zu unserer Gegenwart sind deutlich erkennbar. Der Roman liest sich gut und die Protagonisten wirken glaubwürdig. Was sich in der niedersächsischen Provinzstadt zuträgt, erinnert nicht selten an aktuelle Ereignisse.

Eine Gruppe maskierter Personen (Die Aussortierten), überfällt aus politisch motivierten Gründen Edelrestaurants. Die ungebetenen Eindringlinge bilden sozusagen „Bedarfsgemeinschaften“ mit den anwesenden Gästen. Dabei bedienen sie sich von den Speisen der Restaurantgäste und schnappen ihnen die besten Bissen vor deren Nasen weg. Mit diesen Aktionen beabsichtigen sie gegen Hartz-4 und andere Zwangsmaßnahmen zu protestieren. Dann aber werden die Aussortierten plötzlich brutaler und begehen zunächst ohne ersichtlichen Grund echte Überfälle. Sie rauben die Gäste aus. Das Geschehen eskaliert eines Tages, als ein zufällig anwesender Polizist unter den Gästen niedergeschossen wird. Das ruft die Mordkommission auf den Plan. Der leitende Kommissar Dr. Ulrich de Wall ist promovierter Soziologe und hadert selbst mit der Gesellschaft. Er ist ein analytischer Beobachter und glaubt inzwischen daran, dass die demokratische Grundordnung, wie er sie wahrnimmt, längst nicht mehr so funktioniert, wie sie eigentlich ursprünglich gedacht war. Er sieht, dass Sozialstaat und Gesellschaft, denen er zu dienen hat, inzwischen zu einer Farce verkommen sind. Für den Ermittler de Wall bleibt die Tat der Aussortierten allerdings nicht das einzige Rätsel. Er fragt sich auch, warum sein Vorgesetzter scheinbar kein Interesse daran hat, das in diesem Fall ernsthaft ermittelt wird.

Der Autor versucht das Gefühl des Unbehagens inmitten unserer Gesellschaft zu beschreiben. Die Kluft zwischen den regierenden Politikern und den Menschen, die sie (oder auch nicht) gewählt haben, nimmt deutlich zu. Dennoch gelingt es Udo Brandes nur teilweise, die soziale Schieflage ganzer Bevölkerungsschichten in unserer Gesellschaft zu beschreiben. Wer deshalb einen gesellschaftkritischen Krimi in Reinkultur erwartet, wird sicherlich enttäuscht werden. Aber vielleicht lag das auch gar nicht in der Absicht des Verfassers. Für meinen Geschmack hätten einige der sozialkritischen Ansätze wesentlich subtiler formuliert werden können. Stellenweise wirkt das Buch viel zu sehr belehrend. Dies ist aber, wie gesagt, meine ganz subjektive Meinung. Amüsiert hat mich die Behauptung, in Oldenburg würden Gourmettempel oder Edelrestaurants existieren. Ich kenne tatsächlich kein einziges Speiselokal in und um Oldenburg, auf dem so eine Klassifizierung wirklich zutreffen könnte. Aber dies sei nur am Rande erwähnt. Ärgerlich empfand ich allerdings die vielen Rechtschreib- und Kommafehler, die schlichtweg auf mangelndes Korrekturlesen zurückzuführen sind. Ich empfehle dem Autor deshalb das Buch nochmals einer professionellen Überprüfung zu unterziehen.

Ich kann Die Aussortierten (mit kleinen Abstrichen, die hier bereits schon genannt wurden) dennoch mit gutem Gewissen weiterempfehlen. Eine solche Geschichte um lokale Verhältnisse könnte auch in jeder anderen deutschen Stadt spielen. Verfilzungen zwischen Kommunalpolitikern und Honoratioren, Korruption und Vetternwirtschaft, die Einflussnahme durch Privilegierte auf politische Entscheidungsträger, darin bildet Oldenburg sicherlich keine Ausnahme. Udo Brandes hat dieses brisante Thema teilweise messerscharf analysiert und zugleich spannend in Romanform verpackt. Dies macht sein Buch zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis.

Buchmarketing.direkt im Gespräch mit Michael Wühle: „Oh je, Herr Carlowitz“

Michael Wühle, geboren 1960 in München, ist ein begeisterter Ingenieur. Er war lange für den Flughafen München tätig. Als Verantwortlicher für die Technische Inbetriebnahme von Terminal 2 sorgte er für einen erfolgreichen Start dieser großen Flughafenerweiterung und entwickelte dabei das Facility Management für den Airport. Er führte die Umweltabteilung und entwickelte in dieser Periode die Nachhaltigkeitsstrategie für den Flughafen, sowie dessen erste Nachhaltigkeitsberichte. 2013 machte er sich selbstständig und berät seitdem Organisationen aller Art auf den Gebieten Nachhaltigkeitsmanagement, Umweltschutz, Energie-Effizienz, Erneuerbare Energien, Facility-Management und Inbetriebnahme-Management. Michael Wühle ist Gründer und gewählter Vizepräsident des Luftfahrtverbandes IASA e.V. Er entwickelte das Zertifizierungssystem Sustainability. Now.®, das auf der ISO 26000 „Leitfaden zur gesellschaftlichen Verantwortung“ basiert, sowie das Gütesiegel IASA Certified Sustainability®.

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Buchmarketing.direkt: Guten Tag, Herr Wühle. Das Hauptthema unseres Interviews soll natürlich Ihr Buch Oh je, Herr Carlowitz werden. Für den normalen Leser lässt diese Titelbezeichnung allerdings nicht sofort den Rückschluss zu, dass es sich hierbei eindeutig um ein Sachbuch handelt. Wer ist – oder war – denn dieser Herr Carlowitz? Und was bedeutet der vorangestellte Seufzer?

Michael Wühle: Hans Carl von Carlowitz war um das Jahr 1700 als sächsischer Oberberghauptmann für die Holzversorgung des sächsischen Berg- und Hüttenwesens verantwortlich und gilt als Erfinder der Nachhaltigkeit. Der Seufzer entstand deswegen, weil heutzutage der Begriff und das System der Nachhaltigkeit von seinem einfachen Ursprung der „Wilden Baum-Zucht“, wie Carlowitz sein Nachhaltigkeitssystem genannt hat, weit entfernt ist und sehr oft auch missverstanden wird.

Buchmarketing.direkt: Das Wort Nachhaltigkeit ist in aller Munde. Was aber meint der Begriff genau, wo kommt er her und was hat er mit unserem Alltag zu tun?

Michael Wühle: Als hochrangiger und verantwortlicher Beamter im barocken Sachsen war Carlowitz für die Holzversorgung des sächsischen Berg- und Hüttenwesens verantwortlich. Die Schmelzöfen des Erzgebirges verschlangen Unmengen an Holz, Bevölkerungswachstum und Städtewachstum führten zu einem großen Holzmangel. Wie in früheren Epochen auch dachten die Menschen nicht weiter nach und holzten ab, was nur möglich war. Holz wurde Mangelware und damit entstand eine große Energiekrise, mit der Carlowitz konfrontiert war und für die er eine Lösung suchte und fand. Ihm wurde klar, dass der vorhandene und steigende Holzbedarf nur durch eine neue Art der Forstwirtschaft gesichert werden kann. Nur mit dieser neuen Methode konnte sichergestellt werden „… daß es eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe / weiln es eine unentberliche Sache ist / ohne welche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag …“. Diese Zeilen stammen aus seinem berühmten Werk „Sylvicultura Oeconomica“, das als erstes eigenständiges Werk über die Forstwirtschaft gilt. Übertragen auf die Gegenwart bedeuten seine Erkenntnisse zur nachhaltigen Forstwirtschaft, dass wir mit den Ressourcen unserer Welt so wirtschaften müssen, dass die Generationen nach uns in einer weitgehend intakten Umwelt leben können und alle Vorzüge und Bequemlichkeiten einer industrialisierten Welt in der gleichen Form genießen können wie wir selbst.

Buchmarketing.direkt: Sie haben Ihrem Werk den Untertitel: Nachhaltigkeit in der Praxis gegeben, gefolgt von dem adressierenden Zusatz: An alle, die vor nachhaltigen Entscheidungen stehen. An welchen Personenkreis wenden Sie sich konkret?

Michael Wühle: Das Buch richtet sich an alle interessierten Menschen zum Thema Nachhaltigkeit, an Schüler und Studenten, an Fachkräfte und Manager, an alle Menschen, die in ihrem beruflichen oder privaten Umfeld nachhaltige Strukturen schaffen wollen. Wie ich aus meinem beruflichen Netzwerk und auch aus meiner Tätigkeit als Referent in der TÜV-Rheinland-Akademie weiß, scheuen viele Menschen die Kosten, die mit einschlägigen Seminaren zum Thema Nachhaltigkeit verbunden sind. Sie können sich mit Hilfe dieses relativ preiswerten Sachbuchs mehr als nur einen ersten Überblick über das komplexe System Nachhaltigkeit verschaffen. Es ist kein theoretisches Werk, sondern vermittelt „best practice“ in einer Art und Weise, dass der geneigte Leser damit in seinem privaten oder beruflichen Umfeld Nachhaltigkeit erfolgreich umsetzen und Nachhaltigkeit leben kann.

Buchmarketing.direkt: Manchmal kommt ein Umdenkungsprozess nur ganz langsam in Gang, sodass die Zeitgenossen ihn zunächst kaum wahrnehmen. Bei anderen Themen scheint es, als hätte die Welt nur darauf gewartet, dass jemand das Offensichtliche formuliert. Wann wurden Sie auf dieses überaus wichtige Thema aufmerksam? Und gab es in Ihrem Leben einen besonderen „Stein des Anstoßes“?

Michael Wühle: Vor einigen Jahren war ich für den Umweltbereich eines größeren Unternehmens zuständig. Eine meiner Aufgaben war es, eine Nachhaltigkeitsstrategie für das Unternehmen zu entwickeln und einen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen. Mir kam es damals so vor, als wäre auf einmal alles um mich herum nachhaltig. Der Begriff Nachhaltigkeit war gerade mal wieder in Mode und wurde sehr deflationär für alles und nichts verwendet. Ich ging damals ähnlich sorglos mit dem Begriff Nachhaltigkeit um und habe ihn nur als Erscheinung des Zeitgeistes verstanden. Erst als ich mich vor drei Jahren selbstständig gemacht und mein Konzept eines Nachhaltigkeitsmanagements erstellt habe, ist mir die wirkliche Bedeutung, der umfassende Ansatz und die Mächtigkeit dieser Methodik klargeworden. Nur wenn ich von meinem erlernten Wissen, meinen Managementmethoden, meiner Überzeugungskraft leben kann, dabei auch noch Freude habe und es nur Gewinner bei den beteiligten Menschen und der betroffenen Umwelt gibt, nur dann arbeite ich nachhaltig und produziere quasi Nachhaltigkeit.

Buchmarketing.direkt: Für Sie bedeutet Nachhaltigkeit keine Ideologie des Verzichts und der Verbote, sondern Sie begreifen aktiv und richtig praktizierte Nachhaltigkeit vielmehr als Aufforderung zu intelligentem, innovativen, vor allem aber sozial verantwortlichem Handeln. Sehen Sie hierbei mehr die Gesellschaft gefordert oder sollte sich zuerst jeder einzelne Mensch in seiner ganz privaten Umgebung angesprochen fühlen?

Michael Wühle: Sowohl, als auch. Zunächst sollte sich jeder einzelne Mensch angesprochen fühlen. Deshalb habe ich auch unserem Konsumverhalten ein eigenes Kapitel gewidmet. Seit ich mich nun beruflich und täglich mit dem Thema Nachhaltigkeit tagtäglich beschäftige, habe ich mein eigenes Konsumverhalten stark verändert und versuche damit als Konsument einen kleinen Beitrag zu leisten, damit die Welt etwas nachhaltiger und damit auch schöner und friedlicher wird. Und ich bin nicht allein! Immer mehr Menschen in meinem beruflichen und privaten Bekanntenkreis denken und handeln ähnlich. Damit formen wir eine Bewegung die ganz sicher die Gesellschaft radikal und zum Besseren ändern wird. Dieses Wissen einer „guten Botschaft“ zu verbreiten war auch Motivation für dieses Buch.

Buchmarketing.direkt: Bereits Anfangs des 20. Jahrhunderts begann sich die Weltgemeinschaft mit den Problemen der Umweltverschmutzung, den Folgen von Überbevölkerung und dem schonungslosen Umgang mit Ressourcen zu beschäftigen. Es fanden sogar erste internationale Konferenzen zum Thema Naturschutz statt (z.B. die Internationale Konferenz für Naturschutz 1913 in Bern). Man gewinnt dennoch den Eindruck, als würden diese bedrohlichen Probleme von den mächtigsten Staaten noch immer nicht ausreichend ernst genommen. Wie sehen Sie die realen Zukunftschancen für global festzulegende Regelungen der wichtigsten Nachhaltigkeitsfragen?

Michael Wühle: Ich sehe da gute Chancen, insbesondere dann, wenn wir Konsumenten den Druck weiter erhöhen und gezielt nachhaltige Produkte und Dienstleistungen nachfragen. Darüber hinaus entstehen gerade in der EU und in Deutschland erste Gesetze und Richtlinien in dieser Richtung. Ab nächstem Jahr tritt in Deutschland eine EU-Richtlinie zur sogenannten „nichtfinanziellen Berichterstattung“ in Kraft, die insbesondere Nachhaltigkeitsaspekte großer Unternehmen abfragt. Mit dieser CSR-Richtlinie beginnt die bisherige Unverbindlichkeit im Bereich Nachhaltigkeit aufzuhören. Das Umweltministerium erstellt gerade den Klimaschutzplan 2050, der alle Dimensionen der Nachhaltigkeit erfasst und demnächst Gesetz in Deutschland wird. In vielen anderen Ländern passiert ähnliches und so bin ich ganz zuversichtlich, dass es in nicht allzu ferner Zeit eine globale Regelung geben wird. Allein die derzeitige Flüchtlingskrise und deren Ursachen wie Krieg, wirtschaftliche Not, Klimawandel und seine Folgen, usw. zwingen die Politik dazu über nachhaltige Lösungen nachzudenken. Ausgenommen natürlich die ewig gestrigen, die immer noch meinen mit Zäunen könnten solche Probleme gelöst werden!

Buchmarketing.direkt: Sie haben das Zertifizierungssystem Sustainability. Now.® entwickelt. Erklären Sie bitte unseren Lesern, was Sie genau darunter verstehen.

Michael Wühle: Wenn Sie sich mit Nachhaltigkeit intensiver beschäftigen, dann fallen Sie früher oder später über die ISO 26000 „Leitfaden zur gesellschaftlichen Verantwortung“. Dieses internationale Dokument richtet sich an Organisationen aller Art und bietet ihnen eine Anleitung als Organisation zu einer nachhaltigen Entwicklung beizutragen. Es ist eine sehr umfassende Sammlung möglicher Maßnahmen im ökonomischen, ökologischen und sozial/gesellschaftlichen Bereich. Leider verstehen die Autoren der ISO 26000 ihr Werk lediglich als Orientierung für den Anwender und halten sie Zertifizierungszwecke für nicht geeignet. Wenn aber Nachhaltigkeit in Organisationen umgesetzt und entwickelt werden soll, dann muss Nachhaltigkeit auch messbar gemacht werden. Genau diesem Zweck dient mein Zertifizierungssystem Sustainability. Now.®, das dies möglich macht. Ich habe die zum Nachweis eines nachhaltigen Unternehmens erforderlichen Inhalte aus der ISO 26000 aufgenommen, mit meinem Praxiswissen in den Bereichen Projektmanagement, Umwelt und Strategie verknüpft und damit ein System entwickelt mit dem recht einfach der Grad der Nachhaltigkeit einer Organisation ermittelt werden kann. Dabei wird nicht nur ein Nachhaltigkeitsstatus erfasst, sondern vielmehr ein Nachhaltigkeitsprozess gestartet, der sich selbst trägt.

Buchmarketing.direkt: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann bilden Sie persönlich auch zukünftige Nachhaltigkeitsmanager aus? Ist das ein „richtiger“ Beruf?

Michael Wühle: Ich denke schon, dass dies ein „richtiger“ Beruf ist, denn ich lebe ja schließlich nun bereits seit drei Jahren davon. In unserem Verein IASA e.V. bilde ich seit knapp zwei Jahren Auditoren für das System Sustainability. Now.® aus. Es gibt nun außer mir bereits sechzehn Auditoren, die nach diesem System zertifizieren können. Jemand, der sich dieser Ausbildung unterzogen hat kann sich meiner Meinung auch völlig berechtigt Nachhaltigkeitsmanager nennen.

Buchmarketing.direkt: Herr Wühle, ich bedanke mich für dieses sehr informative Interview.

Link zur Buchbesprechung:

Link zur Website des Interview-Partners:

 

„Oh je, Herr Carlowitz“ / Nachhaltigkeit in der Praxis: Sachbuch von Michael Wühle

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WERBUNG: Seiten: 265 – Verlag: Kindle Edition – Preis: 9,99 Euro

Gerade in Zeiten, in denen Begriffe wie Abgasskandal, Luft- und Gewässerverschmutzung, Lärmbelästigung durch Verkehr, Vergeudung von Ressourcen oder Klimawandel und Umweltkatastrophen, zu den geläufigsten Schlagwörtern gehören, die wir täglich in unseren Medien wahrnehmen, rückt ein weiterer Begriff immer deutlicher in den Fokus der Berichterstattung. Das Wort Nachhaltigkeit hören oder lesen wir fast täglich. Mitunter entsteht dadurch der Eindruck, dass Nachhaltigkeit ein oftmals falsch verstandener, zumindest überstrapazierter Begriff ist, der für Alles und Nichts steht. Seit einigen Jahren schwappt sozusagen eine Nachhaltigkeitswelle über die Wirtschaft hinweg. Leider wird dieses Phänomen in der Medienberichterstattung oftmals viel zu ungenau erklärt. Gleichzeitig verzichtet heute kaum noch ein Unternehmen auf umfangreiche Nachhaltigkeitsberichte. Geldinstitute werben mit nachhaltigen Kapitalanlagen, Anlageberater bieten nachhaltige Investmentfonds an. Selbst Energieunternehmen werden darauf hin analysiert, ob die von ihnen angepriesenen Clean Energy Bonds auch tatsächlich aus nachhaltigen, sprich erneuerbaren Quellen gespeist werden, usw. Die eigentliche Bedeutung des Begriffes Nachhaltigkeit verkommt dabei leider oftmals zur belanglosen Floskel. Auch deshalb liegt die Befürchtung nahe, dass die wenigsten Menschen die eigentliche Bedeutung dieses Begriffes gar nicht richtig einzuschätzen vermögen. Was meint der Begriff Nachhaltigkeit genau, wo kommt er her und was hat er tatsächlich mit unserem Alltagsleben zu tun?

Nun ist endlich ein neues Sachbuch zu diesem wichtigen Thema erschienen, das zu dieser Problematik eine ganze Reihe Antworten bereithält. Oh je, Herr Carlowitz ist aber nicht nur angehenden Nachhaltigkeitsmanagern zu empfehlen, es bietet auch dem Laien oder Quereinsteiger ein ganz solides Basiswissen. Die Struktur des Inhaltes erinnert zunächst an eine umfangreiche Power-Point-Präsentation. Alle 12 Kapitel sind übersichtlich und thematisch geordnet und werden durch zusätzliche Fußnoten und einem umfangreichen Anhang am Ende des Buches sinnvoll ergänzt. Der Autor verwendet auch anschauliche Grafiken und beschreibt zusätzlich Szenen aus unserem Alltag. Dadurch wird dieses Buch zur Argumentationshilfe und gleichzeitig zum Lehrbuch. Für den interessierten Leser stellt es darüber hinaus einen reichhaltigen Fundus an wichtigem Hintergrundwissen zur Verfügung.

Der bereits im Buchtitel erwähnte Herr Carlowitz ist eine historische Person der Zeitgeschichte. Hans Carl von Carlowitz (1645-1714) war als Oberberghauptmann am kursächsischen Hof in Freiberg (Sachsen) tätig und gilt heute allgemein als Begründer des Nachhaltigkeitsprinzips. Angesichts einer drohenden Rohstoffkrise im 18. Jahrhundert formulierte er in seinem Werk Sylvicultura oeconomica erstmals, dass immer nur so viel Holz geschlagen werden sollte, wie durch planmäßige Aufforstung, also durch säen und anpflanzen, nachwachsen konnte. Holz war damals der wichtigste Rohstoff, der nicht nur zum Bauen benötigt wurde, sondern auch als Energieträger zum Kochen und Heizen unentbehrlich war. Besonders aber war in der damaligen Zeitepoche der Bergbau dringend auf Holz angewiesen. Der Silberbergbau im Erzgebirge, seinerzeit das wirtschaftliche Rückgrat Sachsens, war durch planlosen Raubabbau der Wälder zusehends in seiner Existenz bedroht. Holz wurde für den Ausbau der Gruben, den Erzabbau selbst und insbesondere für die Schmelzöfen in großen Mengen benötigt. Jahrhundertelang hatte man die einheimischen Wälder als Ressourcen übernutzt, so dass die Umgebung der Bergbaustädte weitgehend kahl geschlagen waren. Es ging sogar soweit, dass weite Flächen in ganz Europa entwaldet wurden und verödeten. Irgendetwas musste dringend geschehen, um doch noch eine drohende Katastrophe abzuwenden.

Das Prinzip, auf dem von Carlowitz aufbaute, lässt sich vereinfacht so darstellen: Einen Baum fällen, dafür drei neue Bäume anpflanzen. Carlowitz widmete sein Werk dem damaligen Sachsenkönig „August dem Starken“ und er stellte seine Vorschläge zur Lösung des Rohstoffproblems wie folgt dar:

„Wo Schaden aus unterbliebener Arbeit kommt, da wächst der Menschen Armuth und Dürftigkeit. Es lässet sich auch der Anbau des Holzes nicht so schleunig wie der Acker-Bau tractiren; … Wird derhalben die größte Kunst, Wissenschaft, Fleiß, und Einrichtung hiesiger Lande darinnen beruhen, wie eine sothane Conservation und Anbau des Holzes anzustellen, daß es eine continuirliche beständige und nachhaltende Nutzung gebe, weiln es eine unentbehrliche Sache ist, ohnewelche das Land in seinem Esse nicht bleiben mag.“

Einen Baum fällen, dafür drei neue Bäume anpflanzen. Das war für die damalige Zeit ein revolutionärer Ansatz, der nicht kurzfristig, sondern langfristig ausgerichtet war.

Mitunter kommt ein ökonomischer wie auch ökologischer Umbruch so lautlos und extrem langsam daher, dass die Zeitgenossen ihn zunächst kaum bemerken. Im Laufe des 20. Jahrhunderts (also erst 200 Jahre später) entwickelte sich aus der Ursprungsidee des Entdeckers der Nachhaltigkeit ein erster globaler Erweiterungsgedanke. Durch internationale Konferenzen der Vereinten Nationen kam es zu einer Neudefinition. Es entstand der Begriff: sustainable development. Unter dem Dach der Vereinten Nationen ist inzwischen eine weltweite Bewegung entstanden, die sich den United Nations Principles of Responsible Investing (UN PRI) verpflichtet fühlt.

Aufbauend auf diese Erkenntnisse versucht der Autor des Sachbuches Michael Wühle auf eben diese dringende Notwendigkeit eines Umdenkens, und auf die damit einhergehenden ökonomischen, ökologischen und auch sozialen erforderlichen Veränderungen hinzuweisen. Sein Werk deutet aber nicht nur auf die gegenwärtige Symptomatik hin, sondern es enthält auch eine Reihe ganz konkreter Anregungen und realitätsbezogener Vorschläge, wie jeder von uns richtig praktizierte Nachhaltigkeit in sein persönliches Leben einbeziehen und sogar gewinnbringend anwenden kann. Der Leser kann für sich selbst einen ganz persönlichen Nachhaltigkeitskodex erstellen: Ernährung, Energieverbrauch, Strom, Wasser im Haushalt. Fast alles, was für den kleinen privaten Haushalt gilt, kann im Grundsatz auch auf größere Wirtschaftszweige übertragen werden. Wie das funktionieren kann, dafür liefert das Buch einige praxisnahe Bespiele.

Michael Wühle geht davon aus, dass ein Nachhaltigkeitsbericht in wenigen Jahren für jede Organisation, die international tätig sein will, eine alternativlose Maßnahme für ein Bestehen am Markt sein wird. Er ist auch davon überzeugt, dass sich die rein profitorientierte betriebswirtschaftliche Unternehmensphilosophie heute längst überlebt hat. Er deutet zugleich an, wie dieser dringend notwendige Impuls zu einem zukünftigen Umdenkungsprozess hinführen wird.

„Jeder von uns, wirklich jeder, kann auf seiner Ebene Positives dazu beitragen, dass unser Handeln nachhaltiger wird. Es klingt verrückt, aber vielleicht sind der globale Klimawandel und die damit einhergehenden negativen Auswirkungen, wie Dürren, Überflutungen und andere Starkwetterereignisse der bisher fehlende starke Impuls, der die gesamte Gesellschaft in Richtung Nachhaltigkeit und damit zu einer besseren Gesellschaft treibt?“

Das Buch verschafft nicht nur dem interessierten Laien eine umfassende Übersicht über die zentralen Aspekte des Nachhaltigkeitsmanagements, es bietet auch dem Praktiker wichtige Entscheidungshilfen für ein verstärktes Engagement. Als Leser und Rezensent wünschte ich mir dieses Sachbuch in die Hände eines jeden politischen wie auch wirtschaftlichen Entscheidungsträgers. Es sollte – meiner Meinung nach – zukünftig auch mit in den Schulunterricht einbezogen werden. Gibt es eigentlich schon das Unterrichtsfach Nachhaltigkeitsmanagement?

Getreu seinem eigenen Nachhaltigkeitsprinzip, fügte der Autor auch noch einen weiteren Aspekt hinzu, in dem er sein Werk ausschließlich als E-Book veröffentlichte. Hans Carl von Carlowitz würde wahrscheinlich schon deshalb dieser Umstand großes Wohlbehagen bereiten, da für die Herstellung und Veröffentlichung dieses Buches kein einziger Baum gefällt werden musste.

Link zum Gespräch mit dem Autor: