Willkommen im Meer: Roman von Kai-Eric Fitzner

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WERBUNG: Seiten: 334 – Verlag: Knaur eBook – Preis: 9,99 Euro

Der unerwartet große Erfolg dieses Buches ist für diese Rezension genauso wichtig, wie der Inhalt des Romans selbst. Dieses Buch ist in die Annalen der neueren Literaturgeschichte eingegangen, da es einen „Lovestorm“ auslöste und ein virales Internetmärchen plötzlich Realität werden ließ. Aus diesem Grund müssen einige grundlegende Hintergrundinformationen über den Autor und dessen Lebensumstände dieser Buchbesprechung vorangestellt werden.

Kai-Eric Fitzner ist verheiratet und Vater dreier Kinder. Er lebt mit seiner Familie in der niedersächsischen Provinzstadt Oldenburg. Bis 2014 war er dort bei einem Softwareunternehmen angestellt; anschließend machte er sich als Vortragsredner selbständig. Doch noch bevor er im Jahr 2015 mit seinem Roman Willkommen im Meer für Aufsehen sorgte, hatte er und sein Werk eine schwierige Odyssee zu bestehen. Nach eigenen Angaben verfasste er Willkommen im Meer in der Zeitspanne Oktober 2005 bis Januar 2006. Nach Vollendung sei er zwar mit seinem Manuskript von einem Verlag unter Vertrag genommen worden, allerdings kam diese geplante Publikation nicht zustande, da der Verlag Konkurs anmeldete. Fitzner veröffentlichte daraufhin 2009 sein Werk als E-Book und wurde Self-Publisher. Das Cover des Romans steuerte seine Ehefrau Raja Caetano bei. Aber der erhoffte Erfolg blieb aus. Das E-Book verkaufte sich nur schleppend. Noch im Februar 2015 veröffentlichte Fitzner eine überarbeitete Fassung seines Romans. Doch knapp zwei Monate später, am 8. Mai, musste er mit heftigen Herzrhythmusstörungen in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Vier Tage darauf, einen Tag vor seinem 45. Geburtstag, erlitt er einen schweren Schlaganfall und wurde ins künstliche Koma versetzt.

Nicht nur der plötzliche Krankheitsfall traf die Familie unvermittelt hart, sondern auch ihre finanzielle Situation verschlechterte sich rapide. Der Marketingexperte Johannes Korten berichtete daraufhin in seinem Blog von der tragischen Geschichte seines Freundes und dessen Familie. Er verbreitete die Nachricht viral über die sozialen Netzwerke. Seine Frau veröffentlichte ebenso einen Aufruf. Sie versuchten verzweifelt auf die finanzielle Notlage nach dem Schlaganfall Fitzners hinzuweisen und baten um Unterstützung durch den Kauf des Buches. Nachdem der Roman bis dahin nur sehr wenig Verbreitung gefunden hatte, avancierte er jetzt nach den Aufrufen innerhalb von nur wenigen Tagen auf Platz 1 der Amazon-Bestsellerliste. Der Hilferuf sorgte zudem für eine große Resonanz sowohl in den klassischen als auch in sozialen Medien und eine bis dato nicht oder kaum vorstellbare Situation trat ein. Das Buch entwickelte sich über Nacht zu einem Überraschungserfolg. Mit diesem Erfolg hatte das Internet sich selbst bewiesen, dass es nicht nur polarisieren, verunglimpfen oder jammern, sondern auch aktiv sozial eingreifen und solidarisch stark sein konnte. Bei dem Bochumer Blogger Johannes Korten trafen bis Ende Juni 2015 über 13.000 Euro an Spendengeldern ein. Damit konnte die Familie des schwer erkrankten Autors fürs erste ihren Lebensunterhalt sichern. Korten wurde für sein Engagement 2015 mit dem Virenschleuder-Preis in der Kategorie „Persönlichkeit des Jahres“ ausgezeichnet. In Folge dessen sicherte sich die Verlagsgruppe Droemer Knaur die Rechte an dem Roman und brachte Willkommen im Meer zunächst im Juli 2015 als E-Book, dann im August 2015 als gedruckte Paperback-Ausgabe auf den Markt. Der Wunschtraum des Romanschriftstellers, bei einem Verlag veröffentlicht zu werden, hatte sich, noch während er im Koma lag, quasi über Nacht erfüllt. Davon erfuhr Kai-Eric Fitzner aber erst etwa einen Monat später, als er aus dem künstlichen Koma zurückgeholt wurde. Heute lebt er mit seiner Familie noch immer in Oldenburg und ist ein gefragter Vortragsredner für alle möglichen Themen zu Bildung und neuen Technologien und daraus entstehenden Veränderungen.

Zum Inhalt des Romans:

Tim Schäfer ist Lehrer mit Leib und Seele und er liebt seinen Beruf. Tims Bestreben ist es, seine Schüler zu ermuntern, nicht alle gesellschaftlichen Entwicklungen oder Missstände so einfach hinzunehmen, sondern sie zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Seine Schüler sollen lernen, jeglichen Unterwerfungsidiologien oder antidemokratischen Herrschaftsformen zu misstrauen und sich Gedanken über eine Weiterentwicklung der Gesellschaft machen, in der sie selbst eines Tages leben möchten. Nachdem Tim eine neue Stelle in einem Oldenburger Gymnasium angetreten hat, eckt er jedoch bald schon mit seinem unorthodoxen Lehrstil an. Seine Art zu unterrichten stößt vor allen bei den Kollegen auf tiefes Unverständnis. Als er und seine Frau sich auch noch privat mit einigen Schülern anfreunden und einen verzweifelten Oberstufenschüler gar bei sich einziehen lassen, der Probleme mit seinem autoritären Vater hat, spitzt sich die Situation dramatisch zu. Man droht ihm mit Berufsverbot. Auch wenn Tims Widersacher mit harten Bandagen kämpfen, haben sie die Rechnung ohne Tims Familie und ohne seine Schüler gemacht …

Ich muss gestehen, dass mir der Klappentext von Willkommen im Meer zunächst leise Zweifel bereitete. Einen Roman über einen nonkonformistischen Lehrer wollte ich eigentlich nicht unbedingt lesen. Im Grunde habe ich das E-Book dann doch zunächst aus rein solidarischen Gründen erworben. Dann aber entdeckte ich, dass der Handlungsort des Romans Oldenburg ist, was mich plötzlich aufhorchen ließ und mich sofort veranlasste, mit dem Lesen zu beginnen. Ich kenne diese Stadt sehr gut und ich war deshalb sofort gespannt, was für eine Geschichte mich in dem Buch erwarten würde. Nach wenigen Seiten war ich bereits mittendrin in Oldenburg, im Leben des Protagonisten, in der Kaderschmiede Gymnasium, und in der Welt aus kiffenden Schülern und überforderten Paukern. Wer diesen Roman liest, wird vielleicht an einigen Stellen lachen, wird manchmal traurig sein, sich verstanden fühlen, sich eventuell sogar in der einen oder anderen Person selbst wiederfinden. Willkommen im Meer ist einer dieser faszinierenden Romane, die man kurz aus der Hand legt, und dann nach wenigen Minuten schon vermisst.

Die Handlung ist spannend, zur Mitte des Buchs ist der Höhepunkt aber bereits erreicht. Die erste Hälfte des Buches verfügt noch über einen geradlinig erzählten Handlungsstrang. Der Schreibstil und besonders die ausgefeilten Dialoge überzeugen. Der ganze Roman jedoch, der eigentlich auf Humanismus und Liberalität aufbaut, rutscht leider im 2. Teil immer mehr in einen versponnenen, völlig unrealistischen Konflikt ab, der allein durch Macht und Geld aufgelöst wird. Tim Schäfer wird zwar zum Opfer einer breit angelegten Intrige, die das Ziel verfolgt, den unbequemen Lehrer aus dem Staatsdienst zu entfernen, doch seine Frau – und besonders seine konspirativ wirkende und einflussreiche Schwiegermutter – schalten sich in das Geschehen ein …

Das Ende wirkt zu konstruiert, zu konservativ, oberlehrerhaft. Wer jedoch die Stadt Oldenburg, ihre Beamten und damit jene stark ausgeprägte Kleinbürgerlichkeit gut kennt, wird die literarische Motivation des Autors in seinem Werk viel leichter nachvollziehen können. Sein Roman ist alles andere als Sozialkitsch, er stellt dennoch die Vision einer Utopia-Fantasiewelt dar, von der wir zwar gern träumen, die aber in dieser Form nicht bis zur letzten Konsequenz durchdacht ist. Willkommen im Meer ist dennoch ein Roman, den man unbedingt lesen sollte. Für mich war das Buch die literarische Entdeckung des Jahres 2015. Nur selten habe ich auf so humorvolle und zugleich beängstigende Weise das Spiegelbild unsere heutige Gesellschaft in all ihrer Widersprüchlichkeit und den unterschiedlichsten Facetten offenbart bekommen. Eigentlich müsste dieses Buch unbedingt verfilmt werden, allerdings nicht mit Till Schweiger in der Hauptrolle.

(per)